Der Kuzy

31 Mai 12
31. Mai 2012

Es ist an der Zeit, eine neue journalistische Textgattung neben etablierten Formen wie Reportage, Nachricht oder Glosse zu benennen: den Kuzy. Die Definition würde ungefähr so lauten: Ein Kuzy ist ein sich von sich selbst distanzierender Text.

Benannt wäre er nach „Spiegel Online“-Redakteur Stefan Kuzmany, und ein besonders anschauliches Beispiel für einen Kuzy wäre seine Meldung über die Wahlen der Miss Deutschland 2012 vom Pfingstmontag:

Und noch ne Miss: Die 20-jährige Susan Henry aus Kassel ist zur Miss Deutschland 2012 gewählt worden – nicht zu verwechseln mit der Miss Germany, das ist Isabel Gülck. Die Geschichte der Schönheitswettbewerbe ist kompliziert, aber wen interessiert das eigentlich?

Berlin/Halle – Wer kann schon genau wissen, wer die schönste Frau des ganzen Landes ist? Für den Verfasser dieser Zeilen ist es selbstverständlich die eigene Gattin, aber alle anderen haben da ihre ganz eigene Meinung. Mit Recht!

Auf halber Strecke unterbricht er den Versuch, die verschiedenen Titel angeblich schönster Frauen auseinanderzudröseln, verweist stattdessen auf Wikipedia-Artikel zum Thema und fügt hinzu:

(und verzeihen Sie, dass wir an dieser Stelle nicht tiefer in die Recherche einsteigen mögen, dafür ist das Wetter draußen einfach zu schön).

Der Artikel endet mit den Worten:

Sollten Sie diesen Text tatsächlich bis zu dieser Stelle gelesen haben, kann das eigentlich nur daran liegen, dass Sie den Link zu den Fotos von Susan Henry noch nicht finden konnten. Kleiner Tipp: Sie müssen einfach nur auf das große Foto oben klicken. Gern geschehen.

In der 23-teiligen Bilderstrecke finden sich dann Unterschriften wie die folgenden:

Insgesamt 18 Teilnehmerinnen buhlten um den „Miss Deutschland“-Titel. Hier posieren sie vor einer Piraten-Kulisse, fragen Sie aber bitte nicht, warum. Scheint wohl gerade im Trend zu liegen.

Diese Bildergalerie wird Ihnen präsentiert vom SPIEGEL ONLINE-Feiertagsdienst. Hier sehen Sie: „Miss MGO Hessen“, die Siegerin und frisch gekrönte „Miss Deutschland“. Wie war gleich ihr Name? Ach ja: Susan Henry.

Sie haben Sie wahrscheinlich bereits vermisst, aber hier ist sie doch: Daisy Matzke, die „Miss MGO Sachsen“.

Und zuletzt noch ein besonderes Schmankerl: Adrijana Vidakovic, die „Miss MGO Niedersachsen“. Herzlichen Glückwunsch, Sie haben sich tatsächlich durch alle 23 Bilder geklickt. Jetzt können Sie gleich nochmal von vorne anfangen!

Kurz vor Weihnachten vergangenen Jahres erschien auf „Spiegel Online“ ein Kuzy, der die Nachrichtitis von „Spiegel Online“ und das Genre des Livetickers veralberte: Ein Liveticker „Normalität 2011“:

Atom, Arabien, Ehec, Euro, Bin Laden, Guttenberg und kein Ende: Der Ausnahmezustand ist 2011 zum Alltag geworden – und der Alltag zur Ausnahme. SPIEGEL ONLINE hat sie trotzdem gefunden: die einzige normale Minute des Jahres. Verfolgen Sie die beruhigenden Ereignisse im Liveticker.

[08:23:04] Der Rentner Olaf B. aus Wuppertal, ein ehemaliger hochrangiger Angestellter der städtischen Stromwerke, hat eine folgenlose Idee: Er will sich einen schwarzen Tee zubereiten und das Wasser dafür in einem elektrischen Wasserkocher erwärmen. Kurz nachdem er den Wasserkocher eingeschaltet hat, beginnt das Wasser zu brodeln.

[08:23:10] Ein durchschnittlich gekleideter Mann mittleren Alters betritt unauffällig eine Filiale der Volksbank in Celle. Er zieht seinen Personalausweis und eröffnet ohne Vorwarnung ein Konto.

[08:23:41] Niemand rechnet an diesem strahlenden Morgen auf der Baleareninsel Mallorca damit, dass in wenigen Minuten eine sechzehn Meter hohe Monsterwelle die friedlichen Strände und tausende Menschen unter sich begraben könnte. Zu Recht.

[08:23:59] Tausende Leser eines Livetickers auf SPIEGEL ONLINE warten auf eine Schlusspointe. Doch das Leben geht auch ohne weiter.

Für das neu verpackte Reiseressort von „Spiegel Online“ steuert er eine viertelwitzige und sicherheitshalber schon als „ironisch“ anmoderierte Arbeitsverweigerung bei. Er empfiehlt, mal das Brandenburger Tor zu besuchen:

Nur wenigen bekannt, obschon mitten in Berlin gelegen, ist der Pariser Platz. Leicht zu entdecken ist er zwar nicht, doch wer sich ein wenig mit den Geheimnissen des Berliner Nahverkehrs beschäftigt, wird den Weg finden: Am besten steigen Sie an der Haltestelle „Brandenburger Tor“ aus, erreichbar allerdings leider nur mit der U55, der S1, S2 und S25, oder aber dem Bus der Linie TXL 100.

(Jaja, es gibt keine Linie TXL 100.)

Während des Berichterstattungs-Tsunamis zur Frage, wer Gottschalks Nachfolger bei „Wetten dass“ wird, schreibt er auf „Spiegel Online“ den 70.000 Text zu diesem Thema. Darin bringt er folgenden Absatz unter:

Die Republik starrt gebannt auf die sogenannte Wettcouch, als würde sich ihr Schicksal nicht im Kanzleramt, nicht bei den Verhandlungen um die Euro-Rettung entscheiden, sondern genau hier, bei Gummibärchen und einem Glas Sekt. Online-Medien berichten live, an prominentester Stelle und mit einer Vielzahl von Texten (sollte Sie an dieser Stelle die Logik zwicken: das geht vorbei) – aber warum nur?

Stefan Kuzmany ist der Hofnarr von „Spiegel Online“, mit der ganzen Zwiespältigkeit, die diese Rolle mit sich bringt. Einerseits ist es rundweg zu begrüßen, dass sich „Spiegel Online“ einen solchen Hofnarr leistet, der zum Vergnügen einiger fortgeschrittener Leser mit dem Medium spielt. Andererseits ist ein solches Narrentum womöglich nicht subversiv, sondern eher systemstabilisierend.

Vermutlich werden in Zukunft größere Teile insbesondere des Online-Journalismus sowohl für die Autoren als auch das Publikum nur durch solche Texte erträglich, die sich von sich selbst distanzieren. Journalistisch ist der Kuzy eine Kunstform. Psychologisch könnte man in ihm natürlich auch einen Hilfeschrei sehen.

[Offenlegung: Stefan Kuzmany hat mal eine Weile in meinem Büro gesessen. Und ich schreibe gelegentlich für „Spiegel Online“.]

54 Gedanken
  1. 52
    Raoul says:

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