Grand Prix Eurovision de la Manipulation: ESC zu kaufen?

Sagen wir so: Wenn in den nächs­ten Tagen Mit­glie­der der dies­jäh­ri­gen aser­baid­scha­ni­schen Eurovisions-Jury leb­los ans Ufer des kas­pi­schen Mee­res ange­spült wür­den, wäre es keine große Über­ra­schung. Die sind näm­lich offen­kun­dig ver­ant­wort­lich für das schänd­li­che Null-Punkte-Votum Aser­baid­schans für den rus­si­schen Bei­trag. Der aser­bai­scha­ni­sche Außen­mi­nis­ter musste sich dafür von sei­nem rus­si­schen Kol­le­gen öffent­lich Vor­würfe anhö­ren.

Das Regime sieht die Schuld aller­dings anschei­nend bis­lang noch beim Aus­rich­ter des Grand-Prix, der EBU. Die habe Russ­land um die Stim­men Aser­baid­schans betrogen.

Die Poli­ti­ker haben sogar etwas, das wie ein Beweis aus­sieht: Die aser­baid­scha­ni­sche Regie­rung hat sich bei den Tele­fon­ge­sell­schaf­ten des Lan­des die Abstim­mungs­er­geb­nisse besorgt, und danach lag der rus­si­sche Bei­trag in der aser­baid­scha­ni­schen Publi­kums­gunst auf dem zwei­ten Platz. Dass das Land trotz­dem kei­nen ein­zi­gen Punkt an Russ­land ver­gab, ließe sich nur durch eine skan­da­löse Ver­schwö­rung oder wenigs­tens einen Feh­ler bei den west­li­chen Ver­ant­wort­li­chen erklären.

Die Nach­rich­ten­agen­tur AFP (gedan­ken­los über­nom­men von »Spie­gel Online« und ande­ren) macht sich die aserbaidschanisch-russische Regie­rungs­pro­pa­ganda gleich zu eigen, spricht vom abwei­chen­den »tat­säch­li­chen« Abstim­mungs­er­geb­nis der Aser­baid­scha­ner und einer »jetzt publik gewordene[n] Panne«, als han­dele es sich tat­säch­lich um eine solche.

Die EBU bestrei­tet das aber vehe­ment und glaub­wür­dig. Denn das Votum des Publi­kums macht nur die Hälfte der zu ver­ge­be­nen Punkte eines Lan­des aus. Die andere Hälfte wird von fünf Juro­ren bestimmt. Denen muss der rus­si­sche Bei­trag so wenig gefal­len haben, dass sie ihn weit nach unten plat­zier­ten. In der Addi­tion von Jury– und Zuschauer-Votum sei Russ­land nicht unter die Top-Ten Aser­baid­schans gekom­men, sagt die EBU. Das Votum der Juro­ren sei nota­ri­ell beglaubigt.

Das ist natür­lich undenk­bar in einem Land wie Aser­baid­schan: dass Juro­ren bei einem sol­chen inter­na­tio­na­len Wett­be­werb ihrem eige­nen Urteil fol­gen und nicht der Staats­rai­son. Genau so erwar­tet die EBU das zwar von den Betei­lig­ten. Aber sie könnte die Betrof­fe­nen nun, nach­dem sich der Staat die Televoting-Ergebnisse besorgt hat und dar­aus das Jury-Urteil rekon­stru­ie­ren kann, auch nicht vor Repres­sio­nen schüt­zen. Dass die Leute in ihrem Land nie wie­der in irgend­ei­ner offi­zi­el­len Jury sit­zen wer­den, darf man als sicher anneh­men — es ist aber auch die harm­lo­seste mög­li­che Folge.

So poli­tisch ist der Grand-Prix in machen Län­dern, so wich­tig. Ich komme gleich noch­mal drauf zurück.

Vor­her aber ein Aus­flug in die Sta­tis­tik. Dass ein Bei­trag, der beim Publi­kum weit vorne lan­det, trotz­dem ohne Punkte aus­ge­hen kann, ist näm­lich Folge einer im Vor­feld kaum beach­te­ten Regel­än­de­rung. Bis­lang wur­den für jedes Land die Jury– und Televoting-Ergebnisse ein­zeln in die übli­chen ESC-Punkte 12, 10, 8, 7, 6, 5, 4, 3, 2, 1 umge­rech­net und dann addiert, um die Gesamt­rei­hen­folge zu bestim­men. Dadurch wur­den beim Mit­teln jeweils nur die zehn Favo­ri­ten von Jury bzw. Publi­kum berücksichtigt.

