Die Realität lässt sich die Zukunft nicht vom „Stern“ vorschreiben

22 Sep 13
22. September 2013

Beim „Stern“ hatten sie diese Woche eine originelle Idee. Die Titelgeschichte beschreibt, was in den 48 Stunden vor der Schließung der Wahllokale passieren wird.

Wobei, das trifft’s nicht. Genau genommen beschreibt die Titelgeschichte, was in den 48 Stunden vor der Schließung der Wahllokale passiert ist. Der am Donnerstag erschienene Text ist nämlich nicht als Vorschau formuliert, sondern als Reportage. Er schildert nicht Pläne, Absichten und Möglichkeiten, sondern Tatsachen. „Vorabprotokoll“ nennt die Redaktion das.

Die Methode eröffnet dem Journalismus ganz neue Möglichkeiten. Lesen Sie schon am Donnerstag, was am folgenden Freitag passiert ist!

Im Fall der aktuellen „Stern“-Ausgabe liest sich das so:

FREITAG.
18.00 Uhr, München, Odeonsplatz.
Der Anfang vom Ende beginnt mit ohrenbetäubenden Beats, die wie Faustschläge in der Magengrube landen. Mit Taataa, das von ihrer Ankunft kündet. Die Kanzlerin erscheint. Heute an ihrer Seite: Franz Josef II., Horst Seehofer, der Triumphator der Bayernwahl. Es ist Merkels 52. Großkundgebung. 5000 und mehr Leute hören zu. Sie schreitet durch eine Gasse von Menschen, die mit „Angie“-Schildern winken. Die Kanzlerin lächelt, nickt und schüttelt Hände.

(„Beats, die wie Faustschläge in der Magengrube landen“ — auch „Stern“-Reportagen aus der Zukunft beginnen mit den abgegriffensten Sprachbildern aus der Vergangenheit.)

Das kann man natürlich so machen. Allerdings nur um den Preis der Seriösität. Denn es ist ja nicht mangelnder Ehrgeiz, der sonst dazu führt, dass Reportagen von Dingen handeln, die tatsächlich schon passiert sind, sondern der Gedanke, dass es einen Unterschied gibt zwischen Journalismus und Fiktion. Und dass es vielleicht keine gute Idee ist, beide zu mischen, wenn man in Zukunft noch darauf angewiesen sein könnte, dass die Menschen einem vertrauen.

Aber das Konzept des „Stern“ wirft nicht nur medienethische Fragen auf, die man womöglich als akademisch abtun kann. Es ist vor allem kontraproduktiv. Der „Stern“ will beschreiben, wie spannend die letzten Tage des Wahlkampfes werden, und tut das dadurch, dass er zeigt, wie sehr es sich bis ins Detail vorhersagen lässt?

Er weiß und beschreibt, wie Merkel auftreten wird (wie immer), wie Steinbrück auftreten wird (wie immer), wie die Abschlusskundgebung der CDU wird (wie erwartet) und wie die der SPD (wie erwartet).

Das Unerwartete kann in der „Stern“-Reportage nicht passieren, weil es noch nicht passiert ist und weil es unerwartet ist.

18.30 Uhr, München, Odeonsplatz.
Wie immer hat ihr der Moderator zum Aufwärmen ein paar nette Fragen gestellt. Übers Kochen: ja, Rouladen. Übers Autofahren: nur noch auf Waldwegen. (…)

18.45 Uhr, Kassel, Rainer-Dierichs-Platz.

“Noch zwei Tage, und es gibt einen Regierungswechsel. Noch zwei Tage, und Sie sind die los“, sagt Peer Steinbrück. Das sagt er immer.

Gegen die Langeweile helfen ein paar behauptete Details, mit denen die vorher bekannten Termine ausgeschmückt werden:

SAMSTAG
16.45 Uhr, Haan, Neuer Markt.
Steinbrück läuft über die Kirmes, vorbei am Riesenrad Jupiter und dem Skooter Drive In.

(Ich wär so gern dabei gewesen, als sie in der Redaktionskonferenz beim „Stern“ delegierten, wer die Fahrgeschäfte der Kirmes in Haan recherchiert und wer den genauen Fußweg ermittelt, den Steinbrück dort aller Wahrscheinlichkeit nach zurücklegen wird.)

