Fahndungsaufruf: Gesucht wird… die Logik im „Polizeiruf 110″

26 Jun 11
26. Juni 2011

Kann mir bitte jemand erklären, was da heute im „Polizeiruf“ passiert ist?

Entweder liegt es an mir — ich bin durchaus häufiger in irgendwelchen privaten oder semiberuflichen Runden derjenige, der als einziger die entscheidende Verbindung zwischen Mörder und Opfer nicht verstanden hat. Oder die Geschichte, die dieser „Polizeiruf“ aus Brandenburg erzählt hat (der erste mit Maria Simon als Hauptkommissarin Olga Lenski), war totaler Unsinn.

Fangen wir mit einem Detail an. Folgende Situation. Ein Häftling ist aus dem Freigang nicht zurückgekehrt. Werner Linsing, ein früherer Arbeitskollege von ihm, hat die Polizei alarmiert, dass er bei ihm sei. Die neue Kommissarin und der alte Krause fahren zu ihm und klingeln. Linsing macht die Tür auf, aber nur einen kleinen Spalt, so dass man nicht in die Wohnung gucken kann. Neinneinnein, sagt er, ach was, der sei schon wieder weg, der Typ, der sei auch gar nicht hochgekommen, neinnein, hat sich erledigt, undtschüß.


Jeder Zuschauer, der schon mehr als null Krimis in seinem Leben gesehen hat, weiß: Der Häftling steht neben ihm hinter der Tür und bedroht ihn. Tatsache:

Frau Lenski und Herr Krause aber sind anscheinend keine Krimigucker, merken nichts und gehen.

Nun ist es nicht so, dass Frau Lenski blind, blöd oder unaufmerksam wäre. Noch im Fahrstuhl fällt ihr ein, dass es in der Wohnung gerade nach Zigarettenqualm roch und Stunden vorher jemand in einem ganz anderen Zusammenhang nebenbei erwähnt hatte, dass Linsing gar nicht raucht. Daraus, nicht aus der eindeutigen Reaktion des Mannes in der Tür, schließt sie, dass da was nicht stimmt. Sie rennt die Treppen wieder rauf, bricht in die Wohnung ein und findet Lensing tot an seinem Schreibtisch.

So. Testfrage. Was machen Hauptkommissarin Olga Lenski und Hauptmeister Horst Krause als nächstes? Sie rennen wieder ins Treppenhaus, denn weit kann der Mörder ja nicht sein? Sie holen Verstärkung, um gemeinsam das Haus zu durchkämmen? Sie schauen aus dem Fenster, ob sie unten jemanden weglaufen sehen?

Aber nein. Sie stellen fast, dass der Mann auch wirklich tot ist und rufen entspannt die Spurensicherung.

Hallo?

Nun ist das für den Plot dieses „Polizeirufs“ eine, zugegeben, eher kleine, nicht entscheidende Delle im Ablauf. Es ist nicht die einzige. Vor allem aber ergibt sich bei der Auflösung des Falles ein Logikloch von der Größe Celles.

Ich versuche das Geschehen mal chronologisch zusammenzufassen, wie ich es verstanden habe. (Spoiler-Warnung für alle, die die Sendung nicht gesehen haben und trotz dieses Eintrags noch ansehen wollen, zum Beispiel hier in der Mediathek.) Also.

Ulrich Oppmann, der ehrgeizige Leiter eines astrophysikalischen Instituts, will ein Superfernrohr bauen, kommt aber an entscheidender Stelle nicht weiter. Den Durchbruch verdankt er einer genialen Idee seines Feinmechanikers Felix Diest. Er will aber dessen Leistung nicht anerkennen und kündigt ihm. Diest rächt sich, indem er Oppmanns kleine Tochter entführt. Er kommt dabei in eine Polizeikontrolle, gerät in Panik und überfährt einen Beamten. Bevor er dafür ins Gefängnis geht, überlässt er das entführte Kind seiner Schwester, gibt es als seines aus und sie dann als ihres.

Fünf Jahre später. Frau Oppmann macht sich immer noch täglich verrückt wegen ihrer verschwundenen Tochter, was die Ehe belastet, aber auch verhindert, dass Herr Oppmann sie für seine Sekretärin verlässt. Oppmann bekommt den Nobelpreis für die Erfindung, die er als seine ausgegeben hat. Diest nutzt einen Freigang für einen Versuch, Oppmann dazu zu bringen, ihm die Hälfte des Preisgeldes zu geben und die Wahrheit zu sagen. Er entführt das Mädchen, das immer noch bei seiner Schwester lebt, aus dem Kindergarten und zwingt seinen ehemaligen Arbeitskollegin Linsing (siehe oben), ihm Papiere zu geben, die womöglich seine Urheberschaft beweisen. Linsing stirbt an einem Herzinfarkt. Oppmanns guckt in der Mitarbeiterakte die Adresse von Diests Schwester nach und fährt hin, weil er dort sein Kind vermutet. Es kommt zu einem Showdown mit sämtlichen Beteiligten in Oppmanns Villa, wo Diest nun auch noch Oppmanns Frau als Geisel genommen hat, um Oppmann zu zwingen zuzugeben, dass die Erfindung nicht seine Idee war. Das Kind wird gefunden, Diest kommt wieder in Haft und nimmt sich dort das Leben.

Mh?

Ich kann nicht garantieren, dass diese Zusammenfassung stimmt, womöglich habe ich da Dinge durcheinandergebracht. Diverse Kollegen haben sehr anerkennend über diesen „Polizeiruf 110″ geschrieben, anscheinend ohne solche Plausibilitätsprobleme gehabt zu haben oder in ein Logikloch gestolpert zu sein. Vielleicht kann mir also jemand folgende Fragen beantworten:

— Wenn Professor Oppmann ahnte, dass es Diest war, der seine Tochter entführt hat, warum hat er das nicht der Polizei gesagt? Oder hat früher schon einmal bei Diests Schwester (deren Adresse ja in Diests Personalakte stand) nachgesehen? Etwa aus Angst, dass Diest dann verrät, dass das Superfernrohr gar nicht Oppmanns Erfindung war? Wirklich?

— Und Diests Schwester hat es einfach so hingenommen, dass Diest plötzlich ein kleines Kind hatte? Und hat das Mädchen dann einfach fünf Jahre umsorgt? Und es wollte nie irgendein Amt oder der Kindergarten irgendein Dokument sehen, dass das Mädchen identifiziert?

— Warum hat Diest das Mädchen bei seinem Freigang noch einmal entführt? Es war doch ohnehin schon bei seiner Schwester. Der musste er es doch nicht wegnehmen, um Oppmann erpressen zu können.

— Und wenn er schon das Mädchen hatte, warum brauchte er dann auch noch die Dokumente aus der Firma, um Oppmann unter Druck zu setzen? Oder hatte er gemerkt, dass Oppmann das Mädchen egal war? Aber warum hätte er es dann noch einmal entführen müssen?

— Oder ist das Mädchen gar nicht noch einmal entführt worden, sondern nur dem Igel hinterhergelaufen, der zufällig auf Diests Boot tappste, wo dann versehentlich die Tür hinter dem Kind zu und ins Schloss fiel?

Okay, die letzte Variante ist noch unwahrscheinlicher als die anderen. Aber ich kapier’s wirklich nicht.

Sachdienliche Hinweise bitte an eines unserer Aufnahmestudios oder unten in die Kommentare.

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