Wie ich Karl den Großen 1175 Jahre nach seinem Tod nochmal ganz klein herausbrachte

Ach, heute war ja Karlstag. Heute vor 1200 Jahren ist Karl der Große gestorben. Und heute vor 25 Jahren ist Karl der Große vor 1175 Jahren gestorben.

Damals war ich Schüler am Gymnasium Carolinum Osnabrück, einer Schule, die glaubt, von Karl dem Großen gegründet worden zu sein, und sich viel darauf einbildet. (Bei der Urkunde vom 19. Dezember 804, die das bezeugt, handelt es sich allerdings blöderweise um eine Fälschung.)

Es war ein furchtbar traditionsreicher Ort, der sich eng und unfrei anfühlte, verstockt, elitär und muffig; ein Ort, der nicht Eigenständigkeit förderte, sondern Anpassung. Es war, andererseits, ein guter Ort, um zu lernen, wie man sich dagegen auflehnt. (Es gab auch ein paar Lehrer, die halfen.)

Zum Karlstag 1989 hatte unsere Theater-Gruppe eine Aktion gemacht. Im „Hexengang“, einer schmalen Gasse, durch die der Weg vom Dom zurück ins Gymnasium führt, hatten sich Schüler Masken aufgesetzt und an die Wände gekettet. Von oben, aus dem Schulgebäude, winkten Olaf und ich, verkleidet als Kaiser und Bischof.

Durch diese Gasse mussten die Honoratioren nach der feierlichen Messe zu Ehren Karls des Großen ziehen. Das kam nicht gut an.

Es half natürlich nicht, dass andere Leute denselben Feiertag zum Anlass genommen hatten, die Karls-Statue im Schulhof mit Farbe zu beschmieren, womit wir nichts zu tun hatten, was uns die Schulleitung aber unterstellte.

Der Schulleiter zitierte zwei andere Mitwirkende und mich am nächsten Tag zu sich ins Büro — sicherheitshalber einzeln, um jedem von uns eine vorformulierte Anklage vorzulesen, die in dem Vorwurf gipfelte, unsere Aktion sei irgendwie „faschistoid“. Es war sehr aufregend und lehrreich.

Die Geschichte ist vor ein paar Jahren wohl schon einmal aufbereitet worden, für den Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten 2010/2011, der das Thema hatte: „Ärgernis, Aufsehen, Empörung: Skandale in der Geschichte“. Hannah Große Höötmann und Rukmane Kadrija befassten sich unter dem Titel „Karl der Große — Schulgründer und Reizfigur?“ mit unserer Aktion. Der Jahresbericht der Schule referierte danach:

Der Protest vom Karlstag 1989 löste viele Debatten und Auseinandersetzungen um die Frage nach der „Schulidentität“ sowie dem Umgang mit Traditionen und Werten an der Schule aus und blieb dabei nicht nur schulintern. Die Reaktionen auf den Schülerprotest fielen sehr unterschiedlich aus und sorgten sowohl zwischen damaliger Schulleitung und Schülerschaft, vor allem des 13. Jahrgangs, als auch innerhalb des Kollegiums für heftige Debatten und Diskussionen. Die Schülerinnen bewerteten die Ergebnisse ihrer Forschungen wie folgt: „Obwohl der Schülerprotest des Karlstages 1989 eine schulweite Beschäftigung mit der Schulidentität nach sich zog, lässt sich nicht sagen, ob er letztlich wirklich zu einer Ver- änderung der Mentalität der Schule führen konnte. Die Identifikation mit Karl als Schul- und Stadtgründer hat zweifellos nachgelassen, außerdem wird eine differenzierte Sicht auf das Leben und Wirken Karls im Unterricht vermittelt. (…) Es ist [festzustellen], dass Schülerinnen und Schüler sich in heutiger Zeit nicht mehr mit diesem Thema aus- einandersetzen, auch, weil die Politisierung der heutigen Schülerschaft unter den heutigen Bedingungen nicht mehr mit der damals zumindest bei einigen Schülern gegebenen vergleichbar ist.“

Heute war also wieder Karlstag. Zoff gab es diesmal keinen; ich weiß auch nicht, wieviel das Carolinum von heute noch mit dem Carolinum von vor 25 Jahren gemein hat. Aber es gibt anlässlich des 1200. Todestages eine kleine Sonderausstellung im Diözesanmuseum neben dem Dom. Und darin findet sich erstaunlicherweise auch unsere kleine Aktion wieder, mit ein paar Fotos und dem Pamphlet, das wir damals verteilt haben, verfasst wohl vor allem von Matthias Pees.

