Dr. Oetker und die Frage: Ist bunte.de ein „von Ethik geprägtes redaktionelles Umfeld“?

29 Aug 14
29. August 2014


(Verpixelung von mir.)

Bei Burdas Knallportal Bunte.de machen sie sich Sorgen um das Gewicht von Harper, der dreijährigen Tochter von Victoria und David Beckham. Unter dem Schutz der Anonymität hat dort ein redaktioneller Mitarbeiter einen Artikel verfasst, der fragt, ob das Mädchen „zu moppelig“ ist.

Während die beiden Stars rank und schlank durchs Leben gehen, zieht es Harper offenbar vor, getragen zu werden. Das zeigen aktuelle Aufnahmen. Zudem lässt es sich die kleine Prinzessin dabei noch schmecken, genießt augenscheinlich einen Softdrink. Wenn dem so ist, nimmt Harper mit einem Zug wohl mehr Kalorien zu sich als ihre Mutter in der ganzen Woche…

Können Becks und Posh ihrer Kleinen etwa keinen Wunsch abschlagen? Lassen sie bei der Erziehung die Zügel schleifen und geben ihr bedenkenlos Süßes und Fettiges im Übermaß? Die weitere Entwicklung der Dreijährigen wird es zeigen.

(Der „Wenn dem so ist“-Satz ist inzwischen ohne Erklärung verschwunden.)

Das eklige Fabulat auf der Grundlage von Paparazzi-Fotos hat der „Bunten“ viel Kritik beschert, aber offenbar auch reichlich Klicks — heute legt sie mit der Ferndiagnose eines Heilpraktikers nach.

Mathias Schindler hat das Machwerk gestern dazu bewegt, eine Mail an Dr. Oetker, einen Werbekunden von bunte.de, zu schreiben:

Sehr geehrter Herr Dr. Schillinger,

über soziale Netzwerke bin ich heute auf einen Textbeitrag auf der Website www.bunte.de hingewiesen worden, auf der — unabhängig von allen anderen Verstößen gegen Persönlichkeitsrecht und Würde der
Betroffenen — die Frage aufgeworfen wird, ob die dreijährige Tochter von zwei Prominenten zu dick sei. Neben diesem Text ist umfangreiche und entsprechend der üblichen TKPs wohl auch recht teure Werbung für Produkte Ihres Hauses (Screenshot als Referenz anbei). Sie finanzieren über Ihren Werbeetat ein solches Verhalten und ich werde Sie nicht aus der moralischen Verantwortung dafür entlassen.

Es ist nicht anzunehmen, dass die Redaktion der Bunten über Nacht ihr Verhalten aus innerer Überzeugung heraus ändern wird, allerdings werde ich die nächste Kaufentscheidung an der Tiefkühltruhe meines Supermarktes davon abhängig machen, wie Sie meine Fragen beantworten:

1. Inwiefern finden sich die Grundsätze des Unternehmens Dr. Oetker GmbH im Umgang mit den Persönlichkeitsrechten von minderjährigen Kindern Prominenter durch die BUNTE im Einklang?

2. Welche Werbemaßnahmen führen Sie auf www.bunte.de durch und welche werden Sie in Zukunft durchführen?

Bitte erlauben Sie mir die Veröffentlichung Ihrer Antwort in den sozialen Medien.

Mit freundlichen Grüßen,
Mathias Schindler, Potsdam

Schillinger, Leiter der Hauptabteilung Öffentlichkeitsarbeit, antwortete:

Sehr geehrter Herr Schindler,

vielen Dank für Ihre Mail und den Hinweis auf das redaktionelle Umfeld unseres Werbebanners auf „bunte.de“.

Bei der Platzierung unserer Werbemittel in klassischen Medien wie TV, Print und Online ist uns als Familienunternehmen ein von Ethik geprägtes redaktionelles Umfeld sehr wichtig. Um diese Umfeld-Qualität zu gewährleisten, nehmen wir Preisaufschläge für Qualitäts-Umfelder gerne „in Kauf“ und akzeptieren hierfür selbst eine Verteuerung unserer Produktkampagnen. Platzierungen in „Dirty“ Talk Shows, im Dschungelcamp oder Big Brother wird es daher von unseren Produkten nicht geben, dies gilt auch für Online-Umfelder.

