Was gestern mit Dominique Strauss-Kahn passiert ist, hätte eigentlich gar nicht passieren dürfen. Der „Stern“ hatte es in seiner erst einen Tag zuvor erschienenen Ausgabe quasi ausdrücklich ausgeschlossen, dass das passieren könnte: dass die Glaubwürdigkeit des Zimmermädchens, die den ehemaligen IWF-Chef der Vergewaltigung beschuldigt, erschüttert würde.

Nafissatou Diallo, das Zimmermädchen, sei eine Frau, „die kleine und große Geheimnisse hat“, heißt es am Anfang des Artikels. Um dann nach vielen Zeilen diesen Gedanken wieder aufzunehmen und zu dem Schluss zu kommen: „Anscheinend ist keines ihrer Geheimnisse groß genug, um aus Nafissatou Diallo eine Lügnerin zu machen.“

Heute weiß die ganze Welt, dass Nafissatou Diallo eine Lügnerin ist. Sie hat zugegeben, falsche Angaben gemacht zu haben über das, was sie nach der angeblichen Tat getan hat. Sie hat laut Staatsanwaltschaft im Zusammenhang mit ihrem Asylantrag gelogen und dabei systematisch geübt, überzeugend die Unwahrheit zu sagen. Und es soll laut „New York Times“ einige dubiose Verbindungen, Telefonate und Geldzahlungen geben.

Das bedeutet nicht, dass sie nicht möglicherweise tatsächlich von Dominique Strauss-Kahn vergewaltigt wurde. Aber es erschüttert ihre Glaubwürdigkeit, und wenigstens dieser Satz in dem „Stern“-Artikel stimmt: „Entscheidend ist (…) die Glaubwürdigkeit der Beteiligten, falls irgendwann eine Jury über das Schicksal Strauss-Kahns urteilen muss.“

Der „Stern“ tut so, als sei er dieser Frau ganz nah gekommen, eigentlich bis in ihren Kopf hinein. Der Artikel beginnt mit den Sätzen:

Hinterher war ihr klar, dass es einen Vorboten des Unheils gab.

An diesem Morgen, der für Nafissatou Diallo begann wie so viele in ihrem neuen Leben.

Nicht weit von ihrer Wohnung in der New Yorker Bronx bestieg die Frau aus Guinea die U‑Bahnlinie 4, die über Hochtrassen und Tunnel zu ihrem Arbeitsplatz nahe der Fifth Avenue ruckelte. Der Rhythmus des Zuges übertrug sich auf sie. Eine Unruhe, die an diesem Samstag zu ihrer eigenen passte, wird sie später einem Vertrauten am Telefon erzählen.

Der „Stern“ behauptet, die Geschichte der Frau zu erzählen. Es ist ein Stück voller Mutmaßungen und Nebensächlichkeiten. Zum Beispiel über das Restaurant von Blake Diallo in Harlem, in dem sich die Frau zuhause fühlte:

Sie aß hier gern Lammragout oder frittierte Bananen. Es gibt viele, die erzählen, Blake Diallo sei sehr eng mit Nafissatou Diallo, einige meinen, er sei sogar ihr heimlicher Partner. (…)

Der Speiseraum mit den fünf Tischen ist gerade mal so groß wie die Küche, in der frittierter Fisch mit Reis, pikantes Hühnchen und Couscous zubereitet werden, kein Gericht kostet mehr als sieben Dollar. Es ist Mittagszeit, aber kein Gast sitzt im Lokal. Bahareh Jabbie schaut einen misstrauisch an, seine beleibte Frau Fatima schlurft aus der Küche herbei, murmelt etwas, man versteht es nicht. (…)

Im Januar zog sie in eine Zweizimmerwohnung in einem roten Backsteingebäude, wenige Blocks vom Baseballstadion der Yankees entfernt. Das Wohnzimmer stellte sie mit afrikanischen Statuen, Webwaren und Pfauenfedern voll. Dazu Fotos aus ihrer Heimat, die sie manchmal vermisste, wie eine Nachbarin erzählt, die bei ihr zu Gast war.

Sie betete in einer Moschee in Harlem, sie kaufte wenige Schritte weiter im Futa Market afrikanische Produkte ein — Blake Diallos Café liegt gleich auf der anderen Straßenseite. Sie erschien schüchtern und legte viel Wert auf Diskretion.

Es sind viele bunte Informationskiesel, die vermutlich ein Mosaik ergeben sollen, aber doch nur Geröll sind, sobald der Kitt wegfällt, mit dem der „Stern“ sie aneinandergeklebt hat. Er erzählt die Geschichte einer schwer ergründlichen Frau, der trotzdem keinesfalls zuzutrauen ist, dass sie die Unwahrheit erzählt. Er beschwört den Kontrast zwischen dem armen machtlosen Opfer und dem reichen berühmten Täter Mann, erwähnt nur pro forma, dass niemand weiß, was tatsächlich passiert ist, und beschreibt, wie Strauss-Kahn entscheiden müsse,

ob er in der zu befürchtenden Schlammschlacht tatsächlich den Versuch machen soll, das Ansehen des mutmaßlichen Opfers zu zertrümmern.

Die Antwort scheint schon in der Frage zu stecken, und der „Stern“ zitiert am Ende noch einen Strafverteidiger, der davon abrät, „dass dieser reiche Mann seine Millionen dazu verwendet, diese mittellose Frau zu diskreditieren“.

Es war dann aber die Staatsanwaltschaft, die die Widersprüche in den Aussagen der Frau entdeckt hat.

Der Artikel im „Stern“ endet mit der Prognose des angeblichen Experten, dass Strauss-Kahn sich „irgendwann schuldig bekennen und mit der Staatsanwaltschaft eine Strafe aushandeln“ werde: „Die Faktenlage ist überwältigend“, sagt er. Strauss-Kahn werde sich „mit dem Gedanken abfinden müssen, ein paar Jahre im Gefängnis zu verbringen. Es sei denn, es kommt noch etwas hoch, womit niemand rechnet.“

Und der „Stern“ fügt hinzu:

Danach sieht es derzeit nicht aus.

Tja, da ist dann wohl doch noch etwas hochgekommen, wonach es seinerzeit nicht aussah.

Ich will gar nicht den Eindruck erwecken, als ob ich es besser gewusst hätte. Aber vielleicht wäre es, gerade weil man es eben nicht weiß, eine gute Idee, wenn Medien nicht so täten, als wüssten sie im voraus, wessen Glaubwürdigkeit fast unerschütterlich ist; wer schuldig ist und wer nicht; wer verurteilt wird und wer nicht.

Das ist eine so banale Erkenntnis, nicht erst nach dem Freispruch Kachelmanns. Und dennoch scheint es utopisch, dass ein Medium wie der „Stern“ (oder der „Spiegel“ oder die „Bild“) ihr je gerecht werden könnte.

 

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