Kollektiver Kinderwahnsinn: Herzogin Kate im Verhör der internationalen Presse

08 Mrz 13
8. März 2013

Wir müssen einmal kurz über den britischen Thronfolgerfolgerfolger reden.

Am Dienstag war Herzogin Kate zu Besuch in Grimsby. Sie schüttelte ein paar Schaulustigen die Hand und nahm einen Stoffbären als Geschenk entgegen. Eine Frau in der Menge meinte gehört zu haben, wie sie sagte: „Is this for our d-“ („d“ wie „daughter“), bevor sie sich schnell korrigierte und auf Nachfragen beteuerte, sie kenne das Geschlecht ihres Babys nicht.

Tatsächlich hat sich die Frau, um die Pointe gleich vorwegzunehmen, bloß verhört. Kate sagte, wie sich später herausstellte: „Is this for us, awww.“

Keine große Geschichte, oder?

Nun:


Die Geschichte war auch auf den Titelseiten von „Daily Mail“ und „Daily Express“. Und denen von „Times“ und „Telegraph“:


Und es war nicht bloß britischer Kinderwahnsinn. Am Mittwochvormittag „meldete“ die Agentur AP:

Kate und das T-Wort: Spekulationen über Geschlecht des Babys

London (AP) — Ein unbedachter Halbsatz der Herzogin von Cambridge — und schon brodelt es in der Gerüchteküche: „Es ist ein Mädchen!“ prangte am Mittwoch als Schlagzeile über britischen Zeitungen. Dabei haben Kate und Prinz William erklärt, sie sagten nichts über das Geschlecht ihres erwarteten ersten Babys. 

Die Konkurrenz von AFP berichtete:

Ist es ein Mädchen? — Schwangere Herzogin Kate soll sich verplappert haben

Bei dpa hieß die Überschrift:

Er oder sie? Spekulation um Kate und Prinz Williams Baby

Und später:

Buchstabe auf der Goldwaage — Medienhype um Kates Babybauch

Der Hauch von Unsicherheit, die Flucht auf die vermeintlich sichere Meta-Ebene, war aber für viele Medien zu seriös. „Bild“ verkündete am Donnerstag auf der letzten Seite:

Die schwangere Herzogin Kate (31) verplapperte sich beim Besuch der Hafenstadt Grimsby, verriet ihr süßes Babygeheimnis:
ES WIRD EIN MÄDCHEN!

Die „Berliner Morgenpost“ riss die News sogar auf ihrer Titelseite an. Im Inneren brach dann Thomas Kielinger, der Londoner Axel-Springer-Korrespondent und vermeintliche Königshaus-Experte, in Ausrufezeichen aus:

Rosa Babywäsche

William und Kate bekommen ein Mädchen. Die Schwangere versprach sich bei einem Ortstermin

London — Endlich! Jetzt ist es heraus! Es ist ein Mädchen! Die werdende Mama hat es ausgeplaudert, Kate, alias Catherine Middleton, Ehefrau des britischen Thronfolgers William. Es geschah im trist-grauen Hafenstädtchen Grimsby an der englischen Ostküste. Die Herzogin von Cambridge — sie sollte eine neue Gesamtschule einweihen — hatte sich um mehr als eine Stunde verspätet, es herrschte Nebel, ihr Hubschrauber konnte zunächst nicht starten. Dafür wurden die Wartenden mit einer Exklusivnachricht entlohnt, die sie für alles Frieren reichlich entschädigte.

Als Kate endlich da war (…), reichte die 41-jährige Diana Burton der Herzogin einen großen weißen Teddybär, den die Beschenkte lachend quittierte: „Thank you, I will take that for my d…“ („d“ für daughter, Tochter), um sich dann rasch zu korrigieren: „… for my baby.“ Damit aber wollte die danebenstehende Sandra Cook, 67, den königlichen Gast nicht davonkommen lassen. Als es an ihr war, die Hand von Kate zu schütteln, schoss sie mutig zurück: „Da sind Sie aber eben fast ausgerutscht, Sie wollten doch ‚daughter‘ sagen, oder?“ Kate fand sich in der Lage von Petrus, der seinen Herrn verleugnete, und sagte: „Was meinen Sie? Wir wissen noch nicht.“ Cook bohrte beharrlich nach: „Oh, ich glaube aber doch!“ Worauf Kate „Wir sagen nichts“ antwortete.

