Abwarten und totsaufen

von Boris Rosenkranz
21 Aug 14
21. August 2014

Plötzlich war es also da, einfach so, inmitten der Stadt Fürth in Mittelfranken, wo rund 120.000 Menschen leben, es einen Bürgermeister von der SPD gibt und eine Lokalzeitung, die weiß, was sie nicht tut. Von heute auf morgen lag es da rum, das unbekannte Subjekt, und die Reporter der „Fürther Nachrichten“ haben es gleich identifiziert, denn es lag in einem Park in der Innenstadt, hatte lediglich einen „kleine[n] Rucksack“, eine Gitarre und sonst nicht viel, wie die Zeitung wissen lässt.

Und nun treten Sie bitte besser schon mal einen Schritt zurück und halten sich Nase und Augen zu, denn das unbekannte Subjekt, um das es sich handelt, ist:

ein Obdachloser.

120.000 Einwohner in Fürth müssen zusehen, wie ein einzelner Obdachloser auf öffentlichem Grund versucht, irgendwie klarzukommen. Die schockierende Meldung: „Der Obdachlose wurde – vor aller Augen – zum Bewohner des kleinen Parks.“ Vor aller Augen! Es ist so schlimm. Das haben den „Fürther Nachrichten“ auch „Experten“ versichert: „Es ist ein ungewöhnlicher Fall, nicht nur weil es in Fürth in jüngerer Zeit nach Erkenntnis von Experten keine Menschen mehr gab, die dauerhaft im Freien lebten.“ Keine Obdachlosen also in Fürth. Gesegnete Stadt.

Aber nun sehen die armen Leute in Fürth eben live, was sie sonst nur aus dem Fernsehen oder vom Drei-Tage-Bustrip nach Berlin kennen: Armut. Was die Reporterin auch rührselig notiert: Wie es da liegt, das „Bündel Mensch im Pavillon“, auf der „Isomatte, die die Kälte des Steins erträglich macht“. Und wie es, „hinkend“ und „nie aggressiv, nie laut“, durch den Tag zu kommen versucht, zwischendurch auf der Gitarre spielt, das immergleiche Lied, um an etwas Geld zu kommen.

Was macht also die Lokalzeitung?

Sie geht mal zu dem Unbekannten hin. Fragt, wer er ist. Fragt, woher er kommt. Was mit ihm geschehen ist. Fragt, ob es ihm gut geht oder er Hilfe braucht. Gibt ihm etwas Geld oder zu essen und zu trinken. Ruft in der Zeitung dazu auf, zu helfen. Trommelt. Macht. Schreibt dann eine herzzerreißende Geschichte über einen Obdachlosen und dessen Schicksal. Sie ruft die Polizei.

„Ein besorgter Anruf aus der FN-Redaktion nach den ersten Tagen war Anlass für die Polizei, die Personalien des Mannes festzustellen.“

Diese tiefe Besorgnis, sie muss immens sein, so immens, dass die Lokalreporter nicht aus der Redaktion bzw. in die Nähe des Unbekannten gehen können. Aus gebotener Entfernung und in tiefer Sorge hat die Zeitung den Obdachlosen also abgelichtet, netterweise von hinten, wie er da im Schlafsack liegt, ein Tetrapack neben sich und die Gitarre. Wo er möglicherweise herkommt, was möglicherweise ist, all das erfährt der Leser aus zweiter und dritter Hand, weil das Lokalblatt, statt mit dem Mann Kontakt aufzunehmen, seine Zeit damit zubringt, nach der Polizei auch noch das Sozialamt anzurufen. Und zu warten. Und zu kucken. Und zu warten.

Aber gut, mit Hilfe der einigermaßen hilflosen Sozialamts-Chefin wird dann in den „Fürther Nachrichten“ wenigstens noch mal dargelegt, wie, Zitat: „uferlos“ dieses Problem mit dem einen Obdachlosen doch scheine. Und dass man da jetzt auch nicht recht, ähä, nun ja, also: Man kann ja niemanden zwingen. Man kann ihm nur Optionen aufzeigen. Eine hätte die Sozialamts-Chefin schon mal anzubieten:

Es handle sich immer noch um einen freien, erwachsenen Mann, den man nicht entmündigen dürfe, der sich, wenn er dies wolle, auch totsaufen dürfe.

