Leistungsschutz­recht wirkt: Mehrere Suchmaschinen zeigen Verlagsseiten nicht mehr an

15 Sep 14
15. September 2014

Wer die Internetsuche von web.de, GMX oder T-Online nutzt, bekommt keine Ergebnisse mehr von „Bild“, „Welt“, „Hannoversche Allgemeine“, „Berliner Zeitung“ und zahlreichen weiteren Online-Angeboten von Zeitungen angezeigt. Die drei Portale haben jene Verlage, die in der VG Media organisiert sind, um Ansprüche aus dem neuen Presse-Leistungsschutzrecht geltend zu machen, ausgelistet.


Betroffen sind unter anderem folgende Seiten:

  • haz.de
  • welt.de
  • bild.de
  • abendblatt.de
  • mopo.de
  • morgenpost.de
  • ksta.de
  • express.de
  • derwesten.de
  • rp-online.de
  • merkur-online.de
  • tz.de
  • waz-online.de
  • goettinger-tageblatt.de
  • op-marburg.de
  • ln-online.de
  • lvz-online.de
  • dnn-online.de
  • shz.de
  • augsburger-allgemeine.de
  • oz-online.de
  • bunte.de
  • berliner-zeitung.de

Inhalte anderer Verlage, die nicht Geld für die Anzeige kurzer Ausschnitte ihrer Inhalte in Suchmaschinen oder Aggregatoren verlangen, werden nach wie vor angezeigt. Nach Angaben des Unternehmens 1&1, zu dem GMX und web.de gehören, wurden alle digitalen verlegerischen Angebote, die die VG Media als Wahrnehmungsberechtigte ausweist, zum 1. August 2014 bis auf weiteres ausgelistet. Anfang Juli hatte die VG Media bekannt gegeben, unter anderem 1&1 auf „Zahlung einer angemessenen Vergütung für die Verwertung der Presseleistungsschutzrechte der Verleger“ verklagt zu haben.

1&1-Sprecher Jörg Fries-Lammert begründet die Auslistung auf Nachfrage so:

Die VG Media macht für die von ihr vertretenen Presseverleger Ansprüche nach dem sog. Leistungsschutzrecht geltend. Im Kern geht es unter anderem darum, ab welcher Textlänge und von wem Presseverleger eine Vergütung für die öffentliche Zugänglichmachung von Presseerzeugnissen verlangen können. Wir sind überzeugt, dass diese Forderungen unbegründet sind. Lediglich vorsorglich haben wir uns entschlossen, hiervon betroffene Angebote auszulisten. Nutzereffekte waren bisher nicht feststellbar.

Der Schritt der Suchmaschinen ist konsequent: Schließlich untersagt das neue Leistungsschutzrecht, das die Verlage unter Führung des Axel-Springer-Verlages und seines Strategen Christoph Keese erkämpft haben, die ungenehmigte Anzeige von Ausschnitten ihrer Inhalte. Ob die sogenannten „Snippets“ in den Ergebnissen von Suchmaschinen davon betroffen sind, ist umstritten — die in der VG Media organisierten Verlage meinen Ja.

Insofern können sie sich also freuen, dass ihre Inhalte nicht mehr von GMX, web.de und T-Online genutzt werden und kein Nutzer dieser Angebote mehr zu ihren Seiten geführt wird.

Die Bedeutung dieser drei Angebote ist nicht groß; der Rückgang des Traffics dürfte für die betroffenen Seiten nur minimal sein. Andere Suchmaschinen wie Yahoo und Bing scheinen die Verlage der Leistungsschutzallianz bislang nicht ausgelistet zu haben.

Dadurch dass GMX, web.de und T-Online anders als Google nicht den Markt dominieren, haben die Verlage keine Handhabe, gegen die Auslistung vorzugehen. Im Fall von Google würden sie einen solchen Schritt als Missbrauch der marktbeherrschenden Stellung interpretieren und versuchen, dagegen juristisch vorzugehen. Die Suchmaschine von Google soll die Verlags-Inhalte, die sie nicht anzeigen darf, anzeigen müssen — und dafür zahlen.