Das war so gut wie ein Geständnis. Sie hätte leicht den ersten Kommentar wiederholen können, „Wir wissen noch nicht“, aber das hätte sich zu einer Lüge hochgeschaukelt, denn natürlich wissen die Eltern fast alles, was sich im Mutterleib der im fünften Monat Schwangeren ankündigt, ob Junge oder Mädchen. So zog sie sich mit einem Allerweltswort wie „Wir sagen nichts“ aus der Affäre — und hatte doch alles gesagt, ganz unprotokollarisch.

In der „Welt“ steht Kielingers Bericht unter der Überschrift:

Kate hat sich verplappert

Wird es ein Mädchen? Eine Schaulustige entlockt der schwangeren Herzogin von Cambridge ein ungewolltes Geständnis

Und beginnt so:

Der Zug rollt, die Hysterie ist in voller Fahrt: Es ist ein Mädchen! Doch weder hat ein Paparazzo oder Societyreporter die Nachricht über das Geschlecht des erwarteten Babys der Herzogin und des Herzogs von Cambridge erlauert, noch haben Insider am Hof den Mund nicht halten können — nein, die künftige Mama selber hat es ausgeplaudert, Kate, alias Catherine Middleton, die Ehefrau des künftigen britischen Monarchen.

Das „Darmstädter Echo“ überrascht mit einem Artikel, der mit Zweifeln beginnt:

Jetzt fragt sich das Königreich: Können wir uns wirklich auf rosa Babywäsche einstellen?

… und nach Schilderungen von erschütternder Ausführlichkeit gegen Schluss mit der Wendung schockiert:

Und jetzt gibt es eine Gegendarstellung zu dem, was Sandra Cook bezeugte. Katy Forrester, die die Herzogin im lokalen Fischerei-Museum sprach, gab gegenüber dem „Grimsby Telegraph“ an: „Ich schwöre, sie sagte, dass es ein Junge wird. Entweder habe ich es falsch verstanden oder Kate will uns alle verwirren.“ Das Rätselraten geht weiter.

Die „Berliner Zeitung“ bringt die unklare Nachrichtenlage dazu, ein weiteres Fass aufzumachen. Sie berichtet heute ausführlich über „uralte Mythen“, die darüber, ob Kate nun Mutter eines Sohnes oder einer Tochter wird, Auskunft geben könnten — „oder auch nicht“. 

Bindet man den Ehering an einen Faden und lässt ihn vor dem Bauch baumeln, so die Überlieferung, schlägt er bei einem Mädchen nach links und rechts aus, bei einem Jungen beschreibt er hingegen Kreise. Diese Variante ist natürlich nur für Paare geeignet, die über den notwendigen Ring verfügen. (…) 

So erwartet eine Schwangere dem Mythos nach ein Mädchen, wenn sie auf der rechten Seite schläft. Einen Jungen kann man pränatal erahnen, wenn die rechte Brust größer ist als die linke. (…)

Begegnet die Schwangere auf dem Weg ins Gotteshaus zuerst einem Mann, so die aus Bayern stammende Theorie, wird es auch einer. Und andersherum.

Und dann ist da noch das Morgenmagazin des ZDF, in dem aus irgendeinem Grund eine Frau namens Nadja Al-Chalabi herumsitzt, die als „Gesellschaftsreporterin“ vorgestellt wird.

Lustigerweise zeigt die ZDF-Moderatorin vorher deren Notizzettel in die Kamera, und Al-Chalabi sagt:

Das ist ja nur die Essenz dessen, was man vorher recherchiert. Weil ja alle immer denken: Ach, dieser Promi-Kram, der wird so rausgerotzt — so ist es nicht!

Dann rotzt sie den ganzen Promi-Kram so raus, und fasst ihre Erkenntnis zusammen: „Es wird also ein Mädchen.“

(Das „Morgenmagazin“ des ZDF trägt zum hohen „Informations“-Anteil des Senders bei, der das öffentlich-rechtliche Programm von der privaten Konkurrenz unterscheidet.)

Und das alles, weil eine ältere Frau in Grimsby sich verhört hat. Das hier ist übrigens das Video, das den verräterischen Versprecher nach Ansicht der internationalen Medienmeute belegen sollte.

Keine weiteren Fragen.

23 Gedanken
  1. 1
    Sibirischer Tiger says:

    Ich hätte dann doch noch eine Frage:

    Warum sind anscheinend sämtliche Knallblätter im insulanischen wie kontinentalen Europa (und möglicherweise auch auf anderen Kontinenten, Frau Mountbatten-Windsors noch ungeborenes Kind wird ja — Stand heute — nach seiner Urgroßmutter, seinem Großvater und seinem Vater eines Tages Staatsoberhaupt nicht nur des Vereinigten Königreichs, sondern auch Kanadas, Australiens, Neuseelands, und einer erklecklichen Anzahl karibischer Inselstaaten ) so unkreativ, das von Frau Mountbatten-Windsor niemals ausgesprochene Satzfragment: 

    „Is this for our d-“

    mit den Buchstaben „-aughter“ zu vervollständigen?