In die­sem Jahr wur­den erst­mals alle 26 Län­der in die Rei­hen­folge ihres jewei­li­gen Abschnei­dens bei Jury und Publi­kum gebracht, bevor sie addiert wur­den. Das klingt nach einer mar­gi­na­len Ände­rung, aber die Wir­kung ist erheb­lich, wenn Jury– und Publikums-Votum sich deut­lich unterscheiden.

Ein Titel, der bei der Jury kom­plett durch­fiel, lag frü­her rech­ne­risch vor der inter­nen Addi­tion nicht schlech­ter als auf Platz 11. Dadurch hatte er, wenn das Publi­kum ihn liebte, immer noch gute Chan­cen, ins­ge­samt unter den Top Ten und also im Punk­te­be­reich zu lan­den. Das ist nach der neuen Rechen­me­thode nicht mehr unbe­dingt der Fall. Setzt die Jury den Publi­kums­lieb­ling zum Bei­spiel auf Platz 18 oder 26, hat er trotz einer Höchst­wer­tung von den Zuschau­ern kaum eine Chance, ins­ge­samt in den Bereich der Punkte eines Lan­des zu kommen.

Genau das ist offen­kun­dig in Aser­baid­schan pas­siert: Ein Platz sehr weit hin­ten in der Jury-Rangliste sorgte dafür, dass Russ­land trotz eines zwei­ten Plat­zes im Publi­kums­vo­ting keine Punkte aus Aser­baid­schan bekam — so unwahr­schein­lich das klin­gen mag.

In Ita­lien ist etwas ähn­li­ches pas­siert. Die RAI hat freund­li­cher­weise die Televoting-Ergebnisse ver­öf­fent­licht. Danach haben im Finale sagen­hafte 23,2 Pro­zent der Anru­fer in Ita­lien für Rumä­nien gestimmt. Trotz­dem bekam der rumä­ni­sche Bei­trag nur einen Punkt. Bei den Juro­ren muss er auf einem der letz­ten Plätze gelan­det sein.

Die­ses Maß an Rela­ti­vie­rung ist von der EBU gewollt: Extrem popu­läre Geschmacks­aus­rei­ßer wie Lordi 2006 sol­len keine Chance mehr haben. Die neue Addi­ti­ons­weise der Jury– und Zuschauer-Stimmen pro Land begüns­tigt Kon­sen­skan­di­da­ten — aber eben auch Ver­schwö­rungs­theo­rien wie die in Aser­baid­schan und ein zumin­dest gefühl­tes Gerech­tig­keits­pro­blem: Soll ein Bei­trag, der in einem Land auf so breite Unter­stüt­zung bei den Anru­fern stößt wie Rumä­nien jetzt in Ita­lien wirk­lich von fünf Ein­zel­per­so­nen in der Jury so her­un­ter­ge­stuft wer­den können?

Hel­fen würde es, wenn die EBU die natio­na­len Ein­zel­er­geb­nisse von Jurys und TED getrennt ver­öf­fent­li­chen würde, damit man das Gesamt­vo­tum wenigs­tens nach­voll­zie­hen kann. Ande­rer­seits wäre dann der Druck auf die Jurys in unde­mo­kra­ti­schen Län­dern wie Aser­baid­schan, sich für ein poli­tisch unab­hän­gi­ges Votum recht­fer­ti­gen zu müs­sen, noch größer.

Die Eurovisions-Verantwortlichen haben noch andere Gründe, sol­che Trans­pa­renz abzu­leh­nen. Sie würde auch andere Unzu­läng­lich­kei­ten im Abstim­mungs­pro­zess gna­den­los öffent­lich machen. Zum Bei­spiel, wenn die Teil­nahme am Tele­vo­ting in einem Land so nied­rig war, dass die Zuschau­er­stim­men nicht in die Wer­tung ein­gin­gen. Die EBU gibt weder die Höhe des not­wen­di­gen Quo­rums bekannt noch die Län­der, die daran jeweils geschei­tert sind. Es ist aber angeb­lich kein sel­te­ner Fall, dass aus die­sem Grund nur das Jury-Ergebnis eines Lan­des gewer­tet wurde.

