„Es sei denn, es kommt noch etwas hoch“

02 Jul 11
2. Juli 2011

Was gestern mit Dominique Strauss-Kahn passiert ist, hätte eigentlich gar nicht passieren dürfen. Der „Stern“ hatte es in seiner erst einen Tag zuvor erschienenen Ausgabe quasi ausdrücklich ausgeschlossen, dass das passieren könnte: dass die Glaubwürdigkeit des Zimmermädchens, die den ehemaligen IWF-Chef der Vergewaltigung beschuldigt, erschüttert würde.

Nafissatou Diallo, das Zimmermädchen, sei eine Frau, „die kleine und große Geheimnisse hat“, heißt es am Anfang des Artikels. Um dann nach vielen Zeilen diesen Gedanken wieder aufzunehmen und zu dem Schluss zu kommen: „Anscheinend ist keines ihrer Geheimnisse groß genug, um aus Nafissatou Diallo eine Lügnerin zu machen.“

Heute weiß die ganze Welt, dass Nafissatou Diallo eine Lügnerin ist. Sie hat zugegeben, falsche Angaben gemacht zu haben über das, was sie nach der angeblichen Tat getan hat. Sie hat laut Staatsanwaltschaft im Zusammenhang mit ihrem Asylantrag gelogen und dabei systematisch geübt, überzeugend die Unwahrheit zu sagen. Und es soll laut „New York Times“ einige dubiose Verbindungen, Telefonate und Geldzahlungen geben.

Das bedeutet nicht, dass sie nicht möglicherweise tatsächlich von Dominique Strauss-Kahn vergewaltigt wurde. Aber es erschüttert ihre Glaubwürdigkeit, und wenigstens dieser Satz in dem „Stern“-Artikel stimmt: „Entscheidend ist (…) die Glaubwürdigkeit der Beteiligten, falls irgendwann eine Jury über das Schicksal Strauss-Kahns urteilen muss.“

Der „Stern“ tut so, als sei er dieser Frau ganz nah gekommen, eigentlich bis in ihren Kopf hinein. Der Artikel beginnt mit den Sätzen:

Hinterher war ihr klar, dass es einen Vorboten des Unheils gab.

An diesem Morgen, der für Nafissatou Diallo begann wie so viele in ihrem neuen Leben.

Nicht weit von ihrer Wohnung in der New Yorker Bronx bestieg die Frau aus Guinea die U-Bahnlinie 4, die über Hochtrassen und Tunnel zu ihrem Arbeitsplatz nahe der Fifth Avenue ruckelte. Der Rhythmus des Zuges übertrug sich auf sie. Eine Unruhe, die an diesem Samstag zu ihrer eigenen passte, wird sie später einem Vertrauten am Telefon erzählen.

Der „Stern“ behauptet, die Geschichte der Frau zu erzählen. Es ist ein Stück voller Mutmaßungen und Nebensächlichkeiten. Zum Beispiel über das Restaurant von Blake Diallo in Harlem, in dem sich die Frau zuhause fühlte:

Sie aß hier gern Lammragout oder frittierte Bananen. Es gibt viele, die erzählen, Blake Diallo sei sehr eng mit Nafissatou Diallo, einige meinen, er sei sogar ihr heimlicher Partner. (…)

Der Speiseraum mit den fünf Tischen ist gerade mal so groß wie die Küche, in der frittierter Fisch mit Reis, pikantes Hühnchen und Couscous zubereitet werden, kein Gericht kostet mehr als sieben Dollar. Es ist Mittagszeit, aber kein Gast sitzt im Lokal. Bahareh Jabbie schaut einen misstrauisch an, seine beleibte Frau Fatima schlurft aus der Küche herbei, murmelt etwas, man versteht es nicht. (…)

Im Januar zog sie in eine Zweizimmerwohnung in einem roten Backsteingebäude, wenige Blocks vom Baseballstadion der Yankees entfernt. Das Wohnzimmer stellte sie mit afrikanischen Statuen, Webwaren und Pfauenfedern voll. Dazu Fotos aus ihrer Heimat, die sie manchmal vermisste, wie eine Nachbarin erzählt, die bei ihr zu Gast war.

Sie betete in einer Moschee in Harlem, sie kaufte wenige Schritte weiter im Futa Market afrikanische Produkte ein – Blake Diallos Café liegt gleich auf der anderen Straßenseite. Sie erschien schüchtern und legte viel Wert auf Diskretion.

Es sind viele bunte Informationskiesel, die vermutlich ein Mosaik ergeben sollen, aber doch nur Geröll sind, sobald der Kitt wegfällt, mit dem der „Stern“ sie aneinandergeklebt hat. Er erzählt die Geschichte einer schwer ergründlichen Frau, der trotzdem keinesfalls zuzutrauen ist, dass sie die Unwahrheit erzählt. Er beschwört den Kontrast zwischen dem armen machtlosen Opfer und dem reichen berühmten Täter Mann, erwähnt nur pro forma, dass niemand weiß, was tatsächlich passiert ist, und beschreibt, wie Strauss-Kahn entscheiden müsse,

ob er in der zu befürchtenden Schlammschlacht tatsächlich den Versuch machen soll, das Ansehen des mutmaßlichen Opfers zu zertrümmern.

Die Antwort scheint schon in der Frage zu stecken, und der „Stern“ zitiert am Ende noch einen Strafverteidiger, der davon abrät, „dass dieser reiche Mann seine Millionen dazu verwendet, diese mittellose Frau zu diskreditieren“.

Es war dann aber die Staatsanwaltschaft, die die Widersprüche in den Aussagen der Frau entdeckt hat.

