Fakten sind nicht der GEMA liebstes Kind

Die GEMA hat eine Pressemitteilung veröffentlicht. Sie trägt den Titel: „Umfrage bestätigt: Musik ist der Deutschen liebstes Kind“, und natürlich könnte man hier schon wegen Beklopptheit aufhören zu lesen. Aber die Art, wie die GEMA dann die Ergebnisse einer Meinungsumfrage, die sie bei TNS Infratest in Auftrag gegeben hat, manipuliert, ist durchaus subtil und perfide.

Die GEMA fasst die Ergebnisse so zusammen:

Eine Umfrage von TNS Infratest im Auftrag der GEMA bestätigt, dass Musik in Deutschland einen hohen Stellenwert genießt. Für 38 Prozent der Befragten steht Musik an erster Stelle der Kulturbereiche. Auch der Wert der Musik wird anerkannt: 90 Prozent halten es für wichtig, dass Musikschaffende angemessen für ihre schöpferische Leistung bezahlt werden. Als angemessene Vergütung bei Veranstaltungen nennen die Deutschen im Durchschnitt 30 Prozent der Einnahmen aus Eintrittskarten.

Auf die „liebstes Kind“-Formulierung kommt die GEMA, weil sie den „persönlichen Stellenwert“ von „Musik“ im Vergleich zu „Literatur“, „Film“ und „Bildender Kunst“ verglichen hat. Dass sich 90 Prozent der Deutschen für eine „angemessene“ Vergütung der „Musikschaffenden“ ausgesprochen haben, stimmt genau genommen übrigens nicht. Sie haben bloß gesagt, dass sie es „angemessen“ finden, dass Komponisten und Texter eine Vergütung bekommen. Aber darum soll es hier gar nicht gehen.

Um sich ihre umstrittene Tarifreform scheinlegitimieren zu lassen, hat die GEMA die Menschen gefragt:

Wenn Sie eine Musikveranstaltung besuchen, welcher prozentuale Anteil am Eintrittsgeld sollte für die Komponisten und Textdichter bestimmt sein?

Die angeblichen Antworten fasst die GEMA wie folgt zusammen:

30,1 Prozent des Eintrittsgeldes halten die Befragten für eine angemessene Vergütung der kreativen Leistung der Urheber. Auch hier messen die Jüngeren der Musik den höheren Stellenwert bei: Die 14- bis 29-Jährigen fordern mit 33,7 Prozent mehr als der Durchschnitt aller Befragten.

Diese Sätze sind falsch. Die Prozentangaben beziehen sich nämlich nicht auf die Gesamtheit der Befragten, sondern nur auf diejenigen, die eine Frage zuvor angegeben hatten, dass sie es grundsätzlich für angemessen halten, dass Komponisten und Texter für ihre Arbeit entlohnt werden.

Die 9 Prozent der Befragten, die gar nicht der Meinung waren, dass Komponisten und Texter entlohnt werden müssten, sind praktischerweise in der Berechnung des durchschnittlich für „angemessen“ gehaltenen Anteils vom Eintrittsgeld gar nicht mehr enthalten. Mit anderen Worten: Die GEMA gibt einen Durchschnittswert an, der all jene, die die von ihr unerwünschte Antwort „null“ gegeben haben, gar nicht berücksichtigt. Bei den 14- bis 29-jährigen, die der Musik angeblich einen ganz besonderen Stellenwert beimessen, sind das sogar 12 Prozent der Befragten.

Schaut man sich die Angaben im Detail an, wird die Behauptung, es gebe eine Art Konsens unter den Deutschen, dass gut 30 Prozent des Eintrittsgeldes bei einer Musikveranstaltung an die Urheber gehen sollte, noch weniger tragfähig. Immerhin 56 Prozent der Befragten haben nämlich Anteile von weniger als 31 Prozent genannt. 15 Prozent machten gar keine Angaben. Dem stehen gerade einmal 29 Prozent der Befragten gegenüber, die für eine Beteiligung von mehr als 30 Prozent plädierten.

Hinzu kommt natürlich die fundamentale Frage, wie viele Befragte überhaupt verstanden haben, worum es geht und wie fundiert sie darüber Auskunft geben können. Wussten die relativ große Zahl, die offenbar pauschal „50 Prozent“ als angemessener Anteil für Komponisten und Texter genannt und damit den Durchschnittswert in die Höhe gezogen hat, dass damit nicht der Anteil für die Interpreten gemeint ist? Und wie sinnvoll ist es überhaupt, alle Arten von „Musikveranstaltungen“, Konzerte wie Club-Veranstaltungen, über einen Kamm zu scheren?

Wie viele Befragte würden auf die Frage: „Finden Sie, dass die GEMA die Einnahmen aus Musikveranstaltungen lieber an die Komponisten und Texter ausschütten sollte anstatt sie für Meinungsumfragen auszugeben“ wohl mit Ja antworten?

Okay, das war billig. Aber fest steht: Die Zahlen, die die GEMA in ihrer Pressemitteilung veröffentlicht hat, ergeben sich nicht aus ihrer eigenen Umfrage. Ich würde wetten, dass sie trotzdem von den Medien so weitergetragen werden.