Voll krass: Der WDR macht einen auf YouTube

30 Jan 15
30. Januar 2015

Der WDR macht jetzt auch YouTube-Videos — oder jedenfalls das, was er dafür hält: Kurze, halbwegs schnell geschnittene Filme, in denen junge Menschen mit aufgerissenen Augen, größeren Armrudereien und Stimmen, gegen die Verona Feldbusch wie Elmar Gunsch wirkt, in voll krasser Jugendsprache irgendwelches Zeug in die Kamera sagen.

Damit Sie sich einen Eindruck davon machen können, ohne sich zuviel davon ansehen zu müssen, habe ich das bisher veröffentlichte Material mal zu einer kaum sinnentstellenden Version verdichtet:

Ich fürchte, da liegen mehrere Missverständnisse vor. Eines der größeren scheint der Glaube zu sein, dass der Erfolg von YouTubern wie LeFloid darauf beruht, dass sie eine bestimmte Art zu reden, zu gestikulieren und zu schneiden haben, und man das bloß kopieren müsse. Ich glaube, dass der Erfolg von LeFloid darauf beruht, dass er wie LeFloid ist. Und wenn man Leute vor die Kamera stellt, die mit aufgesetzten Gesten, Blicken und Formulierungen offenkundig versuchen, YouTuber zu spielen, ist das ziemlich exakt das Gegenteil von dem, was den Reiz von YouTubern ausmacht.

Aber das neue WDR-Angebot, das unter dem Namen #3sechzich junge Leute zwischen 20 und 30 erreichen soll, ist nicht nur rätselhaft, unfreiwillig komisch und ein bisschen affig. Es ist ernsthaft ärgerlich. Und das liegt nicht an der Art der Präsentation, sondern an dem, was der WDR da präsentiert.

In der ersten Folge geht es um Pegida in Duisburg. „Denn dort wurde heute eine Demonstration anberaumt“, kiekst Moderatorin „m3lly“, „und wir gucken doch am besten noch mal nach, was die da eigentlich wollen.“ Es folgt ein Ausschnitt, bei dem eine Rednerin auf der Demonstration beklagt, dass in London angeblich der meistbenutzte Baby-Name Mohammed ist. Kleiner Haken: Anders als die WDR-YouTuber suggerieren, stammt die Szene gar nicht von jener Demonstration. Sie stammt, wie sich auf Nachfrage von verärgerten Teilnehmern herausstellte, nicht mal aus Duisburg. Kommt wohl nicht so drauf an.

Jonas Wixforth, der das Projekt mitentwickelt hat, sagt auf wdr.de:

„Der Presenter darf und soll seine eigene Meinung einbringen, denn wir wollen mit der Community ins Gespräch kommen. Natürlich liefern wir dazu recherchierte Fakten, es steht schließlich immer noch WDR oben drüber.“

Der Text erzählt dann, was das in der Praxis für YouTuber-Darsteller Tim Schrankel und Autorin Susanna Zdrzalek bedeutet:

15:30 Uhr: Tim und Susanna haben inzwischen schon viele Informationen und Fakten gesammelt. Zum Beispiel, dass die 2.500 Gäste des Weltwirtschaftsforums mit 1.700 Privatfjets einfliegen. „Da könntest du einen Papierflieger werfen“, schlägt Susanna vor. Tim ergänzt die Idee: „Und dann erzähle ich, dass es dort auch um den Klimawandel gehen soll.“

Jahaha, Papierflieger, Klimawandel. Die vermeintliche Ironie mit den 1700 Privatjets stand an jenem Tag ungefähr überall — stellte sich allerdings als grobe Übertreibung heraus. (Nachtrag, 20:55 Uhr. WDR#3sechzich hatte den Fehler allerdings „zeitnah“ in der „Infobox“ korrigiert.)

Der Tim fand die ganze Idee mit dem Weltwirtschaftsforum aber eh Quatsch, weil sich die kompletten Probleme der Welt eh nicht in so kurzer Zeit lösen ließen:

Meiner Meinung nach kann da innerhalb von vier Tagen überhaupt nichts bei rumkommen.

Ach so, gut, na dann.

Den vorläufigen Tiefpunkt öffentlich-rechtlicher YouTube-Unterhaltung bildet allerdings die Folge mit dem Titel „Super Mario vs deutsche Spar-Streber / Die Geldschwemme der EZB“. Mit atemberaubender Denkfaulheit schimpft YouTuber-Darstellerin und 1Live-Moderatorin Freddie Schürheck darin über die trägen Südländer, die es sich auf unsere Kosten gutgehen lassen.