Die Bunte sowie der Online-Ableger „bunte.de“ sind uns bislang nicht als „problematisches“ Umfeld aufgefallen. Wir werden Ihren Hinweis jedoch zum Anlass nehmen, unsere Platzierung auf „bunte.de“ zukünftig kritisch zu begleiten und diese Erfahrungen in unsere Platzierungsstrategie einfließen zu lassen.

Einen direkten Einfluss auf die Redaktion lehnen wir jedoch ab, da wir auf der Grundlage des Grundgesetzes an den Sinn einer Trennung von Redaktion und Werbung glauben und entsprechend handeln. Wir werden gleichwohl dem Verlag unsere Position darstellen.

Mit freundlichen Grüßen

Jörg Schillinger

Ich kann nicht beurteilen, ob das nur eine Standardantwort ist. Aber es liest sich doch erstaunlich deutlich.

Und das wäre doch eine erfreuliche Entwicklung: Wenn besinnungslos auf Klicks und Krawall optimierte Medien wie bunte.de von (potentiellen) Werbekunden als das beurteilt werden, was sie sind. Mir würden da jetzt noch ein paar andere Ausdrücke einfallen, aber für den Anfang tut’s problematisches Umfeld auch.

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Plump klickt gut

von Boris Rosenkranz
26 Aug 14
26. August 2014

Es wäre beunruhigend, wenn sie das, was sie bei news.de fabrizieren, tatsächlich für Nachrichten halten. Oder sogar für „mehr als Nachrichten“, wie es im Logo steht. Zum Beispiel das hier: „Einmal Oralsex für Angela Merkel“. Das steht da so, in der Überschrift. Und drüber steht, in der Dachzeile: „Blowjob-Festspiele“. Es geht also, Sie ahnen es sofort: um die Bayreuther Festspiele und um Frank Castorfs Inszenierung vor ein paar Wochen, bei der es zu Oralsex auf der Bühne gekommen sein soll. Was natürlich ein total heftiger Skandal ist.

Für news.de ist so ein Skandal ein Fest. Und weil da neben Sex auch Merkel drin vorkommt, steht dieser Artikel bei news.de im Ressort „Politik“. Das passt ganz gut. Denn in diesem Ressort entstehen auch Artikel wie diese (Verpixelung von mir):

Das sind nur Beispiele. Sie könnten sich auch genauso gut irgendeinen Scheiß ausdenken; die Wahrscheinlichkeit, dass Sie ihn auf news.de finden, ist relativ hoch. Die Methode ist immer dieselbe: geile Überschrift, kaum Inhalt. Denn news.de berichtet nicht, news.de schwurbelt, schreit und lügt.

Im Merkel-Artikel steht im Vorspann: „Wie Merkel und das Publikum reagiert haben, erfahren Sie hier.“ Und was erfährt man? Nichts. Weil news.de nichts weiß, jedenfalls nicht darüber, wie Merkel reagiert hat: „Ein Blowjob auf der Bühne dürfte vermutlich nicht ganz nach ihrem Geschmack gewesen sein.“ Oder: „Ob der Kanzlerin dabei die Schamröte ins Gesicht lief? Das ist ungewiss“.

So läuft das ständig. Hätte. Könnte. Dürfte.

Oder man behauptet einfach mal was: „Angela Merkel nimmt eine Eisdusche“ zum Beispiel. Und das bebildert man dann mit einem Foto von Merkel – auch wenn es tatsächlich bloß Oliver Pocher war, der sich, als Merkel verkleidet, bewässerte.

Im Leitbild von news.de heißt es, die Redakteure und Reporter würden „nach dem Grundsatz seriöser, unabhängiger Berichterstattung“ arbeiten und „Informationen aus Politik, Wirtschaft, Finanzen, Gesellschaft, Sport, Gesundheit, Medien, Technik und Auto“ liefern. Na, und was für welche!