Vorher aber noch an diesem Samstag hat Jürgen Trittin einen besonderen Auftritt in der „Stern“-Zukunfts-Reportage:

14.50 Uhr, Berlin, Flughafen Tegel.
Jürgen Trittin besteigt die Air-Berlin-Maschine AB 6501 nach Köln/Bonn. Am Abend sitzt er bei Stefan Raab. Trittin fühlt sich nicht wohl in seiner Haut, seit Tagen schon. Seit bekannt ist, dass die Göttinger Grünen 1981 im Programm zur Kommunalwahl für straffreien Sex zwischen Erwachsenen und Kindern geworben haben. Er hat das Programm presserechtlich verantwortet. Er weiß, das wird an ihm hängen bleiben. Vier Jahre lang hat er sich akribisch vorbereitet: noch einmal Rot-Grün, mit ihm als Vizekanzler und Finanzminister, das war sein Traum. Sogar Schwarz-Grün, der letzte Ausweg zur Macht, bliebe ihm jetzt versperrt. Das könnte sich Merkel schon aus Anstandsgründen nicht mehr leisten. Nicht mit ihm. Aber niemand sonst könnte die ungeliebte Koalition in seiner Partei durchsetzen. Trittin ist seit über 30 Jahren Vollblutpolitiker. Jetzt kann auch er nur ohnmächtig zuschauen, wie ihm alles entgleitet.

Das ist nun der Gipfel der Anmaßung: Der „Stern“ schaut nicht nur in die Zukunft, sondern auch in einen Menschen hinein. Er behauptet zu wissen, was in Trittin vorgehen wird. (Und stellt nebenbei noch ein paar weitergehende Behauptungen über die Zukunft aus.)

Und so rührig es ist, dass die „Stern“-Leute extra vorab recherchiert hatten, wann Trittin mit welcher Maschine nach Köln fliegt, um bei Stefan Raab zu sitzen, damit es sich so richtig anschaulich liest, so sinnlos ist es. Vor allem …

… weil Trittin gar nicht bei Stefan Raab saß. An seiner Stelle war Katrin Göring-Eckardt da. (Die brisante Frage, ob sie dafür sein Ticket benutzten konnte und die gleiche Maschine nahm, könnten viellicht die Investigativprofis vom „Stern“ recherchieren. Wenn sie aus der Zukunft zurück sind.)

Die Realität fühlt sich nicht an das „Vorabprotokoll“ des „Stern“ gebunden. Ich halte das für eine gute Nachricht.

Die spannende Reportage endet übrigens am Sonntagabend:

17.59 Uhr, Berlin-Mitte, Wilhelmstraße.

Jörg Schönenborn wischt jetzt auf seinem Touchscreen zwei Grafiken ins Bild. Er hat die Digitaluhr im Blick, auf der die letzten Sekunden bis 18 Uhr leuchten. Schönenborn holt noch mal Luft und beginnt: „Jetzt in der Prognose von infratest dimap für die ARD: CDU/CSU …“

22 Gedanken
  1. 1
    Michi says:

    Och neee! Im spannendsten Moment ist Schluss :( Dann muss ich mich um 18 Uhr wohl doch vor den Fernseher setzen.

    Schön auch der „leicht“ unterschiedliche Spin bei Merkel und Trittin. Die eine wird schonmal gefeiert oder dies zumindest suggeriert, auf den anderen drischt man nochmal ein. Neutralität at its best… (nein, ich bin kein Grünen-Wähler)

  2. 2
    Thomas K. says:

    Die Fahrgeschäfte der Haaner Kirmes sind ja über die Website der Kirmes sichtbar. Und so viele verschiedene, mögliche Fußwege gibt’s da übrigens nicht, größenbedingt. Ist halt Haan. Da konnte der „stern“ nur Recht haben…

  3. 3
    Dani says:

    Das Ganze ist nicht nur unseriös, sondern auch furchtbar langweilig. Eine Reihe von Null-Informationen für den Leser – wer liest das? Man ist danach nicht besser informiert als vorher, da alles erlogen, und man hatte noch nicht einmal Spaß an der Sache. Da hätten sie auch die Gebrachtsanweisung zu einer Bratpfanne abdrucken können, vielleicht hätte man da zumindest etwas gelernt.

