Die Maden und die Medien

18 Jan 09
18. Januar 2009
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Warum das RTL-Dschungelcamp nicht annähernd so menschenverachtend ist wie die Berichterstattung darüber.

Lorielle London hatte sich die bordeauxfarbenen Haare mit selbstgebastelten Spangen zu zwei langen Zöpfen zusammengebunden und es geschafft, durch geschicktes Auf– und Hochschlagen sogar die Dschungeleinheitskleidung ein kleines bisschen feminin wirken zu lassen. Mit den geschminkten Augen in ihrem extrem auf weibliche Formen operierten Gesicht wirkte sie nach fünf Tagen im Camp gleichzeitig übertrieben aufgedonnert und schrecklich heruntergekommen. Neben ihr saß eine vergleichsweise burschikose Gundis Zámbó und hörte zu, was Lorielle ihr über sich erzählte: „Du musst dir vorstellen, du gehst dein ganzes Leben lang durchs Leben und wirst von allen nur gehänselt, geschlagen, von so gut wie keinem gemocht. Dann glaubt man auch selbst irgendwann, dass man nicht so toll ist.“

Lorielle London wurde vor 24 Jahren als Lorenzo Woodard geboren und hat sich in den vergangenen Monaten vor diversen Fernsehkameras in eine Frau verwandelt. Sie hat viele Operationen hinter sich, aber eine entscheidende noch vor sich. In ihrem knappen Badeanzug zeichnet sich zu ihrem Missvergnügen ihr Penis ab. Und weil die Tage lang sind im Dschungel und die üblichen Hemmungen irgendwann fallen, stellte Gundis Zámbó ihr ein paar Fragen, die man für blöd halten kann, aber direkt und ehrlich waren: „Transsexuelle, haben die normalerweise auch andere Transsexuelle als Partner? Ganz ehrlich: Jemand, der mit dieser Szene nichts zu tun hat und sich in dich verliebt und nicht weiß, dass du da untenrum noch was hast — was ist denn dann?“ Lorielle erklärte später noch, dass sie sich schon als „heterosexuell“ bezeichnen würde, und dann diskutierten die Frauen entspannt und ernsthaft, was das im konkreten Fall bedeutet.

Es war eine fast anrührende Szene in der RTL-Show „Ich bin ein Star — holt mich hier raus“: So ungelenk und direkt, so freundlich schonungslos, und wer weiß, wann je zuvor so viele Fernsehzuschauer in einer Unterhaltungssendung so viel über Transsexualität erfahren haben. Wie absurd, dass ausgerechnet in dieser bizarren, künstlichen Extremsituation im australischen Dschungel Gespräche entstehen, die dem schwierigen Thema angemessener sind als die übliche Boulevardberichterstattung. Lorielle, deren ganze traurige Medienkarriere bislang darauf aufgebaut war, ein Freak zu sein, wirkt plötzlich im besten Sinne des Wortes normal: menschlich, verletzlich, echt.

Das ahnt man nicht, wenn man nicht die Show verfolgt, sondern die Berichterstattung über die Show. Dort geht es ausschließlich um Freaks und Deppen. Der mediale Umgang mit der Sendung hat sich seit der Premiere der ersten Staffel 2004 dramatisch verändert. Wurde sie anfangs noch verteufelt oder ignoriert, springen viele Medien jetzt hemmungslos auf den Zug auf und versuchen, von ihrem erstaunlichen und sogar noch zunehmenden Erfolg zu profitieren. Bei „Welt Online“ sieht das dann so aus: Neben dem langen Artikel, in dem Großkritiker Hellmuth Karasek mit vielen Ausrufezeichen und auf dem Niveau eines mittelguten Schulaufsatzes beschreibt, wie schlimm es gewesen sei, dass ihn die Redaktion gezwungen habe, sich eine Folge anzusehen, sind zigteilige Bildergalerien verlinkt; ein eigenes Dossier verspricht, „alle Ekel-Prüfungen und Lästereien“ zu dokumentieren; „Welt-TV“ zeigt, wie Giulia Siegel sich für ihre Halbnacktaufnahmen im „Playboy“ verrenkt; und eine Autorin berichtet jeden Tag aufs ausführlichste, was in der Sendung zu sehen war (und hat, haha, „auf sämtliche möglichen Ansprüche auf Schmerzensgeld sowie die Erstattung eventuell anfallender Folgekosten für eine psychologische Nachbehandlung vorab schriftlich“ verzichtet).

Die angeblich so ordinäre und niveaulose Show ist für manche der Vorwand, einmal so richtig ordinär und niveaulos sein zu dürfen. Das untere Ende des Spektrums markiert dabei konsequent der Online-Auftritt des „Sterns“. „In den Augen Pipi, im Höschen Kakerlaken“, titelte er am Dienstag. Die Redaktion treibt (anders als die Show selbst) eine unheilige Faszination von Fäkalien und Genitalien. Die erste Tageszusammenfassung auf „Stern.de“ hieß „Kot und Spiele“, später folgten Titel wie: „Mit Penis und Schwanz ins Dschungelcamp“, „Männer, wo sind eure Eier“.