Der Artikel, ihre Untätigkeit – beides hat den „Fürther Nachrichten“ schon Rüffel von ihren Lesern beschert. Die Redaktion hat trotzdem eine total sozialkritische Erklärung parat, warum sie das jetzt so gemacht hat und nicht anders:

„Der Artikel beschäftigt sich damit, dass es in einer Stadt wie Fürth – erschreckenderweise – drei Wochen lang nicht gelungen ist, einem schutzbedürftigen Menschen zu helfen bzw. überhaupt erst einmal zu erfahren, ob er sich Hilfe wünscht.“

Dazu hätte ich eine kurze Frage: Hä? Die Autorin des Artikels ist erst damit beschäftigt, Ämter zu alarmieren und drei Wochen abzuwarten, ob sich was tut, um sich dann, weil sich nichts tut, damit zu befassen, dass sich nichts tut? Knaller. Das hätte der selbstreferentiellste Text zwischen ungefähr 1987 und heute werden können. Nur fragt sich die Zeitung leider nicht, weshalb sie nichts (anderes) tat.

Der Obdachlose, ein Mann aus Ungarn, bekam übrigens offenbar doch noch Hilfe, wie die Redaktion in einer Stellungnahme auf eine Leser-Beschwerde schreibt. Eine Leserin der „Fürther Nachrichten“ fuhr hin, konnte sich auf Ungarisch mit dem Mann verständigen und bot ihm Geld für ein Zugticket an. Angeblich hat er sich darüber gefreut. Das Bittere ist bloß: Weil die Hilfsaktion durch den Artikel ausgelöst wurde, denken sie bei den „Fürther Nachrichten“ nun wahrscheinlich, dass ihre Arbeit etwas bewirkt habe – und dass das Lokaljournalismus ist.

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Nackt-Selfie-Affäre in der Schweiz: „Jetzt muss er auf die Knie“

von Boris Rosenkranz
20 Aug 14
20. August 2014

Es ist eine pikante Geschichte, mit der gerade in der Schweiz der Boulevard gepflastert wird und die gestern Abend groß im Fernsehen, bei SRF1, diskutiert wurde. In Kurzform geht sie so: Ein Politiker, Nationalrat und Stadtammann, fotografiert sich (halb-)nackt, angeblich auch tagsüber in Diensträumen, und verschickt die Fotos nebst passender Kurznachrichten an eine Frau. Die Bilder und Texte liegen inzwischen, wie angeblich auch Ton-Mitschnitte von Gesprächen des Politikers, in etlichen Schweizer Redaktionsstuben, wo man sich fröhlich über sie hermacht. Allen voran: die Wochenzeitung „Schweiz am Sonntag“.

SRF1_still

Deren Chefredakteur, Patrick Müller, ließ es sich voriges Wochenende nicht nehmen, sein Blatt höchstselbst mit der Story vollzutropfen und ausführlich zu zitieren, was auf den Bildern des Nationalrats Geri Müller zu sehen und in den Nachrichten Schlüpfriges zu lesen ist. Privat waren die Dokumente für die „Schweiz am Sonntag“ nicht mehr, da die Aufnahmen ja im Stadthaus gemacht worden sein sollen, teilweise zur Dienstzeit, weshalb das von öffentlichem Interesse sei.

Zumal dem Nationalrat im Text auch unterstellt wird, er habe, durch sein Amt bevorteilt, die Polizei auf die Frau gehetzt, um an ihr Handy und damit an die Bilder und Nachrichten zu kommen. Klingt wie eine Tatsache, geschrieben aus Sicht des vermeintlichen Opfers, gedruckt in der „Schweiz am Sonntag“:

„Im Polizeiauto ist für sie klar: Der Stadtammann hat die Stadtpolizei losgeschickt, um ihr das Handy wegzunehmen.“

Das ist schon interessant. Hier wird suggeriert, der Politiker habe die Polizei quasi für private Zwecke instrumentalisiert, was tatsächlich von öffentlichem Interesse wäre. Aber die Frage ist: Stimmt es überhaupt? Nationalrat Müller stellte es gestern auf seiner Pressekonferenz anders dar. Die Frau sei in Not gewesen, sagte er, deshalb habe er die Polizei alarmiert. Also, um sie zu schützen. Oder eine andere Frage: Was war das für eine Beziehung? Wie eng war sie? Geht eigentlich niemanden was an, aber auch dazu kursieren verschiedene Versionen. Wie auch dazu, wer auf wen Druck ausgeübt hat. Der Nationalrat auf die Frau? Oder sie (auch) auf den Nationalrat? Es ließe die Sache in jeweils ganz anderem Licht erscheinen.