Alles daran ist furchtbar. Der gescheiterte Versuch, das Problem der Deflation zu erklären. Die Idee, Arbeitslosigkeit durch Smarties dazustellen. Die Forderung, die Krisenländer sollten doch „einfach mal Reformen starten“. Das Bild, dass „wir“ Deutschen uns „abrackern“, während die faulen Südeuropäer Rotwein saufend in der Sonne sitzen und uns auslachen.

Das Ressentimentgegurgel mündet in folgende, äh, Argumentation:

Lieber EZB-Präsident Mario Draghi. Nur weil du einen auf Super-Mario machst, heißt das noch lange nicht, dass du das Spiel auch gewinnst. Wer weiß schon, ob deine Strategie funktioniert. Nur weil auf einmal wieder Geld in den Krisenländern ist, heißt das noch lange nicht, dass dann auch wieder in Utnernehmen und Fabriken investiert wird. Und jetzt mal unter uns: Haben wir jetzt dank der EZB-Aktion auf einmal zwei Lager in Europa? Wir sind die Nerds mit dem Sparkurs. Und die Krisenländer, das sind die Abschreiber aus der letzten Reihe. So nach dem Motto: Läuft schon irgendwie.…

Wir sind die Nerds mit dem Sparkurs, und in Griechenland leben die Menschen jetzt aus Daffke massenhaft ohne Strom, ohne Krankenversicherung, in bitterer Armut. Unbedingt in der ganzen affektierten Arroganz im Original ansehen:

Klar, das alles soll ein „Experiment“ sein, und es ist auch richtig, dass man beim Ausprobieren Fehler machen darf, aber — gleich so viele?

Das kann ja lustig werden mit dem öffentlich-rechtlichen Jugendkanal im Internet.

Nachtrag, 20:25 Uhr. Jonas Wixforth antwortet auf seiner Facebookseite.

Journalismus im Dienst der Angst

von Boris Rosenkranz
29 Jan 15
29. Januar 2015

Ach, wie mutig sie ursprünglich sein wollten in Köln; ein Zeichen wollten sie setzen. Beim Rosenmontagszug in zwei Wochen sollte es einen Wagen geben, der sich mit dem Terroranschlag auf die Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ auseinandersetzt. Eine Skizze des Wagens kursierte schon länger. Sie zeigt einen Clown, der seinen Bleistift in die Mündung einer Schusswaffe rammt; der Terrorist dahinter schaut doof aus seiner Sturmhaube, während ihm Idefix auf den Schuh pinkelt. Und hinter dem Clown steht: „Pressefreiheit! Meinungsfreiheit!“

Motiv-Skizze des Charlie-Wagens beim Kölner Rosenmontagszug

Das Motiv ist nicht sonderlich provokativ, nicht mal besonders kreativ nach allem, was man in den vergangenen Wochen an Karikaturen zu diesem Thema gesehen hat. Dem Festkomitee Kölner Karneval ist es nun aber plötzlich doch zu heikel. Am Mittwochabend beschlossen die Organisatoren ganz überraschend, dass es den geplanten Wagen doch nicht geben wird:

Wir möchten, dass alle Besucher, Bürger und Teilnehmer des Kölner Rosenmontagszuges befreit und ohne Sorgen einen fröhlichen Karneval erleben. Einen Persiflagewagen, der die Freiheit und leichte Art des Karnevals einschränkt, möchten wir nicht.

Das muss man sich kurz auf der Zunge zergehen lassen: Ein Festwagen, der für Presse– und Meinungsfreiheit steht, wird zurückgezogen, weil er – angeblich – die „Freiheit und Leichtigkeit des Karnevals“ einschränkt. Das ist nicht nur für sich genommen eine denkwürdige Begründung, sie ist noch mal kurioser, wenn man die Genese dieses Wagens kennt. Das Festkomitee hatte kürzlich erst mit viel Tamtam über das Motiv abstimmen lassen, auf Facebook. 14 Entwürfe standen zur Auswahl. Und dieser, der mit dem Clown, gewann den Wettbewerb. Die Reaktionen waren, laut Festkomitee, überwiegend positiv:

Wir sind sehr dankbar über die zahlreichen Rückmeldungen der Menschen zu dem geplanten Wagen. In den sozialen Netzwerken und in den Medien wurde das Thema des geplanten Wagenbaus vielfach diskutiert. Zudem haben uns in den letzten Tagen zahlreiche Rückmeldungen per Email und auf dem Postweg erreicht. Viele Menschen stimmen uns zu und bekräftigen das Vorhaben, ein Zeichen zu setzen.

