Vom Glück, Jacky Dreksler zu sein

30 Okt 05
30. Oktober 2005

Der erfahrene Comedy-Produzent hat es sich in den Kopf gesetzt, wieder eine komische Sendung zu machen.

Man muß den Zinnober erlebt haben, den Fernsehsender sonst veranstalten, wenn sie sichergehen wollen, daß die Presse ein neues Programm zur Kenntnis nimmt, die abgefahrenen Locations, die PR-Show, die Luxus-Schnittchen, um die Geräuschlosigkeit würdigen zu können, mit der RTL das Konzept von „Samstag Nacht“ wiederbelebt hat. Kein Event, keine Pressekonferenz, keine Hochglanzmappe. Es ist einfach wieder da, schon seit drei Wochen, und heißt diesmal „Comedy Nacht“. Und weil das so ungewöhnlich ist, dieses sachte Pffft statt des großen Kawong, könnte man auf den Gedanken kommen, daß RTL nicht an das Konzept glaubt.

Wahrscheinlicher ist das Gegenteil: Der Sender hat erkannt, daß es diesem Format ganz gut tut, langsam entdeckt statt schnell verkauft zu werden, und daß es den jungen Komikern nicht hilft, gleich mit großen Worten aufs Podest gestellt zu werden.

Jedenfalls scheint alles viel schwieriger als 1993, als RTL zum ersten Mal jungen, unbekannten Menschen die Gelegenheit gab, sich in einem Randbereich seines Programmes auszuprobieren. Es war viel mehr Geld da, RTL war noch der ungestüme Angreifer und nicht der bräsige Titelverteidiger, und es gab noch keine frühere deutsche Version der legendären amerikanischen Talentschmiede „Saturday Night Live“, mit der man alles vergleichen konnte. „Das sind die Schatten der Vergangenheit: eine Folge von ‚RTL Comedy Nacht‘ wird mit dem Besten aus fünf Jahren ‚RTL Samstag Nacht‘ verglichen werden“, sagt Jacky Dreksler, der als Produzent hinter beiden Sendungen steht. Es sind tödliche Vergleiche mit den grimmepreisgekrönten Auftritten von Olli Dittrich und Wigald Boning in „Zwei Stühle — eine Meinung“, mit dem absurdesten Slapstickklamauk von Mirco Nontschew, mit „Kentucky schreit ficken“, „Margarethe Schreinemakers ihre Schwester“ oder dem ewig sterbenden Karl Ranseier.

An den langen Weg dahin erinnert sich natürlich niemand mehr. Der RTL-Pressemann hat extra die Quoten von damals mitgebracht, um zu zeigen, wie mühsam er war. Und Dreksler droht, die ersten Sendungen von „Samstag Nacht“ aus dem Archiv zu holen. Zur Abschreckung. Dann erzählt er, wie er Esther Schweins entdeckte, die die Kandidaten bei einer kleinen Gameshow betreute, eigentlich Schauspielerin werden wollte und auf gar keinen Fall Komikerin und vor allem gut aussah, und wie er die anderen auf irgendwelchen Geburtstagen oder über gemeinsame Freunde kennenlernte und sie vor allem auflas, weil sie irgendwie wahnsinnig waren. Und plötzlich wirkt „Samstag Nacht“ rückblickend nicht mehr wie ein Geniestreich, sondern wie ein grandios glücklicher Zufall.

Dreksler behauptet natürlich, daß der Zufall Methode hat. Als er jetzt wieder für die „Comedy Nacht“ nach Talenten suchte, wählte er nicht unbedingt Schauspieler oder Komiker. „Ich möchte einfach Charaktere haben, ungewöhnliche Menschen.“ Von „Großen Versprechungen in der Luft“ spricht er, halb im Scherz, und, sehr im Ernst, davon daß Menschen plötzlich ganz neue Talente an sich entdecken, wenn man sie einfach machen läßt. Ausdauer und Freiheit braucht es dafür.

