Am 8. November 1947 erschien im „Spiegel“ ein toller Verriss. In Hannover war ein Theaterstück namens „Die Zeit ist nahe“ uraufgeführt worden. Der Rezensent schrieb:

Die Zuhörer hatten zum andern Male Anlaß, sich an Goethe erinnert zu fühlen: Das Unzulängliche, hier wird’s Ereignis.

Das Gleichnis dauerte fast drei Stunden, dem Publikum kam es länger vor. Es saß, als sich zum Schluß auf der Bühne alle Figuren verlaufen hatten (was ihnen nicht zu verdenken war), ziemlich ratlos da. Es dauerte etwas, bis man sich dem traditionellen Genuß des Beifallspendens einigermaßen hingab. Ein vorsorglich bestellter Photograph trat in Aktion und hielt den Applaus bei Blitzlicht im Bilde fest. Es wurde eine ausgesprochene Momentaufnahme.

Auf der Bühne verneigte sich inmitten der von ihm heraufbeschworenen Renaissance der Autor, ein nicht sehr großer Herr, der älter als seine 24 Jahre aussieht: Rudolf Augstein, Lizenzträger und Chefredakteur der viel besseren Zeitschrift „DER SPIEGEL“.

Der ungenannte Autor des Artikels war Hans J. Toll, damals Feuilletonchef und zweiter Mann des Nachrichtenmagazins hinter Augstein. Er soll Augstein vorgeschlagen haben, sein Stück nicht zu rezensieren und „das unangenehme Ereignis einfach zu übergehen“. Augstein aber habe abgelehnt, weil er sich mit der Duldung solch harscher Kritik als „ebenso souveräner wie toleranter Chef und Zeitgenosse“ darstellen konnte. So schilderte es Leo Brawand, einer der Mitbegründer des „Spiegel“, gegenüber Augstein-Biograph Peter Merseburger.

Einige Leser, schreibt Merseburger, hätten den Verriss im eigenen Heft als „souveräne Selbstdistanz“ gewertet,

„andere als Beweis für das was, sie am SPIEGEL schätzen oder in ihn hineindeuten: absolute Aufrichtigkeit, gnadenloses Aufdecken von Schwächen, auch der eigenen, das Infragestellen jedweder Autorität, auch der des eigenen Chefredakteurs“.

Es ist — zugegeben — gewagt, sich in diese Tradition stellen zu wollen. Und der demonstrativ respektlose Umgang des „Spiegel“ mit dem Theatertalent Augsteins vor 65 Jahren ist sicher ein Sonderfall. Aber eine Haltung, wie sie die Leser nach Merseburgers Darstellung dem Nachrichtenmagazin damals zuschreiben konnten oder wollten, ist heute mindestens so wertvoll. Für jedes journalistische Medium, das von seiner Glaubwürdigkeit lebt, und für eines wie den „Spiegel“ ganz besonders.

Der „Spiegel“ wirkt heute oft unnahbar. Das ist kein Versehen, sondern Folge der Art, wie er sich über Jahrzehnte Autorität verschafft hat. Er hat mit großem Aufwand dafür gesorgt, dass das, was im „Spiegel“ steht, möglichst stimmt, und es dann seinen Lesern mit entsprechendem Selbstbewusstsein als monolithischen Block hingestellt. Die Marke „Spiegel“ als Absender bürgte für Qualität, da brauchte es keine Autorenzeilen und kein Sich-Erklären. Jeder Blick hinter die Kulissen hätte womöglich am Mythos gekratzt.

In gewisser Hinsicht hatte der „Spiegel“ das letzte Wort. Natürlich konnte das, was er veröffentlicht hatte, immer schon kritisch diskutiert und in Frage gestellt werden, und das geschah auch. Das ist aber nicht vergleichbar mit dem öffentlichen Diskurs, der heute stattfindet, vor allem im Internet. Betroffene, die Zielscheibe des „Spiegel“ werden, haben plötzlich Möglichkeiten, selbst eine Öffentlichkeit herzustellen und ungefiltert ihre Position darzustellen.

Ein eindrucksvolles Beispiel ist der Fall der CSU-Bundestagsabgeordneten Dagmar Wöhrl, die in diesem Frühjahr in ihrem Blog mit großem Geschick der „Spiegel“-Berichterstattung über sie widersprach. Dass das so wirkungsvoll war und ihr auch Sympathien von Beobachtern einbrachte, die ihr politisch nicht nahe standen, lag daran, dass ihr Widerspruch persönlich und transparent wirkte. Sie veröffentlichte noch vor Erscheinen des Artikels die Anfragen des „Spiegel“ und erschien in ihren Reaktionen nicht als Politikerin, sondern als Mensch.

Ihr Widerspruch war aber auch deshalb so überzeugend, weil der „Spiegel“ dem nichts entgegenzusetzen hatte. Nicht weil er im Unrecht war, sondern weil er im Netz bisher wenig Übung hat, diese Mittel einzusetzen, um Vertrauen zu erreichen und zu überzeugen: Persönlichkeit und Transparenz.

Ich glaube, dass kein Medium heute mehr so tun kann, als sei es unangreifbar. Im Gegenteil: Es muss sich angreifbar machen. Journalisten müssen vom Podest heruntersteigen, zugänglich werden und mit ihren Lesern ins Gespräch kommen.

Das ist keine originelle These, aber es ist in der Umsetzung und im Alltag alles andere als banal. Vor allem für ein Medium wie den „Spiegel“, der jahrzehntelang bestens damit gefahren ist, sich nicht zu erklären, sondern die Haltung auszustrahlen: Unsere Arbeit spricht für sich selbst.

