Handgeschriebene Visitenkarten sind so schwer zu entziffern

Und dann war da noch Norbert Tiemann, Chefredakteur der „Westfälischen Nachrichten“. Ich glaube, man tut ihm kein Unrecht, wenn man unterstellt, dass er am Freitagabend, als er den folgenden Text schrieb, nichts wusste über die Attentate, ihre Hintergründe und das Leben in Norwegen. Trotzdem wusste er all das zu kommentieren und den Lesern seiner Zeitung zu erklären:

Der Terror macht die Freiheit zur Falle
Entsetzliche Gewalt

Tote, Verletzte, Bilder der Verwüstung, die an den 11. September erinnern: Der feige und blutrünstige Terrorismus versetzt Europa und die gesamte westliche Welt wieder in Schockstarre. Schwere Explosionen erschüttern das Regierungsviertel in Oslo, ein Regierungschef ist auf der Flucht vor perfider Gewalt. Und die Visitenkarte der Attentäter trägt, das lassen die Indizien vermuten, die Handschrift islamistischer Terroristen. Wenn es noch eines Beweises dafür bedurfte, dass der Tod Osama bin Ladens nicht das Ende kaltblütigen Terrornetzwerkes El Kaida bedeuten würde — der katastrophale Anschlag könnte alle Zweifel beseitigen. Noch gibt es dafür aber keine Bestätigung. Obwohl es in der Vergangenheit in Skandinavien Anschläge gegeben hat, wähnte sich das liberale Norwegen — trotz seines militärischen Engagements in Afghanistan und Libyen — offenbar nicht direkt im Fokus der fanatischen “Gotteskrieger” und leistete sich womöglich laxere Sicherheitsvorkehrungen. Die islamistischen Terrorbanden in ihrem blindwütigen Hass auf die westliche Zivilisation und deren Werte schrecken nicht davor zurück, die gelebte Freiheit der demokratischen Welt als todbringende Falle zu missbrauchen. Mit Mord und martialischer Verwüstung hat sich der fundamentalistische Terror inmitten einer westeuropäischen Metropole entsetzlich in Erinnerung gebracht.

Vielleicht könnte man diesen Text in einem dieser „Zeitung in der Schule“-Projekte verwenden, die für das Lesen von Gedrucktem werben. Gemeinsam können Lehrer und Schüler staunen, wie schnell ein souveräner Chefredakteur es schafft, all das Gerümpel aus Würdes und Könntes, Offenbars und Womöglichs, die er erst in seinen Text stellen musste, sofort wieder aus dem Weg und aus dem Kopf zu räumen, um am Ende in stolzem Indikativ formulieren zu können.

Andererseits zeigt das Beispiel auch die große Stärke des Mediums Internet für Zeitungen, denn als sich herausstellte, dass Tiemanns Kommentar nicht vollständig realitätskompatibel war, wurde der Artikel online natürlich ohne weitere Erklärung entfernt.

[via Kommentare]