Viele Menschen stimmten also zu. Es waren sogar Islamwissenschaftler an der Berwertung der Motive beteiligt, damit keine religiösen Gefühle verletzt werden. Lediglich „einige Rückmeldungen“ besorgter Bürger habe es gegeben, „die wir sehr ernst nehmen“, schreibt das Festkomitee. Sonst aber betonen die Organisatoren, wie sehr sie zu dem Motiv stehen, wie unbedenklich und gleichzeitig wichtig es sei, so als Signal, und dass es auch seitens derer keine Bedenken gegeben habe, die für die Sicherheit des Umzugs zuständig sind:

Nach Auskunft hochrangiger Vertreter der Polizei und weiterer Behörden gegenüber dem Festkomitee besteht und bestand keinerlei Risiko für den Kölner Rosenmontagszug, weder für Teilnehmer noch für Besucher – auch ausdrücklich nicht wegen des Charlie-Hebdo-Wagens.

Kein Risiko also. Keine Bedenken. Aber gottseidank kann man sich, wenn gerade mal keine Panik herrscht, darauf verlassen, dass irgendwelche Medien Panik erzeugen, zum Beispiel der „Kölner Stadtanzeiger“, der gestern, noch vor dem Rückzug des Wagens, titelte:

Bildschirmfoto 2015-01-29 um 12.26.38

Die Überschrift ist bemerkenswert, wenn man den Text darunter liest, in dem eher entwarnt wird. Dort sagt zum Beispiel der Kölner Polizeisprecher, dass es „keinerlei Hinweise auf eine konkrete Gefahr“ gebe, und dass man sich zum Sicherheitskonzept des Umzuges (aus gutem Grund) nicht äußere.

Aber das ist dem „Stadtanzeiger“ natürlich wurscht.

Aus einer ungenannten Quelle will die Zeitung „erfahren“ haben, dass der Wagen „unauffällig von getarnten Beamten eines Spezialeinsatzkommandos (SEK)“ begleitet werden soll, worüber sich die getarnten, unauffälligen Beamten sicher gefreut haben, dass das nun auffällig in der Zeitung stand. Zumal es nicht mal etwas Besonderes ist, wie der Leiter des Umzugs der Zeitung sagt: Der Rosenmonatszug sei ein Millionenevent, bei dem „in jedem Jahr“ Polizei dabei sei, zumindest „seit in der Session 2009 ein Wagen mitrollte, der sich mit dem US-Gefangenenlager Guantanamo beschäftigte“.

Dass der Umzug beschützt wird, ist also offenbar Usus. Dennoch verkauft der „Stadtanzeiger“ das als besondere Neuigkeit. Und auch der „Express“ jazzte die Sache mit dem angeblichen Polizeischutz hoch. Auch hier sagt der Polizeisprecher, dass er nichts sagt, dass es aber auch keine Bedenken gebe. Und wieder taucht irgendeine anonyme Quelle auf, dieses Mal „ein ranghoher Beamter“, der darüber plaudert, wie der Wagen angeblich vor Terroristen geschützt werden solle. Dabei dementiert das Festkomitee ausdrücklich, dass überhaupt irgendein einzelner Wagen besonders geschützt werden sollte:

Dies wurde heute in verschiedenen Medien falsch dargestellt und verursachte somit Verunsicherung bei einigen Lesern.

Und noch etwas stand im „Kölner Stadtanzeiger“ und im „Express“, was das Festkomitee nun dementiert:

In den Medien wurde heute publiziert, dass Gruppen oder Karnevalsgesellschaften gegenüber dem Festkomitee Ängste geäußert hätten, vor oder hinter dem geplanten „Charlie-Hebdo-Wagen“ zu gehen. Auch das ist schlichtweg falsch. Gegenüber dem Festkomitee wurden solche Ängste nicht kommuniziert. Dies war bis heute nicht der Fall.

Es waren also offenbar alle, von vereinzelten besorgten Bürgern mal abgesehen, ganz ruhig und besonnen, da die Lage und der harmlose Wagen ja nach Auskunft der Behörden unbedenklich waren – bis bei diversen Medien die Panikmaschine ansprang, auch bei den so genannten Regionalnachrichten von Sat.1, wo schon die Anmoderation karnevalesk doof ist:

Feiern, Trinken, Lachen – der Kölner Rosenmontagszug steht ja vor allem für eins: für Spaß und Halli Galli. Aber jetzt bekommt diese heile Welt einen Riss. Der Charlie-Hebdo-Wagen, der an die tödlichen Anschläge in Paris erinnern soll, soll nämlich wohl sogar vom SEK begleitet werden – aus Angst vor einem möglichen Islamisten-Attentat. Mit welchem Gefühl wir also dieses Jahr Karneval feiern können (…)