Wären die Fälle mit so nied­ri­ger Abstimmungs-Teilnahme kon­kret bekannt, so die Argu­men­ta­tion der EBU, würde man es poten­ti­el­len Betrü­gern zu leicht machen. Sie könn­ten sich diese Län­der her­aus­pi­cken, um zu ver­su­chen, mit rela­tiv weni­gen zusätz­li­chen, gekauf­ten Stim­men das Ergeb­nis zu beeinflussen.

Ein mit ver­steck­ter Kamera gefilm­tes Video soll zei­gen, wie Aser­baid­schan das in Litauen ver­sucht hat. Auf­fäl­lige (und nicht allein durch Nach­bar­schaft oder kul­tu­relle Ähn­lich­kei­ten erklär­bare) Abstim­mungs­er­geb­nisse gibt es einige. So gibt Malta seit vier Jah­ren plötz­lich Aser­baid­schan im Finale kon­se­quent zwölf Punkte.

Die Köl­ner Firma digame, die für die Abwick­lung des Votings zustän­dig ist, hat Mecha­nis­men ein­ge­baut, die Mani­pu­la­tio­nen erschwe­ren sol­len. Das Sys­tem regis­triert unge­wöhn­li­che Zusam­men­bal­lun­gen, wenn, sagen wir, in einem klei­nen Ort in Irland plötz­lich abwei­chend vom Trend Hun­derte Anrufe für Aser­baid­schan abge­ge­ben wer­den. Sol­che Stim­men wer­den aus­sor­tiert. EBU-Verantwortliche räu­men aller­dings ein, dass das Sys­tem bei einem gut und geschickt orga­ni­sier­ten Stim­men­kauf macht­los ist — und in klei­ne­ren Län­dern ist der Auf­wand dafür für jeman­den, der daran inter­es­siert wäre, durch­aus überschaubar.

Es sind wohl weni­ger die Fern­seh­sen­der oder Staa­ten selbst, die hin­ter sol­chen Mani­pu­la­ti­ons­ver­su­chen ste­hen. Ein Inter­esse daran, ein Land mit allen Mit­teln zum Sieg zu brin­gen, könn­ten vor allem regie­rungs­nahe Orga­ni­sa­tio­nen oder Wirt­schafts­ver­bände haben, die sich davon Vor­teile von der Auf­merk­sam­keit und dem mög­li­chen Image­ge­winn ver­spre­chen. Län­der mit schlech­tem Image oder EU-Anwärter sind beson­dere Kan­di­da­ten dafür.

Unab­hän­gig davon, ob sich die Berichte aus Litauen als zutref­fend her­aus­stel­len, scheint die EBU ein ech­tes Pro­blem darin zu sehen, diese Form der Mani­pu­la­tion des Ergeb­nis­ses zuver­läs­sig zu verhindern.

Anstatt Zuschau­er­stim­men zu kau­fen, bie­tet sich natür­lich auch der Ver­such an, die Jurys zu beein­flus­sen. Wenn es da Ver­dachts­fälle gibt, schickt die EBU nach eige­nen Anga­ben unan­ge­kün­digt einen Wirt­schafts­prü­fer bei der Jury-Sitzung vor­bei. Bei begrün­de­ten Zwei­feln soll es auch mög­lich sein, dass das Jury-Votum eines Lan­des nicht gewer­tet wird. Ob das schon ein­mal vor­ge­kom­men ist, wollte man mir nicht sagen.

Nach der Auf­merk­sam­keit, die die ver­schie­de­nen Vor­würfe in die­sem Jahr bekom­men haben, bis hin zur Außen­mi­nis­ter­ebene, will die EBU in den nächs­ten Wochen über die not­wen­di­gen Kon­se­quen­zen dis­ku­tie­ren. Dass sie in der Folge auf grö­ßere Trans­pa­renz setzt, gilt aller­dings als unwahr­schein­lich. Immer­hin will sie das Gesamt­er­geb­nis in der Auf­tei­lung nach Jury und Tele­vo­ting in die­sem Jahr nicht erst nach Wochen ver­öf­fent­li­chen, son­dern schon in die­sen Tagen.