Aber die Gerüchte sind draußen und all die schmutzigen und erfundenen Details. Die heißeste Erfindung: das Alter der Bekannten. In der „Schweiz am Sonntag“ ist lediglich die Rede von einer „jungen Frau“, doch so wummst das natürlich noch nicht. Plötzlich wird kolportiert, der 53-jährige Politiker habe da was mit einer 21-Jährigen gehabt, worauf man sich natürlich prima einen runterschreiben kann, was auch etliche gemacht haben. Der alte Sack, das junge Ding – das läuft ganz gut, auch wenn es nicht stimmt. Nationalrat Müller hat dazu gestern erklärt, die Frau sei nicht 21, sondern 33 Jahre alt. Naja, und wer hat’s erfunden? Die Gratiszeitung „20 Minuten“. Online schrieb sie, noch bevor „Schweiz am Sonntag“ ihre Print-Geschichte mittags selbst ins Netz stellte:

„Die Geschichte, die die Zeitung ‚Schweiz am Sonntag‘ heute über den Grünen Badener Stadtrat und Nationalrat Geri Müller und dessen angebliche 21-jährige Handy-Sex-Chat-Partnerin schreibt, ist hochbrisant.“

Dass das Alter offenbar nicht stimmt, hat „20 Minuten“ inzwischen begriffen und sich entschuldigt. Chefredakteur Marco Boselli schreibt auf meine Nachfrage: „Der Fehler geschah auf Grund einer – im Nachhinein kaum mehr rekonstruierbaren – Fehlinterpretation des Original-Textes.“ Was wohl darauf hinaus läuft, dass der Autor des Artikels die Altersangabe irgendwo am Wegesrand gefunden hat. Man müsste viel „interpretieren“, um aus der Wendung „junge Frau“ abzuleiten, dass die so etwa genau 21 ist. In ihrer Korrektur schreibt „20 Minuten“, man habe die Altersangabe in allen Artikeln „entfernt“ und weise mittels einer Box darauf hin.

Stimmt.

So eine unscheinbare Box steht auch im Interview mit der „Sexologin Esther Schütz“, das mit der Frage beginnt: „Warum lässt sich eine 21-Jährige mit einem über 50-jährigen Politiker wie Geri Müller ein?“ Und in der zweiten Frage ist von der „21-Jährigen Geliebten“ die Rede. Davor und danach spekuliert die Sex-Tante, wieso irgendwer irgendwas macht, um einen „Kick“ zu bekommen, während „20 Minuten“ dafür Klicks bekommt. In der nun eingefügten Box heißt es, man habe das Interview in der Annahme geführt, die Frau sei 21, das stimme aber nicht. Worin bei „20 Minuten“ allerdings niemand einen Grund sieht, das Interview zu löschen. Stattdessen steht es da und verbreitet weiter Legenden.

Das falsche Alter, die schmierigen, unbestätigten oder erfundenen Details bleiben kleben, wie immer in solchen Fällen. Im Netz findet sich die falsche Altersangabe auch an anderen Stellen, beispielsweise in einem bemerkenswerten Kommentar der „Basler Zeitung“. Der Autor ahmt so etwas wie eine Argumentationskette nach, die bei der Hauptfigur der Serie „House of Cards“ beginnt und über Geri Müller und seine „sexuelle Beziehung zu einer 21-jährigen“ Frau führt, um dann bei Silvio Berlusconi und Bill Clinton anzukommen. Fazit: Vögeln darf man überall, man darf sich nur nicht erwischen lassen. Oder im Wortlaut:

„Selbstverständlich darf man in der Badener Amtsstube Sex haben, auch auf der Toilette, auf dem Parkplatz, im Lift, wo es eben beliebt – aber man sollte sich nicht erwischen lassen.“

