Harald Martenstein verwechselt österreichischen Werberat mit den Taliban

Dann bleiben wir doch noch einen Moment bei idiotischen Vergleichen und im Holtzbrinck-Verlag und wechseln nur den Autor.

Harald Martenstein.

Er hat irgendwo aufgeschnappt, dass die linke Mehrheit in der Bezirksverordnetenversammlung Kreuzberg-Friedrichshain wieder Unfassbares vorhat: Diesmal will sie anscheinend sexistische Werbung verbieten. Untersagt werden sollen Plakate, so Martenstein im Kreuzberg-Blog des „Tagesspiegel“,

auf denen die Gleichwertigkeit der Geschlechter infrage gestellt wird, männliches Dominanzgebaren, zum Beispiel im Baumarkt oder beim Kauf eines BMW, nicht kritisch dargestellt wird, auf denen Körper „unangemessen dargestellt“ sind und — obwohl das nicht direkt etwas mit Sexismus zu tun hat — Ausbeutung aller Art nicht kritisch reflektiert wird.

Das sind Vorgaben, die direkt aus Nordkorea stammen könnten, meint Martenstein. Oder von islamistischen Mörderbanden:

Die Formulierung „unangemessene Darstellung von Körpern“ dagegen könnten [die Bezirks-Politiker] aus dem Programm der Taliban übernommen haben.

Wenn Martenstein sich nur einmal die Mühe machen würde, zu recherchieren und sich nicht auf das zu verlassen, was er irgendwo gehört oder gelesen hat oder auch nur gehört oder gelesen zu haben glaubt, dann hätte er auf den Seiten der Bezirksverordnetenversammlung gefunden, woher die Antragssteller die Formulierungen tatsächlich übernommen haben. Die Quelle ist nämlich angegeben. Es handelt sich um den Ethik-Kodex des Österreichischen Werberates.

Träger dieses Gremiums sind so fundamentalistische Organisationen wie der ORF, der Österreichische Verband der Markenartikelindustrie und der Verband Österreichischer Zeitungen. Und vielleicht lohnt es sich, für einen Moment innezuhalten und sich zu fragen, was es bedeutet für die selbstempfundene Normalität und Gesundemenschenverstandhaftigkeit, auf der die Kolumnen des Harald Martenstein beruhen, wenn er ethische Richtlinien des österreichischen Werberates für ein „Programm der Taliban“ hält.

(Keine Sorge, das wird ihn auch künftig nicht zur Reflexion oder auch nur zur Recherche animieren, das würde ja seine Existenzgrundlage bedrohen.)

Der Antrag an das Bezirksamt betrifft unmittelbar auch nur Außenwerbung „auf bezirkseigenen Flächen“. Er zielt aber tatsächlich auf eine weitergehende juristische Einschränkung sexistischer Werbung. Dabei ist meiner Meinung nach heikel, dass er sich ausdrücklich vornimmt, dass sexistische Reklame nicht erst im Nachhinein gerügt wird, sondern schon im Vorfeld unmöglich gemacht werden soll, dass „sexistische, diskriminierende und frauenfeindliche Werbung überhaupt veröffentlicht wird“. Die Grenzen für eine solche Art von Vor-Zensur sind in Deutschland eigentlich aus guten (und historischen) Gründen sehr eng gesteckt.

Der Vergleich mit den Taliban aber zeugt natürlich nur von dem Normalo-Extremismus Martensteins, auch weil die Grünen mit dem Antrag nach eigener Aussage gerade zu einer öffentlichen Diskussion betragen wollen:

Es ist ein schmaler Grat, Sexismus zu definieren, daher wird es immer Streitfälle, immer eine Grauzone geben. Aber: Wir wollen es wenigstens versuchen — und damit auch die Sexismusdebatte insgesamt vorantreiben.

Genau das ist natürlich nicht im Interesse Martensteins.

Deshalb desinformiert er seine Leser und behauptet: „Es sollen auf den Kreuzberger Plakatwänden auch keine Bilder von Hausfrauen mehr erlaubt sein.“ Tatsächlich wollen die Bezirkspolitiker bloß dafür sorgen, dass Frauen in einer größeren Vielfalt dargestellt werden als nur entweder als Hausfrau oder als Supermodell. Diese Stereotypen hätten zur Folge, so die Begründung des Antrages, „dass sich Frauen oftmals selbst nicht außerhalb dieses Rahmens vorstellen können.“

Weil Martenstein sich aber ganz blöd stellt, kommt er auf den nächsten abwegigen Vergleich: Wenn Hausfrauen nicht gezeigt werden sollen, weil Frauen sonst Hausfrauen werden, sei das genau so dumm wie die Forderung von Konservativen, dass man Homosexualität nicht in der Schule zeigen soll, damit die Kinder nicht schwul werden.

Er denkt seinen Irrtum dann komplett zu Ende und fantasiert lustig von einer Prohibition, bei der heterosexuelle Frauen heimlich im Untergrund sauber machen. Jahaha. Er hat nichts verstanden und darauf ein ganzes Geschäfts- und Publikationsmodell aufgebaut.