„Hier berichten die Redakteure nicht nur aus der Berliner Republik, sondern auch über nationale und internationale Wirtschaftsthemen. Sie sind nah dran, wenn Fluten oder Flammen Landstriche verwüsten, spektakuläre Sportereignisse anstehen oder wichtige Urteile gesprochen werden.“

Ich nehme an, mit „nah dran“ ist gemeint, dass die Redakteure besonders nah an den Bildschirm rücken, um die Agenturmeldungen zu lesen, die sie dann eben umwursteln. Wer sich nicht den ganzen Kram reintun, aber einen Eindruck davon bekommen möchte, mit welchen Titten-, Tod– und Trallala-Geschichten sie bei news.de Klicks generieren, kann sich auch die Tweets ansehen:

Erst dachte ich: Wer das jeden Tag befüllen muss, hat kein schönes Leben. Aber das befüllt offenbar niemand, es scheint automatisiert zu sein.

Laut Arbeitsgemeinschaft Online Forschung (AGOF) ist die Seite knapp unter den Top 30 der deutschen Nachrichtenseiten. Mit etwas mehr als einer Million Unique User ist news.de zwar weit von den Großen wie bild.de oder spiegel.de entfernt, lässt aber trotzdem Titel wie die „Berliner Zeitung“ oder die „Mopo“ hinter sich. Kein Wunder: Für einen schnellen Klick machen sie bei news.de eben alles.

Sobald in der Reha-Klinik, in der Michael Schumacher liegt, ein Wasserhahn tropft oder sich Uli Hoeneß im Gefängnisbett umdreht, ist ein Artikel bei news.de so gut wie sicher. Die Texte werden ständig republiziert, immer mit einer kleinen unsinnigen Umdrehung oder einem Zitat mehr, womit news.de dann bei Google News ganz weit oben steht und Leser auf die Seite zieht.

Hinter diesem, nun ja: Konzept steht der Internet-Konzern Unister mit Sitz in Leipzig, eine der größten Internet-Firmen Deutschlands. Unister betreibt neben news.de noch boersennews.de, eine Art Wirtschaftsnachrichtenticker, vor allem aber Portale wie partnersuche.de, myimmo.de oder ab-in-den-urlaub.de, mehr als 40 Stück insgesamt. Der Konzern verdient an der Vermittlung, zum Beispiel von Urlaubsreisen, und hat es perfektioniert, Google für seine Zwecke zu nutzen. Wer dort nach Hotels oder Flügen sucht, stößt schnell auf eine Seite von Unister.

Bei Investoren stand der Konzern deshalb hoch im Kurs, auch wenn er schon länger einen eher zwielichtigen Ruf genießt und sich auch die Staatsanwaltschaft für den Laden interessiert. Zuweilen werden außerdem Vorwürfe laut, der Konzern stelle sich gesünder dar, als er tatsächlich sei. Sicher ist bloß: Unister ist ein Konzern, der darauf ausgelegt ist, Geld anzuhäufen und immer weiter zu wachsen. Und news.de, 2008 gegründet, sollte das Feigenblatt sein. Etwas vermeintlich Seriöses im Urlaubsverkäuferimperium.

Früher sollen bei news.de noch Leute auch mal selbst telefoniert und nachgedacht haben. Heute blasen sie Agenturmeldungen mit Nonsens auf und garnieren sie für die angelockten Leser mit Bilderstrecken, Links und Umfragen. Und mit Werbung:

news_de_werbung

(Haben Sie in dem Screenshot den Bericht gefunden? Kleiner Tipp: Hinter den Autos! Und den Hochhäusern! Und der Facebook-Werbung!)

Naja, und gestern sind dann die Sicherungen komplett durchgeknallt: news.de empört sich über „die aktuelle“, die „Leser-Dummfang“ betreibe. Das Friseur-Blättchen hat diese Woche einen wie immer raunenden Titel gebracht, eine Null-Info-Geschichte über angebliche Trennungs-Gerüchte bei Corinna und Michael Schumacher, irgendwo aus Facebook abgeschrieben. Tatsächlich plump und dumm. Doch dass ausgerechnet news.de diese Masche kritisiert, ist, als würde sich ein Exhibitionist beklagen, dass am FKK-Strand alle nackt sind.

