BANKROTTerKLÄRUNG

Es ist nicht so, dass man „KINDerLEBEN“, das neue „Familienmagazin“ der „Süddeutschen Zeitung“, gar nicht lesen kann. Wer genau hinschaut, ahnt, dass an den dünnen hellgrauen Schlangenlinien im Text oben und unten noch was dranhängt: Das müssen „s“ sein. Im spindeldürren „e“ ist der Querstrich so weit hochgerutscht, dass es fast wie ein „c“ aussieht, aber doch nur fast. Und wenn man die Augen zusammenkneift, lassen sich manchmal mit etwas Glück sogar die Kommas von den Punkten unterscheiden — das ist doch was!

Die Buchstaben sehen aus, als hätte jemand mühsam Mohnsamen zu hauchfeinen Partikeln zerrrieben und dann in kleinsten Prisen gleichmäßig über die Seiten gestreut. Das links ist ein verkleinerter, aber sonst unbearbeiteter Scan aus einer Seite (zum Vergleich rechts das Ikeadings im gleichen Maßstab). In Kästen ist dieser graue Hauch von Schrift oft noch kleiner und steht gerne auf graubraunem Untergrund.

Aber vielleicht liest man dieses Zeitungs-Supplement ohnehin besser nicht. Einzelne Texte stammen zwar von namhaften „SZ“-Autoren. Aber gleich der erste große Artikel in der ersten Ausgabe des neuen Heftes, quasi der Aufmacher, ist gar kein Artikel, sondern eine Anzeige, die wie ein Artikel aufgemacht ist (zum Vergleich: links die Anzeige, rechts ein Artikel).

Und auch die Firma Hipp darf sich ein paar Seiten weiter in solcher Gestaltung präsentieren, dass man erst beim zweiten Hinsehen merkt, dass es sich nicht um einen redaktionellen Beitrag handelt. Wie knapp muss das Geld bei der „Süddeutschen“ sein, wenn sie diese Produktionsform nicht mehr den billigsten Frauen- und Fernsehzeitschriften überlassen will?

Ein armes Schleichwerbeblättchen ist dieses „KINDerLEBEN“, voller Produktinformationen, mit einem traurigen Cover und einem Schwachsinnstitel, der im Vorwort noch erklärt wird: „Was ein Kinderleben ausmacht, wie Kinder leben und wie Eltern ihr Kind erleben — damit beschäftigt sich unser neues Magazin.“ Gut, dass man’s eh kaum lesen kann.

Und quasi als Pointe ist ausgerechnet das Wort „Schlusskorrektur“ falsch geschrieben: ohne „l“.

14 Replies to “BANKROTTerKLÄRUNG”

  1. Und im Scan direkt noch einen Text ohne Absätze erwischt. Und das steht nichtmal in deiner wahrhaftigen und glaubwürdigen Kritik. Interessant auch der Hinweis auf der Internetseite, in dem direkt im ersten Absatz steht, „(…) Anzeigenschluss ist der 06. November.“.

  2. Diese Anzeigen, die wie ein Artikel aufgemacht sind, findet man heute leider in vielen Zeitungen. In meinen Augen ist das ein Missbrauch der Typographie … (Manchmal wird für eine Mischung vieler Anzeigen mit wenigen schlechten Artikeln der Begriff „Sonderveröffentlichung“ verwendet. Dann ist man wenigstens gewarnt).

    Noch schlimmer sind aber die Artikel, die anscheinend in zehn Minuten durch Umformulieren aus Pressemitteilungen entstehen.

  3. Alles sehr wahr. Auch mir drängte sich das Gefühl auf, dringend meine Sehstärke überprüfen lassen zu müssen; aber die mühsam wahrgenommene „Qualität“ der Artikel ist den Aufwand beileibe nicht wert. Selbst die im Titel angekündigte tolle Kindermode ist dann doch nur 08/15-Langeweilezeugs.

    Einzig schön: die Monstermuffins. Die sind aber eine Handvoll inspirierende Bilder und ein Absatz Text. Mehr muß man von dieser Zeitschrift nicht wissen.

    Wenn der Papiermüll unser SZ-Abo etwas billiger macht, soll’s mir allerdings fast wieder recht sein; ich nehme ja auch die Golf-Beilage klaglos hin.

  4. Ich weiss gar nicht, was ihr habt. Ich als „alter Blankeneser Schnösel“ habe mich über die schönen Kinderreisetipps, bspw. ins Oceanografische Institut von Monaco gefreut.

    Bei der „grandiosen Aussicht“ auf der Terrasse überlege ich aber gerade, meinen Nachwuchs bei Oma zu lassen und alleine mit meiner Assistentin zu fahren.

  5. Ein ähnliches Ärgernis ist die SZ-Beilage „innovate!“, die auch als Wissensmagazin daherkommt, aber nur ein einziges Anzeigenblatt ist – selbst die Artikel sind nicht annähernd unabhängig verfasst –> Altpapier …

  6. Wenn das eine notleidende kleine Dresdner Lokalzeitung macht, die ihren „Mantel“ ohnehin schon aus Leipzig geliefert bekommt … aber /die/ Süddeutsche? Was sind das für lausige Sitten!

  7. hallo stefan, was ist eigentlich aus dem zeitschriftenblog geworden, für das du gelegentlich geschrieben hast? wollte grad mal schauen, ob sich dort jemand über den spex-relaunch ausgelassen hat und bekam die meldung „hier entsteht eine neue internetpräsenz“.

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