Wiederholungstäter [2. update]

Ich weiß nicht, warum Peter Rutkowski immer wieder in der „Frankfurter Rundschau“ über Blogs schreibt. Ich wünschte, er würde es nicht tun.

Vor vier Wochen schrieb er, die Weblogs veränderten das Selbstverständnis der Presse, obwohl sich das nicht in Zahlen ausdrücke:

„So hat der Bildblog nur 33500 Zugriffe im Monat.“

Nun ja: BILDblog hat über 2.000.000 Zugriffe im Monat. Damit liegt Herr Rutkowski nicht nur um den Faktor 60 daneben, sondern müsste sich eigentlich auch eine komplett neue These zusammenzimmern. Immerhin haben wir es damals nach mehreren Kommunikations-Sackgassen geschafft, die Medienredaktion der „Frankfurter Rundschau“ davon zu überzeugen, die Zahl in einer kurzen Meldung zu korrigieren.

Morgen nun schreibt Peter Rutkowski wieder in der „Frankfurter Rundschau“. Er behauptet, die Weblogs veränderten das Selbstverständnis der Presse, obwohl sich das nicht in Zahlen ausdrücke:

„Nun sieht der Bamberger Medienforscher Jan Schmidt in den Blogs ganz und gar keine Bedrohung und rechnet vor: Die erfolgreichste, weil wahrhaftigste und witzigste Seite, www.bildblog.de, hat im Monat 33 500 Zugriffe, zu www.tvblogger.de kommen 11 500 und danach geht es rapide runter. Schmidt: ‚Die Top 100 fangen schon ab monatlichen Zugriffszahlen von 450 an.‘ Zur Erinnerung: In diesem Jahr zählt man in der Bundesrepublik 37,8 Millionen Internet-Nutzer.“

Hilfe.

Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass Jan Schmidt das gesagt hat, denn der kennt sich eigentlich mit Weblogs aus. Jedenfalls muss man schon sehr ahnungslos sein, das auch nur zu zitieren.

Unter uns: BILDblog hatte im September vermutlich mehr Besuche (Visits) als das Online-Angebot der „Frankfurter Rundschau“. Wenn man nur die redaktionellen Seiten rechnet, hatte die „Frankfurter Rundschau“ online ungefähr eineinhalb mal soviele Zugriffe (Impressions) wie BILDblog. (Ein exakter Vergleich ist wegen unterschiedlicher Zählmethoden nicht möglich.)

Offenbar kennt Rutkowski (oder seine Quelle) die Top-100 von Blogscout, verwechselt aber Monate mit Tagen und Zugriffe mit Besuchen. Und selbst, wenn man das korrigiert, sind die Zahlen noch zu niedrig. (Mal ganz abgesehen davon, dass die Zahlen nach TVblogger.de nicht „rapide runter“ gehen, sondern eher sachte. Und sich keineswegs alle Blogs von Blogscout zählen lassen.)

Herr Rutkowski? Wir müssen reden.

Nachtrag, 16.50 Uhr. Jan Schmidt bringt Licht in die Sache: Die Zahlen scheint Peter Rutkowski tatsächlich falsch bei ihm abgeschrieben zu haben. Sie stammen anscheinend aus der folgenden Grafik. Wie schon vermutet, hat Rutkowski Tage und Monate sowie Visits und Zugriffe miteinander verwechselt. Und merkt nachhaltig nicht, dass das nicht stimmen kann, entwickelt aber fröhlich Thesen aus den falschen Zahlen.

(Der 24.9.2006, der hier als Beispiel dient, war übrigens ein Sonntag, weshalb die Zahlen noch einmal deutlich niedriger liegen als an einem typischen Werktag.)

Nachtrag, 31. 10. In der Online-Ausgabe fehlt jetzt der Absatz ganz, morgen soll in der gedruckten „FR“ eine Korrektur erscheinen.

37 Replies to “Wiederholungstäter [2. update]”

  1. Monatliche Zugriffszahlen von 450 und dann in den Top 100? Selbst bei täglichen Zugriffszahlen von 450 ist man von den Top 100 weit entfernt. Und Blogscout ist definitiv kein Aushängeschild.

    Kann es sein, dass da fachliche Unkenntnis und mangelnde Recherche zusammenlaufen?

  2. Unwissenheit und mangelnde Recherche. Schade nur, das so die Leute ein komplett falsches Bild von Blogs erhalten.
    Herr Rutkowski sollte sich wirklich mal etwas beibringen lassen

  3. […] Neue Medienöffentlichkeit » Beispielsweise bei einem viel ernstzunehmenderen – vermeintlichen – Angriff auf das Gefüge der Informationsverbreitung, der über das Internet vorgetragen wird: den “Blogs”, die nicht nur Journalistenarbeit teilweise äußerst kritisch beobachten und online gerne auch korrigieren mit Hilfe anderer Blogger. passend dazu: Die korrigierten Zahlen bei Stefan Niggemeier. […]

  4. Als Verantwortlicher eines Zeitungsportals und Schreiber eines Redakteurs-Blogs würde ich schon die Ausgangs-Fragestellung des FR-Artikels für sehr fragwürdig halten. Der online-Auftritt einer Tageszeitung und ihr Redakteurs- oder Leserblog haben unterschiedliche Zielgruppen, unterschiedliche Quellen und Autoren, unterschiedliche Themen. Also bis auf die für die Reichweite notwendige Marke wenig miteinander zu tun.

