Die Kapitulation der Eurovision

Das Schlechte an der Demokratie ist, dass die Leute, wenn sie wählen können, was sie wollen, einfach wählen, was sie wollen. Dieses Jahr beim Eurovision Song Contest zum Beispiel haben ganz viele Leute aus dem Osten Europas einfach für den russischen Teilnehmer gestimmt, womöglich weil der in ihrer Heimat ein Star ist und ihnen sein Stil gefällt, obwohl sie doch wussten, dass die Länder im Westen das nicht gut finden. Und die Länder im Westen zahlen schließlich für die Veranstaltung, waren zuerst da und wissen ja wohl besser, wie man Demokratie macht.

Die Eurovision schafft die Demokratie deshalb jetzt wieder ab.

Sie hat tatsächlich die Wiedereinführung der Jurys beim Grand-Prix beschlossen. Die Zuschauer dürfen weiterhin abstimmen; ihr Votum wird soll aber voraussichtlich nur noch 50 bis 70 Prozent zählen.

Auf diesem Weg soll das angebliche Punkte-Zuschustern unter Nachbarländern eingeschränkt werden. Und Länder wie die Türkei sollen nicht mehr so stark davon profitieren können, dass in Ländern wie Deutschland viele Türken leben, die „ihren“ Beitrag unterstützen können.

Es ist eine Bankrotterklärung. Schon theoretisch: Kleine, anonyme Gruppen von Menschen sollen gegen die Unterstellung von Mauscheleien helfen? Aber auch praktisch: Ein lebendes Mahnmal gegen die Macht von Jurys ist Charlotte Perrelli, die 87-jährige Sängerin, die nach einer verunglückten Schönheitsoperation in diesem Jahr noch einmal für Schweden antreten durfte. Schon den schwedischen Vorentscheid gewann sie aufgrund des Votums der dortigen Jury — gegen die Mehrheitswahl des Publikums. Und auch ins Finale in Belgrad kam sie nur, weil die Jurys (die als Backup im Fall technischer Probleme mit der Telefonabstimmung bereitstehen) bereits in diesem Jahr wieder einen Fuß in der Tür hatten und einen Kandidaten bestimmen durften, der ihnen im Gegensatz zum europäischen Publikum gefallen hatte. Im Finale, ohne die Möglichkeit einer Unterstützung durch Juroren, fiel sie dann verdient durch.

Zur Erinnerung: Dies war Beitrag von Charlotte Perelli.

Schon im ersten Jahr des Grand-Prix sorgten die Jurys für einen Skandal, als sich herausstellte, dass Luxemburg aus Kostengründen auf eine eigene Jury verzichtet und zwei Schweizer hatte wählen lassen. (Die Schweiz gewann.)

Bestenfalls ändern die Jurys gar nichts am Ergebnis. Jan Feddersen berichtete im Grand-Prix-Blog des NDR, dass nach Angaben der Veranstalter 2007 die Wertungen der Jury weder am ersten noch am letzten Platz etwas geändert hätten. Roger Cicero allerdings wäre Sechster geworden, nicht Neunzehnter. Feddersen schrieb:

Unbedingt plädiere ich dafür, dass das Televotingsystem beibehalten wird. Dass die Experten auch nur eine Stimme unter Millionen anderen haben. Musik ist subjektiv, und Experten sollen nicht mehr zu sagen haben als das Publikum, das ja immerhin einen Song zu Popularität trägt oder ins Vergessen stürzt. Ciceros sechster Platz wäre ein kleiner Erfolg ohne Wert gewesen. Lieber ein 19. Rang – aber den mit bestem Gewissen errungen als ein 6. Platz, dem immer der Geschmack der Hintergrundmauschelei anhaften würde.

Der aktuelle deutsche Grand-Prix-Verantwortliche Ralf Quibeldey, Unterhaltungschef beim NDR-Fernsehen, nennt die Kapitulation einen „geeigneten Schritt, um das Abstimmungssystem gerechter zu machen. Denn die Jury wird nicht nach landsmannschaftlichen Aspekten urteilen, sondern das Augenmerk nur auf die Qualität der Musik richten — und kann sich die Titel im Unterschied zum Publikum auch mehrfach anhören.“ Aha: Die Jury wird also nicht nach landsmannschaftlichen Aspekten urteilen. Woher weiß er das? Und, vor allem: Wollen wir das? Ist nicht Teil des Reizes dieser Veranstaltung, dass ihr Verlauf Ausdruck des jeweiligen Geschmacks der verschiedenen teilnehmenden Völker ist — und sei er noch so erratisch?

Stefan Raab hat bei seinem Grand-Prix-Auftritt 2000 vor allem Punkte aus den Nachbarländern bekommen. Vermutlich, weil er dort bekannt war und die Menschen in diesen Ländern seinen Humor verstanden. Das sind „landsmannschaftliche Aspekte“. Und die Kombination vieler verschiedener „landsmannschaftlicher Aspekte“, die am Ende immer wieder zu überraschenden, selten vorhersagbaren Ergebnissen führt wie dem, dass plötzlich der halbe Kontinent für zwei Opas aus Dänemark, amerikanischen Funk aus Estland, Maskenrock aus Finnland, Plastik-Pop aus Griechenland oder Ethnotanzgetöse aus der Ukraine stimmt, ist es, die den Reiz des Eurovision Song Contest in den vergangenen Jahren ausgemacht hat.

90 Replies to “Die Kapitulation der Eurovision”

  1. au weia. dann soll das telefonvoting gleich ganz weg, und nur noch juryentscheidungen. und dann werden die juroren von den russischen ölmilliardären gekauft und wählen alle nur noch russisch. und dann ist vielleicht was los, huiuiui…;)

    aber stefan, du und ich, wir könnten uns doch für die jury bewerben?

  2. Gewichtete Kombination von Jury-Abstimmung und Televoting? Ich freu mich, dass die Regeln noch ein bisschen komplizierter werden. Könnte man nicht die bewährten Nase-vorn-Elemente Applausometer und Kirmespferderennen integrieren?

