Diese grandiose neue amerikanische Fernsehserie, über die alle reden, „True Detective“. Was würden Sie schätzen, wie viele Zuschauer die in den USA hatte?

Im Schnitt keine zweieinhalb Millionen pro Folge. Damit wäre sie selbst im viel kleineren Deutschland spätestens nach der zweiten Folge als peinlicher Flop abgesetzt worden.

Zum Glück ist „True Detective“ aber eine HBO-Serie. HBO finanziert sich über Abonnements. Und die Logik ist eine andere als bei Sendern, die sich über Werbung finanzieren. Es geht nicht so sehr darum, die Zahl der Zuschauern zu maximieren. Es geht darum, die Zufriedenheit der Zuschauer zu maximieren. Programme zu machen, über die die Menschen reden, die ihnen etwas wert sind.

Dieser Unterschied ist fundamental. Dass „True Detective“ so gut ist, liegt auch daran, dass die Serie keine zehn Millionen Zuschauer erreichen muss und es auch nicht versucht hat, mit all den Zugeständnissen und Kompromissen an den Massengeschmack, die damit verbunden wären. Viele deutsche Serien sind so enttäuschend, weil sie nicht dafür gemacht sind, eine begrenzte Zahl von Menschen möglichst glücklich zu machen, sondern von möglichst vielen Menschen irgendwie halbwegs okay gefunden zu werden.

Okay, wenn ich jetzt als nächstes sagen würde, dass wir das „True Detective“ des deutschen Online-Journalismus machen wollen, wäre das nicht nur anmaßend und größenwahnsinnig, sondern auch bekloppt. Was wir aber machen wollen: die Logik der Finanzierung von Online-Journalismus ändern. Und ich glaube, dass die Unterschiede ähnlich fundamental wären wie bei Fernsehserien.

Deutsche Online-Medien finanzieren sich zum größten Teil über Werbung. Wer mehr Klicks generiert, verdient mehr. Weil Online-Werbung billig ist, müssen Online-Medien ganz besonders viele Klicks generieren. Es müssen möglichst viele Artikel publiziert werden, die geklickt werden. Jeder einzelne Artikel muss möglichst häufig geklickt werden. Innerhalb des Artikels muss es möglichst viele Anreize geben, nochmal irgendwo hinzuklicken.

Wohin das bestenfalls führt, sieht man bei „Spiegel Online“. Es ist ein Medium, in dem ununterbrochen Aufregung herrscht. Es gibt dauernd einen Grund, irgendetwas anzuklicken, denn ununterbrochen passiert etwas in der Welt, das meine Aufmerksamkeit fordert. Am besten kommt man in spätestens einer Stunde wieder, denn dann ist sicher schon wieder etwas neues Aufregendes passiert, und wenn nicht, hat „Spiegel Online“ einen weiteren Artikel zu dem alten Aufregenden veröffentlicht.

Ich meine das mit dem „bestenfalls“ im vorigen Absatz durchaus ernst, denn unter der Maxime, möglichst viele Klicks zu generieren, macht „Spiegel Online“ seinen Job gut. Dort arbeiten gute Kollegen, die recherchieren und vernünftige journalistische Regeln befolgen und nicht alles tun würden für einen schnellen Klick.

Deren Auftrag aber natürlich trotzdem ist: Möglichst viele Klicks zu generieren.

Das ist in der ökonomischen Logik dieser Medien völlig zwingend, konsequent und richtig. Und obwohl ich als Leser immer wieder einer dieser Klicks bin, ist das gar nicht unbedingt in meinem Interesse.

Dass, zum Beispiel, „Spiegel Online“ am Abend des 8. Januar einen bizarren Leer-Text mit blöden Fragen zum Coming-Out von Thomas Hitzlsperger veröffentlichte, lässt sich am besten damit erklären, dass zu diesem Zeitpunkt eigentlich alles schon gesagt worden war, und zwar viele Male, aber die Artikel immer noch so gut geklickt wurden, dass ein weiterer Artikel weitere Klicks versprach, zur Not dann eben ohne Inhalt.

Wie viele sinnlose Aufgeregtheiten wird ein Medium produzieren, das von jeder sinnlosen Aufgeregtheit profitiert, die es produziert? All diese Atemlosigkeit, die „Spiegel Online“ ausstrahlt, fühlt sich für mich immer häufiger nach einem Medium an, das kurz vor einem Burn-Out steht. Oder bei mir als Leser einen auslöst. Und es ist ja nicht nur „Spiegel Online“.

Wild winkend, hüpfend, johlend kämpfen im Netz Artikel um meine Aufmerksamkeit, betteln darum, geklickt zu werden. Im Zweifel gewinnt eine übergeigte Überschrift, die durch den Inhalt des Artikels kaum gedeckt wird. Im Zweifel gewinnt die besonders steile These, die besonders überdrehte Pointierung, die besonders skandalisierende Interpretation.

Natürlich tue ich mit dieser Pauschalisierung Kollegen und Medien Unrecht, natürlich gibt es viele, die verantwortungsvoll berichten und wissen, dass es einem seriösen Medium, das einen Ruf zu verlieren hat, schaden würde, alles der Klickmaximierung unterzuordnen. Bei süddeutsche.de, zum Beispiel, hat man sich von früheren Auswüchsen deutlich sichtbar verabschiedet.

Es ist aber nicht so leicht, angesichts der knappen Kassen und der ökonomischen Logik, bewusst auf einen möglichen Klick zu verzichten. Wenn sich ein Medium entscheidet, einen albernen Hype um irgendein Boulevardthema nicht mitzumachen, auf den gerade alle anspringen, verzichtet es im Zweifel auf bares Geld.

„Krautreporter“ ist ein Versuch, aus dieser Logik auszubrechen. Wir wollen ein Online-Magazin machen, das sich nicht über Werbung finanziert, sondern ausschließlich über unsere Leser. Sie ermöglichen es uns, nicht auf den billigen nächsten Klick schielen zu müssen. Wir bieten ihnen dafür einen im besten Sinne ausgeruhten Online-Journalismus, der ihnen etwas wert ist. Der aufregend ist, nicht aufgeregt.

Das ist der Traum. Und der Plan. Und jetzt probieren wir das mal.

Wir brauchen dafür 15.000 Menschen, die 60 Euro geben. Das reicht für ein Jahr, entspricht also 5 Euro im Monat.

Wir haben vier Wochen Zeit, diese Menschen zu gewinnen. Wenn wir es schaffen, gibt es ab Herbst Krautreporter. Wenn nicht, nicht.

Es hängt also von Ihnen ab.

Mehr über Krautreporter, die Idee, die Beteiligten und das Crowdfunding erfahren Sie hier.