  4. 4
    CeeEss says:

    Mal losgelöst von dem oben besprochenen Stern-Artikel finde ich eine Vermischung von Journalismus und Fiktion tatsächlich oft sehr spannend – Die Beschreibung eines Ereignisses nicht wie es exakt war, sondern wie es sich subjektiv angefühlt hat, journalistischer Impressionismus quasi. Ich erinnere mal an den Gonzo-Journalismus von Hunter S. Thompson oder die Reisereportagen von Christian Kracht. Nichtsdestotrotz ist auch hier das spannende, dass das Beschriebene bereits passiert ist, und also genauso stattgefunden haben KÖNNTE. Eine völlig willkürliche Wahrsagerei hat diesen Reiz m.E. nicht.

  5. 5
    theo says:

    Bei den neuen „Communities of Interest“im Haus Gruner+Jahr wurden offenbar Horoskop-Abteilung und Stern zusammengelegt. Frau Jäkel denkt sicher darüber nach, Glaskugeln und Tarot-Karten ins E-Commerce-Angebot aufzunehmen.

  6. 6
    Carlyle says:

    Nun sind Prognosen an sich ja nichts Neues.
    Und wenn man schon Artikel-Templates für rituelle Vorgänge in der Schublade hat, die lediglich noch einiger Feindaten zur Formvollendung bedürfen, ist der Reiz daran, den ganzen Senf einfach ohne diese verzögernden Details vorab zu veröffentlichen schon greifbar, oder?

    Das Ganze ist ja auch nur konsequent. Denn schließlich wird vom Funk ja schon erwartet, dass seine Nachrichten in journalistischer Sternstundenmanier Verantwortliche nennen, Tathergänge lückenlos runterrasseln und übelst animierte 3D-Rekonstruktionen dazu liefern, sobald die Tickermeldung raus ist („al Qaida, Peter, alles andere wäre zum jetzigen Zeitpunkt reine Spekulation“ …).

    Daher muss jetzt gelten wie nie: Darf sich ein Medium, dessen Aktualitätsversatz durch Produktion und Distribution heute bereits arg ins Hintertreffen gerät, morgen überhaupt noch durch Nichtigkeiten wie Recherche weiter verzögern lassen und sich den Anspruchsluxus weiterhin gönnen? Die unter den verantwortlichen Zeitgenossen vorherrschende Antwort müsste jetzt aber langsam wirklich mal allerorten umrissen sein …

  7. 7
    Sebastian says:

    Da lese ich dann doch lieber Karl May. Oder die Wahlen in Westeros.

  8. 8
    Ste says:

    Ist das jetzt Journalismus im Merkel-Fieber oder eine Art Statement, dass man sich langweilt und Geschichte im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit und im Zuge der Seinsvergessenheit ohne großen Aufhebens vorstellend herstellbar ist?

  9. 9
    SILen(e says:

    @Dani #3

    Der Artikel passt dann doch prima zum Stern.

    Anfang August ein Artikel über Abzocke durch Augenoptiker – voller Nichtigkeiten und Fehler – und Ende August ein Artikel über Abzocke durch Airlines – voller Nichtigkeiten und Fehler.

    Dann nun also ein Artikel über die Wahl – voller Nichtigkeiten und Fehler.

    Zumindest kann man dem Stern nicht vorwerfen, dass er seiner Linie nicht treu bleibt.

  10. 10
    Blunt says:

    „Das ist nun der Gipfel der Anmaßung: Der »Stern« schaut nicht nur in die Zukunft, sondern auch in einen Menschen hinein.“ Damit ist der Stern allerdings nun wahrlich nicht alleine. Wenn ich nur an die Henry-Nannen-Preis-Debatte um das Seehofer-Porträt eines Spiegel-Autors denke: Dort hatte sich der Verfasser nicht allein in den Menschen hineinversetzt, sondern auch an einen Ort, den er persönlich gar nicht kannte. Wenn ich die Stern-Geschichte richtig verstanden habe, ist dieses Hineindenken in Jürgen Trittin wenigstens als spekulatives Element deutlich gekennzeichnet.

