Der ewige Junggeselle Peter Altmaier und die Selbstzensur der „taz“

16 Jul 12
16. Juli 2012

Ich weiß nicht, ob Peter Altmaier schwul ist. Aber ich finde es — anders als die Chefredakteurin der „taz“ — legitim, darüber zu spekulieren.

Der neue Umweltminister hat die „Bild am Sonntag“ wie zuvor schon anderen Medien zu sich nach Hause eingeladen. Er hat sich „am heimischen Herd“ mit einer Pfanne Bratkartoffeln fotografieren lassen. Und er hat die Frage der „Bild am Sonntag“-Leute beantwortet, warum man „in den Archiven nichts von einer Partnerin findet“:

„Ich bin ein sehr geselliger und kommunikativer Mensch. Doch der liebe Gott hat es so gefügt, dass ich unverheiratet und allein durchs Leben gehe. Deshalb kann in den Archiven auch nichts über eine Beziehung stehen. Ich hadere nicht mit meinem Schicksal. Wenn es anders wäre, wäre ich längst verheiratet oder in einer festen Beziehung. Aber ich hatte und habe immer eine kleine Zahl guter Freunde, mit denen ich über alles reden kann.“

Das sind bemerkenswert apodiktische Formulierungen: „Der liebe Gott hat es so gefügt“ und „mein Schicksal“. Formuliert so jemand, der bloß noch keine Partnerin gefunden hat? Oder spricht hier jemand verschlüsselt über seine Homosexualität?

Das schwule Online-Portal queer.de entschied sich für letzteres und gewann daraus eine schöne Pointe:

Nicht der „liebe Gott“, sondern er selbst hat es schließlich (mit) so gefügt, dass er unverheiratet durchs Leben gehen muss — nämlich als er Ende Juni im Bundestag gegen die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare stimmte.

„taz“-Redakteur und Geschwurbel-Spezialist Jan Feddersen stieß sich ebenfalls an Altmaiers Coming-Out als „Dauersingle“. Er forderte ihn auf, Klartext zu reden, schaffte es aber dabei nicht, Klartext zu reden, und formulierte stattdessen:

Das klingt alles so uneigentlich, so vage: untypisch Altmaier. Also beginnen wir hier mit der Dechiffrierung, die sich notgedrungen mit Fragen behelfen muss: Spricht Altmaier so, weil in der CDU gute Laune und Nichtverehelichung nicht zusammengehen dürfen? Stellt er sich moralisch für den Bundestagswahlkampf auf, um das Thema des Nichtverheiratetseins nicht angeheftet zu bekommen – vor allem nicht durch krass konservative Wähler? Oder meidet er eventuell das Thema H … und das schlimme Sch …-Wort, weil er keine Lust haben könnte, der erste offene H … seiner Partei im Bundesministerrang zu sein?

Auch Bild am Sonntag hat sich nicht getraut, die direkte Frage zu formulieren: „Herr Minister, bei aller Liebe zu Gorleben und zur Endlagerfrage, aber: Sind Sie sch …?“ Da die taz weder outet noch dementiert, gleichwohl den Sprechton verstopfter Flöten nicht schätzt, hätten wir gern Erläuterung. Denn irgendwie passt dieses pseudobarocke Schwurbeln nicht zu diesem Minister: Er, die einzige gute Idee, die Merkel noch hatte, hat es nötig, so zu hüsteln und zu brüsteln? Kaum zu glauben.

Dass „wir“ gern „Erläuterung“ hätten, ob Altmaier nun schwul (oder wie Feddersen sagen oder nicht sagen würde: sch…) ist, stellte sich im Nachhinein als größerer Irrtum heraus. Die „taz“-Chefredakteurin Ines Pohl ließ den Text auf taz.de nicht nur entfernen. Sie entschuldigte sich sogar für Feddersens Artikel. Sie schrieb:

politisch wie moralisch ist die sexuelle Orientierung eines Menschen irrelevant. Sie ist Privatsache. Entsprechend sollte sich die taz weder an Zwangsoutings noch an Gerüchten über die sexuelle Orientierung beteiligen.