Ein Schaum geht in Erfüllung

Fried­rich Küp­pers­busch kehrt zurück auf den Bild­schirm. Vom 10. Juni an mode­riert er die Sen­dung »Tages­schaum«, die sich bis zur Bun­des­tags­wahl drei­mal die Woche jeweils gut zehn Minu­ten lang mit dem poli­ti­schen Thema des Tages beschäf­tigt. Es soll kein Maga­zin wer­den, keine Talk­show, keine Comedy, son­dern eine poin­tierte Ein­ord­nung der The­men und Ereig­nisse mit Hal­tung. Man wolle »die Leute mit sanf­tem Nach­druck bis an die Tür des Wahl­lo­kals beglei­ten«, sagte Küp­pers­busch der »taz«. Die Sen­dung sei »die ›Tages­schau‹ auf Koks«.

Küp­pers­busch hatte zwi­schen 1990 und 1996 den legen­dä­ren »Wochen­durch­blick« »Zak« mode­riert, danach ein Jahr lang »Pri­vat­fern­se­hen« (Best-/Worst-of auf YouTube). Als Pro­du­zent machte er mit sei­ner Firma pro­bono unter ande­rem die n-tv-Gesprächssendung »maisch­ber­ger« und in den Anfangs­jah­ren »Raus aus den Schul­den«. Heute pro­du­ziert er unter ande­rem meh­rere n-tv-Talkshows und »log in« für ZDFinfo.

Dass der WDR eine mei­nungs­starke poli­ti­sche Sen­dung vor der Bun­des­tags­wahl ins Pro­gramm nimmt, ist für den öffentlich-rechtlichen Rund­funk eini­ger­ma­ßen revo­lu­tio­när. »Tages­schaum« läuft mon­tags, diens­tags und don­ners­tags auf YouTube und um 23:15 Uhr im WDR-Fernsehen.

Und ich freue mich dop­pelt dar­auf, denn ich bin als Autor in der Redak­tion dabei.

Nach­trag, 19. Mai. Küp­pers­busch erzählt im »taz«-Interview alles.

VG Wortlos: Das Schweigen der Treuhänder

Die VG Wort ver­wei­gert jede Aus­kunft über die Hin­ter­gründe ihrer frag­wür­di­gen Kam­pa­gne zum Urhe­ber­recht. Sie sagt nicht, was sie gekos­tet hat. Sie sagt nicht, wie sie finan­ziert wurde. Sie will nicht ein­mal sagen, von wel­chem VG-Wort-Gremium sie beschlos­sen wurde.

Immer­hin das weiß ich nun, nach sie­ben­ma­li­gem Nach­fra­gen und drei Wochen War­te­zeit: dass ich keine Ant­wor­ten bekomme. Selbst die Frage, ob die VG Wort zu die­sem Thema keine Aus­kunft gibt, wollte mir Pres­se­spre­che­rin Ange­lika Schin­del zunächst nicht beant­wor­ten. Ges­tern Abend nun schrieb sie mir immerhin:

Wir haben Ihren Blog zur Kennt­nis genom­men und sehen keine Ver­an­las­sung, wei­tere Aus­künfte zu geben.

Ursprüng­lich hatte sich die VG Wort zu der Äuße­rung hin­rei­ßen las­sen, die Aktion »Wir geben 8 (auf das Urhe­ber­recht)« sei »in den Gre­mien der VG WORT aus­führ­lich bera­ten und beschlos­sen«. Schon die schlichte Nach­frage, um wel­che Gre­mien es sich kon­kret han­dele, ließ den Ver­ein verstummen.

Das lässt mich befürch­ten, dass die VG Wort einen guten schlech­ten Grund hat, etwas zu ver­heim­li­chen. Min­des­tens beweist es ein Selbst­ver­ständ­nis, das mich erstaunt und empört.

