Spiel, Spaß, Spannung, „Spiegel Online“

Sie sind Aufregungs-Junkies bei „Spiegel Online“, süchtig nach Spannung. Sie sind inzwischen sehr gut darin geworden, sich den Stoff zu besorgen, und können ihn notfalls auch selbst erzeugen. Wenn sich zwei Streithähne versöhnt haben, beginnt für „Spiegel Online“ schon die Frage, wie lange das Bündnis wohl halten wird; im Moment des höchsten Triumphes schreibt „Spiegel Online“ immer schon den bevorstehenden Abstieg herbei, um neue Spannung zu produzieren.

Sie haben dadurch regelmäßig das Problem, dass sie feststellen müssen, dass ein mit Spannung erwartetes Ereignis, wenn es endlich eintritt, gar keine Überraschung mehr ist, was in der „Spiegel Online“-Welt automatisch gegen das Ereignis spricht. Und noch schlimmer: Es gibt Gelegenheiten und Vorkommnisse, aus denen sich beim besten Willen keine Spannung generieren lässt.

Am vergangenen Freitag hat der Fernsehrat des ZDF einen neuen Intendanten gewählt. Es gab nur einen Kandidaten, Thomas Bellut, ein Mann, dessen Karriere rückblickend so aussieht, als steuerte sie seit 200 Jahren auf diesen Punkt hin. Er wurde, wie erwartet, mit großer Mehrheit gewählt.

Nun kann man an dieser Wahl und ihren Umständen einiges kritisieren: fehlende Alternativen, Debatten, Transparenz. Ich glaube allerdings nicht, dass das ZDF es den Gebührenzahlern / den Journalisten / mir schuldet, dass die Wahl seines Intendanten „spannend“ ist.

„Spiegel Online“ schon. Dort nimmt man die bösartige Spannungslosigkeit persönlich.

„Zäh, zäher, ZDF“, überschreibt „Spiegel Online“ den Artikel, was insofern ein bisschen irreführend ist, als die ganze Sache relativ schnell über die Bühne ging. Aber worum es dem Autor geht, steht dann gleich in den ersten Worten des Vorspanns:

Spannung geht anders: Mit einem geradezu sowjetischen Ergebnis von 96 Prozent wurde Noch-Programmdirektor Thomas Bellut zum neuen ZDF-Intendanten gewählt.

Das Thema dieses Artikels ist nur scheinbar die Wahl des Intendanten. In Wahrheit ist es die fehlende Spannung.

Gelegentlich hat es den Anschein, das ZDF sei angetreten, in eine neue Sphäre der Langeweile vorzustoßen. „Volle Kanne – Service täglich“ mit Renovierungstipps und Biowetter, gefolgt von der 178. Folge der Telenovela „Lena – Liebe meines Lebens“, in der die Titelheldin und ihr Lover David ihre Hochzeit „in den buntesten Farben“ planen, wie es in der Ankündigung heißt. Das waren so die Sendungen, die liefen, als der für dieses Programm Verantwortliche, Programmdirektor Thomas Bellut, zum künftigen Intendanten gewählt wurde.

Ich weiß nicht, was da am Freitagvormittag im ZDF hätte laufen können, was den strengen Spannungs-Anforderungen eines „Spiegel Online“-Redakteurs hätte genügen können, aber es ist ja eh nur ein rhetorischer Kniff. Selbst wenn bei „Volle Kanne“ an diesem Tag der Handwerker beim Renovierungstippsgeben von der Leiter gefallen oder diese Lena sich ein sensationelles Dialog-Duell mit ihrem David geliefert hätte — der Autor wüsste es eh nicht.

Selbst dem Konferenzraum, in dem die Pressekonferenz stattfand, wirft er vor, nicht aufregend gewesen zu sein:

Das Spannendste an dem Ort ist, dass hier vor etwas über einem Jahr eine Räuberbande ein Pokerturnier überfiel.