GMX, web.de und T-Online weisen ihre Nutzer nicht darauf hin, dass ihnen bestimmte Seiten bei der Suche nicht mehr angezeigt werden. Es scheint bislang auch niemandem groß aufgefallen zu sein, was den Verlagen, die ihre wertvollen und nun durch ein eigenes Leistungsschutzrecht geschützten Inhalte für unverzichtbar für eine Suchmaschine halten, zu denken geben könnte.

Nachtrag, 15.45 Uhr. Jetzt habe ich auch eine Antwort der Telekom zur Auslistung der Verlagsseiten auf t-online.de bekommen:

Die VG Media und die Deutsche Telekom haben sich in der letzten Zeit über die Lizenzierung der Leistungsschutzrechte von denjenigen Presseverlegern ausgetauscht, die von der VG Media vertreten werden. Man konnte sich allerdings nicht einigen. Die Deutsche Telekom hat sich daher — bis auf Weiteres — entschlossen, ab Ende Juli 2014 die entsprechenden Suchergebnisse auf ihren Portalen so darstellen zu lassen, dass sie eindeutig nicht unter das Leistungsschutzrecht für Presseerzeugnisse der von der VG Media vertretenen Presseverlage fallen.

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„Nachtmagazin“ produziert Anfang nach Panne noch einmal neu fürs Netz

12 Sep 14
12. September 2014

Sie mögen das bei ARD-aktuell, aus irgendwelchen Gründen, wenn die Moderatorin oder der Moderator des „Nachtmagazins“ am Anfang der Sendung ein paar Schritte quer durchs Studio geht. Deshalb stehen sie nicht auf ihrer ersten Moderationsposition, sondern laufen immer erst vom Tisch über das teure Nachrichtenparkett dahin. Währenddessen fliegt die Kamera eine Runde durchs Studio, vermutlich nach dem Motto: Wenn das schon technisch möglich ist, sollte man es auch machen.

In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag gab es Komplikationen:

Kann mal passieren, und Gabi Bauer ist ohnehin nicht so leicht aus der Fassung zu bringen.

Interessant ist aber, dass die Sendung im Archiv auf tagesschau.de ohne die Panne beginnt. Stattdessen sieht man in ganzer Pracht, was sich die Redaktion ausgedacht hatte, um die gewaltige Projektionswand zu bespielen.

Der Anfang wurde also nach der Sendung noch einmal produziert. Was doch ein erstaunlicher Aufwand ist. Kai Gniffke, Erster Chefredakteur von ARD-aktuell, erklärt es mir so:

Die Nutzer von tagesschau.de haben Anspruch auf inhaltlich und technisch fehlerfreie Informationssendungen. Dabei lassen wir uns von folgender Überlegung leiten: Ist eine Nachrichten-Website ein reiner Ausspielkanal für all das, was man im linearen Fernsehen gesendet hat, quasi als Dokumentation des Senders, oder ein Portal, das den Nutzern die Möglichkeit gibt, sich zeitunabhängig mit Hilfe von Videos auf Abruf zu informieren? Wir haben uns ganz eindeutig für das Letztere und damit für die meines Erachtens modernere Interpretation entschieden, auch wenn wir diejenigen Nutzer enttäuschen, die auf unserer Website auch gerne Sendestörungen wiedergegeben sähen.

Na gut. Müssen die Sendestörungsgucker halt hierher kommen.

[mit Dank an Robin D.!]

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Ehe, Gewicht, Promis: Wie man Experte für Allesmögliche bei „bunte.de“ wird

von Boris Rosenkranz
04 Sep 14
4. September 2014

Dieser Satz ist ja an sich schon ganz lustig:

BUNTE.de hat bei einem Experten nachgefragt.

Der Experte in diesem Fall heißt Abbas Schirmohammadi, und es gibt ihn wirklich; Bunte.de hat in einem Artikel freundlicherweise gleich einen Link gesetzt zu seiner Seite und ihn als „Münchner Heilpraktiker für Psychotherapie“ vorgestellt. Wobei das wechselt. Bunte.de spricht in jüngster Zeit öfter mit Herrn Schirmohammadi. Mal ist er Psychologe, mal Heilpraktiker, mal Personality Coach. Mal „Experte“ für Ehe, für Gefühle, Charakterwechsel, Narzissten. Und insgesamt auch, kann man wohl so sagen: „Experte“ für alles, was Prominente betrifft.

