Ulrich Deppendorfs Schweißausbruch am Ufer des Sommerlochs

23 Jul 09
23. Juli 2009

Man kann diese Geschichte natürlich als Sommerloch-Thema abtun (schon weil das Sommerloch ihr Thema ist), aber das wäre schade, denn man kann etwas aus ihr lernen, und zwar über das publizistische Selbstverständnis von Ulrich Deppendorf, dem Leiter des Hauptstadtstudios der ARD.

Deppendorf hat sich über seinen Kollegen Kai Gniffke geärgert, der die Redaktion von „ARD aktuell“ leitet und am Dienstag kurz vor Feierabend und Mitternacht im Blog der „Tagesschau“ schnell noch verkündet hatte: „Es ist da!“:

„… heute öffnete das Sommerloch erstmals für diese Saison sein sonnendurchflutetes Maul.“

Es war ein kurzer, launiger Eintrag – einer von dieser Sorte, die Blogs so lesenswert machen, weil sein Inhalt offensichtlich nicht vor der Veröffentlichung vom diensthabenden Bedenkenträger in Abstimmung mit der Stabsabteilung für Kommunikation, Unterabteilung Nichtkommunikation, geprüft wurde. „Wenn wir ehrlich sind“, plauderte Gniffke über die 20-Uhr-Ausgabe der „Tagesschau“ jenes Tages, „hätte man jedes, ja wirklich jedes unserer heutigen Themen auch lassen können.“ Dann scherzte er noch:

„Da schaut man sich gerne mal an, was den Kollegen der anderen Nachrichtensendungen einfällt. Habe schon gewitzelt, ob wir im Erklärraum heute ein 3D-Modell des Sommerlochs sehen.“

Ein „Ulrich Deppendorf“ fand’s nicht so lustig und kommentierte am nächsten Tag lesbar angesäuert:

„Lieber Herr Dr. Gniffke,

wie schön, dass Sie gestern fast jeden Beitrag der Tagesschau um 20 Uhr für entbehrlich hielten. Das hätten Sie uns ja dann auch schon etwas früher mitteilen können. Dann hätten die Kollegen und Kolleginnen aus dem Hauptstadtstudio und in der Republik ja schon eher die Arbeit für die Tagesschau einstellen können. Im Übrigen halte ich keines der Themen gestern für entbehrlich oder dem Sommerloch geschuldet. (…) Nun warten wir jeden Tag auf Ihre Einordnung, was entbehrlich ist. Heute vielleicht Porsche, Opel oder Afghanistan?“

Auch in der tagesschau.de-Redaktion konnten sie es erst nicht glauben, aber dieser „Ulrich Deppendorf“ ist tatsächlich Ulrich Deppendorf. Nun muss man trotz des Tonfalls einen solchen öffentlichen Widerspruch nicht gleich als ARD-internen Zickenkrieg interpretieren – auch dafür sind Blogs ja ein wunderbares Medium, dass sie diese Art von Transparenz herstellen können. Aber Deppendorfs Kommentar ging noch weiter:

„Und warum schielen Sie immer auf das ZDF? Sie sind Chefredakteur von ARD-Aktuell. Bitte mehr Selbstvertrauen. Wir sollten auch nicht mit zu viel Hochmut auf das neue ZDF-Studio schauen. Warten wir erst einmal ab, ob unser neues Studio 2011 der große Hit wird. Ein wenig mehr Solidarität durch Schweigen mit dem anderen öffentlich-rechtlichen System wäre nicht schlecht. Vielleicht benötigen wir dessen Unterstützung ja irgendwann auch einmal.“

Da hört der Spaß aber auf. Ich kenne diese Argumentation aus eigener Erfahrung und der von anderen Medienjournalisten, vor allem aus Zeiten, in denen es den Medien schlecht geht. Berichten wir lieber nicht kritisch über das, was bei den anderen schiefgeht, dann können wir darauf hoffen, dass die anderen auch wattehaft mit uns umgehen. Es ist eine Haltung, die das Gegenteil von Journalismus ist, eine Kombination aus Kumpanei und Kalkül, Duckmäusertum und Angst, von der ich nicht gedacht hätte, dass ein ARD-Hauptstadtstudio-Leiter öffentlich für sie plädieren könnte.

Und nun ist Kai Gniffke wahrlich nicht der Holzer, der mit polemischen Angriffen auf die Konkurrenz im Blog jahrzehntelange Senderdiplomatie zunichte machte. Wenn schon seine harmlosen Frotzeleien über den Virtualitätspomp des ZDF Anlass genug für Deppendorf sind, sich um eine Retourkutsche in zwei Jahren (!) zu sorgen, mag man sich nicht ausmalen, was ernste Kritikversuche für Schweißausbrüche bei ihm auslösten – und wie oft er entsprechende Formen des Journalismus womöglich verhindert.

Gniffke antwortet Deppendorf übrigens im Blog behutsam, dass es „uns vielleicht gut zu Gesicht“ stünde, „etwas weniger breitbeinig durch’s Leben zu gehen“. Als wäre Deppendorfs Problem der breitbeinige Gang. Und nicht der aufrechte.

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