Der Artikel im „Stern“ endet mit der Prognose des angeblichen Experten, dass Strauss-Kahn sich „irgendwann schuldig bekennen und mit der Staatsanwaltschaft eine Strafe aushandeln“ werde: „Die Faktenlage ist überwältigend“, sagt er. Strauss-Kahn werde sich „mit dem Gedanken abfinden müssen, ein paar Jahre im Gefängnis zu verbringen. Es sei denn, es kommt noch etwas hoch, womit niemand rechnet.“

Und der „Stern“ fügt hinzu:

Danach sieht es derzeit nicht aus.

Tja, da ist dann wohl doch noch etwas hochgekommen, wonach es seinerzeit nicht aussah.

Ich will gar nicht den Eindruck erwecken, als ob ich es besser gewusst hätte. Aber vielleicht wäre es, gerade weil man es eben nicht weiß, eine gute Idee, wenn Medien nicht so täten, als wüssten sie im voraus, wessen Glaubwürdigkeit fast unerschütterlich ist; wer schuldig ist und wer nicht; wer verurteilt wird und wer nicht.

Das ist eine so banale Erkenntnis, nicht erst nach dem Freispruch Kachelmanns. Und dennoch scheint es utopisch, dass ein Medium wie der „Stern“ (oder der „Spiegel“ oder die „Bild“) ihr je gerecht werden könnte.

 

siehe auch:

54 Gedanken
  1. 1
    Wolfgang says:

    Mir stellt sich da das Henne-Ei-Problem: Hecheln diese Boulevard-Medien mit ihren Vorverurteilungen den (vermeintlichen) Bedürfnissen und Meinungen der Leser hinterher oder wecken sie diese erst durch die Art der Berichterstattung?

    Oder sind beide Seiten „schuld“ an dieser immer umfassenderen außergerichtlichen Urteilsfindung? Möchte da ungerne vorverurteilen.

  2. 2
    Kommentator says:

    Ach, wir hängen immer noch dem Glauben resp. Irrtum an, „Medien“ seien, wie „damals“ ™ die Auguren, besonders begabte Dingsis, die einen höheren, irgendwie geweihten Blick auf die Dinge hätten und aus dieser Perspektive dem normalen Sterblichen berichten sollten und müßten…
    Herf. Tinnef. Medien sind Wirtschaftsunternehmen und sehen zu, dass sie Geld verdienen. (Müssen sie auch, logisch.)

    Aber mit diesen dürren Zeilen komprimiere ich nur billig, was Herr Niggemeier immer wieder und lesenswert in längere Texte fasst. Ich find‘ ja eher das Problem: Wer liest den „Stern“ und dessen „range extender“ denn noch? Ich mein‘: Ernsthaft?

  3. 3
    nona says:

    Mit kommt etwas hoch, wenn ich dieses banal-dummdreiste Füllmaterial lese, das geradezu intime Detailkenntnis seitens des Reporters und damit Fallkompetenz suggerieren soll, das aber letztlich komplett belanglos und ohne Wert ist und gemeinhin durch naseweise Recherchemethoden zustande kommt, die wenn sie auch nicht direkt als Witwenschütteln durchgehen, so doch mindestens als Witwenrühren. „Sie aß hier gern Lammragout oder frittierte Bananen.“ – ach Gott. „Es gibt viele, die erzählen,…“ – herrje. „…wie eine Nachbarin erzählt, die bei ihr zu Gast war…“ – soso. Was für Schwachmatismen.

  4. 4
    anton bibersberg says:

    ein mann kommt zum arzt.

    ‚ich bin ein weizenkorn und habe angst, dass eine henne mich frisst‘

    ‚jetzt seien sich mal vernünftig, sie sind ein denkender mensch‘

    ja schon, aber weiss das die henne auch?

    in diesem fall, wusste es die henne nicht und das gebäude aus fiction stürzt ein.

  5. 5
    Leonie says:

    Guter Beitrag. Mir fällt in diesem Zusammenhang als Extrembeispiel noch Alice Schwarzer ein. Ich weiß, dass die Frau eigentlich von keinem denkenden Menschern mehr ernst genommen werden kann – aber ihre Einlassungen zum Fall Strauss-Kahn aufzulisten und den neuen Entwicklungen gegenüber zu stellen, wäre gleichwohl eine Aufgabe für vroniplag oder ähnliches. (Überschrift einer ihrer Beiträge auf aliceschwarzer.de: ‚Sollte Strauss-Kahn besser gestehen?‘ Und es ist wohl klar, zu welchem Ergebnis sie kommt.)

    Man fragt sich im Zusammenhang mit solchen Texten eigentlich nur noch, wie sich die Atoren wohl verhalten, wenn sie so umfassend widerlegt werden: Empfinden sie Scham über ihre Anmaßung oder gibt’s da doch nur ein Schulterzucken und den (falschen) Gedanken: Für den Moment hatte ich immerhin damals doch Recht?

  6. 6
    Aksel says:

    Warum muß ich gerade an Trüffelburger denken…

  7. 7
    Sebastian says:

    @Aksel: Trüffelburger und Leitmedium, genau.

  8. 8
    Sebastian says:

    Ich denke Du übersiehst einen Punkt an der ganzen Sache: ob die Autoren dieser Texte weiterhin an die deren Richtigkeit glauben.

    Denn genau wie bei vielen anderen Themen (z.B. Autismus der angeblich durch Impfungen ausgelöst werden soll, Vitamin C das angeblich gegen Schnupfen hilft oder Homeopathie) kannst Du den Leuten so ziemlich alles an Beweisen geben, es wird im Kopf ganz anders wahrgenommen.