Aber ich bin überzeugt, dass die Zeiten vorbei sind, in denen die Menschen glauben, was im „Spiegel“ steht, weil es im „Spiegel“ steht. Ein Medium wie der „Spiegel“ kann seine Autorität heute nicht mehr dadurch beweisen, dass es aus der Position des Wissenden Behauptungen aufstellt.

Es muss Transparenz aber auch nicht fürchten. Der „Spiegel“ leistet sich zum Beispiel eine Redaktion von über 80 Dokumentaren, die alle Texte prüfen. Dieser Aufwand bleibt dem oberflächlichen Betrachter verborgen. Teil der öffentlichen Diskussion zu werden, bedeutet daher nicht nur, sich (berechtigter oder unberechtigter) Kritik zu stellen, sondern auch, die eigenen Stärken erkennbar zu machen. Der „Spiegel“ kann von einer Debatte, in der dieser Aufwand sichtbar wird, nur profitieren. Selbst dann, wenn das nicht immer dazu führt, jeden Leser zufrieden zu stellen.

Im Wissen um seine Stärken kann sich der „Spiegel“ selbstbewusst einer Diskussion stellen und dabei auch Unschärfen, Irrtümer und Fehler einräumen.

Ein Ort dafür soll das SPIEGELblog sein, das ich zusammen mit meinem Kollegen Marcel Rosenbach verantworte und das am vergangenen Wochenende das Licht der Welt erblickt hat. Um ein mögliches Missverständnis gleich auszuräumen: Es ist kein Watchblog. Das SPIEGELblog verhält sich zum „Spiegel“ nicht wie das BILDblog zur „Bild“-Zeitung.

Die Idee in einem Satz: Im SPIEGELblog findet das Gespräch zum „Spiegel“ statt.

Mit etwas Glück wird es eine gute Mischung aus Harmlosem und Heiklem, aus Alltäglichem und Spektakulärem, aus Debatten, die man führen will, und solchen, die man führen muss.

Der „Spiegel“ muss dort — und natürlich überhaupt — schonungslos selbstkritisch sein. Souverän ist nicht das Ignorieren von Kritik, sondern der offene, entspannte Umgang mit ihr. Das war, trotz der schönen Episode mit der Theaterkritik, nicht immer eine der Stärken des Magazins. Aber das ändert sich seit einiger Zeit.

Die Konferenz zum 50. Jahrestag der „Spiegel“-Affäre am vergangenen Wochenende war ein gutes Beispiel dafür. Die Organisatoren im Haus haben bei der Einladung der Redner alles dafür getan, dass die Veranstaltung keine Selbstbeweihräucherung wurde, sondern ein Ort für eine kritische Auseinandersetzung mit dem „Spiegel“ und seiner Rolle. Und auch Lutz Hachmeister bekam ein Podium für seine Recherchen über die Rolle mehrerer ehemaliger SS-Leute, die in der Redaktion in den fünfziger Jahren wichtige Posten hatten. Einige seiner Behauptungen sind immer noch umstritten, und gerade aus dem „Spiegel“ musste er sich kritische Fragen gefallen lassen. Aber der Umgang mit dem Thema hat nichts mehr von dem Lavieren und Herunterspielen, mit dem der „Spiegel“ noch vor 15 Jahren auf die Vorwürfe reagiert hat. Jedem anderen hätte der „Spiegel“ einen solchen Umgang mit der eigenen Vergangenheit wie damals um die Ohren gehauen.

Lutz Hachmeister sagt: „Wie und wann sich die Publizistik mit ihrem eigenen Handeln und ihrer Geschichte konfrontiert, ist einer der stärksten Indikatoren für die Glaubwürdigkeit des professionellen Journalismus überhaupt.“

Andererseits soll das Blog kein Ort für gelebten Masochismus sein. Es geht nicht darum, mit der Zunge immer wieder eine wunde Stelle im Mund zu suchen. Das Blog kann unter anderem eine Plattform sein, um die eigene Arbeit offensiv zu verteidigen.

Transparenz kann dabei auch eine Waffe sein, wie der Blogeintrag von drei Kollegen aus dem Hauptstadtbüro zeigt, in dem um einen V‑Mann geht, der im Ermittlungsverfahren gegen die NSU beschuldigt ist. Die Berliner Polizei hatte am Wochenende dem „Spiegel“ vorgeworfen, aus einem Brief der Polizeiführung „leider unvollständig“ zitiert zu haben. Im Blog haben die Kollegen als Reaktion das Papier nun vollständig veröffentlicht — der Skandal wirkt in Kenntnis des gesamten Inhaltes eher größer.

Harald Staun hat es in der „FAS“ gestern schön formuliert:

Wenn sich (…) die oft „unnahbare“ Redaktion nun öffnet, dann tut sie dies vor allem, um selbst neue Möglichkeiten zu erschließen, auf die Debatte über das eigene Blatt einzuwirken, um Vorwürfe zu kontern oder redaktionelle Entscheidungen zu begründen. Es geht, wenn man so will, um Waffengleichheit mit jenen Gegnern, deren Herumgekratze am Lack allmählich doch an die Substanz geht, um Vorwürfe von Bloggern etwa oder die Gegendarstellungen, die Politiker unwidersprochen im Netz veröffentlichen. Den medialen Bedingungen des Internets kann sich eben auch ein Magazin nicht entziehen, das konsequent offline erscheint. „ ‚Der Spiegel‘ hat nicht mehr das letzte Wort“, sagt Niggemeier. Die Frage ist, ob es ihm darum geht, es sich zurückzuerobern. Oder darum, das auszuhalten.

Ist doch klar. Beides.