    Also wenn Rutkowski schreibt „dass kein noch so guter Blog je die professionellen Medien ersetzen wird können“, dann übersieht er einfach, daß das gar nicht deren Aufgabe und Ziel ist.

    Bedroht ist die Tageszeitung meiner Meinung nach höchstens wegen einer neuen Aufteilung der Zeit, die Leute für die Mediennutzung aufwenden. Die verschiebt sich in der Tat Richtung Internet. Leiden tun darunter aber alle traditionellen Medien, inklusive Radio und TV.

  5. Re: „Bedroht ist die Tageszeitung meiner Meinung nach höchstens wegen einer neuen Aufteilung der Zeit, die Leute für die Mediennutzung aufwenden“

    Einspruch eurer Ehren. Das darf auch weiter gedacht werden: wenn die Mendiennutzung sich zu anderen Medien verschiebt, folgen auch die Werbegelder und sonstige Einnahmen diesem Schema und damit nach einiger Zeitverzögerung letztendlich auch Kompetenzen & Know-How.

    Man kann bereits jetzt die Frage stellen, wie gut Zeitungen und Zeitschriften bestimmte Themen mit ausreichender Tiefe behandeln können/wollen. Aber wenn nach der ersten Welle der Blogbegeisterung eine zweite Welle folgt und die Journalisten/Autoren/Schreibenden aus den Zeitungen in andere Medien abwandern, wo es bessere Bedingungen gibt (Geld, Meinungsfreiheit, Selbstverwirkliichung, whatever), wer will dann den Bereich der „professionellen Medien“ so scharf abstecken wollen, das Zeitungen drin und Blogs per se draußen sind?

    BTW: die sich abzeichnende Verschiebung der Werbegelder in den USA geht vorrangig zu Ungunsten der Zeitungen und zu Gunsten von Online aus. Radio & TV sind derzeit nicht so stark betroffen.

  6. Ich bin grad via das blogsscout-Blog auf den Eintrag hier aufmerksam geworden; Herr Rutkowski hat sich vermutlich auf eine Grafik bezogen, die ich bei Gelegenheit heranziehe, um die Verteilung von Aufmerksamkeit in der Blogosphäre zu veranschaulichen (z.B. hier http://www.bamberg-gewinnt.de/wordpress/archives/579). Darin sind die Top 100 der blogscout-Zahlen vom 24.9.2006 aufgelistet, und zwar geranked nach den Visits AN DEM TAG (hab ich auch brav in der Achsenbeschreibung und im Titel angegeben.. :)). Ich hoffe nicht, dass ich bei irgendeinem Vortrag mal gesagt oder angedeutet haben sollte, dass das monatliche Werte sind, das wär selbstredend falsch.

    Und weil Stoibär das ganz richtig bemerkt: Ich erwähne eigentlich auch immer mit dazu, dass Blogscout nur einen Bruchteil der deutschsprachigen Blogosphäre erfasst – aber das ist auch nicht der Punkt, den ich mit der Grafik machen möchte; die dient wie gesagt vor allem zur Veranschaulichung der power-law-Verteilung.

  7. […] Ich bin grad via das blogscout-Blog und das Blog von Stefan Niggemeier auf einen Artikel in der Fränkischen Rundschau aufmerksam geworden, in dem ich leider falsch zitiert werde. Es heißt dort: Nun sieht der Bamberger Medienforscher Jan Schmidt in den Blogs ganz und gar keine Bedrohung und rechnet vor: Die erfolgreichste, weil wahrhaftigste und witzigste Seite, http://www.bildblog.de, hat im Monat 33 500 Zugriffe, zu http://www.tvblogger.de kommen 11 500 und danach geht es rapide runter. Schmidt: “Die Top 100 fangen schon ab monatlichen Zugriffszahlen von 450 an.” Zur Erinnerung: In diesem Jahr zählt man in der Bundesrepublik 37,8 Millionen Internet-Nutzer. […]

  8. […] Wirklich ärgerlich finde ich den schlampigen Umgang mit IT-Begriffen aber dann, wenn dies bei “Fachjournalisten” beobachtet werden kann. Stefan Niggemeier korrigiert in seinem Blog unter http://www.stefan-niggemeier.de/blog einige böse Patzer, die Peter Rutkowski in einem Artikel in der Frankfurter Rundschau (www.fr-aktuell.de) unterlaufen sind: Nun sieht der Bamberger Medienforscher Jan Schmidt in den Blogs ganz und gar keine Bedrohung und rechnet vor: Die erfolgreichste, weil wahrhaftigste und witzigste Seite, www. bildblog .de, hat im Monat 33 500 Zugriffe, zu www. tvblogger .de kommen 11 500 und danach geht es rapide runter. […]

  9. Oh, das ging fix mit dem Update, Stefan – danke! Und den Hinweis auf die niedrigen Zugriffszahlen am Sonntag merke ich mir; ich hatte die Präsentation am Montag 25.9. erstellt und die aktuellsten Zahlen genommen.. wird auch für die nächste Gelegenheit korrigiert!