Doch welche Chancen hat die Ehe der beiden Schauspieler [Brad Pitt und Angelina Jolie]? BUNTE.de hat den Münchner Psychologen Abbas Schirmohammadi (36) gefragt.

Wir haben uns ihr Verhalten [das von Heidi Klum] von dem Münchner Heilpraktiker für Psychotherapie und Personality Coach Abbas Schirmohammadi (36) erklären lassen.

Wir fragen den Münchner Psychologen Abbas Schirmohammadi (36), wie er die Gefühlslage der schönen Blondine [Corinna Schumacher] einschätzt.

Wir haben uns ihren Charakterwechsel [den von Claudia Effenberg] von dem Münchner Heilpraktiker für Psychotherapie und Personality Coach Abbas Schirmohammadi (36) erklären lassen.

Für BUNTE.de hat der Psychologe Abbas Schirmohammadi (36) genauer hingeschaut und die Kandidaten [der Sendung „Bachelorette“] analysiert.

Auch in einem anderen Artikel taucht Herr Schirmohammadi auf, jedoch nicht auf bunte.de, sondern in der „Süddeutschen Zeitung“, wo er vor zwei Jahren Auskunft darüber gibt, weshalb Erotikpartys bei jungen Leuten so angesagt sind. Außerdem sitzt er schon mal bei „taff“ rum, auf Pro Sieben. Oder Herr Schirmohammadi kümmert sich um die „Herzensangelegenheiten“ der „Freundin“-Leserinnen. Und jetzt ist er auch noch „Experte“ für Gewicht. Denn den Redakteuren von bunte.de sind vor ein paar Tagen Fotos in die Hände gefallen, auf denen David Beckham seine dreijährige Tochter Harper trägt. Bunte.de schlussfolgert:

Während die beiden Stars [David und Victoria Beckham] rank und schlank durchs Leben gehen, zieht es Harper offenbar vor, getragen zu werden. Das zeigen aktuelle Aufnahmen.

Diese Pseudo-Investigative ist schon toll: „Das zeigen aktuelle Aufnahmen.“ Und dass sich eine Dreijährige tragen lässt! Unfassbar! Und dass sie obendrein die Frechheit besitzt, dabei, laut „Bunte“-Recherche, einen „Softdrink“ zu konsumieren und zudem wohlgenährt aussieht! Un. Fass. Bar. Deshalb titelte bunte.de:

Bunte.de Titel

Im Text spekuliert bunte.de zunächst darüber, wie viele Kalorien die Beckham-Tochter täglich wohl so zu sich nimmt und wie viele Kalorien mehr als ihre Mutter. (Der Satz ist inzwischen verschwunden.) Außerdem überlegt bunte.de, ob Harpers Eltern ihr „bedenkenlos Süßes und Fettiges im Übermaß“ geben. Um dann schließlich noch über das Gewicht der Dreijährigen abstimmen zu lassen:

Voting auf Bunte.de

Ein Voting zum Gewicht einer Dreijährigen. Erfreulicherweise bescherte das der Redaktion Zoff mit ihren Lesern; und der Konzern Dr. Oetker teilte Burda Media mit, dem Verlag der „Bunten“, man wolle nicht in einem „ethisch bedenklichen Umfeld“ werben. Laut Dr. Oetker entschuldigte sich der Verlag daraufhin rasch und gelobte Besserung. Was ebenfalls lustig ist, denn kurz zuvor hatte bunte.de noch versucht, den reißerischen Artikel zu verklären und behauptet, man habe lediglich für ein Thema sensibilisieren wollen: für „Übergewicht bei Kleinkindern“.

Und da kommt Herr Schirmohammadi ins Spiel.

Der Psychologe/Heilpraktiker/Coach ist der Kronzeuge. Weil er irgendeinen Titel trägt, irgendwas Medizinisches, was mit Psychologie, wirkt das natürlich wahnsinnig seriös, was er sagt. Schirmohammadi soll ganz fachmännisch einschätzen, ob das Kind zu dick ist. Oder eher: Er soll mal eben sagen, ob das Kind auf Fotos zu dick aussieht. Und das macht er dann auch:

Auf den aktuellen Fotos lässt sich nicht leugnen, dass die kleine Harper für die Beckhams untypisch moppeliger ist, als man erwarten dürfte.