Die Ver­wer­tungs­ge­sell­schaft nimmt eigent­lich treu­hän­de­risch für meh­rere Hun­dert­tau­send Urhe­ber wie mich Ver­wer­tungs­rechte wahr. Es ist nicht ihr Geld, das sie ver­wal­tet, son­dern unser Geld.

Und die­ser Ver­ein, der ein Mono­pol auf diese Auf­gabe hat, sieht »keine Ver­an­las­sung«, ein­fa­che Fra­gen der Men­schen, deren Rechte er ver­tre­ten muss, über den Umgang mit die­sem Geld zu beantworten?

(Wird fort­ge­setzt.)

Neue »Tatortreiniger«-Folgen: Der NDR hat schon Geschenke für Weihnachten


Dreh­ar­bei­ten zur Folge »Auf­trag aus dem Jen­seits«: Regis­seur Arne Feld­hu­sen, Heiko Schotte (Bjarne Mädel), Kame­ra­mann Kris­tian Leschner (von links). Foto: NDR.

Es sind zwei neue Fol­gen vom »Tat­or­t­rei­ni­ger« fer­tig, und sie sind sehr fein gewor­den. Aber im Fern­se­hen wer­den sie vor­erst nicht zu sehen sein. Ges­tern konnte man sie sich in vie­len Städ­ten im Kino anse­hen, und in ein paar Wochen sind sie auch auf DVD erhält­lich. Aber der NDR, der sie in Auf­trag gege­ben hat, meint, im regu­lä­ren Pro­gramm nach wie vor kei­nen Platz für seine preis­ge­krönte Serie zu haben.

Die fer­ti­gen neuen Fol­gen wer­den des­halb erst wie­der im soge­nann­ten »Weih­nachts­son­der­pro­gramm« im NDR-Fernsehen lau­fen, also grob in der ers­ten Woche des Jah­res 2014. In die­ser Wein­achts­fe­ri­en­zeit bricht der Sen­der tra­di­tio­nell vor­über­ge­hend sei­nen Pro­gramm­schema­be­ton auf und wagt das Unglaub­li­che: Er zeigt an einem Mitt­woch­abend um 22 Uhr etwas ande­res als eine Wie­der­ho­lung des »Groß­stadt­re­viers«. (Mor­gen läuft zum ins­ge­samt sechs­ten Mal die Folge 188 aus dem Jahr 2003.)

Ja: Wenn es dem deut­schen Fern­se­hen schon mal gelingt, her­aus­ra­gende Serien zu pro­du­zie­ren, fin­det es dafür angeb­lich kei­nen Platz in sei­nem Pro­gramm. Die zweite Staf­fel der eben­falls preis­ge­krön­ten DDR-Serie »Weis­sen­see« ist seit dem Som­mer ver­gan­ge­nen Jah­res fer­tig und war­tet dar­auf, dass das Erste irgend­wann damit auf­hört, am Diens­tag um 20:15 Uhr »Um Him­mels Wil­len« und »Tier­ärz­tin Dr. Mer­tens« zu zei­gen. Im Sep­tem­ber soll es end­lich soweit sein — das ist dann knapp drei Jahre nach dem Ende der ers­ten Staf­fel. Auch die »Weis­sen­see« ist nun immer­hin von der Pro­duk­ti­ons­firma Zieg­ler Film vorab auf DVD ver­öf­fent­licht worden.

Man mag sich nicht aus­ma­len, was pas­sie­ren könnte, wenn der NDR auf­hörte, in sei­nem Pro­gramm nach einem Sen­de­platz für den »Tat­or­t­rei­ni­ger« zu »suchen« und statt­des­sen einen schafft. Und dann umge­kehrt nach Pro­gram­men suchen könnte, die dort auch hin­pas­sen wür­den: Feine ame­ri­ka­ni­sche Serien zum Bei­spiel, für die die ARD die Rechte hat, wie »Taras Wel­ten« (Erst­aus­strah­lung war 2011 auf dem dama­li­gen US-Serienplatz der ARD: Frei­tags­mor­gens nach 2 Uhr.)

