Die FTD hat den Schuss (nicht) gehört

Die „Financial Times Deutschland“ hatte gestern eine originelle Idee. Sie veröffentlichte vor der Parlamentswahl in den Niederlanden eine große Analyse, was Deutschland aus der Parlamentswahl in den Niederlanden lernen müsse.

„Warnschuss für Deutschland“, überschrieb FTD-Korrespondent Klaus Max Smolka seinen Kommentar:

Das oft gemalte Bild der pragmatischen Niederlande bekommt seit Jahren Risse. (…) Radikale Parteien stehen bei der Parlamentswahl am heutigen Mittwoch besser da denn je.

Deutschland sollte aufmerksam zuschauen. Denn in den Niederlanden ist zu besichtigen, was passiert, wenn der gesamte Mainstream in zentralen Fragen die Meinung der Bürger ignoriert: Wähler strömen an den Rand. (…)

[Rechtspopulist Geert] Wilders profiliert sich nun zusätzlich als Euro-Gegner und will, dass die Niederlande aus der EU austreten. Die Sozialistische Partei (SP) unter Emile Roemer will die EU-Defizitgrenze notfalls ignorieren, Roemer lehnt Rettungspakete für die Südländer und den Rettungsschirm ESM ab (…). Beide Parteien vereinigen nach den letzten Umfragen zusammen ein Viertel der Stimmen auf sich.

Vielen Bürgern, die keine Lust hätten, für eine Partei zu stimmen, die den Euro „endlos stützen will“, bliebe eigentlich nur „Verweigerung“, schrieb Smolka unter Bezug auf einen niederländischen Kolumnisten:

Und die Beteiligung war bei der letzten Wahl 2010 ohnehin rückläufig: Mit 75 Prozent lag sie fünf Prozentpunkte niedriger als vier Jahre zuvor.

All das, was sich bei den Wahlen in den Niederlanden zeige, drohe auch Deutschland, analysierte Smolka. Online fasste es die Redaktion so zusammen:

Wenn der politische Mainstream zentrale Fragen der Bürger ignoriert, strömen viele an den politischen Rand oder wählen gar nicht. Das ist der Kern der Entwicklung in den Niederlanden — ein Warnschuss für Deutschland.

Nun hat diese Analyse der Wahl in den Niederlanden einen kleinen Haken: Die Wähler haben sich nicht an die Vorhersage der FTD gehalten. Sie sind nicht an den Rand geströmt, sondern in die Mitte. Zwei große Euro-freundliche Parteien haben zusammen eine absolute Mehrheit. Die radikalen Parteien sind geschwächt. Geert Wilders Partei ist abgestürzt. Und die Wahlbeteiligung ist auch nur minimal von 75,4 auf auf 74,3 Prozent zurückgegangen.

Bestimmt steckt auch in diesen Ergebnissen irgendeine Lehre für Deutschland. Und sei es nur ein Warnschuss für Journalisten, die glauben, in die Zukunft sehen zu können.

Nachtrag, 14. September. Smolka antwortet in den Kommentaren:

Der Kommentar enthielt keine Prognose, sondern einen Befund ueber die letzten Monate. Er konstatierte, dass SP und PVV/Wilders laut letzten Umfragen ein Viertel der Sitze und Stimmen auf sich vereinigten — so viel wie noch nie vor einer Wahl. Nach dem — in der Tat ueberraschenden — herben Verlust der PVV und dem Stagnieren der SP ist es immer noch ein Fuenftel. Ueber die Entwicklungen in der Wahlkampfschlussphase hat die FTD ausfuehrlich berichtet; die SP-Verluste jener letzten Vorwahltage sind auch im Kommentar erwaehnt. Der Grundbefund bleibt. Fuer den Last-Minute-Schwenk vieler, die zuvor SP und PVV angegeben hatten, zu PvdA und VVD werden hier in den Niederlanden taktisch-strategische Motive analysiert, wegen des am Schluss extrem engen .Zweier-Duells zwischen Rutte und Samsom.