Und wie krampfhaft Sat.1 anschließend im Beitrag versucht, ein Gefühl von Angst heraufzubeschwören! Was aber dummerweise kaum jemand bestätigen möchte. Der Polizeisprecher (wieder) nicht. Das Festkomitee (auch wieder) nicht. Und auch die obligatorische Straßenumfrage liefert nicht das, was sich Sat.1 wohl gewünscht hätte. Eine Frau sagt, dass sie zwar ein mulmiges Gefühl habe in Menschenmengen, dass sie das aber nicht vom Feiern abhalte. Eine andere Frau sagt ungefähr dasselbe: Eine gewisse Angst, joah, aber trotzdem müsse man mitmachen, Spaß am Leben haben. Nur eine einzige Frau, wie als Alibi in den Beitrag eingeschnitten, sagt diesen einen Satz: „Ich hätte da schon Bedenken.“ Mehr nicht.

In einem Beitrag der WDR-Lokalzeit Köln, auch von gestern, ist die Tonalität ganz anders, viel entspannter. Die Session, bei der der WDR gedreht hat, ist ausgelassen, alle freuen sich, es ist nirgends von Bedenken die Rede oder von Polizeischutz, alle sind jut druff. Aber, wie gesagt, da sind halt genug andere Journalisten, die Angst und Bedenken haben. Oder vielleicht auch keine Bedenken, sondern Bock auf eine Geschichte, die sich gut verkauft, weil man mit Angst gut Geschäfte machen kann. In diesem Sinne und zur Freude aller Freiheitsgegner: Kölle Alaaf!

„Welt“ und „Leipziger Volkszeitung“ fallen auf falsche Pegida-Seite herein

29 Jan 15
29. Januar 2015

Die „Leipziger Volkszeitung“ fand ihren Fund so bemerkenswert, dass sie die Öffentlichkeit am Dienstagnachmittag vorab in einer Pressemitteilung darüber informierte. Im Zusammenhang mit Forderungen der Grünen-Politikerin Claudia Roth, schärfer gegen die „Vergiftung des politischen Dialogs“ im Internet vorzugehen, hieß es darin:

Als Reaktion auf die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen gegen Bachmann hat sich eine Facebook-Gruppe „Solidarität mit Lutz Bachmann“ gebildet, die unter anderem die Todesstrafe für Kinderschänder fordert und die Grünen-Politikerin als „die schlimmste der Naturmatratzen Claudia ‚Fatima‘ Roth‘“ mit angeborenem „Gehirngulasch“ bezeichnet. Unklar ist, ob Bachmann daran direkt beteiligt ist.

In ihrer Mittwochs-Ausgabe berichtete die LVZ auf Seite 5:

„Solidarität mit Lutz Bachmann“: Unterstützer machen bei Facebook mobil

Neue Internetseite für Ex-Pegida-Leitfigur / Angegriffene Bundestagsvizepräsidentin Roth verlangt schärferes Vorgehen gegen Hetze

Leipzig/Berlin. Seit einer Woche ist Lutz Bachmann nicht mehr Pegida-Leitfigur. Dem 42-Jährigen wurde offen zur Schau getragener Hass gegen Andersdenkende und Migranten zum Verhängnis. Er nannte sie in sozialen Netzwerken gern „Viehzeug“, „Dreckspack“ oder „Gelumpe“, soll auf Twitter sogar die Erschießung von Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth (Grüne) gefordert haben. Weil solches Gebaren nicht zum aktuellen Pegida-Kurs passt, musste der Initiator gehen. Zugleich wurde eine neue Bachmann-Internetseite freigeschaltet: „Solidarität mit Lutz Bachmann“ heißt es nun bei Facebook. Mehr als 2500 User sind dabei, kondolieren dem Geschassten.

„Wir sind Lutz“ und „#jesuislutz“ lauten die Schlagworte auf dem Portal — in Anlehnung an die Solidarität mit den Terroropfern bei Charlie Hebdo. Auch eine geschwärzte HIV-Schleife ist zu sehen, die an das „Lügenpressen-Opfer Lutz Bachmann“ erinnern soll. Wie viele Pegida-Anhänger diese Schleife mindestens heimlich tragen, ist unklar. Plakate mit „Je suis Lutz“ waren zuletzt bei Pegida auf jeden Fall zu sehen.