Und dann, womög­lich, sogar gezielt Pro­gramme für einen sol­chen Sen­de­platz in Auf­trag zu geben: Kleine, beson­dere, humor­volle, genau beob­ach­tete, lie­be­voll gemachte deut­sche Serien, nicht zu teuer, die nicht unbe­dingt ein Viele-Millionen-Publikum anspre­chen, aber eine treue Fan­ge­meinde glück­lich machen. Sowas wie den »Tat­or­t­rei­ni­ger«, bestenfalls.

In »Auf­trag aus dem Jen­seits« trifft Bjarne Mädel als Schotty in einem her­un­ter­ge­kom­me­nen, abge­le­ge­nen, alten Haus eine andere Art von »Tat­or­t­rei­ni­ger«: einen Scha­ma­nen, der der Seele des dort umge­kom­me­nen Obdach­lo­sen hel­fen will, den Ort zu ver­las­sen. Der boden­stän­dige Schotty glaubt natür­lich nicht an so einen ebenso okkul­ten wie geschäfts­träch­ti­gen Hokus­po­kus, aber dann ent­deckt der Scha­mane mit sei­nen guten Ver­bin­dun­gen ins Jen­seits einen erstaun­li­chen Zusam­men­hang zwi­schen ihm und dem Toten. Die Geschichte lebt vom wun­der­bar irre spie­len­den Milan Peschel und balan­ciert auf den Kli­schees — gerade, wenn es abge­schmackt wer­den könnte, nimmt sie einen uner­war­te­ten Abzweig zurück in die schnöde Rea­li­tät und auf den Boden der bil­li­gen Komik.

»Ange­hö­rige« schafft einen ähn­li­chen Balan­ce­akt zwi­schen Pathos und Witz. Hier lan­det Schotty in der Woh­nung eines Ver­stor­be­nen, der nach vie­len Jah­ren als ver­meint­lich hete­ro­se­xu­el­ler Fami­li­en­va­ter sein Coming-Out hatte. Sein bes­ter schwu­ler Freund Fanny Fee (Flo­rian Lukas) will nun die Lei­che ent­füh­ren, um ihm ein ange­mes­sen schwu­les Begräb­nis zu ver­schaf­fen — im Kreise sei­ner wah­ren Fami­lie, wie er sagt.

Durch einige sehr aber­wit­zige Zufälle sind Schotty und die Tunte dann in einer tele­fon­zel­len­gro­ßen Kiste gefan­gen — schät­zungs­weise die Hälfte der Folge spielt auf die­sem engs­ten Raum, ein gran­dio­ses Kam­mer­spiel in einem Kammerspiel.

Aus dem Auf­ein­an­der­tref­fen (und –lie­gen) von Schotty mit Fanny ent­wi­ckeln sich einige erstaun­lich tief­grün­dige Gesprä­che über Iden­ti­tät und Glück. Und immer, wenn die Geschichte gerade allzu mora­lisch zu wer­den scheint, schlägt die Hand­lung einen Haken zur Comedy und umgekehrt.

Chris­tian Grand­erath, der zustän­dige Fern­seh­spiel­chef des NDR, ist sehr zufrie­den damit. Und so sieht es danach aus, dass der Sen­der wei­tere Fol­gen in Auf­trag gibt, auch ohne Sen­de­platz. Grand­erath bestä­tigt die Absicht, dies­mal sogar gleich sechs wei­tere Aus­ga­ben zu bestel­len — das wären die Fol­gen 10 bis 15. Dreh­start könnte im Okto­ber sein, deu­tete Regis­seur Arne Feld­hu­sen ges­tern im Kino an. (Mit einer Aus­strah­lung würde man dann ver­mut­lich unge­fähr im Januar 2015 rech­nen kön­nen, nehme ich an, Weih­nachts­son­der­pro­gramm, Sie wis­sen schon.)

Die VG Wort gibt 8, bräuchte aber was auf die 12

Die VG Wort will mir nicht sagen, ob eine ärger­li­che Kam­pa­gne, in der sie die Debatte um die Zukunft des Urhe­ber­rechts auf unters­tem Niveau fest­ze­men­tiert, womög­lich von mir mit­be­zahlt ist.