    Ohne Zweifel wollte Frau Mountbatten-Windsor, als sie diese Worte gar nicht sprach, doch natürlich sagen:

    „Is this for our D-IANA?“

  2. 2
    Theo Tier says:

    Dammich, woher nehmen Sie nur die Zeit (vom Geld ganz zu schweigen) all diesen Müll regelmäßig zu lesen, inhaltlich aufzuarbeiten und im entsprechenden Qualitätsniveau noch zu „recherchieren“? Leicht verdientes Geld unter der Hand? Hammse verdient! Aber sSie sollten mitunter auch an Ihre Gesundheit, sowie geistige und moralische Unversehrtheit denken. Diese ESC-Infektion wiegt schließlich schon schwer genug

  3. 3
    nona says:

    Ich bin am Boden zerschüttert. Die versammelten deutschen Qualitätsverbreittreter von Insignifikanzien schaffen es, diesen Dummfug ohne die allgängigen Formulierungen „Rätselraten“ und „Wirbel um (irgendwasauchimmer)„zu strapazieren? Mein Welt-Bild erbricht zusammen.

  4. 4
    Michi says:

    Funfact am Rande: Das Wort „Hysterie“ ist vom griechischen Wort für die Gebärmutter abgeleitet. Im Altertum nahm man an, dass selbige die neurotischen Störungen auslöst. Diese These wird hier eindrucksvoll bestätigt — mit dem kleinen Unterschied, dass der Inhalt einer ganz bestimmten Gebärmutter eine ganze Menge völlig unbeteiligter Personen hysterisch werden lässt.

    Krank. Es scheint für manche Medien kaum wichtigere Dinge zu geben als ein noch nicht mal geborenes Kind.

  5. 5
    polyphem says:

    Natascha Kampusch ist schwanger? (s. SUN-Titelbild)

  6. 6
    Homer S. says:

    Eine Sache, die ich beim Hype um und mit werdenden Eltern allgemein nicht verstehen kann: Entweder heißt es „Es wird ein Junge“ (=> großer Jubel allenthalben). Oder: „Es wird ein Mädchen“ (=> genauso großer Jubel allenthalben). Im Endeffekt ist das Geschlecht des Nachwuchses doch so egal wie nur irgendwas.

  7. 7
    Robin says:

    „»Da sind Sie aber eben fast aus­ge­rutscht, Sie woll­ten doch ›daugh­ter‹ sagen, oder?« Kate fand sich in der Lage von Petrus, der sei­nen Herrn ver­leug­nete, und sagte: »Was mei­nen Sie? Wir wis­sen noch nicht.« “

    Ich habe diese Sätze jetzt sicher zwanzigmal gelesen, aber ich komme einfach nicht über diesen biblischen Vergleich hinweg…

  8. 8
    Squeedly says:

    Doch, ich hätte da noch eine Frage:
    Haben all diese Spinner, die die von Ihnen zitierten „Nachrichten“ geschrieben haben, denn wirklich nichts, aber auch gar nichts besseres zu tun?

    Und unweigerlich drängt sich mir noch eine weitere auf:
    Ist das jetzt etwa dieser ominöse „Qualitätsjournalismus“, der so wichtig und schützenswert ist, dass unsere Bundesregierung unbedingt dieses völlig absurde LSG (das sowieso spätestens vom BVerfG kassiert wird, jede Wette) beschließen musste?

  9. 9
    Thomas K. says:

    Ach… nix gegen die „moma„‚s von ARD und ZDF.
    Was anderes -einigermaßen- gescheites kann man sich morgens nicht anschauen/anhören, wenn man sich zur Arbeit fertig macht.
    Vom Kate-Kram hab ich trotzdem nichts mitbekommen.

  10. 10
    Peter Viehrig says:

    Ok, das wäre ein Vorteil des LSR, wenn es denn in Kraft tritt, den ich noch gar nicht auf dem Schirm hatte, denn es bleibt nur

    Rosa Baby­wä­sche

    und der ganze restliche Schmonz wird bei den Google-Treffern künftig weggelassen. Und in dieser rudimentären Form wird das den Verlagen womöglich wirklich Heerscharen verzweifelter Eltern auf der Suche nach entsprechenden Utensilien zutreiben.
    Das ist ja auch ein Unding, daß Google die Unruhe und Vorfreude dieser Eltern durch die Auflistung zahlreicher Shops für Babywäsche unter Mißbrauch wertvoller verlegerischer Leistungen bisher lizenzfrei ausbeutet!