Am Ende ist „Samstag Nacht“ für fast alle ein Sprungbrett geworden, für Esther Schweins sogar doch noch in die ernste Schauspielerei. Kein Wunder, sagt Dreksler, „das Schwierigste haben sie ja gepackt: Das Komische zu spielen.“

Der 59jährige scheint ein beneidenswerter Mensch zu sein. Als er 1990 seine eigene Firma gründete, nannte er sie Pacific Productions — weil der Plan war, damit genug Geld zu verdienen, um sich und seiner Frau einen entspannten verlängerten Lebensabend in der Südsee zu ermöglichen. Und wenn man ihm sagt, daß der Plan ja offensichtlich nicht aufgegangen ist, sonst hätte er die Firma ja nicht gerade nach sieben Jahren Pause reaktiviert, dann lächelt er nur wissend.

Sein Lebenswerk ist gleichermaßen eindrucksvoll wie abschreckend. An vielen Dutzend Sendungen war er in den achtziger und neunziger Jahren als Autor oder Moderatoren-Coach beteiligt, Shows wie „Bananas“, „Volkstümliche Hitparade“, „Vier gegen Willy“ und „Alles nichts oder“ und zu Recht vergessene Sendungen wie „Tele-As“ und „Bistro Bistro“. Er erfand „Schreinemakers live“ und produzierte mit Hugo Egon Balder 150 Folgen von „RTL Samstag Nacht“. Nach dessen Ende, das ein bißchen später kam, als gut gewesen wäre, und einigen gescheiterten Versuchen mit ähnlichen Formaten verabschiedete er sich 1998 vom Fernsehen, um sich seiner Familie zu widmen und zu lesen („Lieblingsthemen: Erkenntnistheorie, Sozialpsychologie und Evolutionsbiologie“).

Irgendwann sei er aus der „Festung des Nichtstuns“ wieder aufgetaucht, weil ihm aufgefallen sei, daß ihn seine kleine Tochter noch nie arbeiten gesehen habe. Da paßte es gut, daß RTL merkte, wie groß das Humordefizit inzwischen geworden war, und sich entschied, das nicht durch den Ankauf von Stars zu lösen, sondern durch die Talentpflege — und also durch die „Comedy Nacht“.

Er ist der Meister der sinnlosen Unterhaltung, die nichts weiter will, als lustig sein, und was ihn von anderen Produzenten unterscheidet, sind nicht nur die Erfahrung und der unbedingte Wille zum Spaß bei der Arbeit („Der Hauptzweck dieser Sendung ist es, Jacky Dreksler glücklich zu machen“), sondern auch seine Unabhängigkeit. Er könne Aikido, sagt Dreksler grinsend: die Kunst, Druck von außen gegen den Angreifer selbst zu richten. Er ist das Gegenteil der marktforschungsgläubigen Auf-Nummer-Sicher-Geher und sagt, er liebe den Sprung ins Unbekannte, „im Vertrauen darauf, daß uns im Fallen Flügel wachsen“.

Gut, dafür ist es wichtig, daß der freie Fall nicht zu früh durch den Aufprall gebremst wird, und die ersten Quoten lassen ahnen, daß die Geduld von RTL ernsthaft getestet wird. Sehr viel Ausschuß ist noch in den Shows, auch unglaublich lange und überflüssige Auftritte von Comedy-Gaststars. Aber zwischendurch gibt es in den Fernseh- und Werbeparodien, Sketchen und Stand-ups schon ein bißchen was zu entdecken: Die Duette von Carolin Kebekus und Rüdiger Brans zum Beispiel, das traurige Gesicht und die Mini-Cartoons von Attik Kargar oder die Stimmenvielfalt von Jürgen Bangert. Die Dokureihe über die Society-Ladies „Pute und Schnute Pohofen“ darf seit der zweiten Folge aus naheliegenden Gründen nicht mehr so heißen, aber zum Glück kann man an den Schlauchbootlippen auch so gut erkennen, wer gemeint ist.

Und selbst wenn sich herausstellen sollte, daß sich diese Art von Nummernrevue überlebt hat: Jacky Dreksler ist wieder da. Und wenn man ihn läßt, wird er noch eine Menge albernen Unsinn auf den Bildschirm bringen, von dem ein kleiner Prozentsatz dann Jahre später als „wegweisend“, „Kult“ oder „Talentschmiede“ bezeichnet werden wird.