Die VG Wort ist so etwas wie die Gema für Texte und eigent­lich eine gute Idee. Als Ver­wer­tungs­ge­sell­schaft sam­melt sie unter ande­rem die Urhe­ber­rechts­ab­ga­ben ein, die pau­schal zum Bei­spiel beim Kauf von Kopier­ge­rä­ten, DVD-Rohlingen und USB-Sticks erho­ben wer­den, und schüt­tet sie an die Auto­ren aus. Auf diese Weise erhal­ten die Urhe­ber einen Aus­gleich dafür, dass Kon­su­men­ten ihre Werke für pri­vate Zwe­cke ver­viel­fäl­ti­gen dür­fen.

Vor drei Wochen nun hat die VG Wort eine neue »Kom­mu­ni­ka­ti­ons­platt­form« gestar­tet, mit der sie sich »ver­stärkt für die Rechte der Auto­ren und Ver­lage ein­set­zen« will. Unter wir-geben-8.net hat sie »8 Posi­tio­nen zum Urhe­ber­recht« ver­öf­fent­licht und lässt meh­rere Pro­mi­nente erklä­ren: »Wir geben 8 aufs Wort.«

Es han­delt sich um eine Art Remake der orga­ni­sier­ten Auf­schreie
»Mein Kopf gehört mir« und »Wir sind die Urhe­ber« aus dem ver­gan­ge­nen Jahr und doku­men­tiert in ähn­li­cher Weise den Wil­len, kom­ple­xen Pro­ble­men durch Pau­schal­ur­teile und Pla­ti­tü­den zu begegnen.

Eck­art von Hirsch­hau­sen wit­zelt:

Ich will wei­ter im Land der Dich­ter und Den­ker leben, nicht in einem Land der Mar­kie­rer und Einfüger.«

Nele Neu­haus steu­ert unter ande­rem einen Satz bei, der doof, aber wenigs­tens nicht ori­gi­nell ist:

»Was nichts kos­tet, ist nichts Wert.«

Den Vogel aber schießt Denis »Black­face« Scheck ab, der beim Gehen in die Kamera spricht:

»Der Pirat, schrieb Cicero, ist ein Feind aller Men­schen: com­mu­nis hos­tis omnium. Heute, 2000 Jahre spä­ter, gibt es neue Pira­ten, die sich an den Urhe­ber­rech­ten von Auto­ren ver­grei­fen. Dage­gen soll­ten wir uns alle weh­ren. Gegen alte Feinde hel­fen alt­be­währte Mittel.«

Das ist das voll­stän­dige Zitat von Scheck.

Was möchte der ARD-Moderator uns mit die­sen Wor­ten sagen? Worin beste­hen die »alt­be­währ­ten Mit­tel« und wie »hel­fen« sie, um das Urhe­ber­recht zu schützen?

Man weiß, was Cicero meinte: Pira­ten sind keine nor­ma­len Feinde. Sie ste­hen außer­halb der Gemein­schaft der Men­schen. Sie sind die Ter­ro­ris­ten sei­ner Zeit. Die übli­chen Regeln beim Umgang mit Kriegs­geg­nern gel­ten nicht. Im Kampf gegen sie ist jedes Mit­tel recht.

Wenn man also gut­wil­lig unter­stellt, dass Denis Scheck einen Bei­trag zur Urhe­ber­rechts­de­batte leis­ten wollte, dann ist dies sein Bei­trag zur Urhe­ber­rechts­de­batte: Der Kampf gegen Schwarz­ko­pie­rer soll ohne Rück­sicht auf Ver­luste geführt werden.

Ich habe bei der VG Wort nach­ge­fragt, ob das auch ihre Posi­tion ist, dass im Kampf gegen Urhe­ber­rechts­ver­let­zun­gen jedes Mit­tel recht ist, und inwie­fern das »hilft«.

Nach kaum mehr als zehn Tagen rang sich Pres­se­spre­che­rin Ange­lika Schin­del zu einer Ant­wort durch:

Sowohl Inhalt als auch Form der Kam­pa­gne »Wir geben 8 aufs Wort« wur­den in den Gre­mien der VG WORT aus­führ­lich bera­ten und beschlos­sen.
 