  10. Ich weiß nicht, ob das bei anderen Blogs auch so dramatisch ist, aber BILDblog hat am Wochenende locker ein Drittel weniger Besuche als werktags.

  11. Bei uns in der Riesenmaschine ist es besonders dramatisch. Donnerstags haben wir beispielsweise 127.750.000 Unique Visitors pro Jahrhundert, schon Samstags kackt das mit nur 1,73 Besuchern pro Minute ganz erheblich ab.

  12. Darf man das wirklich noch? Oder nur in Blog-Kommentaren? Ich glaube: nein. Die Formulierungen „ganz groß“ und „ganz großes Kino“ sind nicht mehr zulässig. Sie haben sich überlebt.

  13. „Pogrom-Stimmung hier.“

    Hat da jemand Godwin gesagt?
    Unique Visitors pro Jahrhundert ist doch eine wichtige Größe. Da muss ich doch gleich mal bei der GfK … oder meinem Counter …

  14. um den „gewaltsamen Massenausschreitungen gegen Mitglieder religiöser, nationaler oder ethnischer Minderheiten der eigenen Gesellschaft, verbunden mit Plünderung und Mord“ (define:pogrom) noch etwas feuer zu geben, könnte es sein, dass kommentar #21 aus dem netz der fr kam? wer ausser einem journalisten kann heutzutage noch „pogrom“ richtig schreiben und meinen mit 100prozentiger humorbefreiung kommentare verfassen zu können?

  15. und ich habe post von der fr bekommen ….

    ZITAT:
    „Sehr geehrter Herr Kowasch,

    vielen Dank für Ihre Nachricht.

    Der Artikel, um den es geht, wurde aus der gedruckten Ausgabe unverändert ins Netz übernommen. Wir haben Ihre Kritik an die zuständigen Kollegen der Medienredaktion weitergeleitet und den fehlerhaften Absatz in der Online-Fassung herausgenommen.

    Leider sind wir als kleines Online-Team meist nicht in der Lage, Texte aus dem Print auf Fehler zu überprüfen – zu unserem eigenen Bedauern. …. „

  16. […] Ausgedacht hatte sich die “Rundschau” ihre Zahlen aber nicht. Sie sollten nach Angaben der Zeitung aus der neuen kommunikationssoziologischen Studie über Weblogs von Jan-Hinrik Schmidt, dem Stellvertretender Leiter der Forschungsstelle “Neue Kommunikationsmedien” (FoNK) an der Universität Bamburg stammen. Und tatsächlich findet sich dort auch ein Diagramm, in dem die Zahl 450 in Verbindung mit Platz 100 eingetragen ist. Aber, schreibt Schmidt: Darin sind die Top 100 der blogscout-Zahlen vom 24.9.2006 aufgelistet, und zwar geranked nach den Visits AN DEM TAG (hab ich auch brav in der Achsenbeschreibung und im Titel angegeben.. ). Ich hoffe nicht, dass ich bei irgendeinem Vortrag mal gesagt oder angedeutet haben sollte, dass das monatliche Werte sind, das wär selbstredend falsch. […]

  17. […] Wenig ist heute von diesem einstigen Ruhm übrig geblieben. Von einer “überregional verbreiteten Frankfurter Lokalzeitung” spricht Friedrich Wilhelm Graf spöttisch im Spiegel Special 09/2006. Auch in Blogistan wird sich des Öfteren einmal über die Online-Ausgabe der FR muckiert: “Unter uns: BILDblog hatte im September vermutlich mehr Besuche (Visits) als das Online-Angebot der Frankfurter Rundschau.” Stefan Niggemeier […]

  18. Läuft das nicht schon unter Rufschädigung und falscher Tatsachenbehauptung? oO Ist in jeden Fall schon ein echtes (Armuts)zeugnis „deutschens Qualitätsjournalismus“, das man nicht mal 10min Zeit aufwenden kann, seine Quellen sauber nachzurecherieren sondern scheinbar gleich die erst beste aus dem Zusammenhang reisst und eine Nachricht draus zu basteln. Vielleicht ist es auch ein bisschen Angstbeissen, sieht man bei Hunden desöfteren. Die sind so nervös, das sie die Signale mißverstehen und einfach mal zuschnappen.

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