Kurz gesagt: Die Welt wäre um einigen Wortmüll (und viel nervige Werbung) ärmer, wenn diese Seite aus dem Netz verschwände. Das wäre natürlich schlecht für die Mitarbeiter. Zumal ich hoffte dachte, dass die nur da arbeiten, weil der Markt für Leute, die was mit Medien machen, gerade so mies ist. Eine Redakteurin gibt da auch so einen Hinweis. Im Impressum schreibt sie, wieso sie bei news.de ist:

„Weil ich in den Osten wollte und news.de die spannendste Option war, meine Miete zu bezahlen.“

Ein anderer Redakteur schreibt, er sei jung und brauche das Geld. Eigentlich aber finden sie es ganz geil, da zu arbeiten. Chefredakteur Jan Grundmann schreibt, er sei bei news.de, um die, Obacht: „Medienzukunft“ mitzugestalten. Andere wollen „Erfahrungen“ sammeln, an ihrer „Schreibe“ feilen oder die „journalistischen Kenntnisse“ ausbauen. Ich weiß bloß gerade nicht, bei welchem Arbeitgeber news.de als gute Referenz gelten könnte. Außer vielleicht bei Focus Online.

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Schweigen fürs Leistungsschutzrecht

25 Aug 14
25. August 2014

Nachtrag, 14:40 Uhr. Okay, keine Glanzleistung, dieser Eintrag. Zwei wichtige Korrekturen unten.

Im Juni haben zwölf Verlage und die von ihnen gestützte Verwertungsgesellschaft VG Media Beschwerde beim Bundeskartellamt gegen Google eingelegt. Sie werfen dem Suchmaschinen-Unternehmen vor, im Zusammenhang mit dem neuen Presse-Leistungsschutzrecht seine Vormachtstellung am Markt zu missbrauchen.

Das Bundeskartellamt hat diese Beschwerde, wie die „Frankfurter Allgemeine“ berichtete und die Agenturen dpa, epd und Reuters meldeten, zurückgewiesen.

Über die Beschwerde berichtete die „Welt“, deren Verlag Axel Springer zu den Beschwerdeführern zählt, im Juni:

Über die abschlägige Antwort des Kartellamtes berichtete die „Welt“: nicht.

Über die Beschwerde berichtete das „Hamburger Abendblatt“, dessen Verlag Funke zu den Beschwerdeführern zählt, im Juni:

Über die abschlägige Antwort des Kartellamtes berichtete das „Hamburger Abendblatt“: nicht.

Über die Beschwerde berichtete der „Kölner Stadt-Anzeiger“, dessen Verlag DuMont Schauberg zu den Beschwerdeführern zählt, im Juni:

Über die abschlägige Antwort des Kartellamtes berichtete der „Kölner Stadt-Anzeiger“: nicht*.

Über die Beschwerde berichtete die „Hannoversche Allgemeine“, deren Verlag Madsack zu den Beschwerdeführern zählt, im Juni:

Über die abschlägige Antwort des Kartellamtes berichtete die „Hannoversche Allgemeine“: nicht*.

„Wir Verlage“, sagt Thomas Düffert, Chef der Madsack-Mediengruppe, „sind ein Garant der Meinungsbildung und damit für die Demokratie in Deutschland.“ Solche Sätze dienen offenkundig nur dazu, Forderungen an andere zu bekräftigen. Sie sind keine Verpflichtung für die eigene tägliche Arbeit.

*) Korrektur, 14:15 Uhr. Die „Hannoversche Allgemeine“ hat zwar nicht online, aber am Samstag in ihrer Print-Ausgabe berichtet. Und auch der „Kölner Stadt-Anzeiger“ hat zwar online keine Meldung gebracht, aber in der Zeitung.

 
Aus dem Archiv:

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Mutmaßungen über Google: Kartellamt lässt Madsack und VG Media blöd aussehen

22 Aug 14
22. August 2014

FAZ.net berichtet, dass das Bundeskartellamt eine Beschwerde deutscher Zeitungsverlage gegen Google in Sachen Leistungsschutzrecht scharf zurückgewiesen gewiesen habe. In einem Brief der Behörde heiße es: „Die Anknüpfungspunkte für ein eventuell kartellrechtsrelevantes Verhalten von Google beruhen teilweise nur auf Mutmaßungen. Das eigentliche Beschwerdeziel bleibt unklar.“ Kartellamtspräsident Andreas Mundt sagte: „Erforderlich für die Einleitung eines Missbrauchsverfahrens ist stets ein hinreichender Anfangsverdacht. Die Beschwerde der VG Media konnte diesen nicht begründen.“ Die Vorwürfe der VG Media knüpften nicht an ein konkretes Verhalten von Google an.