  3. ich glaube bei frau perelli ist dir ein fehler unterlaufen. nicht SIE ist 87 jahre alt, sondern ihr lied! sie selbst scheint sich ein alter mit kader loth zu teilen…

  4. Dieser Wettbwerb ist doch ebenso überflüssig wie witzig, wenn wir wir gewinnen, sind wir glücklich, wenn wir verlieren, liegts am rumschachern, oder jetzt halt an der Jury.

  5. @Alexander: Ja ja ja, ich weiß – aber einmal abgeschickt steht der Fehler da und beschämt den Absender ;o) (Förresten, kanske hon är en han…)

    @Stefan: Jetzt sag schon wie du das meinst ;o)

  6. Dann kann man die Veranstaltung auch direkt schliessen und Abschaffen. Erfolg von Musik wird doch in Verkaufszahlen oder aber Menge der Stimmen gemessen. Wie sonst ? Weil irgendeine Jury es gut findet ? Toll. Dann kann man es auch lassen. Denke, das dies nicht die Einschaltquoten fördern wird.

  7. Ich erinner mich noch, wie die ganzen Länder, die damals gegen das Televoting noch nicht eingeführt haben, und die Jury-Resultate vorgelesen haben vom Publikum beherzt ausgepfiffen wurden – da wirkt dieser Schritt zurück doch eher absurd.

  8. Es gab da beim ESC doch diesen Effekt, dass sich osteuropäische (oft slawische) Länder die Gummipunkte zugeschanzt haben.
    Und am Schluss hat dann ein Lied, das sich für mich oft wie „Ugga-Ugga“ angehört hat, gewonnen.
    Aber – richtig! – so funktioniert die Demokratie.

  9. „ist es, die den Reiz des Eurovision Song Contest in den vergangenen Jahren ausgemacht hat.“

    Von irgendeinem Reiz habe ich bei dieser stinklangweiligen Veranstaltung noch nichts mit bekommen ;)

  10. Mit der 87 muss es sich um einen Tippfehler halten.
    Auch ich erstaunt, wozu die platische Chirurgie fähig ist, bis ich mal auf wikipedia nachschaute. Dort is der 7 Oktober 1974 als Geburtsdatum angegeben. Die müsste erst 33 sein ;)

  11. BILD Zeitung:
    „Ost-Mafia schustert sich weiter Punkte zu und BILD entlarvt Jury nach Kroaten-Mafia-Wetten als Schwindler – Rumänien 1; Deutschland 26“

    es bleibt alles beim alten ;)

  12. Endlich wird die Entscheidung nicht mehr allein dem Pöblikum überlassen! Ich scheine hier mit meiner Meinung allein auf weitem Felde zu sein, aber darauf pelle ich mir jetzt mal ein Ei: Es ist vollkommen richtig, wieder eine Jury mit einzubeziehen in diesen Wettbewerb. Es geht mir dabei nicht nur um die Hoffnung, dass tatsächlich wieder mehr musikalische Qualität Einzug hält (ob es so sein wird, das weiß ich nicht) – sondern auch darum, diesem elendigen Trend, aus dem Eurovision Song Contest eine Mischung aus Casting- und Call-In-Show zu machen, endlich entgegenzuwirken.
    Mir ist lieber, eine 87-jährige erfahrene Frau gibt ihre Stimme ab als ein 16-jähriges Knäckebrothirn mit Tokio-Hotel-Klingelton!

  13. Eurovison hat nichts mit Demokratie zu tun, sondern mit Unterhaltung. Und das heißt nicht, daß der Bessere gewinnt, sondern daß es spannend bleiben soll, dadurch daß keiner weiß wer gewinnt.

    Sport wäre doch auch langweilig, wenn der bessere vorher als Sieger feststünde.

  14. bis auf wenige Ausnahmen sind die meisten der Teilnehmer sowieso Pop-Kanonenfutter, von irgendwelchen windigen Produzenten aus dem Boden gestampft. Halbwertzeit höchstens bis zur nächsten Casting-Show.

    Ob die armen Schweine durch Votum oder Jury-Entscheid in eine mehr oder weniger sinnvolle Reihenfolge gebracht werden, spielt da nicht wirklich eine Rolle, würde ich sagen.

    Wozu es jedoch führen könnte, wäre, dass die Show deutlich kürzer wird, und das wäre ein nicht zu unterschätzender Vorteil….^^

    Wird ja schliesslich alles von unseren Gebühren finanziert.

  15. @37 Stefan
    Steht doch oben. Die Leute haben „einfach für den russischen Teilnehmer gestimmt“. So richtig spannend ist das nicht.

  16. @Der Demokrat: Stimmt, und Russland hat ja schon zum x-ten Mal gewonnen.

    (x = 1)

    @B.Schuss: Wieso wird die Show kürzer, wenn Jurys abstimmen und nicht die Zuschauer?

  17. Jury, cool. Bei uns müssen da unbedingt der D!, der Dieter, die Nina Hagen und Harald Schmidt rein. Ansonsten: Naja, wahrscheinlich haben die „zahlenden“ Länder (die Gesetzten, die nicht durch die Quali müssen) gedroht, dass sies nicht mehr übertragen. Wird ja eh von Jahr zu Jahr langweiliger. Und letztlich geht es ja eigentlich doch nur ums Geld ;)

  18. D! und Dieter in einer Jury? Cool, die nehmen sich doch gegenseitig auseinander… Bin ja nicht der Fan von Grandprix und Casting-Mist, aber das würd ich mir dann doch anschauen.

  19. @Stefan: naja, ich hoffe, weil das nervige Schalten in die jeweiligen Länder mit lustigen Sprüchen und Komplimenten für die tolle Show wegfällt. Es gibt eine Jury, die in der Halle sitzt. Die bestimmt am Ende den Sieger, fertig.
    Die entscheidende Frage dabei ist natürlich, wie die Jury zusammen gesetzt sein wird, und wie der Abstimmungsmodus sein soll.