    Anders ausgedrückt: Du schreibst hier wie selbstverständlich, dass jetzt die Unglaubwürdigkeit der Frau aufgedeckt würde. Für alle Leute die an ihre Unschuld wie eine Religion glauben, bedeuten die Ereignisse derzeit aber, dass dort eine Verschwörung vor sich geht, weil ja selbst im Stern stand, dass alles so klar gewesen ist, dass eigentlich nur Manipulation der Grund sein kann warum Strauss-Kahn jetzt so gut dasteht.

    Daraus entstehen meiner Auffassung nach solcherlei Artikel. Es herrscht bei den Autoren ein gewisser Glaube vor. Genau der gleiche Grund warum dieser nette Mann meinte, er müsste ein Blog schreiben in dem er sich für eine homosexuelle aus Syrien ausgibt. Und selbst wenn am Ende alles gelogen war und die Fakten verdreht so glaubt der Autor trotzdem immer noch, er hätte für die Gute Sache geschrieben.

  9. 9
    Howie Munson says:

    Man fragt sich im Zusammenhang mit solchen Texten eigentlich nur noch, wie sich die Atoren wohl verhalten, wenn sie so umfassend widerlegt werden:

    ich vermute, so manche denkt: so billig kommt der nicht aus der Nummer raus und wenn ich was erfinden muss… oder alternativ Die arme konnte dem Geld/der Einschüchterung nicht widerstehen und lügt jetzt um das Schwein zu entlasten… vielleicht auch beides gleichzeitig…

  10. 10
    Wilz says:

    @5 Leonie

    Gerade bei solchen mehr oder weniger fanatischen Glaubensgebäuden werden eigene Fehlurteile grundsätzlich der Gegenseite angelastet. Die haben definitiv kein schlechtes Gewissen. Im Gegenteil, die Gläubigen fühlen sich noch bestärkt.

    Die Argumentation der Schwarzer wird mit 99,985 prozentiger Wahrscheinlichkeit darauf hinauslaufen, dass DSK trotzdem schuldig ist.

    Natürlich wird sie dieser Aussage ein rechtsstaatliches Schleifchen verpassen: „…Gerichtsentscheid ist zu akzeptieren.“ (Nicht _ich_ akzeptiere, sondern _man_ muss akzeptieren), aber die Hauptaussage wird sein, dass DSK schuldig ist. Und wenn nicht DSK, dann auf jeden Fall die Männer: Anwälte, Staatsanwälte oder eben der Drogendealer, mit dem das Zimmermädchen Kontakt hatte.

  11. 11
    simon says:

    Spiegel Online nennt es auch schon „einen der spektakulärsten Kriminalfälle der Geschichte“. Wie absurd. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,771917,00.html

  12. 12
    theo says:

    „Heute weiß die ganze Welt, dass Nafissatou Diallo eine Lügnerin ist.“

    Heute weiß man eigentlich noch viel zu wenig, um solche Standpunkte einzunehmen. Nach dem Prozess ließe sich darüber (und über die Schuld oder Unschuld von DSK) besser urteilen.

  13. 13
    Sascha says:

    Hallo Herr Niggemeier,

    vielen Dank für diesen Beitrag. Ich habe noch eine Anmerkung: Spiegel-Online titelt heute, es würde ein Justizskandal drohen. Gemeint ist das für den Fall, dass die Hauptbelastungszeugin wirklich unglaubwürdig würde und die Anklage nicht aufrecht erhalten bleiben könnte.
    Ich finde, diesem Urteil liegt ein seltsames Rechtsverständnis zugrunde. Was ist denn passiert? Es gibt einen Vergewaltigungsvorwurf. Dass die Strafermittlungsbehörden hier ein Ermittlungsverfahren einleiten müssen dürfte nicht nur Alice Schwarzer für dringend erforderlich halten. Bis hierher also kein Skandal. Dass es ggf. auch Sicherheitsmaßnahmen wie die Untersuchungshaft geben muss ist auch normal – damit ist ja auch noch kein Schuldvorwurf verbunden, es geht nur um die Verfahrenssicherheit. Also auch noch kein Skandal. Wenn dann aber die Staatsanwaltschaft die Glaubwürdigkeit der Belastungszeugin prüft, deren Hintergrund ermittelt und dann am Ende zu dem Ergebnis kommt, dass der Tatvorwurf nicht haltbar ist, das soll ein Skandal sein? Ich finde, das wäre ein Beispiel für ein funktionierendes Rechtssystem!
    Schlimm wäre es gewesen, wenn hier ein karrieregeiler Staatsanwalt oder eine Staatsanwältin versessen darauf gewesen wäre, einen Promi verurteilen zu lassen und in diesem Bestreben mögliche Entlastungshinweise nicht hätte sehen können oder wollen. Schlimm wäre es gewesen, wenn die dann von der Verteidigung im Hauptprozess genüsslich aufgespießt worden wären und der Staatsanwaltschaft im Urteil vom Gericht um die Ohren gehauen worden wären.

    Aber wenn eine Staatsanwaltschaft in alle Richtungen sauber ermittelt und auch die Hauptbelastungszeugin unter die Lupe nimmt und (mal unterstellt) am Ende das Verfahren einstellt, dann ist das völlig in Ordnung. Man sollte sich mal von der Vorstellung lösen, dass die Staatsanwaltschaft immer und überall Verurteilungen will, egal ob eine Straftat stattgefunden hat oder nicht.

    Eine Justizskandal kann ich daher bis heute in dem Fall nicht entdecken. Wohl aber ein seltsames Rechtsverständnis vieler Medien.

  14. 14
    Dietmar says:

    @14, Sascha:

    Stimme voll zu. Die Schlagzeile hat mich auch stutzig gemacht.