Ums Bedauern geht es auch den meisten Nutzern des Portals. „Lutz, Du bist und bleibst das Herz von Pegida“, schreibt eine Rita M. „Die Linken dürfen alles und wenn man mal systemkritisch ist/wird, ja dann bist Du ein Nazi“, ergänzt ein Frank V. Für Daniel B. — der die Bundesrepublik für eine US-Kolonie hält — ist klar: „Ich kann nur meinen Hut davor ziehen, der Typ hat Eier“. Dem entgegnet Thomas R. allerdings „Hat er keine Eier, oder was?“ und moniert, dass Bachmann mit seinem Rücktritt eingeknickt sei. Manche Beiträge wie beispielsweise der vom „Arbeitskreis Schwule in der NPD“ lassen zumindest hoffen, dass das Solidaritätsportal nicht gänzlich ernst gemeint sein könnte. (…)

Da hat es am Ende doch tatsächlich ein winziger Zweifel geschafft, sich einen Weg in den LVZ-Artikel zu erkämpfen. Er hat alles andere nicht verhindern können, vor allem nicht den berauschend irren Gedanken, dass man die schwarzen Lutz-Bachmann-Solidaritäts-Schleifen womöglich nur deshalb nicht in der Öffentlichkeit sieht, weil die Pegida-Leute sie heimlich tragen und ihre Solidarität zum ehemaligen Chef dadurch zeigen, dass sie sie nicht zeigen. Aber immerhin steht er nun da, als einzelner Satz, und hält ein kleines „Womöglich nicht gänzlich ernst gemeint“-Warnschild in die Höhe.

Auf der Seite, die die „Leipziger Volkszeitung“ letztlich doch relativ überwiegend ziemlich fast ganz sicher für eine Unterstützerseite für Lutz Bachmann hielt, fand sich auch dieser Geburtstagsgruß:

Die „Unterstützer“ machten sich zudem Gedanken darüber, wer Bachmann nachfolgen könnte:

Nach eingehender Würdigung der Lebensleistung der verdienten Menschen, welche wir für die kommissarische Nachfolge von LUTZ im ORGA-Team vorschlagen wollen, konnten wir uns nach einem Kopf an Kopf-Rennen zwischen dem Reichskanzler des Deutschen Reiches und der Speerspitze des Widerstandes gegen die BRD-GmbH und Kämpfer gegen die andauernde Besatzung durch die alliierten Truppen in Deutschland Norbert Schittke und dem FPÖ-Parteiobmann Heinz-Christian Strache für letzteren entscheiden. Norbert, gräm dich nicht, es war keine Entscheidung gegen dich, sondern für Heinz-Christian! Für diejenigen unter euch, welche HC Strache (gesprochen „Äitsch-si Strätschi“) noch nicht kennen: Hier ein kurzes Porträt des sympathischen 45-jährigen Lebemanns aus Wien. HC ist keine gewöhnliche queerdo-affine Schwesterwelle wie die anderen Sprechblaseningenieure und Bundesschwafler aus der Schwätzerkaste der Volkszertreter, sondern ein „Macher“ mit einem echten Sinn für das volksdeutsche Wahlvolk! Eben weil er sich tatsächlich für die Bürgerinteressen einsetzt, hat die Medienkrätze und LÜGENPRESSE bereits mehrmals versucht, HC mit Rechtsextremisten, von denen er und wir uns klar abgrenzen, in Verbindung zu bringen. Dabei scheuten die österreichischen Denkprothesen, von Gutmenschen als „Zeitungen“ bezeichnet, auch nicht vor gefälschten Bildern und gekauften Aussagen angeblicher ehemaliger „Kameraden“ von HC zurück. Das österreichische VOLK lässt sich, anders als der Großteil des bundesdeutschen Gutmenschen-Wahlviehs von solchen Nebelkerzen nicht verwirren, da sie anders als wir, nicht von einem von der amerikanischen Ostküstenfinanzmafia und ihren Erfüllungsgehilfen, der Lügenpresse, gepredigten Schuldkomplex an einem Krieg der 70 Jahre vorbei ist und an dem wenige Personen schuld waren, befallen sind. Dabei war damals keineswegs alles schlecht!!!

Als Reaktion auf Kommentatoren, die in der Seite Satire sahen, erschien ein Eintrag, in dem es zu den Hashtags #FürLutz! , #Bachmannvor, #LutzderErwecker und #Satireneindanke! hieß:

Liebe Freunde, aber auch an die ANTIFANTEN,
die grünrot-versiffte, sozialismusverseuchte, pädosexuelle Lügenpresse und die undeutschen Gutmenschen versuchen alles, um uns weiter zu diskreditieren. Die neue Strategie ist es jetzt, dass wir und unsere Ansichten als „Satire“ gebrandmarkt werden. Ihr KÖNNT uns mal. Wir werden noch sehen wie SATIRISCH es wird, wenn das DEUTSCHE VOLK sich erhebt und euch die Hölle heiß macht! Euch und euren Apologeten des Untergangs wie Claudia „Fatima“ Roth oder Cem „Mohammed“ Özdemir!!!!! Wir lassen uns nicht beirren. Für LUTZ, Für PEGIDA!!!! Fallt nicht auf die Kommentare der Spalter herein!!! Sie versuchen uns zu entzweien!!!!