    Ok, wenn ich es mir recht überlege , finden die Jungs von der Eurovision mit Sicherheit eine Möglichkeit, den Abstimmungsprozess noch komplexer und langwieriger zu machen, als er jetzt schon ist.
    Vielleicht ist meine Hoffnung, dass unsere Gebühren, wenn nicht für eine bessere, so doch zumindest für eine kürzere Show verbrannt werden, doch eher sinnlos, hast ja Recht..^^

  20. Ich finde die Einführung einer Jury nur konsequent. Ich kam mir als deutscher Zuschauer und Televoter doch jedes Jahr verarscht vor – jedes Jahr kriegt die Türkei von uns 12 Punkte. Da kann die Türkei auch ’ne anatolische Ziege auf die Bühne stellen, die 3 Minuten Mäh-Laute von sich gibt — und Deutschland gibt auch dafür „douze points“. Da ist es vollkommen richtig, wenn die Beurteilung einer nationalen Jury auch berücksichtigt wird (z.B. zu 50%). Findet die Jury das türkische Lied auch super, gibt es dafür weiterhin 12 Punkte. Mag die Jury das Lied aber z.B. gar nicht (0 Punkte von der Jury, 12 Punkte nach Televoting), ergäbe das bei einer 50:50-Berücksichtigung eine Gesamtpunktezahl aus Deutschland von 6 Punkten für die Türkei. Wäre doch auch okay.

  21. @Matze: Du meinst „jedes Jahr“ im üblichen Sinne von „nicht jedes Jahr“, oder? In diesem Jahr zum Beispiel hat die Türkei „von uns“ keine 12 Punkte bekommen.

    Und käme in die deutsche Jury auch ein türkischer Vertreter, weil Türken einen so großen Teil der Bevölkerung in Deutschland ausmachen? Oder meinst Du „nationale Jury“ so, wie es klingt?

  22. Hat das Pirelli echt nur wegen der Jury gewonnen? Mir kam das so vor als hätte das Pubklikum auch fuer die gestimmt…Könnte da aber auch alkoholbedingt falsch liegen.

  23. Die Behauptung, die Pirelli habe in Schweden gegen das Zuschauer-Voting gewonnen, ist nicht belegbar. Tatsächlich war es so, dass — auch nach (!) Bekanntgabe der Jurywertung — die Zuschauer weiter anrufen konnten. Da die Juries sich klar für Charlotte ausgesprochen hatten (sie führte nach der Jury-Wertung), kann es auch sein, dass dann die Zuschauer vermehrt für Sanna Nielsen angerufen haben. Als dann die Wertung des Televoting kam, lag dort Sanna vorn, Charlotte bekam die zweithöchste Televoting-Wertung. Womöglich hätte Charlotte aber auch das Televoting gewonnen, wenn man nicht noch nach Veröffentlichung der Jurywertung hätte anrufen dürfen.

  24. Also, diesen Schritt kann man doch nicht ernsthaft loben?!
    In den letzten Jahren haben nur Acts gewonnen, die die Stimmen aus GANZ Europa bekommen haben und das war richtig so. Wer muss sich denn wundern, dass wir stets auf den hinteren Rängen landen, wenn wir immer so einen Müll dahin schicken. Und wenn man schon Müll nimmt, warum waren die Deutschen zu doof Scooter oder Thomas Anders da hinzuschicken? Die hatten sich ja dem Vorentscheid gestellt und sind vor allem in Osteuropa sehr bekannt und beliebt. Gleiches gilt natürlich für Rammstein, obwohl die sich für den Mist sicher zu schade sind.
    Für mich ist die Jury jedenfalls ein gewaltiger Rückschritt.

  25. Die Idee einer Jury ist schon ganz gut, und die Idee sie mit Anrufern zu koppeln ist blendend!

    Nur im Detail gibt es Korrekturbedarf.

    Statt im Fernsehen findet der Wettbewerb einfach im Telefon statt – man ruft die Jury an, und diese muß etwas singen.
    Und jedes Land ruft die eigene Jury an – nur Deutschland nicht, wir rufen die türkische Jury an.

    So könnte man’s ungefähr machen.

  26. Klingt ganz, als wär’s mal wieder Zeit für eine Exzellenzinitiative…

    Ich möchte allerdings auf die hochtoupierten Abstimmergebnisvorleserinnen nicht verzichten, die ein ganzes Jahr darauf investiert haben, „thank you for a fantastic evening. you look gorgeous.“ in der Sprache der Gastgeber zu lernen. Denn auf die freue ich mich. Das ganze Jahr über.

    Witzig wäre es auch — wie beim olympischen Turnen — nur die nicht beteiligten Länder abstimmen zu lassen. Damit das nicht zu schnell geht, könnte man ja noch die Australier mit ins Boot holen.

  27. Ob Stefan Raab’s Erfolg das richtige Beispiel an der Stelle, wage ich zu Bezweifeln. Immerhin hatte seinerzeit 1Live und Konsorten Grand Prix-Party im deutsch-holländischen Grenzgebiet veranstaltet inklusive gemeinsames Voten übers holländisches Mobilnetz. Mittlerweile sind ausländische Handy vom jeweiligen Landesvoting ausgeschlossen. Ob vor diesem Hintergrund Raab wirklich noch mal Fünfter würde, wage ich zu bezweifeln.

    Ich glaube einfach, daß der Eurovision Song Contest zu groß geworden ist. Jedes Jahr buhlen fast 50 Länder um den Titel. Und das da sich immer jemand ungerecht behandelt fühlt, liegt auf der Hand. Die große Zeit des Eurovision Song Contest ist vorbei…

  28. Der ganze Songcontest basiert doch auf dem Irrtum, dass man Musik gemäß ihrer Qualität in eine Reihenfolge bringen kann, so dass am Ende des „Sortiervorgangs“ der beste Song ganz vorne steht und der schlechteste ganz hinten.
    Das funktioniert aber in etwa so gut, wie Socken nach dem Alphabet zu sortieren.
    Darum schlage ich vor, die Sieger mit einer klar nachvollziehbaren Methode zu ermitteln. Entweder der lauteste Song gewinnt, oder der mit den meisten BPM. Alternativ kann auch der gewinnen, der beim Gig die meisten Gitarren kaputt schlägt, oder alle Sänger werden am Ende in einen Royal Rumble geschickt und wer übrig bleibt gewinnt.