  15. 15
    jokahl says:

    Ich finde es nicht in Ordnung, das Zimmermädchen hier mit vollem Namen zu nennen und sie dazu noch als Lügnerin zu bezeichnen. Und es ist dabei völlig egal, was der „Stern“ tut oder lässt. Der Fall ist nach wie vor DSKs Haft(Arrest)prüfungstermin so verworren, dass man sich hüten sollte, hier auch nur ansatzweise Partei zu ergreifen oder vorzutäuschen, sich begründet eine Meinung gebildet haben zu können. SN schlüpft hier in die Rolle einer Sabine Rückert, finde ich. Und das ist vollkommen unangemessen.
    P.S. Was haben die angeblichen „Lügen“ eines Zimmermädchen in einem Asylantrag oder private Telefonate eigentlich mit einer mutmaßlichen Vergewaltigung zu tun?

  16. 16
    Stefan Niggemeier says:

    @jokahl: Sie hat die Lügen ja teilweise selbst zugegeben.

    Und was das eine mit dem anderen zu tun hat, steht z.B. hier: http://www.thedailybeast.com/articles/2011/07/01/dominique-strauss-kahn-accuser-s-prison-connection.html

  17. 17
    Harald Eisenmann says:

    Immerhin scheint es in den USA so zu sein das die Staatsanwaltschaft, gemäss ihrem Auftrag, auch entlastende Hinweise berücksichtigt. Seit dem Fall Kachelmann wissen wir das es in Deutschland wohl nicht immer der Fall zu sein scheint.

  18. 18
    jokahl says:

    @17./SN: Naja, bei „The Dally Beast“ (guter Artikel übrigens, danke) steht – außer der Erläuterung wie US-Staatsanwälte arbeiten und Jurys urteilen – auch noch eine Menge mehr, etwa warum es nicht so ungewöhnlich ist, in einem Asylantrag zu lügen oder dass (lt. Zimmermädchens Anwalt) eben doch ein Indizienprozess möglich wäre. Ich denke, dass es in Europa auf einen solchen hinauslaufen würde.

  19. 19
    Lukas says:

    Die turbulenten Ereignisse bringen das gesamte Rechtswesen und die Medien Amerikas in Misskredit. Zwar rühmen sich die USA des Prinzips der Unschuldsvermutung. Doch der Fall rührte an tiefe Vorurteile – gegen Reiche, gegen Ausländer, gegen Franzosen – und brachte zugleich einen unterschwelligen Klassenhass zutage, transportiert durch die hämischen Schlagzeilen gegen Strauss-Kahn.

    (Marc Pitzke bei „Spiegel Online“)

    Mir persönlich war bis eben nicht klar, dass „Stern“, „Spiegel“ und „Bild“ amerikanische Medien sind. Allerdings wusste ich auch nicht, dass man die genannten Blätter noch hätte in Misskredit bringen müssen.

  20. 20
    Wilz says:

    @14

    Spon schreibt nicht von einem Justizskandal, sondern von einem Justizdebakel.

    Spon schreibt übrigens auch, die Grünen würden „gegen Dildos kämpfen“ und Arnies Noch-Ehefrau wolle „den Terminator halbieren“. Vielleicht ist ja der Überschriftenbeauftragte im Urlaub?

  21. 21
    Martin says:

    Sie hat laut Staatsanwaltschaft im Zusammenhang mit ihrem Asylantrag gelogen und dabei systematisch geübt, überzeugend die Unwahrheit zu sagen.

    Das allein kann kein Vorwurf sein: Man erhält kein Asyl ohne systematisch zu lügen. Der Vorwurf hier sollte sein, dass Asylländer wie Deutschland und die USA solche Lügen akzeptieren.

  22. 22
    theo says:

    Dass die Dame einige „Lügen“ selbst eingeräumt haben soll, besagt dann noch lange nicht, dass es wirklich Lügen waren, auf denen die Anklage basiert.

    Und nur darum geht es: ob sie in tatrelevanten Dingen die Unwahrheit gelogen hat. Alles andere ist nebensächlich. Genauso wie mögliche sexuelle Gewohnheiten eines DSK nicht als Indiz für diesen Fall genutzt werden können.

    Da es auch keine Seltenheit ist, dass sich Aussagen vor und während eines Prozesses drehen, mag man vielleicht mit Grund an ihrer Glaubwürdigkeit zweifeln. Aber nochmal: für die Feststellung „Sie ist eine Lügnerin“ ist das alles in NY noch viel zu verworren.

  23. 23
    theo says:

    im zweiten Absatz den Ausdruck „die Unwahrheit“ streichen, dankeschön.

  24. 24
    Stefan Niggemeier says:

    @theo: Sie hat gelogen, ist aber keine Lügnerin? Wie geht das?

  25. 25
    Biber says:

    @ Harald Eisenmann (18): Wenn ich mich nicht völlig täusche, liegen Sie da ziemlich falsch. Die Staatsanwaltschaft in den USA hat eben gerade nicht die Aufgabe, irgendwelche entlastenden Aspekte zu suchen und zu berücksichtigen – das ist allein Aufgabe der Verteidigung. Ausfluss dessen ist dann übrigens, daß die Verteidigung z.B. weitaus stärkere Rechte bei der Zeugenbefragung bereits vor Prozessbeginn hat.

    Die Entwicklung im Fall DSK ist also nicht auf die Überlegung der Staatsanwaltschaft zurückzuführen, DSK könne möglicherweise unschuldig sein, sondern auf die Angst, der Prozess könne ihnen um die Ohren fliegen.

  26. 26
    theo says:

    25, Stefan:
    Ich denke, ich hatte mich zuvor recht klar geäußert. Ich kann es aber gerne noch mal anders formulieren:

    Selbst das Eingestehen einer Lüge besagt nicht, dass ein Mensch zuvor in diesem konkreten Punkt tatsächlich gelogen hat. Es gibt Tausende Fälle, wo Menschen sich fälschlich selbst belasten. Das zu klären ist Sache des Gerichts.