Um es kurz zu machen: Hinter der Facebookseite stehen keine Unterstützer von Lutz Bachmann oder Pegida. Im Gegenteil. Es handelt sich um eine Satire, die die die neurechte Rhetorik in überspitzter Form persifliert. Darauf reingefallen sind wohl auch zahlreiche Pegida-Anhänger, die anfeuerten, kommentierten, „gefällt mir“ klickten und teilten.

Vor knapp 24 Stunden postete der Seitenbetreiber folgende Auflösung:

Liebe Freunde,
Nun möchte ich euch noch eine kleine Anleitung für den Fall geben, dass auch ihr demnächst eine nette, kleine Hetzseite bei Facebook oder irgendwo anders im Weltnetz aufbauen wollt.
Oder auch: Wie sammle ich 2700 Pegidioten in einer Woche:
Zunächst gilt es den passenden emotionalen Moment abzuwarten.
Anschließend ist es wichtig, dass dieser Moment zur Stärkung der Bindung bis zum Erbrechen ausgeschlachtet wird bzw. dass es eine Art Symbolfigur gibt, welche man blind und vollkommen unkritisch zusammen anbeten kann. In diesem Zusammenhang möglichst süße/ pathetische Bilder anfertigen, die den Anhängern als Götzen dienen können und sich gegebenenfalls auch als Titelbild der eigenen Facebookseite gut machen.
Zudem eine zweite Fakeseite bauen, dann rumposaunen dass diese Fake ist, um der ersten Fakeseite mehr Glaubwürdigkeit zu verleihen.
Ganz wichtig: das richtige Vokabular. Sollte mehrmals pro Post benutzt werden:
Linksgrün-versifft
Antifanten/(SA)ntifa
Pädo-/ pädophil
Lügenpresse/ Systempresse
Gesinnungsdiktatur
Ökofaschisten
Volk
Wir
Sind
Und ganz generell scheint ein analfixierter Sprachgebrauch im Pegidatrend zu liegen.
Zudem immer mal wieder einwerfen, dass man ja keine rechten/ antisemitischen/ islamophoben/ frauenfeindliche/ verschwörungstheoretischen Inhalte vertritt und keinen Hass auf Ausländer, Politiker, Presse, Schwule streut, um dann spätestens ein bis zwei Sätze danach das komplette Gegenteil zu praktizieren.
Wenn man kein Unmensch ist, baut man natürlich auch in jeden Post Hinweise auf den satirischen Charakter der Seite ein, welche aber von fast allen Beteiligten geflissentlich ignoriert/nicht verstanden werden.
Zudem möglichst glaubwürdige und seriöse Quellen heranziehen:
z. B. HC Strache, Christian Anders, Akif Pirinçci
Ach ja, und an alle Pegidioten, die vor 3 Wochen noch Charly waren. Das hier nennt sich auch Satire. Ich gehe daher davon aus, dass ihr die Sache hier auch sehr lustig findet
„grin“-Emoticon

Und kleiner Tipp am Rande. Manchmal lohnt es sich ALLES zu lesen und nicht nur die fünf Wörter, die man ansprechend und überfällig findet. (Nach „Wir sind das Volk“ geht’s meistens noch weiter) Falls ihr tatsächlich immer alles gelesen und damit übereingestimmt habt, dann seid ihr lupenreine Nazis.
Liebe Grüße!

Seit Mittwoch früh steht dieser Cartoon im Seitenkopf:

Trotzdem fiel am Mittwochnachmittag nach der „Leipziger Volkszeitung“ auch noch die „Welt“ auf die Satire herein und schrieb:

Facebook-Seite „Solidarität mit Lutz Bachmann“

Auf Facebook wurde unterdessen die Seite „Solidarität mit Lutz Bachmann“ eingerichtet. Bereits mehr als 3600 Nutzer unterstützen die ehemalige Pegida-Leitfigur. „Lasst nicht zu, dass die linksgrünen Antifanten unseren Lutz in eine rechte Ecke drängen, bloß weil er sich satirisch mit Adolf Hitler auseinandergesetzt hat“, heißt es auf der Seite.

