A.J.A.I.

Als sich der Zeitungsredakteur Magnus Z. bei der Arbeit an einem großen Artikel über Graffiti wunderte, dass er an Wänden und Stromkästen immer wieder auf die rätselhafte Buchstabenkombination „ACAB“ stieß, da wusste er, wie er der Sache auf den Grund gehen könnte: Er fragte eine ihm bekannte Lehrerin, die er zufällig beim Hundespaziergang traf.

Die sagte ihm, dass das ein türkischer Vorname sei. Und so schrieb Z. in seinem Artikel, dass viele Sprayer…

noch nicht einmal den so genannten Tag beherrschen, also den schwungvollen Namenszug, sondern einfach nur ihren Namen hinschreiben, Acab beispielsweise, einen türkischen Vornamen. Offensichtlich ist es einigen türkischen Jugendlichen ein Bedürfnis, nur ja die Vorurteile zu verstärken und Öl in das von Sarrazin entfachte Feuer zu gießen.

Nun steht „A.C.A.B.“ allerdings für „All cops are bastards“, weshalb es der Artikel von Z. ins BILDblog schaffte und der Autor in seinem Blog auf der Homepage der „Nürnberger Zeitung“ viele hässliche Kommentare bekam.

Z. nahm das zum Anlass, sich für den blöden Fehler zu entschuldigen den Kritikern Verblendung, Gehässigkeit und Gutmenschentum vorzuwerfen. Er beschrieb die Sache mit der Lehrerin, die er gefragt hatte und deren Antwort ihm angesichts ihres Berufes und seiner fehlenden Türkisch-Kenntnisse schlüssig erschien, und fügte hinzu:

„Eine Recherche startet man schließlich erst dann, wenn eine Aussage unplausibel erscheint.“

Nun könnte man erwidern, dass es eigentlich schon genügen könnte, etwas nicht zu wissen, um als Journalist eine Recherche zu „starten“, aber Z. ist längst zum Gegenangriff übergegangen. Den Kritikern, die ihm mit einem Link kommen, ruft er zu: „Eine Recherche, die sich auf Wikipedia beschränkt, ist keine, meine lieben Besserwisser!“

Immerhin weiß ich, dass „Milli Vanilli“ nicht “Positive Energie” heißt — und dass das bei meiner letzten diesbezüglichen Recherche bei Wikipedia aber immer noch so behauptet wurde.

Diese Recherche müsste vor knapp einem Jahr stattgefunden haben, als Z. einen Artikel über einen der Musiker hinter Milli Vanilli schrieb und darin schon die Wikipedia-Sache behauptete. Aber vermutlich hat ihm das auch damals nur ein zufällig vorbeikommender Hund im Stadtpark berichtet. Der „Positive Energie“-Fehler im Wikipedia-Eintrag zu Milli Vanilli wurde bereits am 26. Januar 2005 korrigiert.

Z. weiter:

Tauschan heißt Hase und Cöpek Hund — damit erschöpfen sich meine Türkischkenntnisse.

Hase heißt auf türkisch Tavşan. Hund heisst Köpek.

Schließlich findet er es ungerecht, ihm nur den einen Fehler vorzuwerfen anstatt zu würdigen, dass sein Artikel sonst doch positiv sei. Wenn er betrunken am Steuer erwischt wird, erzählt er den Polizisten sicher, dass es aber doch ein total guter Wein gewesen sei.

Im „Bild“-Blog (die haben’s nötig) war aber nur der Absatz mit dem Fehler zu sehen.

Aus dem Einschub in Klammern würde ich mal schließen, dass er uns für das Blog der „Bild“-Zeitung hält. Ist ja auch plausibel. (Dass man nicht den ganzen Artikel lesen kann, liegt natürlich weniger an uns als daran, dass die „Nürnberger Zeitung“ ihn, statt zu korrigieren, einfach gelöscht… Ach, was red ich.)

Am dümmsten ist eigentlich seine Argumentation, man könne doch jemandem, dessen Nachname — wie seiner — einen Migrationshintergrund habe, nicht ernsthaft vorwerfen, fremdenfeindlich zu sein. Dabei ist das fast das Schlimmste an seinem NZ-Artikel: Dass er einem von ihm herbeifantasierten türkischen Sprayer vorwirft, für Vorurteile gegenüber Türken insgesamt verantwortlich zu sein. Wenn Deutsche sprayen (oder prügeln oder klauen) wäre das nach dieser Logik nicht so schlimm, weil es wenigstens nicht auf eine ganze Bevölkerungsgruppe zurückfällt.

Womit wir bei der Frage wären, ob man aus der Geschichte irgendwelche Rückschlüsse auf Journalisten als Ganzes ziehen darf, sprich: ob Z. und sein zerrüttetes Verhältnis zur Recherche und seine Unfähigkeit, einfach einen Fehler zuzugeben, repräsentativ sind. Wenn es mir nur nicht so schwer fiele, darauf überzeugend mit Nein zu antworten.

Nachtrag, 15.48 Uhr. Die „Nürnberger Zeitung“ hat sich (bereits kurz vor diesem Blogeintrag) für den Fehler entschuldigt. Sie hat außerdem den Original-Artikel (mit gestrichenem ersten Absatz) wieder veröffentlicht.