Er weiß auch, weshalb. Jedenfalls so ungefähr.

Die Gründe dafür liegen seiner Ansicht nach auf der Hand: schlechte Ernährung, zu wenig Bewegung oder eine Wachstums– und Entwicklungsphase.

Bäm! Analyse! Und es geht noch weiter. Herr Schirmohammadi sagt, dass es einen „Zusammenhang von essgestörten Eltern zu essgestörten Kindern“ gebe und die Tochter zu dick sei, weil die Mutter zu dünn sei. Jedenfalls auf Fotos:

Posh leidet meiner Meinung nach definitiv unter einer Essstörung, die in Richtung Magersucht geht. Das zeigen Fotos, auf denen sie extrem dünn ist.

Es ist faszinierend, wie unverfroren bunte.de versucht, das als Journalismus darzustellen, was sie da machen: also in München sitzen, auf ein Paparazzo-Foto schauen, irgendeine Story stricken und dann, wenn’s Ärger gibt, so tun, als hätte man eine überfällige Debatte angestoßen. Die Berechnung, das Heuchlerische darin müsste man aus 300 Metern Entfernung erkennen; aber ich fürchte, ausreichend Leser kaufen das bunte.de ab. Dass ein Experte für Allesmögliche dem Gelaber einen Schein der Seriosität verleihen soll, indem er etwas zu Fotos meint.

Ich wollte wissen, wie das ist, wenn bunte.de anruft und einen „Experten“ sucht, also habe ich einen Experten angerufen: Herrn Schirmohammadi.

Website Abba Schirmohammadi

Bunte.de, sagt Abbas Schirmohammadi, sei „durch einen psychologischen Fachbeitrag“ auf ihm aufmerksam geworden. Und nun ruft bunte.de schon mal an, um eine „Einschätzung mit psychologischem Hintergrund“ zu bekommen. Den habe er nach diversen Ausbildungen. Acht Jahre lang, sagt Schirmohammadi, habe er Schulen und Akademien besucht, sich zum Heilpraktiker, Mediator, Personality Coach und Management-Trainer ausbilden lassen. Und weil er auch Ratgeber-Bücher und DVDs veröffentlicht hat, etwa zu „Audiovisuellem Chillout“ oder „50 bewährte Tipps gegen Liebeskummer“, melden sich immer mal Journalisten, um was zu fragen. Schirmohammadi findet das schön: „Ich freue mich, wenn bekannte und erfolgreiche Magazine mein Fachwissen hinzuziehen wollen.“

Herr Schirmohammadi kennt sich also aus mit Medien. Er sei ja auch selbst Chefredakteur eines „naturheilkundlich-psychlogischen Magazins“, sagt er; das steht auch auf seiner Seite: „Chefredakteur der Magazine ‚Paracelsus‘ und ‚Mein Tierheilpraktiker‘“. Und beim Fernsehen war Schirmohammadi auch sechs Jahre lang, allerdings nur zu hören: Während seiner Ausbildungen war er Wrestling-Kommentator, unter anderem für die Sender „Premiere“ und „DSF“.

Und nun also: „Experte“.

Dass das, was er so über Leute sagt, die er von Fotos kennt, zuweilen wie eine Ferndiagnose klingt, findet Schirmohammadi nicht. Es sei eine „psychologische Einschätzung“. Außerdem beschäftige er sich mit dem konkreten Sachverhalt und gebe „keine Antworten aus dem Stegreif“. Es gebe zudem, was Victoria Beckham betreffe, „genügend Fotos und Aussagen von Victoria selbst, die auf eine Essstörung hinweisen könnten“. Woraus Schirmohammadi den Schluss zieht, dass Frau Beckham vielleicht magersüchtig sei, was aber keine Ferndiagnose sein soll.