Ich habe das heute nach 25 Jahren zum ersten Mal wieder gelesen und war, zugegeben, ein bisschen stolz, daran beteiligt gewesen zu sein. Und wenn das schon Geschichte ist, die im Museum ausgestellt wird, finde ich, soll sie auch hier ausgestellt sein:

Einige Gedanken zum Karlstag

Am heutigen Karlstag gedenkt das Gymnasium Carolinum dem 1175. Todestag seines Gründers, Karls des Großen. Die Geschichtsschreibung kennt ihn als Missionar mit dem Schwert, der die Menschen entweder bekehrte oder sie umbrachte.

Traditionell wird dieser Karlstag jedes Jahr gefeiert. Überhaupt wird an unserer Schule die Pflege von Traditionen großgeschrieben. Obwohl das Carolinum seit Jahrzehnten eine staatliche Schule ist, besteht noch immer eine bewußt enge Bindung an die katholische Kirche; wohl ein Grund mit für den ausgeprägt konservativen Ruf des Carolinums in der Öffentlichkeit, auf den so mancher auch noch stolz ist.

Aber was hat uns diese Tradition überhaupt noch zu sagen? Verständlich wäre sie doch nur dann, wenn sie zu der Bewältigung aktueller Probleme noch irgendetwas beitragen würde. Dazu wäre jedoch eine kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit Voraussetzung. Am Carolinum wirken die blind übernommenen Traditionen aber bremsend, sie behindern Kreativität und neue Ideen.

Beispielsweise nimmt sich das Carolinum als einzige staatliche Schule in Osnabrück heraus, den Religionsunterricht in der Oberstufe zur Verpflichtung zu machen, da vergleichbare Kurse wie „Werte und Normen“ gar nicht erst angeboten werden. In den Oberstufen-Informationsveranstaltungen wurde den Schülern angedroht: Wer den Religionsunterricht abwählen will, muß die Schule wechseln. In der Mittelstufe wird mit Druck und hohen Auflagen immer noch die Bildung von „Werte-und-Normen“-Kursen verhindert. Am Carolinum gibt es noch konfessionsgetrennte Schulgottesdienste.

Am heutigen Karlstag findet eine katholische Messe zum Gedenken an den Todestag des umstrittenen Schulgründers statt. Noch an keinem 8. Mai, dem Tag der Befreiung vom Faschismus, noch an keinem 1. September anläßlich des Jahrestages des Ausbruchs des 2. Weltkrieges, und noch an keinem 9. November, an dem sich die Reichspogromnacht von 1938 jährt, hat das Gymnasium Carolinum je einen Gedenkgottesdienst gefeiert.

Warum gibt es am Carolinum keine Schüler, die den in der Bundesrepublik sowieso schon diskriminierten Ausländergruppen (wie Türken) angehören? Warum keine Körperbehinderten? Warum kaum Arbeiterkinder? Die Antwort ist klar. Zumeist muß sich die Schulleitung nicht einmal die Mühe machen, unerwünschte Anmeldungen abzulehnen, da diese durch den elitären Ruf, den das Caro in der Öffentlichkeit genießt, bereits von vorne herein abgeschreckt werden.

Das Carolinum ist unserer Meinung nach eine Schule, die mehr als alle anderen zum Konformismus, zur Anpassung an die Normen erzieht. Ein wichtiger Grund dafür ist, daß wir Traditoinen übernehmen, anstatt eine kritische Auseinandersetzung mit Vergangenheit und Gegenwart zu führen. Der Erziehungsgrundsatz lautet zumeist, die Schüler dazu zu bringen, althergebrachte Denk- und Verhaltensformen hinzuehmen, und nicht, eben diese Traditionen und verkorksten Strukturen, in die sich die heutige träge und phantasielose Gesellschaft flüchtet, einmal grundsätzlich zu hinterfragen. Auseinandersetzung und Persönlichkeitsbildung soll nicht stattfinden.

Wir feiern lieber den 1175. Todestag des Heidenschlächters, Karls des Großen. Bis wir untergehen.