Was schön die schwiemelige Moral zeigt, mit der hier die Geschichte breitgetreten wird. Denn es bedeutet ja schlicht: Machen darf jeder alles, aber sobald er erwischt wird – Feuer frei! Der Autor attestiert dem Politiker dementsprechend noch, einer „organisierte[n] Form von Sexualität“ gefrönt zu haben, da er, der Nationalrat, ja regelmäßig Nachrichten verschickte. Was schweizerisch-ordentlich klingt, aber auch so ähnlich wie „organisierte Kriminalität“. Der Text endet deshalb folgerichtig mit einem Richterspruch:

„Jetzt muss er auf die Knie. Das sind die Mechanismen der Öffentlichkeit.“

Auf die Knie. Weil er sich „erpressbar gemacht“ und „dämlich verhalten“ habe. Kurz abgesehen von der (wahrscheinlich beabsichtigten) sexuellen Konnotation – es ist ein bezeichnendes Bild vom Journalisten, der oben steht und auch bei dünner Faktenlage urteilt, wer sich nun bitteschön in den Staub werfen soll.

Wo Nationalrat Geri Müller übrigens längst ist: Der Nationalrat hat sich gestern Abend in der Sendung „Club“ bei SRF1 einer Runde gestellt, in der mehr als eine Stunde lang ausschließlich über ihn und untenrum geredet wurde.

  • Ebenfalls zum Thema: Kollege Rainer Stadler schreibt im NZZ-Blog, dass Vorsicht hier oberstes Gebot wäre. „Und Schweigen öfters besser.“
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Gastblogger: Boris Rosenkranz

20 Aug 14
20. August 2014

Ich glaube ja, dass ein Grund für die chronische Überlastung der ZDF-Pressestelle darin besteht, dass mehrere Mitarbeiter vor einiger Zeit dafür abgestellt wurden, kleine Boris-Rosenkranz-Voodoo-Puppen zu basteln. Spätestens als er mit einem Kamerateam von „Zapp“ auf dem Mainzer Lerchenberg auftauchte und dort einfach den Fernsehrat beim Sich-Versammeln-im-Konferenzraum filmen wollte. Da könnte ja jeder kommen. Und kommt auch! „Wir hatten in der letzten Zeit ein paar Fälle“, sagt ZDF-Kommunikationschef Alexander Stock, „wo sich ein paar Journalisten im Haus bewegt hatten.“

Jedenfalls entstand bei der Gelegenheit der folgende schöne Beitrag für das NDR-Medienmagazin:

Rosenkranz geht gerne zu Medienanlässen und fällt anderen zur Last, bei einer „Nacht der Medien“ in Hamburg („Herr Struhunz? Wir suchen die Krihise!“) ebenso wie bei Christian Wulffs Buchvorstellung („Herr Wulff, ist das denn heute auch ein Tag, wo Sie sagen, komm‘, wir machen einen Neuanfang, ich verzeih‘ Euch, ihr Medien?“).

Die Sommerpause von „Zapp“ hat er durch frenetisches Twittern überbrückt und nebenbei das ZDF um Kopf und Kragen gefragt.

Die nächsten Wochen tobt er sich neben seiner Arbeit bei „Zapp“ hier im Blog ein bisschen aus.

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Neues von Werther: Suizid-Häufung nach breiter Suizid-Berichterstattung

20 Aug 14
20. August 2014

Selbstmord ist ansteckend. Berichterstattung über Suizide erhöht die Zahl der Suizide. Eine neue Studie aus den Vereinigten Staaten liefert weitere Indizien dafür, dass dieser sogenannte „Werther-Effekt“ tatsächlich existiert.

Die Forscher, unter anderem von der Columbia Universität in New York, untersuchten Selbsttötungen von Jugendlichen in den Vereinigten Staaten zwischen 1988 und 1996. Einerseits Fälle, bei denen sich mehrere Jugendliche innerhalb einer begrenzten Zeit an einem Ort das Leben nahmen. Und andererseits Fälle, bei denen es bei einem einzelnen Suizid blieb. Dann verglichen sie die Berichterstattung in den Zeitungen jeweils nach dem ersten Suizid. Sie stellten fest, dass es signifikante Unterschiede gab.