  29. Deutschland, 1944: Im ganzen Land machen sich Unmut und Enttäuschung breit. Auch der kriegsversehrte Heimkehrer Siegfried K. weiß davon zu berichten. „Unsere Jungs da draußen geben wirklich ihr Bestes,“ so der Veteran, „da hab ich mich selber von überzeugen können. Aber was soll man tun, wenn dieser Ostblock-Haufen so untereinander rummauschelt und sich gegen uns verbündet? Da behaupten die einfach, deren Kultur würde ihnen besser gefallen als unsere. Von wegen, die haben doch gar keine!“
    Ja, derzeit bläst der bittere Wind der Undankbarkeit von Osten her übers Land. Vergessen scheint, dass es allein Deutschland zu verdanken ist, dass dieser Krieg überhaupt stattfinden konnte. Und ohne unsere Propagandaarbeit wäre er auch sicher nicht über so viele Jahre hinweg das Thema Nummer 1 weltweit gewesen.
    Als Reaktion auf die jüngsten Ereignisse hat sich der Führer in seinen Bunker zurückgezogen, um dort das weitere Vorgehen zu planen. Minister Goebbels konnte auch bereits erste Ergebnisse vorlegen. „Momentan erwägen wir die Einführung eines Komitees für arische Expansion,“ verkündete er auf der gestrigen Pressekonferenz. „Diese Expertenrunde wird andere Länder aktiv dabei unterstützen eine angemessene Reaktion auf eine Kriegserklärung zu wählen, etwa nach dem bewährten österreichischen System. Damit hoffen wir, das Aufkommen von entarteten Meinungen effektiv minimieren zu können. Wie ich ja immer wieder gerne betone wissen wir eben am besten, was richtig ist. Und wer das nicht glaubt, ist doof. Ich kann allen uneinsichtigen Nationen nur ans Herz legen endlich ihren Egoismus zu überwinden. Immerhin geht es hier um wichtigeres – es geht um Deutschland!“

  30. Also ich vermisse schon die alten Songcontest-Zeiten. Als Interpreten noch in ihrer Landessprache singen mussten und sich die Länderjurys mehr nach Sympathie fürs jeweilige Land als nach der Qualität der Vertreter die Punkte vergaben.

    So bekam Deutschland von Österreich schon traditionell 0 Punkte und umgekehrt.

    Ich begrüße die neue Regelung, jetzt muss nur noch die Pflicht zur Verwendung der Landessprache wieder eingeführt werden.

    Vorwärts zurück!

  31. Als großer ESC-Fan verfolge ich die Diskussionen schon lange und habe das Voting immer verteidigt. Dieser Beitrag „Die Kapitulation der Eurovision“ könnte praktisch von mir sein. Meine Meinung hat sich allerdings seit dem letzten ESC geändert. Russland war möglicherweise der erste unverdiente Sieger, seit ich den ESC verfolge. Blockvoting existiert; während westeuropäische Länder ihre Punkte ausgewogen vergeben, verteilen osteuropäische Länder die Punkte deutlich praktisch nur unter sich auf. Statistische Konsequenz: bei einem engen Feld setzt sich der kleinste gemeinsame Nenner von Blockstaaten um so leichter durch (anders, wenn es 1-2 klare Favoriten gibt, wie damals Lordi/Finnland) – und genau das ist 2008 passiert. Wie sich in den Ergebnissen zeigte, gab es 4 aussichtsreiche fast gleichwertige Favoriten: Russland, Ukraine, Armenien und Griechenland. Der Sowjet-Block umfasst 10 Länder (inkl. Baltikum). Während im ersten Halbfinale bei nur 3 von 9 abstimmberechtigten Sowjet-Ländern Russland hinter Griechenland und Armenien nur auf den 3. Rang kam, schaffte Russland im Finale einen klaren Sieg, nachdem alle 9 Blockstaaten abstimmten. Nach westlichen Stimmen hätte Russland hinter Griechenland, Armenien, Norwegen, Ukraine nur den 5. Platz belegt. Nur durch die osteuropäischen Stimmen (und hier eindeutig durch Sowjet-Länder), die überproportional an Russland gingen, konnte es sich so klar durchsetzen. Osteuropa hat den Sieger bestimmt, und dies klar entgegen dem Voting von Westeuropa (am wohlwollendsten waren hier nur Malta, Zypern, Deutschland und mit max. 8 bzw. 7 Punkten.

    Meine Lösung des Problems sind aber nicht Jurys, sondern zusammenfassende Votings bestimmter Länder bzw. Blöcke.

  32. @Global Equity Sie wollen also sagen, dass de russische Beitrag in Osteuropa überdurchschnittlich viele, und in Westeuropa unterdurchschnittlich viele Stimmen bekam. Eine tolle Erkenntnis, Glückwunsch! Wer ist dann im Besitz der Wahrheit, der Osten oder der Westen?
    Und wie wollen Sie die „Blöcke“ schneiden? Wo endet der „Ostblock“? Rumänien?
    Sorry, aber selten sowiel Schw***nn auf einem Haufen gelesen.

  33. #62
    Ignoranz hilft nicht weiter. Lesen Sie sich meinen Beitrag in Ruhe durch und denken Sie erst nach, bevor Sie sich äußern.

    Osteuropäische Songs schneiden nicht jährlich besser ab, weil die Songs besser werden, sondern weil immer Oststaaten teilnehmen, die nachweisbar Punkte grundsätzlich innerhalb ihres Blocks verteilen (das waren dieses Mal über 80% oder ähnlich, soweit ich mich erinnere). Das verfälscht dann das Endergebnis, wenn es mehrere Favoriten gibt. Es setzt sich der kleinste gemeinsame Nenner von Blockstaaten durch.

