Broder ohne Fußnoten

09 Sep 08
9. September 2008

Das Kölner Landgericht hat in der vergangenen Woche eine einstweilige Verfügung gegen Henryk M. Broder mit einer Einschränkung bestätigt: Er darf Evelyn Hecht-Galinski nicht als „antisemitisch“ bezeichnen, wie er es in einem Beitrag auf der von ihm mitbetriebenen Seite „Die Achse des Guten“ getan hatte, wenn er diesen Vorwurf nicht konkret belegt.

Im „Kölner Stadtanzeiger“ berichtet der stellvertretende Online-Chef Tobias Kaufmann unter der Überschrift „Broder mit Fußnoten“ über das Urteil und kommentiert es kritisch. Und ich frage mich, ob Kaufmann wohl wenigstens gezögert hat, als er schrieb:

Der Publizist Broder hatte auf der Internetseite „Die Achse des Guten“, die er mitbetreibt, einen offenen Brief an WDR-Intendantin Monika Piel veröffentlicht.

Denn Mitglied von Broders „Achse des Guten“, die sich als „publizistisches Netzwerk“ bezeichnet, ist auch… der stellvertretende Chef von ksta.de und Autor des Artikels, Tobias Kaufmann. Fleißig veröffentlicht er dort Artikel, vor Jahren hat er auch schon auf Broders Homepage Gastbeiträge geschrieben.

Ich habe bei Tobias Kaufmann nachgefragt, ob er nicht meint, „dass im Sinne der Transparenz ein Hinweis auf diese Nähe zu dem Objekt Ihrer Berichterstattung hilfreich gewesen wäre“. Er antwortete mir:

Ja, es ist schwerer und medienethisch heikel, über Personen oder Dinge zu schreiben, wenn man nicht vollkommen außen vor ist. Andererseits ist es bei Themen, die sehr speziell sind, schwierig, nur auf Berichterstatter zurückzugreifen, die mit der Sache gar nichts zu tun haben. Die Prozesse zwischen Broder und seinen Kontrahenten sind ein solcher Fall, weil die Frage „Gibt es jüdischen Antisemtisismus oder nicht?“ durchaus etwas Detailwissen erfordert. Nur, weil ich Herrn Broder kenne und ihm verbunden bin, das Thema jemandem zu überlassen, der die Vorgeschichte nicht kennt, wäre also nicht die richtige Lösung gewesen.

Davon abgesehen haben Sie theoretisch natürlich recht: Man hätte unter dem Text darauf hinweisen können, dass ich wie Broder Mitglied der Achse bin. Aber wir schreiben beim Stadt-Anzeiger in der Regel keine Erläuterungen über fest angestellte Redakteure unter deren Texte (anders als bei Gastautoren) – und mir wäre auch nicht bekannt, dass das bei anderen Tageszeitungen üblich ist.

Zudem: Mein Artikel ist kein Bericht (also keine neutrale Tatsachenbeschreibung), sondern eine Kolumne, die an dem dafür vorgesehenen Platz veröffentlicht und durch zwei Links zu weiterführenden, sachlichen Berichte ergänzt wurde. Außerdem ist die nicht zu leugnende „Nähe zum Objekt meiner Berichterstattung“ aus meiner Sicht dadurch abgefedert, dass ich einen betont distanzierten Text geschrieben habe, der im konkreten Fall wohl kaum als eindeutige Parteinahme für Broder verstanden werden kann.

Schließlich und endlich: Ich glaube nicht, dass Leser, die sich mit dem Thema schon mal befasst haben, die von Ihnen angesprochene Transparenz über einen solchen Hinweis benötigen. Es weiß ohnehin jeder, wo, wann und wie ich mich im „Anti-Antisemitismus-Streit“ im Netz positioniere. Die Leserpost, die ich zu dem Thema bekomme, ist stets entsprechend eindeutig.

Entschuldigung: Was für ein Geeiere. Ein Mitglied der „Achse des Guten“ schreibt über einen Rechtsstreit wegen eines Artikels auf der „Achse des Guten“, und mag das nicht wenigstens kenntlich machen, weil man das beim „Stadtanzeiger“ nicht macht und der Artikel ja auch nicht sooo kommentierend ist und die, die es wissen, es ja wissen? Und alles nur, um nicht eine einzige, schlichte, ehrliche Fußnote über die eigene Verbindung hinzuzufügen?

Clemens Wergin, der das Urteil in der „Welt am Sonntag“ im Sinne Broders kommentierte, scheint übrigens ebenfalls ein, sagen wir: guter Kumpel der Gutachsisten zu sein. Und auch Alex Feuerherdt, der im „Tagesspiegel“ über das Urteil schrieb, ist regelmäßig Gast auf der „Achse des Guten“.

Echte Netzwerker. Das eigentlich Komische ist, dass diese Leute dabei immer noch so tun, als seien sie einsame Einzelkämpfer, die mühsam gegen den Mainstream der veröffentlichten Meinung anschwimmen.

[Disclosure, natürlich: Henryk M. Broder und ich haben schon mehrmals unfreundlich übereinander geschrieben.]

323 Gedanken
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    Gregor Keuschnig says:

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