Er bekomme viele Rückmeldungen auf das, was er bunte.de sage, zumeist positive. Bei der Harper-Geschichte habe es auch kritische Anmerkungen gegeben, „die sich aber mehr auf die Grundsatzdiskussion und das Thema des Beitrags“ bezogen hätten. Dennoch: „Unsere Gesellschaft will Gerüchte und Einschätzungen zu Skandalen hören“, sagt er. Wenn das dann so reißerisch verpackt wird wie bei bunte.de, hilft Herr Schirmohammadi also folglich dabei, auch wenn er darauf keinen Einfluss hat. Aber es zahlt sich aus: Auch wenn Schirmohammadi seine Kommentare unentgeltlich abgäbe, wozu er nichts sagen will – ein geldwerter Vorteil ist es, mit Namen und Link auf – beispielsweise – bunte.de vertreten zu sein.

Herr Schirmohammadi hat natürlich Recht: Menschen tratschen gern, schon immer. Ich finde trotzdem, dass es ein zwielichtiges Geschäft ist, aufgrund von Paparazzo-Fotos oder Gerüchten, auch mal zu spekulieren, was mit irgendwem vielleicht sein könnte. Harper Beckham ist da nur ein Beispiel, Michael Schumacher ein anderes, allerdings ein besonders krasses angesichts dessen, was da schon alles verzapft wurde. Da draußen wimmelt es von Ärzten und Halbmedizinern, die irgendwas glauben und meinen, wenn wieder irgendeine Redaktion anruft.

Ach, ja: Ich habe Herrn Schirmohammadi übrigens seine Zitate zugeschickt. Wünschte er so. Und dann hat er einiges duchaus Interessantes gestrichen. Auf die Frage, ob er das bei bunte.de auch so mache, antwortet er, dass er den Redaktionen, die anfragen, seine Einschätzungen schriftlich zukommen lasse. Was sie daraus verwenden würden, obliege den Redaktionen. Darauf habe er keinen Einfluss.

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Dumme Nüsse

von Boris Rosenkranz
31 Aug 14
31. August 2014

Halten Sie sich bitte fest, es ist alles ganz schlimm! Ebola. Syrien. Ukraine. Gaza. AfD. Und dann ist kürzlich in einer Redaktion noch jemandem eingefallen, dass es im Frühjahr in der Türkei ja diese eine Nacht gegeben hat, in der es so frostig war, dass durch die Eiseskälte Haselnuss-Sträucher beschädigt wurden. Das ist schlecht, auch weil gut zwei Drittel aller Haselnüsse aus der Türkei kommen. Weltweit. Und wenn es früh friert, fällt die Ernte geringer aus. Mal viel geringer, mal weniger.

In der Redaktion dachten sie sich dann: Hm? Und nach einer Weile dachten sie: Haselnüsse? Und dann: Wo sind die noch mal drin? Was ihnen eingefallen ist, haben sie anschließend ins Netz oder in eine Zeitung geschmiert, und nun hat es sich ausgedehnt. Vergessen Sie deshalb, was Sie oder die Welt derzeit bewegt.

Denn wir erleben:

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Ja, richtig. Eine Nutella-Krise. Offenbar so schlimm, dass die „Berliner Morgenpost“ die Meldung dazu auch auf der Titelseite der Print-Ausgabe bringt.

Der erste Artikel, den man zu dieser Krise hierzulande findet, steht am 16.8.2014 im Wirtschaftsteil der FAZ. Überschrift: „Haselnuss-Preis im Höhenflug“. In der Unterzeile schreibt die FAZ, dass Ferrero, der Hersteller des Brotaufstrichs, wegen des Frosts für die „Nutella-Zutat“ mehr zahlen müsse. Im Text wird das, was in der Überschrift so klar klingt, dann aber wieder eingeschränkt, gleich im ersten Satz:

Der Preis für Haselnüsse ist angeblich auf einem Zehnjahreshoch, was für den Hersteller von Frühstückscremes wie Nutella, Ferrero, einen Kostenschub bringt.

Angeblich. Und ein paar Sätze später noch mal: angeblich. Die FAZ scheint also das, was sie da verbreitet, nicht so genau zu wissen, auch eine Quelle nennt sie nicht.

Aber da kann ja sicher die „Süddeutsche Zeitung“ helfen, die vier Tage später in ihrem Wirtschaftsteil nachlegt. Falls Sie diesen Wirtschaftsteil eher meiden, weil Sie denken, dort ginge es arg sachlich-fachlich zu – schauen Sie mal wieder rein! Der Artikel über die Nusspreise und deren Folgen hat schon mal eine flockige Überschrift: „Auf die Nuss“. In der Unterzeile des Print-Artikels verkündet die SZ: „Schlechte Ernte lässt die Preise steigen – mit Folgen für Nutella“. Offenbar ganz kausal: Ernte schlecht = Preise hoch = Nutella teurer. Und dann haben sie im Wirtschaftsressort der SZ Kerzen angezündet. Und Glühwein aufgesetzt.