  34. @61/63
    Ist es nicht sowieso klar, dass einige (bzw. im Endeffekt alle) der Teilnehmerländer den Sieger bestimmen??
    Wenn nur die Wessis gewählt hätten wäre Russland auf Platz 5, okay. Aber was für einen Wert hat das Ergebnis??
    Wenn nur Deutschland wählen dürfte wären wir auf dem letzten Platz (weil wir nicht für uns selber stimmen dürfen).
    Die ganzen Aktionen jetzt sehen aus wie: Wir ändern einfach so lange die Regeln, bis die richtigen gewinnen.
    Dabei ist die Musik beim ESC ohnehin so schlecht, dass man einfach nach anderen Kriterien, wie z.B. Sympathie, wählen muss. Westeuropa hat das nur noch nicht begriffen.

    Musikwettbewerbe sind in meinen Augen eh ein Unding, weil am Ende von jedem was ins Rennen geschickt wird, dass am besten Massentauglich ist. In anderen Worten: Öde, langweilig, monoton und für die Einheitsbrei-Tonne.
    Gerade ein ESC, an dem viele Länder teilnehmen in denen wahrhaftig eine breit gefächerte Vielfalt an musikalischen Elementen vorhanden ist, sollte diese Diversität fördern und nicht durch ein kindisches „Einer muss der Beste sein“ zu so einer Art Farce verkommen lassen.

    So wie der ESC jetzt ist, ist er ein Lustspiel an dem sich der Boulevard die Finger schön wund schreiben kann und der Bodensatz des musikalischen Allgemeinverstandes lästert allen anderen die Ohren voll.
    Man muss kein Musikprofessor sein um zu erkennen, dass man in einem überregionalen „Europa sucht den Superstar“ nur eine Gebärmaschine für Skandälchen hat und in sachen Musik nichts finden kann was erwähnenswert wäre.

    Mein Vorschlag: Komplett abreißen und zurück ans Reißbrett.

  35. Unabhängig vom eigentlichen Sinn des ESC ist eine Diskussion über eine wie auch immer geartete Gerechtigkeit unter den einzelnen Wertungen – ob nun mit oder ohne Jury – vollkommen überflüssig. Das Bewertungssystem des ESC kann per Definition nicht fair oder gerecht sein und der ESC ist von seiner Ausführung her überaupt nicht in der Lage den besten oder schlechtesten Künstler Europas zu bestimmen. Um dies zu gewährleisten muss doch sichergestellt sein, daß ausnahmslos jede Stimme das gleiche Gewicht hat – und das hat sie nicht.

    Deswegen ist auch eine statistische Betrachtung darüber wer wem wann wieviel Stimmen vermacht hat vollkommen unsinnig. Ob es nun eine Jury gibt oder nicht wird an dieser ungleichmäßigen Stimmengewichtung und damit am Endergebniss nicht viel ändern.

    Wenn es der Eurovision im ESC wirklich darum ginge den besten zu ermitteln würde sie – ganz im Sinne einer globalisierten Welt – das nationale Voting komplett abschaffen und nur ein zentrales europäisches Voting einführen. Und auch wenn nun die gekränkten Kleinstaaten aufjaulen – wenn ein bosnisches, lettisches oder gar dänisches Lied nicht in der Lage ist die Mehrheit der Europäer zu begeistern kann es eben nicht das Beste sein. Und wenn ein armenisches Lied mehr Europäer vom Hocker reisst als ein deutsches so ist das eben so und zu akzeptieren. Das jedoch 12 Punkte aus Malta den gleichen Stellenwert wie 12 Punkte aus der Türkei haben ist Unsinn hoch drei – ob nun mit oder ohne Jury.

    Und wenn jetzt gleich kommt: „Aber dann haben die kleinen Länder doch garkeine Möglichkeit mehr zu gewinnen.“ – das ist nicht wahr. Die „Kleinen“ wären dann aber vielleicht gezwungen gemeinsame Kandidaten in Rennen zu schicken und könnten sich nicht mehr in ihren Nationalismen suhlen. Zudem würde der ESC dann auch wieder in ein Abendtaugliches Format von 2 Stunden passen was wohl eher der Wertigkeit der Veranstaltung entsprechen würde …

  36. @ B.Schuss – nein, das hat doch mit den Schaltungen gar nix zu tun. Die gab es früher doch auch schon. Es handelt sich ja nicht um EINE Jury, die im Veranstaltungssaal sitzt, sondern um Jurys in allen Teilnehmerländern.

  37. Warum setzen wir unsere Teilnahme nicht einfach mal ein oder zwei Jahre aus (und die Zahlungen im Rahmen des ESC ebenfalls).
    Italien hat auch schon seit Jahren keinen Beitrag mehr hin geschickt.

    Die eingesparte Kohle könnte man ja mal in kreative Programminnovationen stecken…

  38. Äähh…bin ich hier etwa der Einzige, dem es völlig egal ist nach welchem System entschieden wird welcher der außnahmslos unterirdisch schlechten Songs, die bei dieser Veranstaltung zur Wahl stehen, zum Sieger gekürt wird? Demokratie ist bei relevanten Themen ja was wirklich schützenswertes aber ob da jetzt Schlagerfutzi A aus Deutschland oder Schlagerfutzi F aus der Ukraine gewinnt interessiert doch nicht die Bohne bzw. ist einfach so belanglos, dass sich mMn jede Diskussion erübrigt.

  39. @61: och nö. Die Russen haben eben auf Erkennungswert gesetzt. Der Lieblingsschwiegersohn, den sie an den Start geschickt haben, exportiert ganz gut ins umliegende Ausland, und der Eiskunstläufer, der um ihn herum scharwenzelte, erst recht. Keine Ahnung, ob die No Angels zu ihren Hoch-Zeiten nicht einen ähnlichen Erfolg verbucht hätten.