Die „taz“ soll nicht fragen dürfen, was der Umweltminister meinte, als er es als sein von Gott gewolltes Schicksal bezeichnete, unverheiratet bleiben zu müssen? Das halte ich für falsch. Ebenso wie die Behauptung, die sexuelle Orientierung eines Menschen sei Privatsache.

2001 veröffentlichte der „Bund lesbischer & schwuler Journalisten“ (BLSJ) einen „Kölner Appell“, in dem er zu einem „neuen Umgang der Medien mit sexueller Orientierung und Privatleben von Personen des öffentlichen Lebens“ aufrief. Darin heißt es unter anderem:

Der BLSJ fordert JournalistInnen und Medien auf, die sexuelle Orientierung von lesbischen, schwulen und bisexuellen Personen des öffentlichen Lebens nicht länger zu tabuisieren. Die Erwähnung der sexuellen Orientierung ist insbesondere dann wichtig, wenn sie für das Verständnis einer Nachricht oder Geschichte bzw. zur Beurteilung der Glaubwürdigkeit einer Person erforderlich ist.

Der BLSJ appelliert an JournalistInnen und Medien, in der Berichterstattung über Personen des öffentlichen Lebens zwischen sexueller Orientierung und Privatleben zu unterscheiden und dabei alle Menschen gleich zu behandeln.

Denn die „sexuelle Orientierung“ von Menschen gilt in den Medien nur dann als „Privatsache“, wenn die betreffenden Menschen schwul oder lesbisch sind. Die Information, dass ein Mann mit einer Frau zusammen oder verheiratet ist, gilt hingegen keineswegs als schützenswerte „Privatsache“.

Dadurch, dass man Homosexualität — anders als Heterosexualität — als etwas besonders Intimes, Privates, Verheimlichenswürdiges darstellt, trägt man zur Diskriminierung von Schwulen und Lesben bei. Dadurch, dass sie eine legitime Diskussion über die mögliche Homosexualität des Umweltministers unterdrückt, trägt die Chefredakteurin der „taz“ zur Diskriminierung von Schwulen und Lesben bei.

Ganz abgesehen davon, dass sie offenbar ihr eigenes Blatt nicht liest. Als schwul benannt wurde Peter Altmaier nämlich schon mindestens zweimal in ihrem Blatt, in Elmar Kraushaars Kolumne „Der homosexuelle Mann“. Darin hieß es im Juni über eine Diskussion der „Lesben und Schwulen in der Union“ (LSU):

Der angekündigte Dritte im Bunde, Umweltminister Peter Altmaier, fehlte entschuldigt, seine Nähe zum Thema wurde gekonnt verklemmt umschrieben: Er habe „für uns als Lesben und Schwule in der Union stets ein offenes Ohr für den Kulturwandel in unserer Mutterpartei“ und — so kann man es auch sagen — „ist gern und regelmäßig unser Gast.“

In der nächsten Ausgabe der Kolumne benannte Kraushaar vor nicht einmal einer Woche Altmaier als Teil der „lesbisch-schwulen Prominenz der Regierungskoalition“. Wenn Ines Pohl tatsächlich der Meinung ist, dass die sexuelle Orientierung eines Menschen „politisch irrelevant“ und seine „Privatsache“ sei, sollte sie diese Artikel wieder einmal schnell löschen lassen — und am besten die schwule Kolumne nach 17 Jahren ganz abschaffen.

Natürlich ist es politisch relevant, ob Peter Altmaier schwul ist, wenn Peter Altmaier im Parlament gegen die Gleichstellung von Schwulen stimmt. Und natürlich muss es erlaubt sein, die merkwürdigen Formulierungen des Umweltministers zu hinterfragen, den sicher niemand gezwungen hat, sich die „Bild am Sonntag“ für eine Homestory in die Wohnung zu holen und mit ihr über sein Privatleben zu reden.