    Die „Lügen“ sind, so weit man das heute beurteilen kann, nicht tatrelevant. Sie selbst, Stefan, schreiben ja auch, dass all das nichts über den Hauptanklagepunkt aussagt.

    Ihre saloppe Formulierung „Heute weiß die ganze Welt, dass Nafissatou Diallo eine Lügnerin ist.“ mag dem Versuch einer polemischen Spitze gegen den Stern geschuldet sein – aber gleichzeitig erwecken Sie damit den Eindruck, die Frau sei generell eine Lügnerin.

    Und just darin sehe ich dann einen kleinen Widerspruch zu dem hier:

    „Aber vielleicht wäre es, gerade weil man es eben nicht weiß, eine gute Idee, wenn Medien nicht so täten, als wüssten sie im voraus, wessen Glaubwürdigkeit fast unerschütterlich ist; wer schuldig ist und wer nicht; wer verurteilt wird und wer nicht.“

  27. 27
    Luis Onnemann says:

    Und jetzt auf stern.de:

    Wie schnell man ein anderer Mensch werden kann…
    http://www.stern.de/politik/ausland/wende-im-fall-strauss-kahn-die-verwandlung-der-nafi-diallo-1701733.html

  28. 28
    koelneruwe says:

    [gelöscht]

  29. 29
    Gregor Keuschnig says:

    @25/Stefan Niggemeier
    Ein rhetorischer Trick, den Sie da anwenden. Er ist, wie theo ausführt, diffamierend. Die Aussage Heute weiß die ganze Welt, dass Nafissatou Diallo eine Lügnerin ist ist in ihrer Absolutheit falsch. Woran machen Sie das Urteil „Lügnerin“ fest? Sie relativieren zwar selber: Das bedeutet nicht, dass sie nicht möglicherweise tatsächlich von Dominique Strauss-Kahn vergewaltigt wurde. Aber das Urteil steht. Erstaunlich.

    Tatsache ist, dass wir immer noch sehr wenig wissen. Man kann aber dem „stern“ und anderen Medien nicht vorwerfen, dass sie nur herumspekulieren, um das Gleiche dann ebenfalls zu tun.

  30. 30
    jokahl says:

    Jetzt soll die maid auch plötzlich eine Prostituierte sein (Vorsicht: NY Post, schlimmer als Sun oder Bild): http://www.nypost.com/p/news/local/manhattan/maid_cleaning_up_as_hooker_0mMd759PLuYGYYJyA0RNbI/0
    Also mir geht das nach wie vor alles viel zu schnell, incl., ich wiederhole mich, SNs „Lügnerin“. Jetzt legen sich schon wieder alle fest – dabei sind weitere Wendungen in dem Fall überhaupt nicht ausgeschlossen.

  31. 31
    Stefan Niggemeier says:

    @Gregor Keuschnig: Sie haben aber auch den Satz davor gelesen?

    Im „Stern“-Artikel geht es um die Glaubwürdigkeit der Frau. Er kommt zu dem Ergebnis: „Anscheinend ist keines ihrer Geheimnisse groß genug, um aus Nafissatou Diallo eine Lügnerin zu machen.“ Diese Aussage ist falsch. Die Glaubwürdigkeit der Frau ist durch ihre Unwahrheiten erschüttert.

    (Sie meinen, „… ist ein Lügner“ bedeutet, jemand sagt immer und überall die Unwahrheit? Also wie in Kreta?)

  32. 32
    theo says:

    Lieber Stefan Niggemeier,

    Sie wissen, dass ich Sie und ihre Arbeit sehr schätze.

    Eine solche Rabulistik, wie Sie sie hier an den Tag legen, haben Sie eigentlich gar nicht nötig.

  33. 33
    Sebastian says:

    Ich hab mal wieder den Eindruck die Anwesenden Debattierer haben lediglich den Artikel hier gelesen und sich die verlinkten Artikel gar nicht durchgelesen.

    Ist ja auch weniger anstrengend.

  34. 34
    inga says:

    Bei einem Vergewaltigungskvorwurf steht es nun mal in den allermeisten Fällen Aussage gegen Aussage. Um Vergewaltigungen dennoch überhaupt nachweisen zu können, spielt daher die Glaubwürdigkeit einer Zeugin eine herausragende Rolle. Im vorliegenden Fall hat das Zimmermädchen eine hohe Glaubwürdigkeit attestiert bekommen, weil sie in den extra auf Glaubwürdigkeitstests entwickelten Befragungen gut abgeschnitten hat. Nun stellt sich aber heraus, dass sie bereits nachweislich in ähnlichen Befragungen erfolgreich und glaubwürdig gelogen hat. Somit verliert das positive Gutachten einfach erheblich an Relevanz für den aktuellen Fall. Natürlich kann es sich dennoch alles so zugetragen haben, wie das Zimmermädchen behauptet, nur die Tatsache, dass sie die Glaubwürdigkeitsprüfung „bestanden“ hat, kann nicht mehr herangezogen werden. Und dadurch wird es nun eben ein wenig dünn bzgl. der Beweisbarkeit der behaupteten Tat.