Was soll jetzt nur aus Aschenbrödel werden? Weihnachten steht quasi schon wieder vor der Tür und damit auch der Filmklassiker. Die Prinzessin in spe braucht also dringend ihre drei Haselnüsse – die sind in diesem Jahr aber extrem knapp und viel teurer als sonst.

Ein Einstieg, der wirklich fesselt, vor allem Ende August. Laut SZ wissen sie also nicht mal mehr im Märchen, woher sie drei dumme Nüsse kriegen sollen, weil die so knapp sind dieses Jahr. Den Wirtschafts-Autor ängstigt das: „Wird jetzt Nutella auf dem Frühstücksbrot zum Luxusgut?“ Schließlich bestehe „die Creme zu 13 Prozent aus Haselnüssen, sogar der Kakaoanteil ist geringer.“ Krass, oder? Zu 13 Prozent! Das sind ja nur 87 Prozent weniger als 100 Prozent! Nicht auszudenken, was los ist bei der „Süddeutschen“, wenn der Zucker-Preis steigt.

Dass der Text bloß aufgeblähte Mutmaßung ist, erfährt der Leser, wenn er es nicht längst ahnt, im vierten Absatz:

Ob damit aber die Süßigkeiten-Produktion sichergestellt ist oder ob nun Preiserhöhungen drohen, dazu mochte Ferrero zunächst nichts sagen.

Und das ist der Haken: Zwar war es (wie immer mal wieder) frostig in der Türkei; zwar wurden dadurch Pflanzen beschädigt; zwar stieg der Preis pro Tonne Haselnüsse – die Hersteller aber sagen gar nicht, dass die Preise ihrer Produkte deshalb ebenfalls steigen. Oder dass es gar, wie auch geschrieben wird, zu Nachschub-Problemen kommen könnte. Laut dpa will Ferrero die Preise nach eigener Aussage im Oktober abstimmen, weil erst dann klar sei, wie die Ernte ausgefallen ist – und wie folgenreich der Frost war. Der Konzern sagt sogar, er wolle die „Auswirkungen auf den Endverbraucher“ so gering wie möglich halten.

Aber das reicht ja schon, um Journalisten komplett austicken zu lassen:

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(Welt kompakt, 21.8.2014)

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(Stern.de, 22.8.2014)

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(Blick.ch, 20.8.2014)

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(Bild.de, 19.8.2014)

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(Yahoo Finanzen, 21.8.2014)

Nutella-Knappheit! Krise! Droht! Ich bin gerade ganz froh, dass ich niemandem aus einem ärmeren Land erklären muss, wie das in dieser Form hierzulande überhaupt nur annähernd zu einer Meldung werden kann. Wobei: hierzulande?

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(The Independent, England, 14.8.2014)

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(20 minutes, Frankreich, 20.8.2014)

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(Huffington Post, Kanada, 18.8.2014)

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(Hindustan Times, Indien, 24.8.2014)

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(NBC News, USA, 19.8.2014)

Auch Nachrichtenagenturen berichten über die so genannte Nutella-Krise. Die Deutsche Presseagentur warnt noch vor wenigen Tagen: „Schlechte Zeiten für Naschkatzen“. Und lässt wissen: „Auch der Schokoladenhersteller Ritter Sport schließt höhere Preise nicht aus.“ Merke: Er schließt auch nicht aus! Als Beleg für die Journalistenblödformel liefert dpa folgendes Zitat:

„Da wir die Einkäufe auf längere Sicht planen, können wir noch keine Auskünfte geben, ob die Preise steigen werden“, sagte Sprecherin Elke Dietrich.

Die Sprecherin von Ritter Sport schließt nichts ein, nichts aus, sie will oder kann derzeit einfach „keine Auskünfte geben“. Was aber, wenn man bei dpa arbeitet, bedeutet, dass da eine Restwahrscheinlichkeit ist. Also raus damit.