    Von einer Jury profitieren maximal Kerner & Co., die mit diesen Herrschaften dann wieder unendlich viel Heißluft in ihre Sendungen pumpen. Und ich teile die hier geäußerte Befürchtung, daß Soost und Bohlen dann ihr ohnehin etwas üppiges Sendeminutenkonto weiter überziehen.

  40. @65: Vorhin wollten Sie noch in Blöcken abstimmen lassen, und nun die Stimmen der Länder nach Bevölkerungszahl wichten? Das halte ich für eine bessere Idee, in der Tat. Das russische Votum hätte dann besonders viel Gewicht.
    „In Nationalismen suhlen“…Ich glaube, jedes Land hat das Recht, seine eigene Kultur einzubringen,und solange das in diesem Wettbewerb geschieht, sollte man derartige Wortwahl doch wohl unterlassen. „Ein Lied kann eine Brücke sein“, wie wärs denn mal damit? Oder doch eher Tücke? Mücke, der zum Elefanten wird, den Eindruck bekomme ich langsam.

  41. Könnte man bei dieser „Diskussion“ nicht wenigstens mal eingestehen, dass es weder um musikalische Qualität, noch um vermeintlich ausgewogenes Abstimmen noch um sonstwas geht?

    Sondern rein um plumpen Nationalismus. Deutschen zumindest.

    Hätten jedenfalls bei den letzten Malen die No Angels oder Roscheee Zitzero gewonnen, wäre das Geschrei mit Sicherheit nicht ganz so groß. Egal, wer da wem Punkte oder wie oder was.

    Der Song Contest lebt doch davon, dass man sich so herrlich drüber aufregen kann. Und davon, dass die deutschen Beiträge immer so herrlich bemüht sind. Bemüht lustig, bemüht international, bemüht bombastisch…bemüht eben.

  42. Der Grand Prix ist tot…

    Um direkt mit dem Vorschlaghammer zu beginnen: Ein Televoting ist immer gerecht, weil jeder und jede die gleichen Chancen hat abzustimmen. Ein Juryurteil kann nicht gerecht sein, schon gar nicht, w……

  43. @73: Hmm, ich meine nicht, daß ich irgendwo in Blöcken abstimmen lassen wollte oder Stimmen nach Bevölkerungszahlen gewichtet haben wollte. Haben sie vielleicht etwas gelesen was ich nicht schrieb?

    Und zum „suhlen in Nationalismen“: Klar darf jedes Land seine eigene Kultur einbringen. Aber doch bitte nicht auf Kosten anderer Länder. Ich möchte nun nicht in eine Diskussion über die Kulturelle Identität einzelner Teilnehmer einsteigen, aber wie groß ist den der – rein musikalische – kulturelle Unterschied zwischen den einzelnen Balkanstaaten? Wäre er vergleichbar mit dem kulturellen Unterschied zwischen Nord- und Süddeutschland? Wenn nein, warum nicht und wenn ja, warum dann soviele Teilnehmer aus diesem geographischen Gebiet? Es geht doch um den „Euro“vison Song Contest und nicht um einen Kampf der Musikkulturen, oder?

    Und wenn das russische Votum dann mehr Gewicht hätte (was ich zu bezweifeln wage) dann ist das eben so. Demokratie heisst unter anderem daß die Mehrheit entscheidet, auch dann wenn sie russisch spricht.

  44. @76
    aber wie groß ist den der – rein musikalische – kulturelle Unterschied zwischen den einzelnen Balkanstaaten?

    Mit dem Argument man auch sagen, Chinesen, Japaner, Koreaner sehen doch eh alle gleich aus…

  45. @76, Sorry, da hab ich Sie mit „GlobalEquity“ verwechselt. Meinen Sie denn, wenn wir eine sorbische Trachtengruppe aus Hoyerswerda hinschicken würden, räumten wir ab, weil sie eine osteuropäische Kultur haben? Wieso „auf Kosten anderer Länder?“ Ich kann sehr gut damit leben, wenn ein paar Jahre Osteuropäer gewinnen. Hauptssache die Nussecken und der Prosecco schmeckt. Und vorher Blinis.

  46. @77: Wieso Argument? Das war eine Frage.

    @78: Mir ist es im Prinzip ebenfalls egal, wer gewinnt. Es ist nur jedes Jahr das gleiche, daß einer behauptet, die Abstimmung wäre unfair und dann kommt der nächste und rechnet ihm vor das es doch fair wäre. Und dann kommt auch noch Stefan und redet von Demokratieverständniss. Diese ganz Diskussion ist unsinnig da das Abstimmungsverfahren in seiner jetzigen Form nicht fair (bzw. demokratisch) sein kann. Wenn man es jedoch fair machen wollte – und darauf lief meine Argumentation hinaus – muss jeder Europäer, egal aus welchem Land, das gleiche Stimmgewicht haben.
    Und das „auf Kosten anderer Länder“ ist vielleicht missverständlich forumliert.
    Ob wir mit einer „Sorbischen Trachtengruppe“ mehr Chancen haben wage ich zu bezweifeln. Das jedoch statistisch gesehen das Stimmgewicht Deutschlands nur dadurch steigen würde wenn jedes Bundesland getrennt abstimmt ist doch offensichtlich, oder? Und genau das würde dann auf „Kosten anderer Länder“ wie zB. Frankreich geschehen. Also weg mit dem Abstimmungsmodus oder sich nicht mehr drüber aufregen und vor allen Dingen nicht das ganze mit Demokratie bzw. Fairness verwechseln.

  47. Ich möchte dazu nochmal auf einen Kommentar von mir hinweisen, der die Problematik des Abstimmungsmodus untersucht:

    http://www.stefan-niggemeier.de/blog/die-maer-vom-ostblock-beim-grand-prix-4/#comment-37537

    Im Kern: Der Abstimmungsmodus beteiligt offensichtlich massiv bevölkerungsreiche Länder – auch Russland, übrigens, aber abgesehen von Russland vor allem die großen westeuropäischen Länder Frankreich, Großbritannien, Deutschland.