  35. 35
    kampfstrampler says:

    Alle Menschen sind „Lügner“ – irgendwo, irgendwie, irgendwann „irren“ sie sich, und wenn sie das in einem Falle vorsätzlich machen, haben sie gelogen, sind also in diesem bestimmten, eingegrenzten Kontext „Lügner“. Das Stichwort „diffamierend“ zeigt aber (vom Autor Keuschnig wohl anders gemeint), in welchem Kontext Frau Diallo als „Lügnerin“ steht – in einem Prozeß, der nach Lage der Dinge weitestgehend auf Leumund basiert ist. DSKs Leumund ist nach wie vor ziemlich schwarz (was den Umgang mit Frauen als „Sexualobjekten“ angeht). Frau Diallos Leumund war – soweit wir das überhaupt wissen können – von ihren Anwälten als der einer reinen, unschuldigen Seele gestrickt worden – was ja Sinn macht in einem Prozeß, bei dem es letztlich auf die Fama ankommt. Und siehe da, sie hat mehrfach gelogen (d.h. nicht nur einfach sich geirrt – wenn man den Staatsanwälten, diesen parteiischen Wesen, trauen darf), aus was auch immer für Gründen. Also ist sie – im Kontext des Prozesses gegen DSK – jetzt auch eine „Lügnerin“. Über Indizien zum Tathergang war gar nicht die Rede – ob ihre Aussagen dazu stimmen, muß eine Jury entscheiden. Die aber macht sich – jedenfalls nach New Yorker Recht – ein „Gesamtbild“ von der Klägerin. Und wir sollten aufhören, unsere vom Römischen Recht geprägten Vorstellungen ohne weiteres auf Common Law zu übertragen. Das führt nur zu Mißverständnissen.

  36. 36
    Klaus Thomas Heck says:

    Dass „Stern“-Autor Knobbe die „New York Times“ als Hauspostille der Staatsanwaltschaft bezeichnet, zeigt seine ganze Überheblichkeit. Einfach mal ganz trocken sich nur an die bekannnten Fakten zu halten, geht offenbar nicht. Immer muss jeder noch so kleine Sch… irgendwie kommentiert und bewertet werden. Dass macht solche Magazingeschichten für mich zunehmend unerträglich – nicht nur beim „Stern“. Da hat keiner genug Vertrauen, dass sich die Leser selbst eine Meinung bilden können.

  37. 37
    mcsteed says:

    Ich danke Kampfstrampler für diesen wunderbaren Beitrag.

  38. 38
    mosley says:

    mich würde mal von denjenigen, die jetzt noch zu dieser frau halten (oder zumindest noch kein finales urteil fällen wollen), ein kommentar zu dem anderen kleinen detail interessieren, nämlich dem telefonat mit dem gefägnisinsassen, bei dem sie einen tag nach dem behaupteten traumatisierenden erlebnis nüchterne, zynisch kalkulierende sätze sagt wie „keine sorge, der typ hat viel geld, ich weiss was ich tue“.

    ich kann mir beim besten willen nicht vorstellen, dass ein „echtes“ vergewaltigungsopfer hierzu in der lage wäre. aus meiner sicht könnte das klarer kaum sein, bzw., wenn ich mir jetzt überlegen müsste, wie ein behauptetes vergwaltigungsopfer sich am effektivsten vollumfänglich unglaubwürdig machen könnte, dann würde mir glaube ich nichts einfallen, was „ich diskutiere 24 stunden nach der behaupteten tat seelenruhig mit meinem freund dem drogendealer, wie ich die geschichte so aufziehen kann dass am meisten kohle für mich rausspringt“ noch topt. das ist schon so grotesk, mir wäre wahrscheinlich nichtmal diese option eingefallen, einfachs weils viel zu unrealistisch scheinen würde.

    ich wüsste gerne, wie man über die feinheiten von lügen bei asylanträgen (geschenkt) und lügen bei früheren behaupteten vergewaltigungen (nicht geschenkt) diskutieren kann, und dabei diesen teil der geschichte ausblenden kann. anders gesagt, hier steht noch ein grosser elefant im raum, könnte mal bitte jemand dazu stellung nehmen? :-)

  39. 39
    theo says:

    36:
    „Also ist sie – im Kontext des Prozesses gegen DSK – jetzt auch eine „Lügnerin”.

    Der Kontext des Prozesses ist ein Vergewaltigungsvorwurf. Wer die Frau in diesem Kontext „Lügnerin“ nennt, insinuiert, sie lüge auch dabei. Das wäre selbst für Common Law etwas uncommon.

    Ich meine auch nicht, dass Stefan Niggemeier das wirklich so gemeint hat – siehe: „Das bedeutet nicht, dass sie nicht möglicherweise tatsächlich von Dominique Strauss-Kahn vergewaltigt wurde.“ – aber ich halte seine Formulierung für nicht sehr geglückt. Wie gesagt: die Verlockung, dem Stern mit diesem einen Satz („weltbekannte Lügnerin“) eins auszuwischen, war wohl zu groß.

    PS: Sebastian, #34: Wir sind alle unwissend und faul. Klar doch.

  40. 40
    Sebastian says:

    @theo: nein nicht alle. Aber Sie im Besonderen.

  41. 41
    kampfstrampler says:

    @40 Nein, das ist römisch-rechtlich gedacht (stark vergröbert) – dort wird die Tat untersucht und geklärt (Inquisitionsprinzip). Nach Common Law, das immer noch zu großen Teilen auf dem Akkusationsprinzip beruht, hat der Kläger erst einmal recht (es sei denn, der Tatvorwurf ist prima vista unplausibel). Ihm ist ein Unrecht geschehen; deshalb springt ihm die Staatsanwaltschaft parteiisch zur Seite, um den Rechtsfrieden wiederherzustellen. Jetzt wiederum hat die Verteidigung des Angeklagten so gut wie alle(!) Instrumente zur Verfügung, um die Anklage zu erschüttern. Bei Aussage gegen Aussage entscheidet erst einmal der Leumund – die Indizien werden erst später im Prozeß beigebracht, durch den Officer persönlich (dessen Glaubwürdigkeit auch erschüttert werden darf!). Der wiederum hat ein eigenes Interesse daran zu beweisen, daß er im Vorfeld nicht getäuscht worden ist. Also wird er jederzeit argwöhnisch darauf schauen, daß der Leumund des vermeintlichen Opfers nicht doch beschädigt ist bzw. auf dessen weiteres (oder früheres) Verhalten gerade gegenüber der Community (oder Staatsgewalt) rekurrieren. Hieraus ergeben sich bisweilen tragische Konflikte (s. Kleist, Der Zweikampf – ein schönes Exempel dafür, wie der böse Schein trügen kann) – oder auch tragikomische … Aber auf Boston Legal zu verweisen, ist wohl doch etwas frivol (obwohl der Laie hier ungeheuer viel lernen kann; anders als bei Frau Salesch).