In einem anderen Beitrag wird Bachmann wörtlich wie folgt gewürdigt: „Lutz hat es geschafft, das Meinungsmonopol der linksgrün-versifften Systempresse endlich aufzubrechen. Der Sturm, der bald losbricht, ist zu einem großen Teil sein Verdienst.“

Kolportiert werden auch Verschwörungstheorien: „Die Hinweise über einen im Hintergrund erzwungenen Führungswechsel bei Pegida mehren sich. Pedigda und unser Lutz sind der Führungsclique der BRD-GmbH zu ungemütlich und mächtig geworden. Deshalb hat man ihn schrittweise mundtot gemacht.“

Mag sein, dass gerade im Umfeld von Pegida Satire und Realität ganz besonders schwer zu unterscheiden sind. Aber Journalisten könnten vielleicht wenigstens den Versuch unternehmen.

Nachtrag, 1:25 Uhr. Die „Welt“ hat ihren Artikel korrigiert.

Nachtrag, 10:00 Uhr. Die „Leipziger Volkszeitung“ hat die Online-Version ihres Artikels um ein Update ergänzt.

Nachtrag, 10:30 Uhr. Die falsche Seite hat es auch in die gedruckte „Welt“ von heute geschafft.

Söders Propaganda-Soap: BR-Intendant nennt Auftritt „problematisch“

26 Jan 15
26. Januar 2015

Ulrich Wilhelm (CSU), der Intendant des Bayerischen Rundfunks, hat den Gastauftritt von Heimatminister Markus Söder (CSU) in der BR-Seifenoper „Dahoam is Dahoam“ kritisiert. Dass dem Minister „eine umfassende Gelegenheit zu politischen Darstellungen“ gegeben wurde, sei problematisch. Er distanzierte sich damit von seiner Fernsehdirektorin Bettina Reitz, die die Einbindung Söders am Donnerstag verteidigt und ähnliche Auftritte weiterer Politiker angekündigt hatte. In einer Presseerklärung hatte sich der Sender am selben Tag ähnlich geäußert.

Wilhelm widersprach:

Die Serienredaktion hat mich bei ihrer Entscheidung nicht im Vorhinein befasst. Hätte sie mich um Rat gefragt, so hätte ich hier deutlich zu Zurückhaltung geraten. Es gab zwar bei uns im Programm und auch in vielen anderen Programmen immer wieder Auftritte von Politikern in Sendungen, die nicht politischen Inhalt hatten — ganz berühmt: der Auftritt von Bundeskanzler Schröder bei „Wetten, dass“ oder auch von Oberbürgermeister Ude bei „München 7″. In diesem Falle ist aber der problematische Punkt, dass es nicht nur ein Auftritt war eines Ministers, sondern dass es auch eine umfassende Gelegenheit gab zu politischen Darstellungen. Wenn wir solche politischen Inhalte bei uns im Programm haben, dann geschieht das in der Regel im journalistischen Kontext, das heißt, da ist ein Gegenüber, der dann solche Darstellungen auch kritisch hinterfragen kann, überprüfen kann, gegebenenfalls auch nachfragen kann. Dieses kann bei einem Drehbuch gar nicht der Fall sein — das war ja eine einstudierte Rolle, die vorformuliert war vom Autorenteam. Und diese Verknüpfung, einerseits des Gastauftrittes und andererseits einer politischen Darstellung, die erscheint mir in der Tat problematisch.

Wilhelm äußerte sich nicht gegenüber externen Journalisten. Sein Statement wurde am Sonntag im Medienmagazin von B5 ausgestrahlt. Der Moderator der Sendung betonte im Anschluss: „Den Einschaltquoten von ‚Dahoam is Dahoam‘ hat’s übrigens nicht geschadet: Die liegen derzeit bei fast einer Million!“

Der BR hat die Folge mit Söder aus der Mediathek entfernt. Ausschnitte daraus sind allerdings noch im Beitrag des BR-Magazins „Quer“ zu sehen, der sich am Donnerstag mit der „Söderisierung des Abendprogrammes“ befasste.

Martenstein lässt noch einmal die Sparschweine für den Islam sterben

25 Jan 15
25. Januar 2015

Der Kolumnist Harald Martenstein hat einen uralten Klassiker wiederbelebt: den Mythos, dass Banken in Großbritannien den Kindern keine Sparschweine mehr anbieten, aus Sorge, die im Islam als unrein geltenden Tiere könnten die Gefühle muslimischer Kunden verletzen.

Die Geschichte feiert in diesem Jahr Jubiläum. Seit zehn Jahren wird sie in den Medien als Beleg für die verrückt gewordene „Political Correctness“ und die Islamisierung des Abendlandes erzählt. Sie ist damals schon von den Banken dementiert worden.