    Auf die Spitze getrieben: Wenn das Gebiet Deutschlands aus 1000 Ländern bestehen würde, dann könnten Deutsche zu 99% über den Ausgang des Wettbewerbs bestimmen, und die Wahrscheinlichkeit, dass ein deutscher Künstler gewählt würde, läge ähnlich hoch, weil ja fast nur deutsche Künstler zur Auswahl stünden.

    Der Weltuntergang ist das sicher nicht, schließlich ist das ist ein – der Materie nach sowieso immer subjektiver – Gesangswettbewerb, es geht nicht um Stimmgewichte im Europaparlament oder Ähnliches. Aber, Herr Niggemeier, bei dem bisherigen Abstimmungsmodus von „Demokratie“ zu reden, geht offensichtlich meilenweit an der Realität vorbei. Wenn 300.000 Isländer genauso viel Stimmgewicht haben wie 120 Millionen Russen, ist das kaum demokratisch zu nennen. Das ist das eigentliche Problem, nicht das Abstimmungsverhalten der vielen osteuropäischen Winzigländer, die zusammengenommen in einem fairen Abstimmungsmodus auch nicht mehr Gewicht hätten als Frankreich allein.

    Die Alternative, deshalb gleich ganz auf Telefonabstimmungen zu verzichten, ist natürlich _noch_ undemokratischer, aber zumindest wird hier nicht eine Demokratie suggeriert, die es in dem Wettbewerb nie gegeben hat.

  48. Es heisst nicht grundlos „Song“contest.-Ein Komponistenwettstreit. Genauso wie beim Oscar oder in Cannes Fachleute ueber Filme entscheiden, sollte es das auch beim Song (wieder) sein.

    Dass das Publikum oft Show statt Song bewertet, liegt auf der Hand: Oder will jemand ernsthaft behaupten, dass die finnischen Monster einen Siegertitel praestentiert haben? Wohl kaum.

    Herr Niggermeier haette sich zuerst informieren sollen: Frau Pirelli aus Schweden ist keine 87. Und ob sie eine Schoenheits-OP hinter sich hat, ist auch zweifelhaft. Eher war wohl Botox im Spiel.

    Im Uebrigen: Demokratie -das weiss jeder seit Schumpeter- ist lediglich eine Methode zum Erzielen einer Entscheidung. Ob diese fachlich gut ist, steht auf einem ganz anderen Blatt.

  49. @Ron

    Frau Pirelli aus Schweden ist keine 87

    Niggemeier hatte diesen Irrtum bereits in den Kommentaren korrigiert. Sie ist 86.

  50. Die Kapitulation der EBU und die erfolgreichen Erpressungsversuche einiger ihrer ( alten, westlichen ) Mitglieder ist in der Tat ein Skandal ! Zumal sich diese alten Mitglieder ja auch für das Televoting eingesetzt haben und ohne Televoting der ESC das neue Jahrtausend wohl nicht erlebt hätte, denn : die Jurys hatten für jeden Trottel erkennbar abgewirtschaftet und den ESC vor die Wand gefahren. In Deutschland schauten im Schnitt gerade noch 3 Millionen Zuschauer den Contest, die anderen Zuschauer zeigten der EBU den Vogel ob der absurden Entmündigung und Bevormundung seitens einer unbekannten Jury, die offen als korrupt galt. Die Erfolglosigkeit der Siegertitel, die musikalische “ Qualität “ der Contests zu jener Zeit und schließlich sein schlechtes Image sprechen eine deutliche Sprache.

    Wenn jetzt selbst einige Fans diese schlimmen Zeiten zurückwünschen und die Entscheidung bejubeln, also einer kleinen Gruppe fremder Menschen erlauben, für sie voten, für sie Entscheidungen zu treffen, ist dies auch aus demokratietheoretischer Sicht bedenklich. Selbstbewusste mündige Bürger lassen sich nur ungern ihrer demokratischen Rechte berauben.

    Aber die verstandzersetzende Propaganda einiger Medien mit großen Buchstaben und ein angeknackstes “ Nationalgefühl “ zeigen Wirkung. Man hat sich den Mythos von der bösen Ostmafia so lange einreden lassen, bis man ihn wirklich geglaubt hat….und dabei vergessen, die ESC – Beiträge mit pan -europäischen Augen zu sehen. Dass der Westen dann eben in den letzten Jahren meist durch Peinlichkeiten a la Scooch, Gracia, Senor Chiki Chiki oder schief singenden Engeln aufgefallen ist, kann kaum bestritten werden, während der ESC im “ Osten “ oft populär ist und von den größten Stars des Landes als Chance gesehen wird, sich international zu präsentieren : und das eigene Land gleich mit. Der Osten präsentierte sich zunehmendend selbstbewusst, was den Westen schlicht überforderte und irritierte. Wie verächtlich oft im alltäglichen Leben über diese Länder und Menschen geredet wird, ist leider bekannt – und jetzt sollen gerade diese Länder bei einem pan- europäischen Wettbewerb erfolgreicher sein, als “ große Kulturnationen “ ? Das kann natürlich in den Augen gewisser Menschen nicht mit rechten Dingen zugehen ! Da muss doch die Mafia „schummeln “ , da muss doch eine Diaspora dahinterstecken oder zumindest muss der Sieg doch “ erkauft “ worden sein….das lächerlichste aller Argumente by the way. Weil einige Sender oder zum Teil auch Sänger viel Arbeit und Geld in ihre Performance investieren, sollen sie bestrafft werden ? Niemand wird daran gehindert, sich ebenfalls zu bemühen und sich anzustrengen !