Auto­ren und Ver­le­ger äußern sich mit ihren per­sön­li­chen Bot­schaf­ten zum Thema »Urhe­ber­recht« auf der Platt­form. Die VG WORT kom­men­tiert diese Stel­lung­nah­men nicht, son­dern freut sich über alle Auto­ren und Ver­lage, die sich im Rah­men die­ser Aktion für das Urhe­ber­recht einsetzen.

Ich über­setze das mal frei mit: Solange sich die Pro­mi­nen­ten irgend­wie »für« das Urhe­ber­recht aus­spre­chen (was immer das bedeu­ten mag), ist der VG Wort jeder Unsinn recht.

Dirk von Geh­len schreibt über Schecks Bei­trag:

Er hat die Anschluss­fä­hig­keit eines Brunftschreis in einem art­frem­den Gehege. Hier will jemand ein Revier mar­kie­ren, ohne zu bemer­ken, dass diese Mar­kie­rung alle Gren­zen über­schrei­tet. Selbst wenn die Aus­sage — weni­ger gewitzt — ein­fach nur gelau­tet hätte »Urhe­ber­recht find ich gut« (von dem For­mat sind andere Bei­träge auf der Seite), krankt sie aber noch an einem zwei­ten Pro­blem: Sie ist keine Ant­wort auf die Her­aus­for­de­rung. Denn natür­lich ist das Urhe­ber­recht wich­tig, dar­über strei­tet in Wahr­heit nie­mand. Die Aus­ein­an­der­set­zung muss im Sinne einer offe­nen Gesell­schaft über die Frage geführt wer­den, wel­che Durch­set­zungs­maß­nah­men die Gesell­schaft für ange­mes­sen hält — und wie man die Akzep­tanz des Urhe­ber­rechts stei­gert. Und hier wird das ganze Dilemma der 8-geben-Kampagne (übri­gens auch eine Web­site für Klein­tier­pflege) offen­sicht­lich: Die Wort­mel­dun­gen auf der Seite legen nahe, der Her­aus­for­de­rung der digi­ta­len Kopie sei allein und zuvor­derst durch mora­li­sche Kam­pa­gnen zu begegnen.

Die VG-Wort-Kampagne ist des­halb ärger­lich, und für mich ganz beson­ders, weil ich einer der »mehr als 400.000 Auto­ren« bin, deren Rechte und Ansprü­che die VG Wort ver­wal­tet und in deren Namen sie schein­bar spricht. Meine Frage, wel­che VG-Wort-Gremien kon­kret die Kam­pa­gne »bera­ten und beschlos­sen« haben, hat die Pres­se­spre­che­rin bis­lang nicht beant­wor­ten wollen.

Immer­hin bekam ich von ihr eine Art Ant­wort auf die Frage, warum die VG Wort sich über­haupt beru­fen fühlt, poli­ti­sche Kam­pa­gnen zu fah­ren — in ihrer Sat­zung fand ich kei­nen Hin­weis dar­auf, dass das ihre Auf­gabe ist. Frau Schin­del ver­weist mich auf das »Hand­buch des Urhe­ber­rechts, Loewen­heim, 2. Auf­lage, S. 789 ff.«, wonach zu den »selbst­ver­ständ­li­chen Auf­ga­ben von Ver­wer­tungs­ge­sell­schaf­ten auch die Ver­fol­gung gemein­sa­mer Ziele der von uns ver­tre­te­nen Berufs­grup­pen« gehöre. Die VG Wort nehme des­halb »regel­mä­ßig Stel­lung zu lau­fen­den Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren oder urhe­ber­rechts­po­li­ti­schen Dis­kus­sio­nen« und sei »inso­weit ein wich­ti­ger Ansprech­part­ner für Minis­te­rien, poli­ti­sche Par­teien, Ver­bände etc.«

Bleibt noch die Frage, wer diese ver­gurkte Kam­pa­gne bezahlt. Ich habe die VG Wort vor drei Wochen gefragt, wie­viel die Aktion kos­tet, aus wel­chen Mit­teln sie finan­ziert wird und ob sie die Aus­schüt­tun­gen an die Wahr­neh­mungs­be­rech­tig­ten (wie mich) min­dert. Frau Schin­del hat die Frage nicht beant­wor­tet; nicht ein­mal die Nach­frage, ob sie mir die Fra­gen nicht beantwortet.

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