  42. 42
    FG says:

    „Heute weiß die ganze Welt, dass Nafissatou Diallo eine Lügnerin ist.“

    Echt? Die Welt weiß das? Genauso, wie sie bis Donnerstag wusste, dass DSK ein Vergewaltiger ist? Ich weiß es nicht. Ich habe in diversen Medien gelesen, dass die Staatsanwaltschaft das in einem Brief geschrieben habe (also nicht genau so, aber möglicherweise so ähnlich, was sie genau geschrieben hat/haben soll, habe ich noch nirgendwo gelesen). Aber weder habe ich den Brief gelesen noch eine Bestätigung der Staatsanwaltschaft oder gar etwas von einer Beendigung des Strafverfahrens gegen DSK, geschweige denn von einer Verurteilung von Diallo.

    Wie war das mit der Unschuldvermutung?

  43. 44
    Sebastian says:

    Also zählen wir mal auf:

    – ihre komplette Geschichte für den Asylantrag war gelogen, sie hat die Geschichte von ihrem Vertrauten, den sie im Gefängnis angerufen hat nach der Anzeige der Vegewaltigung. Er gab ihr eine Kassette mit der Geschichte die sie so lange angehört hat, bis sie sie auswendig konnte, und diese Geschichte dann im schriftlichen Asylantrag aufgeschrieben. Dieser Antrag beinhaltet die Formulierung, dass sie sich bei einer Falschaussage des Meineids schuldig macht
    – sie gab weiterhin an, zu einem gewissen Zeitpunkt in ihrer Heimat vergewaltigt worden zu sein. Nachdem sie sich in Widersprüche verstrickte, behauptete sie fortan, dass sie zwar vergewaltigt wurde, aber nicht zu jenem, sondern zu einem früheren Zeitpunkt
    – der Ablauf nach der Vergewaltigung wurde von ihr falsch wiedergegeben. Statt dass sie wie in der Vernehmung zunächst ausgesagt vor dem Hotelzimmer von DSK wartete, bis dieser sich per Aufzug von der Etage entfernte, und direkt anschließend ihren Vorgesetzten benachrichtigte, gab sie fortan an, nach verlassen von DSKs Suite noch ein anderes Zimmer gereinigt zu haben, in die Suite zurückgekehrt zu sein, diese Suite ebenfalls gereinigt zu haben, und erst dann ihren Vorgesetzten benachrichtig zu haben, um ihm von der Vergewaltigung zu berichten
    – ferner erschlich sie sich Wohnungszuschuss sowie Kindergeld, indem sie ihre wahren Einkünfte absichtlich niedriger angab als diese tatsächlich ausfielen. Darüber hinaus gab sie nicht nur ihr eigenes sondern auch noch das Kind einer Bekannten als ihres aus, um für ein zweites Kind Kindergeld zu erhalten.

    Ja ich seh schon. Die Frau lügt nur ganz selten.

  44. 45
    theo says:

    Das mit dem Kindergeld kommt natürlich erschwerend hinzu.

    Sebastian, Sie sind ein ganz Schlauer. Aus dem fernen Bielefeld behalten Sie, was immer auch kommen mag, stets die Übersicht.

    ;-)

  45. 46
    Jens says:

    Interessant finde ich die Quellenangaben des Spiegels. Das erinnert mich an einen Blog zu dem Thema, wie der Bulevard sich vor Klagen drückt.
    „Es gibt viele, die erzählen“, „wie eine Nachbarin erzählt“. So kann man alles behaupten. Kann aber nicht belangt werden, da man ja nur wiedergibt, was andere sagen.
    Im Grunde läuft in diesem Fall die gleiche Schlammschlacht wie bei Kachelmann. Alle schlagen drauf und machen danach eine schöne Betroffenheitskampagne, wie schlimm es dem Angeklagten bei so viel Vorverurteilung geht.

  46. 47
    Alberto Green says:

    Gibt es eine Unterscheidung a la Zwiebelfisch, dass jemand, der in mehreren Situationen lügt, nicht „Lügner“ genannt werden darf?
    Gibt es dafür eine Variante (vielleicht „Lügnender“?“temporärer Nicht-ganz-die-Wahrheit-Sager“?)
    Das interessiert mich wirklich, ich will nicht als „infam“ oder „Rabulistiker“ gelten.

  47. 48
    Oribati says:

    So dann können wir jetzt auf den Tag warten, an dem Herr Niggemeier doch eines besseren belehrt wird und der Stern recht behält! Wenigstens gibt es in der DSK Homestory jetzt abwechslung. Danke Neophilie!

  48. 49
    Jeeves says:

    Der Stil der Stern-Geschicht ist schlicht KITSCH:
    = Pathos statt Wahrheit. A lie pretending to be the truth.