Es ist selbstverständlich eminent politisch, ob und wie schwule Politiker und Prominente zu ihrem Schwulsein stehen. Guido Westerwelle hat in all den Jahren, als er sich weigerte, öffentlich zu seiner Homosexualität zu stehen, ein verheerendes Zeichen gesetzt. Er hat der Welt demonstriert, dass Schwulsein etwas ist, das man am besten verheimlicht, etwas Privates, Peinliches, Schmuddeliges, Gefährliches. Noch 2003 hat er der „Bunten“ ein Interview mit folgender Passage gegeben:

BUNTE: Nach dem Schill-Eklat in Hamburg fordern immer mehr Ihrer Kollegen, homosexuelle Politiker sollten dem Beispiel von Klaus Wowereit in Berlin folgen und sich öffentlich zu ihrer sexuellen Neigung bekennen …

Westerwelle: In der FDP ist das Schlafzimmer unserer Spitzenpolitiker noch nie ein Thema gewesen und wird es auch nicht werden! Vielleicht, weil wir die einzige liberale Partei sind. Aber bitte: Jeder soll das machen, wie er es will. Ich persönlich habe Hans-Dietrich Genscher und Otto Graf Lambsdorff als Vorbilder. Es ist unvorstellbar, dass einer der beiden seine Privatsphäre zum politischen Nutzen umfunktioniert. Meiner Meinung nach ist das der bessere Weg. Das Schlafzimmer eines Politikers ist kein Auswahlkriterium in der Demokratie. Das Arbeitszimmer zählt! Ich persönlich interessiere mich nicht für das Intimleben anderer. Als Liberaler lebe ich nach der Devise: Erlaubt ist, was gefällt und keinem anderen schadet. Jeder, der sich so nach außen öffnet, wird wissen, warum er das tut. Vielleicht muss er auf diese Weise das eine oder andere selbst verarbeiten …

Er hat seine eigene Homosexualität verschwiegen und den politischen Gegner Wowereit als jemanden dargestellt, der einen psychischen Defekt hat, jedenfalls eine Art Exhibitionist ist, der andere mit seinem „Intimleben“ behelligt, „seine Privatsphäre zum politischen Nutzen umfunktioniert“. Wann hat Westerwelle vorher aufgeschrieen, wenn Politiker sich mit ihren Ehefrauen gezeigt haben? Westerwelle versteckt aus Feigheit und politischem Kalkül sein Leben vor der Öffentlichkeit und wirft anderen, die irgendwann aus der Selbstverständlichkeit eine Selbstverständlichkeit machen, politisches Kalkül vor?

Und noch knapp zehn Jahre später gibt ihm die „taz“-Chefredakteurin indirekt Recht?

Die „Bunte“ hat sich damals schon für die Heuchelei Westerwelles gerächt und ihr Interview so überschrieben:

Der Junggeselle und das Meer

Auch die „Bild“-Zeitung spielte das offene Versteckspiel natürlich mit. Ihr Redakteur Einar Koch nannte Westerwelle zum Beispiel 2002 unter einem Interview zusammenhangslos einen „Junggesellen“. Fast möchte man da im Vergleich einen Mann wie den „Bild“-Kolumnisten Claus Jacobi vorziehen, der seine Homophobie wenigstens kaum verbrämt auslebt. Er begann noch 2009 eine Schmähung des Außenministers in „Bild“ mit dem bedeutungsvollen Satz:

Junggeselle Westerwelle, 47, macht es gern anders als die anderen.

Vermutlich empfinden die heutigen Verantwortlichen der „Bild“-Zeitung nicht mehr soviel Ekel beim Gedanken an schwule Männer wie der greise Claus Jacobi. Aber wenn sie Peter Altmaier über sein Privatleben ausfragen und sich dabei nicht trauen, die naheliegende Frage zu stellen, tragen sie weiter zur Tabuisierung von Homosexualität und damit zur Diskriminierung von Schwulen bei.

Und die „taz“-Chefredakteurin Ines Pohl auch.

Peter Altmaier ist entweder jemand, der glaubt, dass seine Homosexualität etwas ist, das er verschweigen muss. Oder er wird für schwul gehalten, obwohl er es gar nicht ist. Wenn er selbst nicht bereit ist, für Aufklärung zu sorgen, muss man wenigstens darüber diskutieren dürfen.

Hier im Blog ebenfalls irgendwie zum Thema:

267 Gedanken
  1. 95
    Oliver says:

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