Mißbrauch

21 Okt 04
21. Oktober 2004
Frankfurter Allgemeine Zeitung

„Bild“ rückt Oliver Pocher in die Nähe von Kinderschändern.

Am 8. Oktober war der Fernsehkomiker Oliver Pocher zu Gast in der Talkshow von Johannes B. Kerner. Man plauderte über dies und das, und nach gut zehn Minuten erkundigte sich Kerner, ob es auch ein Thema gebe, bei dem der Witzbold ernst wäre. Ja, sagte Pocher, beim Thema Kindesmißbrauch sei er „extrem sensibilisiert“. Der Sechsundzwanzigjährige berichtete dann von einem Fall, der sich in seiner Jugend in seinem Heimatort zugetragen habe. Was konkret passierte, ließ er offen, er habe es auch erst „viel später mitbekommen“. Man habe versucht, dem Mädchen zu helfen. Aber der Fall sei kompliziert, weil die Betroffene offensichtlich nicht bereit war, eine Aussage zu machen. „Man kann nicht einfach nur hingehen und sagen: Der macht das. Es ist schwieriger, das vor Gericht auch durchzubringen“, sagte er. Wütend mache ihn, daß der Verdächtige immer noch frei herumlaufe. Pocher sagte, auch aufgrund dieser Erfahrung engagiere er sich für ein Kinderhaus in Nepal, das ein Freund gegründet habe.

Gestern griff die „Bild“-Zeitung den Fall bundesweit auf. Sie zeigte auf ihrer ersten Seite ein Foto von Pocher mit der Schlagzeile: „Oliver Pocher — TV-Star schützt Kinder-Schänder“. Sie sprach von einem „Skandal“: „Der Komiker gab zu, von einem Kindesmißbrauch zu wissen. Den Täter zeigte er aber nicht an!“ Sein Zitat, daß man nicht einfach jemanden beschuldigen und damit vor Gericht Erfolg haben könne, wird von „Bild“ mit den Worten kommentiert: „Was denkt sich der TV-Star bloß bei solchen Aussagen — in Zeiten, wo fast täglich Kinder in Deutschland geschändet werden?“ Pocher müsse jetzt „zum Polizeiverhör“.

„Bild“ erwähnte nicht, daß es um keinen aktuellen Fall geht: Nach Angaben Pochers hat er als Vierzehnjähriger davon erfahren; der Mißbrauch liege noch weiter zurück. Der Artikel erweckt den Eindruck, Pocher decke einen Kinderschänder und verharmlose das Thema, obwohl Pochers Auftritt keinen Zweifel daran ließ, daß seine Absicht das Gegenteil war.

Pochers Managerin Nina Brkan sagte, man werde mit allen juristischen Mitteln gegen die „böswillige Verleumdung“ vorgehen. Weder Pocher noch sie seien vor der Veröffentlichung von der Zeitung angesprochen worden. Dafür habe sich gestern eine „Bild“-Redakteurin telefonisch bei ihr gemeldet und unverholen damit gedroht, weitere belastende Infos zu veröffentlichen, die sie recherchiert habe, wenn Pocher nicht bereit sei, mit „Bild“ zu reden. Tatsächlich sei Pocher von der Polizei als Zeuge vorgeladen worden, sagte Brkan. Auch das Opfer des Mißbrauchsfalls, über den Pocher berichtete, habe sich nun dazu durchgerungen, gegenüber einem Notar Angaben zu machen, um der Darstellung der Zeitung zu widersprechen. Warum „Bild“ in dieser Form gegen Pocher vorgeht, wisse sie nicht, sagte Brkan. Es gebe „keine Vorgeschichte“ — außer daß der Komiker grundsätzlich keine Boulevardgeschichten mache.

„Bild“-Sprecher Tobias Fröhlich sagte, die Zeitung habe die Fakten korrekt wiedergegeben. Daß Pocher nichts gegen den vermeintlichen Täter unternommen habe, sei ein Skandal, daß er dann noch bei Kerner darüber rede, ein weiterer. „Das ist doch nicht okay, da müssen wir doch drüber schreiben!“