In den Fällen, in denen es zu weiteren Suiziden kam, hatten die Zeitungen im Durchschnitt häufiger und ausführlicher über Suizide berichtet, mehr Details wie den Namen des Opfers, Zeit, Ort und Methode genannt und häufiger Abschiedsbriefe erwähnt. Die Berichterstattung hatte im Durchschnitt häufiger auf der Titelseite stattgefunden oder war durch ein Foto illustriert; die Beschreibung war expliziter und die Überschriften waren sensationalistischer gewesen.

Die Studie kann keinen ursächlichen Zusammenhang zwischen der Berichterstattung und den Folge-Suiziden herstellen, sondern nur eine Korrelation. Die Ursachen für Suizide und ihre Häufung sind komplex, und die mediale Berichterstattung macht sicher nur einen Faktor unter mehreren aus. Die Studie stützt aber die Annahme, dass eine bestimmte Form der Berichterstattung über Suizide die Wahrscheinlichkeit weiterer Suizide erhöht.

48 Cluster von Suiziden von 13– bis 20-Jährigen zwischen 1988 und 1996 bilden die Grundlage der Untersuchung: Keine gemeinsamen, abgesprochenen Suizide, sondern Häufungen an einem Ort mit drei bis elf Suiziden innerhalb eines Zeitraums von bis zu einem halben Jahr. Jedes dieser Cluster verglichen die Forscher mit zwei Suizid-Fällen in ähnlichen Städten, in denen es nicht zu weiteren Suiziden gekommen war.

Sie betrachteten dabei auch Ort und Art des jeweils ersten Suizids, um auszuschließen, dass es besonders auffällige, dramatische oder öffentliche Fälle waren, die für eine größere Berichterstattung sorgten und dadurch zu mehr Nachahmern führten. Todes-Ort und –Art unterschieden sich aber bei den Fällen mit einer anschließenden Häufung nicht signifikant von den Fällen ohne eine anschließende Häufung. Was sich unterschied, war die Berichterstattung.

Einen Zusammenhang mit der Entstehung von Suizid-Häufungen gab es nicht bei allgemeinen Zeitungs-Artikeln über das Thema, sondern nur bei Berichten über konkrete Selbsttötungen von Individuen. Die stärksten Effekte gab es bei Berichten über Suizide von Teenagern — wenn die Leser also mit dem Betroffenen identifizieren können — und von Prominenten — wenn die Leser den Betroffenen verehrten.

Die untersuchten Fälle lagen zwar alle vor dem Aufkommen von Social Media. Sie sind aber nach Ansicht der Autoren immer noch relevant. In einer Untersuchung von 2011, bei der 14– bis 24-Jährigen gefragt wurden, woher sie von einem Suizid erfuhren, hätten zwei Drittel Zeitungsberichte als Quelle genannt, noch vor Freunden und Verwandten (55 Prozent) und Online-Medien (44 Prozent).

Die Ergebnisse sind konsistent mit vielen anderen Studien über den „Werther-Effekt“. Sie bestätigen, welche Bedeutung Empfehlungen wie die der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention haben, nach denen in der Berichterstattung u.a. vermieden werden sollte:

  • einen Suizid auf der Titelseite oder als „TOP-News“ erscheinen zu lassen
  • ein Foto der betreffenden Person (besonders auf der Titelseite) zu präsentieren und Abschiedsbriefe zu veröffentlichen.
  • den Suizid als nachvollziehbare, konsequente oder unausweichliche Reaktion oder gar positiv oder billigend darzustellen bzw. den Eindruck zu erwecken, etwas oder jemand habe „in den Suizid getrieben“. („Für ihn gab es keinen Ausweg“).
  • die Suizidmethode und den Ort detailliert zu beschreiben oder abzubilden

Mir fehlt jetzt noch eine Studie, ob die vielen Journalisten, die diese Empfehlungen ignorieren, nicht an die beschriebenen Folgen ihrer Berichterstattung glauben — oder sie sie bewusst in Kauf nehmen.

 
Die Studie:

 
Aus dem Archiv:

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Programmhinweis (45)

14 Aug 14
14. August 2014

Die Leute vom deutschen Subforum für Ask Me Anythings haben mich eingeladen: Von 18 Uhr an kann man mich heute auf Reddit alles fragen. Bin sehr gespannt!

Hier geht’s lang.

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