Er hat sich dann offenbar entschlossen, seinen Frust über das Fehlen von Spannung an uns, den Lesern, auszulassen, und mit langweiligen Details der Langeweile zu langweilen:

Schächter, 61, ist seit neun Jahren als Intendant so etwas wie der oberste Langweiler des ZDF. Vor ihm liegt jetzt sein iPad in einer schwarzen Lederhülle auf der grauen Tischdecke. (…) Sein iPad bleibt ausgeschaltet.

Vor Bellut, 56, randlose Brille, liegt nur ein silberner Plastikkugelschreiber vom ZDF, mit dem er herumhantiert, und eine Plastikmappe mit ein paar Zetteln.

Vielleicht hätten sie beim ZDF, sobald sie ahnten, dass die Intendanten-Wahl so glatt über die Bühne gehen würde, wenigstens das Fernsehballett einladen können oder gefährliche Tiere oder Lady Gaga, und zwar am besten ohne Anlass, damit „Spiegel Online“ aufgeregt „Überraschung bei der Intendantenwahl“ titeln könnte.

Am Ende schafft es der Autor dann aber doch noch, sich ein kleines Stückchen Spannung zu schnitzen:

Ob es wirklich klappt mit dem harmonischen Führungswechsel? Zwar arbeiten Noch-Intendant Schächter und Bald-Intendant Bellut schon lange zusammen. Doch dass Schächter nicht mehr der allerinteressanteste Gesprächspartner ist, zeigt sich beim Ende der Verkündungspressekonferenz. Während Bellut Interviews geben, in Mikrofone und Kameras sprechen muss, kann der Kollege in Ruhe telefonieren.

Dass die Journalisten sich nach der Wahl mehr für den neuen Intendanten interessieren als für den, der seit neun Jahren amtiert, soll ein Indiz dafür sein, dass sich Schächter und Bellut in den nächsten Monaten nach Jahren harmonischer Zusammenarbeit noch in die Haare kriegen? Das kann selbst „Spiegel Online“ nicht ernst meinen. Das ist nur die Sucht, die da spricht.

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Die Ansprüche, die „Spiegel Online“ an die Welt hat, sind dramaturgischer, nicht inhaltlicher Natur. Es ist aber für die Berichterstattung keineswegs zwingend gut, wenn sie erfüllt werden.

Beispielhaft ist ein Artikel über das Fernsehduell vor der Landtagswahl in Baden-Württemberg im Frühling. Die Wahl erfüllte, anders als die beim ZDF am Freitag, das wichtigste Kriterium „Spannung“ und die Berichterstatterin fasste schon im Vorspann das Wichtigste über die Diskussion zusammen:

Sieger? Keiner von beiden — die Wahl bleibt spannend bis zum letzten Moment.

Was ist die wichtigste Frage, auf die sich die Menschen nach einem solchen Fernsehduell eine Antwort von „Spiegel Online“ erwarten? Richtig: „Bleibt es spannend?“ Die Autorin holte dann aber — vermutlich aus Spannungsgründen — erst einmal aus, um noch einmal gründlich den Stand der Spannung zu definieren:

Wenn im baden-württembergischen Wahlkampf derzeit an einer Sache kein Mangel herrscht, dann ist es Spannung. Seit Wochen liegen die Lager der schwarz-gelben Regierungskoalition und der rot-grünen Opposition nahezu gleich auf. Seit Wochen liefern sie sich in Umfragen ein Kopf-an-Kopf-Rennen.

Wird Stefan Mappus als der CDU-Ministerpräsident mit der kürzesten Amtszeit in die Geschichte des Landes eingehen? Können die einst so blasse Südwest-SPD und die erstarkten Grünen erstmals nach 58 Jahren im Ländle das politische Ruder übernehmen? Schafft es die Linke in den Landtag?

Die Spitzenkandidaten von CDU und SPD könnten gegensätzlicher kaum sein. Stefan Mappus gegen Nils Schmid: Bauch- gegen Kopf-Mensch. Der eine hat mit dem Image des Polterers zu kämpfen, der andere mit dem des netten Schwiegersohns. Der eine kommt mit seiner Partei von ganz oben, der andere von ganz unten.