Die SZ müht sich derweil, dem Schrecken noch etwas Gutes abzuringen, etwas, das Hoffnung macht, wenn auch nur bei einer bestimmten Gruppe von Lesern:

Profiteure der derzeitigen Nuss-Krise könnten die Allergiker sein: Sie dürfen angesichts der Knappheit darauf hoffen, dass die Lebensmittelindustrie – aus Kostengründen – auf die berühmten „Spuren von Haselnüssen“ in allen möglichen Produkten verzichtet.

Was für ein Blödsinn. Die Hersteller rieseln nicht freundlicherweise „Spuren“ in ihre Produkte, weil das so super schmeckt. Eigentlich Nuss-freie Lebensmittel können lediglich deshalb „Spuren von Haselnüssen“ enthalten, weil in derselben Produktionsstraße mal Nüsse verarbeitet wurden. Ein Reinigungsproblem. Völlig egal, wie teuer oder billig die Nüsse sind. Aber, kurz zur Wiederholung: Das steht so im Wirtschaftsteil der „Süddeutschen Zeitung“, Rubrik: „Nahaufnahme“.

Alles total wirr.

Und zuweilen liest es sich, als würden Journalisten den Konzernen schon mal Tipps geben, wie sie, im Fall eines Falles, erhöhte Preise plausibel erklären könnten. Oder als hätten die Nutella-Werbetexter einen tollen neuen Job bei Bild:

Konsistenz: cremig-weich. Farbe: schokoladig-glänzend. Suchtfaktor: hoch!

Für viele Deutsche ist ein Frühstück ohne Nutella kein Frühstück.

Für Nutellaholics eine echte Horror-Meldung…

Bei Ferrero müssen sie sich durmelig freuen über so viel kostenlose Werbung. Noch ist nichts gewiss, aber die halbe Medienwelt trommelt schon mal schön. Man kann nur hoffen, dass das bis Weihnachten geklärt ist. Wegen Aschenbrödel.

Nachtrag, 6.9.2014, 14:13 Uhr. Die „Süddeutsche Zeitung“ hat ihren Artikel inzwischen mit einer Anmerkung versehen. Dass die Lebenmittelindustrie aus „Kostengründen“ auf „Spuren von Haselnüssen“ verzichte, sei ironisch gemeint gewesen. Da das nicht alle Leser verstanden hätten, habe man den Absatz gekürzt. (Danke für den Hinweis in den Kommentaren hier.)

Das „Hamburger Abendblatt“ hat indes auch geschrieben, es gebe gute Nachrichten für Allergiker, da künftig „eine größere Auswahl an fertigen Nahrungsmitteln zur Verfügung stehen wird, die bisher ‚Spuren von Haselnüssen‘ enthielten, weswegen auch immer.“  Ist aber wohl ebenfalls Ironie, auch wenn es sich nur schwerlich so liest. Immerhin steht „Glosse“ drüber. (Danke für den Hinweis an @rakeeede.)

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Dr. Oetker und die Frage: Ist bunte.de ein „von Ethik geprägtes redaktionelles Umfeld“?

29 Aug 14
29. August 2014


(Verpixelung von mir.)

Bei Burdas Knallportal Bunte.de machen sie sich Sorgen um das Gewicht von Harper, der dreijährigen Tochter von Victoria und David Beckham. Unter dem Schutz der Anonymität hat dort ein redaktioneller Mitarbeiter einen Artikel verfasst, der fragt, ob das Mädchen „zu moppelig“ ist.

Während die beiden Stars rank und schlank durchs Leben gehen, zieht es Harper offenbar vor, getragen zu werden. Das zeigen aktuelle Aufnahmen. Zudem lässt es sich die kleine Prinzessin dabei noch schmecken, genießt augenscheinlich einen Softdrink. Wenn dem so ist, nimmt Harper mit einem Zug wohl mehr Kalorien zu sich als ihre Mutter in der ganzen Woche…

Können Becks und Posh ihrer Kleinen etwa keinen Wunsch abschlagen? Lassen sie bei der Erziehung die Zügel schleifen und geben ihr bedenkenlos Süßes und Fettiges im Übermaß? Die weitere Entwicklung der Dreijährigen wird es zeigen.