Das erinnert mich daran, dass ich hier seit Wochen einen fertigen Eintrag zum Thema ungebloggt herumliegen habe. Es ist die Fortsetzung dieses Eintrags, in dem ich der VG Media vorgeworfen hatte, den Bundestag in eben dieser Sache zu desinformieren.

Das passt heute ganz gut:

Die Madsack-Mediengruppe macht Google öffentlich unhaltbare Vorwürfe, möchte Nachfragen dazu aber nicht beantworten.

Thomas Düffert, der Vorsitzende der Geschäftsführung, hatte im Juni begründet, warum sich sein Verlag („Hannoversche Allgemeine Zeitung“, „Leipziger Volkszeitung“, „Lübecker Nachrichten“) zusammen mit elf anderen und der Verwertungsgesellschaft VG Media beim Bundeskartellamt über den Suchmaschinenkonzern beschwert habe:

„Madsack hat im vergangenen Jahr von Google eine schriftliche Aufforderung erhalten, auf die Durchsetzung unseres soeben durch den deutschen Gesetzgeber gewährten Presseleistungsschutzrechtes ganz zu verzichten und zu erklären, keine Vergütungsansprüche gegen Google geltend zu machen. Andernfalls würde Google, als deutschland– und weltweit größter Betreiber von Suchmaschinen, unsere digitalen verlegerischen Angebote auslisten. Für uns ist diese Drohung eindeutig ein Marktmissbrauch, denn bei einem Fast-Monopolisten wie Google ausgelistet zu werden und damit nicht mehr sichtbar zu sein, hat weitreichende Folgen.

Ich habe der Madsack-Pressestelle dann folgende Fragen gestellt:

Können Sie mir sagen, wann und in welcher Form Google Madsack damit gedroht hat, die Angebote aus seiner Suchmaschine auszulisten?

Im Zusammenhang mit dem Leistungsschutzrecht hat Google im Sommer 2013 angekündigt, Angebote, die keine entsprechende Einverständniserklärung abgeben, aus „Google News“ herauszunehmen, nicht aber aus der Suchmaschine. Bezieht sich die Aussage von Herrn Düffert darauf? Oder gab es weitere „Drohungen“ von Google?

Hat „Google News“ nach Ansicht von Madsack eine marktbeherrschende Stellung im Bereich der Nachrichtenaggregatoren?

Die Pressesprecherin sagte mir zu, sich „schnellstmöglich“ zu melden, tat das dann aber gar nicht mehr. Auf Nachfrage erklärte sie, sie hätte meine Anfrage an die VG Media weitergegeben. Auf erneute Nachfrage sagte sie, Madsack werde sich nicht dazu äußern.

Einer der großen Regionalzeitungsverlage, „ein Garant der Meinungsbildung und damit für die Demokratie in Deutschland“ (O-Ton Düffert) behauptet lautstark, von Google quasi erpresst worden zu sein, möchte aber nicht sagen, wann und in welcher Form das geschah.

Es könnte natürlich damit zu tun haben, dass Google, wie gesagt, gar nicht mit einer solchen Auslistung aus der Suche gedroht habe, sondern es bei dem Vorgang im Sommer 2013 ausschließlich um den Nachrichtenaggregator „Google News“ ging.

Aber tatsächlich, immerhin, bekam ich dann doch noch eine Antwort von der VG Media, jener Organisation, die für Madsack, Springer und mehrere weitere Verlage versucht, aus dem neuen Leistungsschutzrecht Erlöse zu erzielen. Die VG Media hatte im Juli Bundestagsabgeordnete und Vertreter mehrerer Bundesministerien zu einer Informationsveranstaltung eingeladen und dabei ebenfalls behauptet, dass Google den Verlagen im vergangenen Jahr mit einer Auslistung aus der Suche gedroht habe. Auf meine Bitte um eine Erklärung antwortete die VG Media nach nur zwei Nachfragen:

Das Leistungsschutzrecht spricht von Suchmaschinen und anderen kommerziellen Diensten, die Inhalte entsprechend einer Suchmaschine aufbereiten. Im Gesetzestext ist der zentrale Satz so formuliert: „Zulässig ist die öffentliche Zugänglichmachung von Presseerzeugnissen oder Teilen hiervon, soweit sie nicht durch gewerbliche Anbieter von Suchmaschinen oder gewerbliche Anbieter von Diensten erfolgt, die Inhalte entsprechend aufbereiten.“ Deswegen ist keineswegs nur Google News betroffen, sondern auch Google Search, Google Bilder und jede andere Form von Suche und Aggregation, die mehr umfasst, als einzelne Wörter oder kleinste Textausschnitte.

Das mag sein. Die Einverständniserklärung, die Google im vergangenen Jahr forderte und die die VG Media für einen Missbrauch der Marktmacht Googles hält, bezog sich allerdings ausschließlich auf „Google News“.

Die VG Media weiter:

Außer Google weiß niemand, mit welchen Mechanismen die verschiedenen Google-Dienste miteinander verknüpft sind. Die VG Media hat deutliche Hinweise darauf, dass die Auslistung aus Google-News auch Auswirkungen auf die Auffindbarkeit in der Suchmaschine hat. Google verschweigt die Auswirkungen, die die angedrohte Auslistung von „Google News“ auf die anderen Google-Dienste hat, insbesondere auch auf die allgemeine Google-Suche.

Ich hatte im Juli, als ich die Antwort bekam, auch schon den Verdacht, dass es sich bei den „deutlichen Hinweisen“ um bloße Mutmaßungen handelt. Und selbst wenn nicht, hätte das nichts mit dem Vorwurf zu tun, den die VG Media und Verlage wie Madsack gegen Google erhoben haben, nämlich mit einer Auslistung aus der Suche zu drohen.

Irgendwie bin ich nicht überrascht über die Klatsche des Kartellamts für diesen Verein.

Nachtrag, 18:50 Uhr. Die VG Media bezeichnet die Meldung von FAZ.net sprachlich originell als „sachlich unzureichende Darstellung und Bewertung“ des Sachverhaltes.

iRights.info dokumentiert das Schreiben des Kartellamtes im Original und kommentiert es.

 

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Abwarten und totsaufen

von Boris Rosenkranz
21 Aug 14
21. August 2014

Plötzlich war es also da, einfach so, inmitten der Stadt Fürth in Mittelfranken, wo rund 120.000 Menschen leben, es einen Bürgermeister von der SPD gibt und eine Lokalzeitung, die weiß, was sie nicht tut. Von heute auf morgen lag es da rum, das unbekannte Subjekt, und die Reporter der „Fürther Nachrichten“ haben es gleich identifiziert, denn es lag in einem Park in der Innenstadt, hatte lediglich einen „kleine[n] Rucksack“, eine Gitarre und sonst nicht viel, wie die Zeitung wissen lässt.

Und nun treten Sie bitte besser schon mal einen Schritt zurück und halten sich Nase und Augen zu, denn das unbekannte Subjekt, um das es sich handelt, ist:

ein Obdachloser.

120.000 Einwohner in Fürth müssen zusehen, wie ein einzelner Obdachloser auf öffentlichem Grund versucht, irgendwie klarzukommen. Die schockierende Meldung: „Der Obdachlose wurde – vor aller Augen – zum Bewohner des kleinen Parks.“ Vor aller Augen! Es ist so schlimm. Das haben den „Fürther Nachrichten“ auch „Experten“ versichert: „Es ist ein ungewöhnlicher Fall, nicht nur weil es in Fürth in jüngerer Zeit nach Erkenntnis von Experten keine Menschen mehr gab, die dauerhaft im Freien lebten.“ Keine Obdachlosen also in Fürth. Gesegnete Stadt.

Aber nun sehen die armen Leute in Fürth eben live, was sie sonst nur aus dem Fernsehen oder vom Drei-Tage-Bustrip nach Berlin kennen: Armut. Was die Reporterin auch rührselig notiert: Wie es da liegt, das „Bündel Mensch im Pavillon“, auf der „Isomatte, die die Kälte des Steins erträglich macht“. Und wie es, „hinkend“ und „nie aggressiv, nie laut“, durch den Tag zu kommen versucht, zwischendurch auf der Gitarre spielt, das immergleiche Lied, um an etwas Geld zu kommen.