Die madenreichsten Prüfungen im australischen Dschungel sind nicht halb so eklig wie diese Texte, die ihre sprachliche Hilflosigkeit und gedankliche Armut durch Drastik wettzumachen versuchen. Giulia Siegel habe sich von Ratten annagen lassen, „damit van Bergen, die olle Hexe, nicht verreckt“, heißt es da. Und für Lorielle (von „Bild“ gerne „er/sie/es“ genannt) hat „Stern.de“ nur Begriffe wie „die Staffeltunte“, „die Quotentunte“, „die Tränen-Transe“, die „Transentränen“ weint — insgesamt: „Eine unansehnliche Nervenprobe, wie sie schlimmer kaum sein kann.“

Sie schlagen einen absurden Doppelpass, versuchen gleichzeitig, sich über die angeblich menschenverachtende Sendung zu empören und sie an Menschenverachtung zu übertreffen. Dabei geht die Show selbst mit ihrem Personal zwar auch nicht immer pfleglich, aber ungleich differenzierter um. Lorielle ist dort zum Beispiel längst nicht mehr die Witzfigur. „Ich bin ein Star — holt mich hier raus“ gelingt es auf verblüffende Weise, die Kandidaten sowohl zu Karikaturen ihrer selbst zu machen, als auch zu vermenschlichen. Gerade die krassen Prüfungen, an denen sich die Kritiker besonders stoßen, spielen dabei eine wichtige Rolle.

Lorielle war in der zweiten Sendung von den Zuschauern ausgewählt worden, ihren Ekel zu überwinden und eine Abfolge von Cocktails mit teils noch lebendigen Tiereinlagen zu trinken. Es war nicht leicht, sich das anzusehen, aber das sonst so überkandidelte Wesen wurde in dieser Situation nicht noch überkandidelter, sondern verweigerte sich der vermutlich von größeren Teilen des Publikums erhofften hysterischen Rolle als Ultra-Daniel-Küblböck, riss sich zusammen, kämpfte, war tapfer — und plötzlich war es viel leichter, mit dieser Frau mitzufühlen, als sie zu verachten.

Bei Ross Antony gab es im vergangenen Jahr eine ähnliche Entwicklung. Am Anfang war er ein nervöses Wrack und erschien wie das fleischgewordene übelste Tunten-Klischee. Am Ende lachte das Publikum nicht mehr nur über ihn, sondern auch mit ihm, und er gewann als stolzer schwuler tuntiger Mann.

Es ist ein bisschen beunruhigend, dass es so viele Dreiviertel-Prominente zu geben scheint, die sich offenbar unter einem Zwang sehen, der Welt zu beweisen, wie tough und echt sie sind. Und es ist noch beunruhigender, dass sie glauben, dass der Gang in das Dschungelcamp der richtige Weg dafür ist. Aber so unwahrscheinlich es klingt: In dem Moment, in dem Lorielle diese Cocktails trank, verlor sie nicht, sondern gewann an Würde.

Im Gegensatz zu der Berichterstattung außerhalb der Show. In seinem Online-Auftritt zeigte RTL genau das, was vielen anderen Medien auch am naheliegendsten erschien: Ein großes Foto von Lorielle in dem Moment, als ihr etwas, das aus pürierten Kängurupenissen bestehen sollte und „Penis Colada“ genannt wurde, aus dem Mund quoll. Es sah aus wie Sperma.

Die Show spielt ein perfides Spiel mit uns. Sie ist über weite Strecken intelligent gemacht — aber sie bietet die Vorlage für die dümmstmögliche Berichterstattung. Sie balanciert durchaus gekonnt auf dem schmalen Grat zwischen einer fairen Darstellung der Kandidaten, ihrer Sorgen und Nöte, und der Maximierung der Schadenfreude und Häme durch ihre Reduzierung auf reine Witzfiguren. Aber sie weiß, dass sie damit den Vorwand liefert, nur die Witzfiguren zu sehen, und profitiert natürlich von dem Hype und der Skandalisierung.

Die Show hat eine Distanz zu sich selbst, die der Berichterstattung über sie fehlt. So ist sie selbst erstaunlicherweise auch der Ort, an dem die wenigsten schlechten Wortspiele über den Nachnamen des Models Nico Schwanz gemacht werden. Während „Spiegel Online“ vorauseilend einen Artikel mit sämtlichen naheliegenden Assoziationen veröffentlichte, ging die Show selbst das Thema sofort auf der Meta-Ebene an: Mit einem Sparschwein, in das die Moderatoren Dirk Bach und Sonja Zietlow für jede anzügliche Anspielung fünfzig Cent werfen müssen.

Zum Geheimnis des überwältigenden Erfolges von „Ich bin ein Star — holt mich hier raus“ gehört, dass die Show nicht nur an die niedersten Instinkte appelliert (aber natürlich auch), sondern auch das Gehirn intelligenter Menschen anspricht. Sie ist hervorragend produziert, von Menschen, die offensichtlich Spaß an der Arbeit haben, und vielschichtig — im Gegensatz zu den Trittbrettfahrern in den anderen Medien mit ihren einfältigen Nacherzählungen und Hau-drauf-Witzen bei gleichzeitiger Distanzierung vom schrecklichen Programm. Die Show nimmt sich selbst viel weniger ernst, als es zum Beispiel „Bild“ oder auch die anderen RTL-Magazine tun, die bei jeder Wendung ins Hyperventilieren geraten, erlaubt sich aber genau dann, wenn es angemessen ist, auch Ernsthaftigkeit.

Als Ingrid van Bergen eines Abends am Lagerfeuer erzählte, wie es war, als sie ihren Lebensgefährten im Affekt tötete, war es eine faszinierende, etwas verstörende Erzählung, die einen Einblick in das Innenleben eines Menschen gewährte, für den Reinhold Beckmann vermutlich töten würde. „Ich bin ein Star — holt mich hier raus“ zeigte das ausführlich, ruhig, ohne Effekte, und hinterher sagen die Witzbolde Sonja Zietlow und Dirk Bach genau das Richtige: nichts.

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1 Gedanke
  1. 1
    Jens Best says:

    [quatsch gelöscht]

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