(Der „Wenn dem so ist“-Satz ist inzwischen ohne Erklärung verschwunden.)

Das eklige Fabulat auf der Grundlage von Paparazzi-Fotos hat der „Bunten“ viel Kritik beschert, aber offenbar auch reichlich Klicks — heute legt sie mit der Ferndiagnose eines Heilpraktikers nach.

Mathias Schindler hat das Machwerk gestern dazu bewegt, eine Mail an Dr. Oetker, einen Werbekunden von bunte.de, zu schreiben:

Sehr geehrter Herr Dr. Schillinger,

über soziale Netzwerke bin ich heute auf einen Textbeitrag auf der Website www.bunte.de hingewiesen worden, auf der — unabhängig von allen anderen Verstößen gegen Persönlichkeitsrecht und Würde der
Betroffenen — die Frage aufgeworfen wird, ob die dreijährige Tochter von zwei Prominenten zu dick sei. Neben diesem Text ist umfangreiche und entsprechend der üblichen TKPs wohl auch recht teure Werbung für Produkte Ihres Hauses (Screenshot als Referenz anbei). Sie finanzieren über Ihren Werbeetat ein solches Verhalten und ich werde Sie nicht aus der moralischen Verantwortung dafür entlassen.

Es ist nicht anzunehmen, dass die Redaktion der Bunten über Nacht ihr Verhalten aus innerer Überzeugung heraus ändern wird, allerdings werde ich die nächste Kaufentscheidung an der Tiefkühltruhe meines Supermarktes davon abhängig machen, wie Sie meine Fragen beantworten:

1. Inwiefern finden sich die Grundsätze des Unternehmens Dr. Oetker GmbH im Umgang mit den Persönlichkeitsrechten von minderjährigen Kindern Prominenter durch die BUNTE im Einklang?

2. Welche Werbemaßnahmen führen Sie auf www.bunte.de durch und welche werden Sie in Zukunft durchführen?

Bitte erlauben Sie mir die Veröffentlichung Ihrer Antwort in den sozialen Medien.

Mit freundlichen Grüßen,
Mathias Schindler, Potsdam

Schillinger, Leiter der Hauptabteilung Öffentlichkeitsarbeit, antwortete:

Sehr geehrter Herr Schindler,

vielen Dank für Ihre Mail und den Hinweis auf das redaktionelle Umfeld unseres Werbebanners auf „bunte.de“.

Bei der Platzierung unserer Werbemittel in klassischen Medien wie TV, Print und Online ist uns als Familienunternehmen ein von Ethik geprägtes redaktionelles Umfeld sehr wichtig. Um diese Umfeld-Qualität zu gewährleisten, nehmen wir Preisaufschläge für Qualitäts-Umfelder gerne „in Kauf“ und akzeptieren hierfür selbst eine Verteuerung unserer Produktkampagnen. Platzierungen in „Dirty“ Talk Shows, im Dschungelcamp oder Big Brother wird es daher von unseren Produkten nicht geben, dies gilt auch für Online-Umfelder.

Die Bunte sowie der Online-Ableger „bunte.de“ sind uns bislang nicht als „problematisches“ Umfeld aufgefallen. Wir werden Ihren Hinweis jedoch zum Anlass nehmen, unsere Platzierung auf „bunte.de“ zukünftig kritisch zu begleiten und diese Erfahrungen in unsere Platzierungsstrategie einfließen zu lassen.

Einen direkten Einfluss auf die Redaktion lehnen wir jedoch ab, da wir auf der Grundlage des Grundgesetzes an den Sinn einer Trennung von Redaktion und Werbung glauben und entsprechend handeln. Wir werden gleichwohl dem Verlag unsere Position darstellen.

Mit freundlichen Grüßen

Jörg Schillinger

Ich kann nicht beurteilen, ob das nur eine Standardantwort ist. Aber es liest sich doch erstaunlich deutlich.

Und das wäre doch eine erfreuliche Entwicklung: Wenn besinnungslos auf Klicks und Krawall optimierte Medien wie bunte.de von (potentiellen) Werbekunden als das beurteilt werden, was sie sind. Mir würden da jetzt noch ein paar andere Ausdrücke einfallen, aber für den Anfang tut’s problematisches Umfeld auch.

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