Was macht also die Lokalzeitung?

Sie geht mal zu dem Unbekannten hin. Fragt, wer er ist. Fragt, woher er kommt. Was mit ihm geschehen ist. Fragt, ob es ihm gut geht oder er Hilfe braucht. Gibt ihm etwas Geld oder zu essen und zu trinken. Ruft in der Zeitung dazu auf, zu helfen. Trommelt. Macht. Schreibt dann eine herzzerreißende Geschichte über einen Obdachlosen und dessen Schicksal. Sie ruft die Polizei.

„Ein besorgter Anruf aus der FN-Redaktion nach den ersten Tagen war Anlass für die Polizei, die Personalien des Mannes festzustellen.“

Diese tiefe Besorgnis, sie muss immens sein, so immens, dass die Lokalreporter nicht aus der Redaktion bzw. in die Nähe des Unbekannten gehen können. Aus gebotener Entfernung und in tiefer Sorge hat die Zeitung den Obdachlosen also abgelichtet, netterweise von hinten, wie er da im Schlafsack liegt, ein Tetrapack neben sich und die Gitarre. Wo er möglicherweise herkommt, was möglicherweise ist, all das erfährt der Leser aus zweiter und dritter Hand, weil das Lokalblatt, statt mit dem Mann Kontakt aufzunehmen, seine Zeit damit zubringt, nach der Polizei auch noch das Sozialamt anzurufen. Und zu warten. Und zu kucken. Und zu warten.

Aber gut, mit Hilfe der einigermaßen hilflosen Sozialamts-Chefin wird dann in den „Fürther Nachrichten“ wenigstens noch mal dargelegt, wie, Zitat: „uferlos“ dieses Problem mit dem einen Obdachlosen doch scheine. Und dass man da jetzt auch nicht recht, ähä, nun ja, also: Man kann ja niemanden zwingen. Man kann ihm nur Optionen aufzeigen. Eine hätte die Sozialamts-Chefin schon mal anzubieten:

Es handle sich immer noch um einen freien, erwachsenen Mann, den man nicht entmündigen dürfe, der sich, wenn er dies wolle, auch totsaufen dürfe.

Der Artikel, ihre Untätigkeit – beides hat den „Fürther Nachrichten“ schon Rüffel von ihren Lesern beschert. Die Redaktion hat trotzdem eine total sozialkritische Erklärung parat, warum sie das jetzt so gemacht hat und nicht anders:

„Der Artikel beschäftigt sich damit, dass es in einer Stadt wie Fürth – erschreckenderweise – drei Wochen lang nicht gelungen ist, einem schutzbedürftigen Menschen zu helfen bzw. überhaupt erst einmal zu erfahren, ob er sich Hilfe wünscht.“

Dazu hätte ich eine kurze Frage: Hä? Die Autorin des Artikels ist erst damit beschäftigt, Ämter zu alarmieren und drei Wochen abzuwarten, ob sich was tut, um sich dann, weil sich nichts tut, damit zu befassen, dass sich nichts tut? Knaller. Das hätte der selbstreferentiellste Text zwischen ungefähr 1987 und heute werden können. Nur fragt sich die Zeitung leider nicht, weshalb sie nichts (anderes) tat.

Der Obdachlose, ein Mann aus Ungarn, bekam übrigens offenbar doch noch Hilfe, wie die Redaktion in einer Stellungnahme auf eine Leser-Beschwerde schreibt. Eine Leserin der „Fürther Nachrichten“ fuhr hin, konnte sich auf Ungarisch mit dem Mann verständigen und bot ihm Geld für ein Zugticket an. Angeblich hat er sich darüber gefreut. Das Bittere ist bloß: Weil die Hilfsaktion durch den Artikel ausgelöst wurde, denken sie bei den „Fürther Nachrichten“ nun wahrscheinlich, dass ihre Arbeit etwas bewirkt habe – und dass das Lokaljournalismus ist.

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