    Endlich denkt jemand an die Kinder!

    Herr Wagner, übernehmen Sie!

  11. 11
    o aus h says:

    „bricht in Ausrufezeichen aus“ – gnihihi!

  12. 12
    M Schneider says:

    Und toll finde ich ja auch immer wieder, dass sich all die Journalisten im Gerichtssaal oder auf juristischem Boden wähnen, wenn sie von „Geständ­nis“ oder gar „Gegen­dar­stel­lung“ schreiben. (Wo es doch in letzterem Fall nur darum geht, dass sich jemand die Ohren besser gewaschen hat und sich klar ausdrücken kann. Da müsste also entschieden mehr Medizin zum Vergleich rein! Können Sie das Ihren Kollegen bitte sagen, Herr Niggemeier?)

  13. 13
    Joaquin says:

    Man darf aber nicht vergessen, dass zum Beispiel eine Bild-Zeitung in England, wohl noch als eines der seriöseren Blätter durchgehen würde.

  14. 14
    polyphem says:

    @Joaquin (#13): Ihre Interpretation sollte man vergessen. Man kann der Meinung sein, dass britische Boulevardzeitungen noch grässlicher als „Bild„sind; aber das Wort „seriös“ möchte ich in diesem Zusammenhang nicht benutzt wissen. Im Ernst.

  15. 15
    Sam Gibson says:

    schenkelklopf :lol:

    na dann beim nächsten Stofftier fortfahren damit und fragen!

    »Is this for our s-«

    (sonography doctor)

    harr, harr, .…

  16. 16
    gnaddrig says:

    Homer S. (#6) hat recht: Die Dame ist schwanger, und ob es nun ein Mädchen wird oder ein Junge ist medientechnisch völlig wurscht. Die Rosapresse wird so oder so in Rührung zerfließen oder besorgtbetroffene So-enttäuscht-ist-er/sie-Geschichten raushauen (nicht das ersehnte Geschlecht, falsche Augenfarbe, hat mal nicht gelächelt usw.) oder was die sonst eben so machen bei Prominachwuchs.

    Und ich schließe mich polyphem an, das Wort „seriös“ gehört da nicht hin. Joaquin (#13) hat es mit dem B-Wort verschreckt, und jetzt sitzt es zitternd auf dem dünnstmöglichen Ast ganz oben im höchsten und weitest entfernten Baum des Wörterbuchs und weigert sich, wieder runterzukommen.

  17. 17
    Alexander says:

    Bitte Stefan, teil uns unbedingt mit, was die „Aktuelle“ dazu meint, bzw. welche Runde Bingo die mit dieser Vorlage eröffnen.

  18. 18
    Alberto Green says:

    (@ polyphem und gnaddrig: Ich muss da ein wenig widersprechen. „Seriös“ ist eine in den letzten Jahren mehrfach von Journalisten und Verlagen missbrauchte Cracknutte, die nur noch ziellos durch Frankfurt irrt.)

  19. 19
    T-o_m says:

    Was ist nur aus dem guten deutschen Qualitätsjournalismus geworden! Ich meine, wen interessiert das Geschlecht des Kindes? Viel wichtiger ist doch: War das Stofftier unser geliebter und viel zu früh verschiedener Knut oder war er es nicht? DARUM sollte sich die deutsche Presse mal kümmern! Um die wirklich wichtigen Themen!

  20. 20
    SvenR says:

    @Alberto #19: Das finde ich nicht in Ordnung, dass Du da jetzt wieder Frankfurt schreibst. Woher willst Du denn wissen, dass Sie nicht gerade durch Köln zieht. Hm? Na?

  21. 21
    Alberto Green says:

    @SvenR: Na, wegen der vielen „seriösen“ Verlage dort. Und der Drogen.
    Wir haben ja nur RTL und Mediengruppe M. DuMont Schauberg.Da war „Seriös“ bisher nur selten.

  22. 22
    polyphem says:

    @Alberto Green @SvenR:
    Doch kommt sie zum Glück nie nach Osnabrück.

    „Und viertens hoff ich außerdem
    Auf Widerspruch, der mir genehm.“
    (Wilhelm Busch — „Selbstkritik“)

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