Ja, nein, um Inhalte scheint es nicht zu gehen, bei so einer Wahl. Aber ist es nicht toll, wie viele spannende Äußerlichkeiten und oberflächliche Gegensätze es gibt?

Falls sich Wähler von dem Duell am Mittwochabend im SWR-Fernsehen erhofft hatten, dass es einen klaren Favoriten hervorbringen könnte, wurden sie enttäuscht.

Sekunde. Die Autorin glaubt ernsthaft, Wähler würden sich eine solche Sendung ansehen, um sich hinterher darauf einigen zu können, wer die Wahl vermutlich gewinnen wird? Ein klarer Fall von Projektion. Jedenfalls:

(…) Denn Mappus und Schmid lieferten sich einen Schlagabtausch auf Augenhöhe, der vor allem eines deutlich machte: Es bleibt spannend.

Das ist tatsächlich das ernsthafte Ergebnis, das „Spiegel Online“ aus dem Streitgespräch mitgenommen hat. Ich kann mir gut vorstellen, wie sie sich in der Redaktion aufgeregt die Nachricht zugerufen haben: „Hast du das Wahlduell gestern gesehen?“ — „Klar!“ — „Und? Bleibt es spannend?“ — „Ja, bleibt spannend.“ — „Geil.“

Aber kommen wir zu den politischen Inhalten:

Dabei ging der erste Punkt des Abends, bevor überhaupt die roten Lampen der Kameras aufblinkten, klar an den jungen Herausforderer — und seine attraktive Frau Tülay. Denn während Nils Schmid mit seiner Gattin in staatsmännischer Manier für die Fotografen posierte und alle dargebotenen Hände schüttelte, traf Stefan Mappus, unbeachtet von den meisten Journalisten, allein, angespannt und leise, im Studio ein.

Gut, okay. Aber kommen wir nun zu den politischen Inhalten:

Vor den Kameras begann dann ein Diskurs wie aus dem Lehrbuch der Fernsehduelle: In weiten Teilen fachlich, selbst bei emotionalen Themen sachlich. Hart aber fair, und das ganze auf Schwäbisch. Sogar der ein oder andere kleine Patzer — etwa als Mappus seinen Kontrahenten Schmid im Eifer des Gefechts mit „Schmiedel“ ansprach, so heißt der SPD-Fraktionschef im Stuttgarter Landtag — taugte da nicht zum Lacher.

Haha, „Schmiedel“. Die Autorin lässt sich dann aber doch noch dazu hinreißen, knapp zu referieren, worüber so gesprochen wurde. Höhepunkt der Analyse:

Während Mappus Boden gut machen konnte, in dem er auf die gute Bildungsbilanz des Landes verwies, bei den Stichworten „Leistung muss sich lohnen“ und Länderfinanzausgleich klare Kante zeigte, verstand Schmid es, mit seinen Konzepten in Sachen Ganztagsbetreuung und herkunftsunabhängiger Schulpolitik Migranten ebenso anzusprechen wie die „am besten qualifizierte Frauengeneration unserer Geschichte“.

Halten wir das kurz fest: Mappus zeigte beim Stichwort Länderfinanzausgleich klare Kante. Damit ist vermutlich alles gesagt.

Fazit?

Wenn etwas inhaltlich gefehlt hat, bei diesem Duell in Stuttgart, dann war es höchstens der Auftritt von Winfried Kretschmann, der Spitzenkandidat der baden-württembergischen Grünen.

„Inhaltlich“? Das meint sie nicht so. Nächster Satz:

Denn es ist auch in erster Linie seine Partei, die diesen Wahlkampf derzeit so spannend macht.

Eben.

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Als in der vergangenen Woche bekannt wurde, dass Aiman al-Sawahiri Nachfolger von Osama bin Laden ist, fand „Spiegel Online“ eine Eigenschaft des neuen al-Qaida-Führers herausragend: Er sei „dröge“, hieß es schon im Vorspann. Es las sich fast, als schwinge da auch Empörung darüber mit, dass man sich heutzutage nicht einmal mehr auf Terrororganisationen verlassen kann, Entscheidungen zu treffen, die spannend genug sind für „Spiegel Online“.