    …jedenfalls der oben zitierte Einstieg beim Stern:
    „Hinterher war ihr klar, dass es einen Vorboten des Unheils gab. An diesem Morgen, der für Nafissatou Diallo begann wie so viele in ihrem neuen Leben. …“

    Wenn der Rest genau so ist, auweia. (Gregor Keusching, bitte übernehmen)

  49. 50
    Sebastian says:

    Es war übrigens doch die Recherche der Verteidigung, die die Widersprüche entdeckt hat. Die haben das Material nur an die Staatsanwaltschaft übergeben, und die ist verpflichtet, alles zu prüfen.

  50. 51
    Peter says:

    @ Sebastian — Sie haben hier sicher recht, die Verteidigung hat etwa 10 Tage vor dem letzten Gerichtstermin angekuendigt dass sie ueber Kenntnisse verfuegt die den Fall grundlegend aendern werden.

    Die Frage die sich aufdraengt ist ob die Staatsanwaltschaft daraufhin noch intensiver recherchiert hat.

    Aber sehen wir uns diesen Fall einmal im Vergleich zu einem ’normalen‘ Fall an wo jemand der mit den genau gleichen Anschuldigungen und Beweismaterial vor Gericht kommt aber nicht die Mittel eines DSK besitzt.

    Dieser durchschnittliche (? = average) Angeklagte hat oft einen Pflichtverteidiger oder einen ueberarbeiteten aber erschwinglichen privaten Verteidiger. Diese Verteidigung hat nicht die Mittel viel mehr zu tun als sich die Materialien der Staatsanwaltschaft anzusehen.

    Diese Verteidigung hat sicher nicht die Mittel selbst zu recherchieren, einen Ermittler zu engagieren, viel Zeit aufzuwenden.

    Und wie ist es mit dem Staatsanwalt? Dieser Fall wird sicher nicht intensiv recherchiert. Die Zeugin ist plausibel, die Polizei glaubt ihr. Warum soll dann der ueberarbeitete, untergeordnete Staatsanwalt noch Zeit fuer eigene Recherchen vergeuden? Seine Befoerderung verdient er mit gewonnen Prozessen, nicht welchen die er eingestellt hat.

    Auch seinem Vorgesetzten geht es nur um Prozesse die gewonnen wurden damit der grosse Boss widergewaehlt wird.

    Und die Verteidigung? Sie hat nur Anspruch auf Material das die Staatsanwaltschaft als beweiswuerdig bezeichnet. Ein Zeuge der vielleicht einen Schatten auf das Beweismaterial wirft? Er muss ja nicht vom Staatsanwalt als beweiswuerdig eingestuft werden — die Verteidigung kann ihn ja selber finden, auch wenn er nie in den Materialien aufgefuehrt wird.

    Ein Test der zweideutig ausfaellt? Die Verteidigung kann ja selbst testen lassen oder spezifisch nach dem Test der Staatsanwaltschaft fragen — ueber den sie nichts wissen kann.

    Was passiert num mit unserem Angeklagten? Ihm wird mit der laengsten Strafe gedroht, der Verteidiger und der Staatsanwalt handeln sich aus und der Verteidiger wird den Angeklagten draengen diesen Kompromiss anzunehmen. Unschuldig oder nicht, 3 bis 5 Jahre Gefaengnis sind besser als 25 Jahre.

    Man muss dazu wissen das ohne diese Kompromisse die Justiz der USA unter der Last der Faelle zusammenbrechen wuerde.

    Und immer wieder kann man lesen wie Unschuldige durch Unterschlagung von Beweismaterial, bewusstem Verzicht auf Recherche oder fabriziertem Beweismaterial der Anklage verurteilt — und in zwei sehr gut erforschten Faellen hingerichtet wurden.

    The Innocence Project http://www.innocenceproject.org und das Southern Poverty Law Center http://www.splcenter.org haben genug an Beweismaterial wie die Justiz in den US versagen kann.

    Dieses Versagen ist systemisch: Staatsanwaelte die mit jedem Mittel gewinnen wollen — es heist ja nicht umsonst ‚the adversarial system‘, Richter und Staatsanwaelte die gewaehlt und wiedergewaehlt werden wollen, und der weit uebermaessige Einfluss der Opfer und ihrer Familien in Prozessen der ausserhalb der US oft sehr unterschaetzt wird.

    @jokahl — Die NY Post, wie so ziemlich alles aus Rupert Murdoch’s (Mist)Stall, ist natuerlich furchtbar. Aber **wenn man annimmt** dass DSK unschuldig ist und weiss das man sich in Hotels auch Wuensche unter dem Tisch erfuellen lassen kann dann ist das eigentlich eine gute Erklaerung dafuer warum der Vorfall so schnell vorrueber war und mit welcher Seelenruhe DSK ausgecheckt ist, mit seiner Tochter und ihrem Freund mehr als eine Stunde beim Mittagessen verweilte und dann ohne Eile im Air France Club sich die Zeit verweilt hat. Auch hat er noch das Hotel angerufen weil er das IMF Berufstelefon im Hotel vergessen hatte — nach Verteidigung eines von drei Telefonen die er immer bei sich hat.

    Also, abgebrueht oder unschuldig — ich glaube wir werden es nie wissen.

    Peter
    NYC

  51. 52
    Konrad says:

    Ich kann in diesem Zusammenhang übrigens auch den Stern der vorherigen Woche empfehlen. Unter dem Titel „Wo ist Ai Weiwei?“ erwecken die Autoren den Eindruck, dem möglichen Haftort so nahe wie irgend möglich gekommen zu sein. Zudem spekulieren sie über die Hoffnungslosigkeit seiner Situation. Am Tag des Stern-Erscheinens tauchte Ai wieder auf.

  52. 53
    Jakob says:

    Ich glaube der Frau gar nichts. Das was sie heute wiedergegeben hat in der Deutsch-Türkischen Zeitung und anderwo, macht mir leichte Übelkeit.

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