    Aber nein, anstatt anderen den Erfolg zu gönnen wird seit Jahren verzweifelt nach Wegen gesucht, wie man denn auch mit Mittelmaß Erfolg haben könnte : und ist bei den Jurys gelandet. Wenn man sich deren Entscheidung im 2. Semi 08 anschaut, durchaus folgerichtig. Zeigt sich doch, dass es hier eben nicht um Musik oder die Performance geht, hier wurde einfach ein Einbruch der Quoten befürchtet, wenn der – für die EBU nicht unwichtige – schwedische Markt einbricht und ein “ Favorit “ der Fans scheitert. Wenn es wirklich darum gehen würde, wie vom NDR behauptet, dass die Jury die Songs unterstützt, die erst nach “ einigem hören “ funktionieren, hätte die Jury sich wohl eher für Zypern oder Ungarn entscheiden müssen, bestimmt aber nicht für Schweden, dessen Beitrag es an vielem mangelte, aber gewiss nicht an der “ Eingängigkeit „.

    Was wütend macht, ist die Tatsache, eine falsche Entwicklung, die schon dieses Jahr begann, nicht aufhalten zu können. Der ESC läuft Gefahr, mit diesem Jury/Televoting Mischmach sowohl im Ost und West an Popularität zu verlieren, weil diese Lösung eben niemanden wirklich zufrieden stellen kann. Als Folge führt die EBU dann im Jahre 2012 eine 100%ige Juryentscheidung ein und begräbt im Jahre 2015 schließlich den ESC….man kann einfach nicht ernsthaft glauben, mit einen Relikt des letzten Jahrhunderts den ESC zukunftstauglich machen zu wollen. Die Zuschauer lassen sich nicht mehr bevormunden, einzig und allein das Televoting hat den ESC für Zuschauer jenseits des Fan – Universums interessant gemacht. Diese Zuschauer sind bei den Fans zwar nicht unbedingt beliebt, weil sie eben keine Charlotte, Carola und Co wählen, aber ohne diese Zuschauer hat der ESC keine Überlebenschance und die EBU ist dabei, eben diese Zuschauer zu vergraulen.

  51. @ESC-Star:

    Aus „demokratietheoretischer Sicht“ finde ich vor allem bedenklich, wenn ein Abstimmungsverfahren, dass willkürlich einigen Menschen ein 272mal höheres Stimmgewicht einräumt als anderen, als „demokratisch“ bezeichnet wird. Es sei denn, man legt den antiken Demokratiebegriff zugrunde, in dem bekanntlich einige Stimmen mehr wert waren als andere.

    Dem neuzeitlichen Demokratieverständnis zufolge, welches selbstverständlich voraussetzt, dass jede Stimme gleich viel zählt, ist das, was da lief, nicht mal ansatzweise demokratisch. Wenn Estland und Lettland eigene Kandidaten ins Rennen schicken durften, warum nicht auch Bayern und Thüringen? Gibt es zwischen Bayern und Thüringen etwa keine kulturellen Unterschiede? Was genau rechtfertigt die Tatsache, dass von 82 Millionen Menschen genau _ein_ Künstler eine Chance erhalten darf, während andererseits 300.000 Isländer ihren eigenen Künstler ins Rennen schicken dürfen? Wenn Island einjen eigenen Kandidaten stellen darf, warum nicht auch Castrop-Rauxel? Oder Freiburg? Oder Hannover?

    Hätte man gegenüber den Künstlern fair sein wollen, dann hätte man ca. 270 Künstler allein aus Deutschland im Wettbewerb zulassen müssen. Oder meinen Sie, dass über die Gesangskarriere eines Künstlers vor allem entscheiden sollte, wie groß das Land ist, aus dem er stammt?

    Oder meinen Sie, dass die osteuropäischen Länder, die im Schnitt im Verhältnis zu ihrer Bevölkerungszahl ca. 12mal überrepräsentiert sind, über zwölfmal mehr fähige Talente pro Quadratmeter verfügen als die großen Länder wie Frankreich, Deutschland, Großbritannien und auch Russland?

    Man kann die Meinung vertreten, dass es bei diesem Wettbewerb um Spannung, Spaß, Überraschung, Unterhaltung gehen sollte, nicht um Gerechtigkeit – und dass der ESC auch, oder vielleicht sogar gerade, mit einem extrem ungerechten und undemokratischen Auszählverfahren für ersteres sorgen könne. Aber eines kann man nicht behaupten: Das, was da bisher lief, habe ansatzweise etwas mit Demokratie zu tun. Wenn die Stimmen von 120 Millionen Russen genauso viel zählen wie die von 300.000 Isländern, ist das nicht demokratisch. Die Russen sind auch kein so homogenes und untalentiertes Volk, dass sie nur Potenzial für _einen_ guten Künstler hätten. Wenn das Demokratie ist, dann können wir bei der nächsten Bundestagswahl ja auch die Stimmen der Bundestagsabgeordneten 50% zählen lassen und die Stimmen der restlichen 82 Millionen Deutschen ebenfalls 50%. (Lachen Sie nicht, es gab politische Systeme im Altertum, die durchaus ähnlich aufgebaut waren!)

    Merke: Nicht überall, wo abgestimmt wird, ist Demokratie drin. Auf den Auszählungsmodus kommt es an.

  52. Merkwürdig, dass hier so viel über das „Blockvoting“ (oder Nachbarschaftsvoting) diskutiert wird.

    Denn: Die Wiedereinführung der Juries ist weniger eine Antwort auf Nachbarschaftsvoting, sondern vielmehr eine Antwort aufs DIASPORA-VOTING. Sprich, die Tatsache, dass Deutschland fast immer 12 Punkte an die Türkei gibt, seit es Televoting gibt. Oder dass ganz überraschenderweise seit dem Televoting die 12 Schweizer Punkte immer nach Serbien oder Bosnien gehen….. warum nur???

    Also: Darum geht’s bei der Wiedereinführung der Juries. Sie sollen das Televoting etwas entzerren, so dass künftig vielleicht die Türkei nur noch 8 Punkte aus Deutschland bekommt. Oder eben 12, wenn auch die Jury das Lied klasse findet.

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