  11. 11
    Stefan Niggemeier says:

    @blunt: In welcher Form ist das als Spekulation gekennzeichnet?

  12. 12
    Blunt says:

    Wenn mir gesagt wird, dass man mir jetzt mal die Ereignisse der kommenden zwei Tage erklärt, tritt bei mir grundsätzlich die Erwartungshaltung einer einzigen großen Spekulation ein. In Bezug auf Trittins Innenleben hätte ich diese Haltung sogar auch ohne den Science-Fiction-Aspekt: Aussagen wie „Politiker xy fühlt sich nicht wohl in seiner Haut“ kommen durchaus öfter vor (besonders oft finde ich sie im Spiegel), und als mitdenkender Leser sollte einem schon klar sein, dass so was nicht auf beweiskräftigen Erkenntnissen beruht, sondern eher auf ziemlich gewagten Hypothesen. Ob das immer so seriös ist, darüber lässt sich sicher streiten – ich bin mir selbst nicht so ganz sicher. Ich halte es halt nur nicht für so sehr ungewöhnlich.

  13. 13
    Ste says:

    @12: Hä? Antwort also: Gar nicht.

  14. 14
    Karl-Otto Saur says:

    Ich bezweifele, ob der Stern mit seinem Beitrag einen Henri-Nannen-Preis gewinnen wird. Selbst den Till-Eugenspiegel-Preis wird er verfehlen. Aber so etwas Sauertöpfisches und Griesgrämiges wie den Beitrag von Stefan Niggemeier, das muss man sich erst mal hart verdienen.

  15. 15
    Lukas says:

    Auch beim Schluss war die Kristallkugel kaputt: Jörg Schönenborn hat die Ergebnisse von CDU und CSU (verwirrenderweise) einzeln vorgetragen.

  16. 16
    Blunt says:

    @13: Korrekt. Für einen Leser wie Sie, der Science-Fiction für Wahrheit hält: Gar nicht.
    Aber ich verrate Ihnen mal ein Geheimnis: Die beim Stern konnten gar nicht wissen, ob das in den nächsten zwei Tagen so passiert – auch nicht, ob sich Jürgen Trittin dann wohl in seiner Haut fühlen wird. Haben sie vorher extra nicht verraten, damit wir drauf reinfallen.

  17. 17
    Frank says:

    Früher konnten die inspirativen Stern-Journalisten noch viel weiter in die Zukunft schauen.
    Ich erinnere mich an einen Artikel aus der Zeit um die Jahreswende 1989/90. Darin wurde darüber fabuliert, wie im Jahr 2000 ein Bundeskanzler Oskar Lafontaine und DDR-Ministerpräsident Hans Modrow an Bord eines über Berlin kreisenden Flugzeugs eine deutsch-deutsche Konföderation besiegeln würden, während unter ihnen die letzten Reste der Berliner Mauer geschliffen worden wären.

  18. 18
    Susanne says:

    Die Frage bei derartigem Journalismus ist doch nicht, was ein intelligenter Leser vielleicht schon noch kapiert oder sich selbst zusammenreimen kann, sondern ob es Journalismus in dieser Form braucht bzw. geben sollte. Ich denke, Journalisten jeglicher Medien sollten uns nach gründlicher Recherche möglichst objektiv über das Weltgeschehen informieren. Dass das nicht immer so ganz gelingt, ist vermutlich normal. Aber sollte man dieses Ziel gleich von vorn herein außer Kraft setzen?

  19. 19
    Ste says:

    @Blunt: Sie müssen nicht gleich unverschämt werden. Ich stelle nur fest, dass Sie die Frage von Niggemeier, wie und wo der Stern den Artikel als Spekulation „kennzeichnet“ nicht beantworten können, weil die „Kennzeichnung“ nicht existiert.

  20. 20
    Blunt says:

    @Ste: „Sie müssen nicht gleich unverschämt werden.“ Na ja: „Hä?“

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