Eine von ihnen, NatWest, die in den 1980er Jahren für ihre Sparschweine berühmt war, hat vor eineinhalb Jahren die Figuren sogar neu aufgelegt und groß beworben:

Spätestens damit, sollte man denken, hätte sich das Schauermärchen erledigt. Weit gefehlt. Recherchophobiker wie Martenstein halten es am Leben.

Ihren Ursprung nahm die Sparschweinente offenbar im „Daily Express“, der im Oktober 2005 sogar damit aufmachte. Als eines der ersten deutschen Medien übernahm sie noch im selben Monat die „B.Z.“.

2006 erzählte die Islamkritikerin Ayaan Hirsi Ali die Geschichte in einem Interview mit der FAZ — als Beleg für die angeblich „schleichende Scharia“ in Europa:

Und in Großbritannien geht es nun so weit, daß die Sparkassen keine Sparschweine mehr aufstellen, um die Gefühle der Muslime nicht zu verletzen, für die Schweine ja unrein sind. Das ist eben die schleichende Scharia. Sie zeigt ihr vollständiges Gesicht erst in den Gesellschaften, in denen die Muslime in die Mehrheit gekommen sind.

Henryk M. Broder interpretierte die vermeintliche Sparschweinentsorgung ebenfalls als „Zeichen an der Wand“ für die fortschreitende und unaufgehaltene Islamisierung, die er Anfang 2007 auf „Spiegel Online“ beklagte:

Britische Banken wollen ihren Kunden keine „Sparschweine“ mehr anbieten, weil Schweine im Islam als unrein gelten.

Im selben Jahr verbreitete der frühere FAZ-Redakteur und heutige Pegida-Anhänger Udo Ulfkotte die Geschichte in seinem Buch „Heiliger Krieg in Europa — Wie die radikale Muslimbruderschaft unsere Gesellschaft bedroht“. Der „Kölner Stadt-Anzeiger“ hatte zwar durchaus Zweifel am „missionarischen Eifer“ des Autors, fand die Geschichte aber so unwiderstehlich, dass er seine Rezension des Buches sogar damit überschrieb:

Islamisten verdrängen Sparschweine.

Acht Jahre nach Ulfkotte und Broder hat nun endlich auch ihr Kollege Martenstein von der Geschichte erfahren. Angeblich will er sie im „Handelsblatt“ gelesen haben. Jedenfalls schreibt er in seiner heutigen „Tagesspiegel“-Kolumne:

Dem „Handelsblatt“ entnehme ich die Information, dass britische Banken ihren jungen Kunden seit einiger Zeit keine Sparschweine mehr anbieten. Der Anblick der Schweine, die im Islam als unrein gelten, könne die Gefühle muslimischer Kunden verletzen. Die muslimische Gemeinde erklärte daraufhin, dass Muslime der Anblick eines Schweins keineswegs verletze, sie würden lediglich dieses Tier nicht essen. Offenbar kann man sogar bei der Sensibilität, ähnlich wie beim Austernessen und beim Weintrinken, des Guten zu viel tun.

Martenstein hat den Kampf gegen die vermeintliche „Political Correctness“ in den vergangenen Jahren zu seinem zentralen Thema gemacht, ohne dass das zu einem erkennbaren Interesse an den Fakten geführt hätte. Von Ulfkotte unterscheidet ihn immerhin, dass er im konkreten Fall das Problem nicht bei den Muslimen sieht, sondern im vorauseilenden Gehorsam der Nicht-Muslime. Aber auch er verbreitet, unredigiert vom „Tagesspiegel“, das Schauermärchen von der Abschaffung der britischen Sparschweine aus Rücksicht auf die religiösen Gefühle der Moslems, das seit Jahren ein wesentlicher Teil der antiislamischen Folklore ist.

Und da fragt man sich, wie die Pegida-Leute eigentlich auf den Gedanken kommen, dass die Islamisierung des Abendlandes drohe oder gar in vollem Gange sei.

Nachtrag, 18:30 Uhr. Der „Tagesspiegel“ hat online den Sparschwein-Absatz gelöscht und durch folgenden Hinweis ersetzt:

In einer früheren Version dieser Kolumne war mit Bezug auf das „Handelsblatt“ von Sparschweinen die Rede, die britische Banken aus Rücksicht auf muslimische Kundschaft nicht mehr anböten. Der Medienjournalist Stefan Niggemeier wies uns darauf hin, dass es dazu keine Belege gebe, sondern im Gegenteil Dementis. Weil auch wir keine Belege dafür finden konnten, haben wir diesen Abschnitt herausgenommen. Wir bitten unsere Leser um Entschuldigung.