Wenn was wäre, wäre aber echt was! Die SZ und die Sache mit Merkel und Kauder

10 Jun 14
10. Juni 2014

Ich male mir das so aus, dass sich irgendwie am Ende des langen Wochenendes plötzlich herausstellte, dass auf der prestigeträchtigen Seite 3 der „Süddeutschen Zeitung“ noch Platz war. Und dann in der Verzweiflung der Parlamentsredakteur angerufen wurde, was denn an der Sache dran sei, dass die Bundeskanzlerin unzufrieden sei mit Volker Kauder, das stünde ja in der „Bild am Sonntag“. Und der Parlamentsredaktionschef antwortete, also, puh, er hätte nichts dergleichen gehört, aber man könne ja nichts ausschließen, und wenn dem so wäre, was er natürlich nicht wisse, aber wenn, dann wär das schon, naja, schwierig. Und er also damit den Auftrag bekam, die Seite vollzuschreiben.

So ist es gewesen, wenn es so gewesen ist, und deshalb steht heute als Zweittext auf der Seite 3 der „Süddeutschen Zeitung“ ein Stück mit einer Überschriften-Frage, die gar nicht rhetorisch gemeint ist, und einem hübschen, alles sagenden Bildtext:

Der Artikel ist ein Meisterwerk der journalistischen Kunst, auf einer Glatze locken zu drehen. Nico Fried schreibt:

(…) Wenn es Dinge gibt, die kein anderer beantworten kann, fragt Kauder auch die Kanzlerin. So dürfte es an Pfingsten gewesen sein, nachdem der Fraktionschef in einer Boulevardzeitung lesen musste, dass Angela Merkel unzufrieden mit ihm sei und das auch im kleinen Kreis ausgeplaudert habe. Immerhin bedurfte es für Kauders mutmaßliche Nachfrage keines außerplanmäßigen Telefonates, denn am Wochenende sprechen der Fraktionschef und die Kanzlerin regelmäßig miteinander.

Nochmal zum Mitdenken: Der SZ-Korrespondent weiß, dass Merkel und Kauder am Wochenende regelmäßig miteinander telefonieren. Deshalb geht er davon aus, obwohl er es nicht weiß, dass sie es auch am vergangenen Wochenende taten. Und wenn sie es taten, dann geht er davon aus, obwohl er es nicht weiß, dass sie auch über die „Bild am Sonntag“-Sache miteinander sprachen.

Beeindruckend.

Grundsätzlich gilt, dass die Verbindung zwischen einem Regierungs- und einem Fraktionschef reißfest sein muss, sonst zerfasert in kürzester Zeit das ganze Gewebe der Macht. Deshalb wären Spannungen zwischen Merkel und Kauder, sollte es sie tatsächlich geben, mehr als eine atmosphärische Störung. Viel mehr.

Jahaha, viel, viel mehr. Vermutlich sogar noch viel mehr! Am hypothetischen Ende eines Gedankens, der von einer bloßen Möglichkeit unbekannter Wahrscheinlichkeit abhängt, lässt sich natürlich beliebig viel Gewicht aufstapeln.

Nun plötzlich missfällt Merkel angeblich, dass Kauder sich aus schwierigen Verhandlungen zu oft heraushalte und sein Job an Kanzleramtschef Peter Altmaier hängen bleibe. Außerdem soll die Kanzlerin bei Kauder Verantwortung dafür abladen, dass das Gemurre aus der Unionsfraktion über die Regierung in der Wirtschafts- und Sozialpolitik kein Ende nimmt. Verlauten ließ Merkel das alles der Bild am Sonntag zufolge unter Vertrauten, was für Kauder wohl das Unerfreulichste wäre — denn genau zu denen, und zwar den engsten Vertrauten, durfte er sich bisher zählen.

Ja, das wäre superunerfreulich für ihn, wenn es so wäre. Und es wäre auch superinteressant für einen Artikel, wenn es so wäre. Blöd halt, dass man nicht weiß, ob es so ist.

Oder ist es so? Auf der Zielgerade, nach über 100 Zeilen mit Ausmalungen des Möglichen, wagt die „Süddeutsche“ so etwas wie eine eigene Einschätzung:

Auch mit Merkel soll alles weiter in Ordnung sein, hieß es am Pfingstmontag aus sämtlichen erreichbaren sogenannten Umfeldern von Kanzlerin und Fraktionschef. Der Bericht über ihre Unzufriedenheit sei frei erfunden. Tatsächlich wäre Merkel, die für ihre Vorsicht berühmt ist, nicht mehr Merkel, wenn sie über ein politisch so sensibles Verhältnis wie das mit Kauder überhaupt in einem Kreis gesprochen hätte, auf dessen Verschwiegenheit sie sich nicht absolut verlassen kann.

Also: Vermutlich an allem nichts dran. Und wenn Sie sich als Leser an dieser Stelle schon leicht veräppelt fühlen, dann warten Sie ab, bis Sie den letzten Satz gelesen haben, der auf den zitierten Absatz noch folgt. Er lautet:

Andererseits passiert natürlich immer mal etwas irgendwann zum ersten Mal.

Ja. Vielen Dank für das Gespräch.

[via Christoph Herwartz]

17 Gedanken
  1. 1
    Klaus says:

    Ich schaue aus dem Fenster … Sonne … es ist Sommer! Kann es sein, dass wir im Sommerloch gelandet sind? Im Sommer sind atmosphärische Störungen doch normal.

  2. 2
    Jolly Roger says:

    Leserinnen fühlen sich natürlich nie veräppelt. Die Möglichkeit, sich veräppelt zu fühlen ist ja auf den Mann beschränkt, weil das auf den Sündenfall zurückzuführen ist, also auf diese Sache damals, als Eva dem Adam den Apfel gereicht haben soll und daraufhin alles ziemlich schlimm geworden ist. Darum kommt an dieser Stelle mal keine Kritik von mir, weil das Nichterwähnen der Leserinnen suggerieren könnte, die Süddeutsche habe vielleicht nur Leser, aber keine Leserinnen (die Zeiten, in denen Frauen nicht lesen lernen durften, weil das widernatürlich oder so sei, sind ja zum Glück vorbei).

  3. 4
    Kinch says:

    Ne, also die A-Form geht gar nicht, weil das ja ein weiblich gelesenes Personalprononmen hat: Die Lesera. Das Siezen sollte an der Stelle auch abgeschafft werden. Besser fände ich daher: „Sollten X liebe Leseriex, sich…“

  4. 5
    meykosoft says:

    Wie heißt es so treffend:

    Eine Lüge ist um die ganze Welt, bevor sich die Wahrheit auch nur die Stiefel angezogen hat.

    Gleiches wird hallt auch immer mal wieder mit „Mutmaßungen“ versucht…
    ;-)

  5. 6
    meykosoft says:

    Nehme gern das eine „l“ zurück…

  6. 7
    Captain says:

    Der Konjunktiv 2 ist in der deutschen Sprache zudem eigentlich der irreale Konjunktiv. Dass heißt er drückt Dinge aus, die mit großer Wahrscheinlichkeit nicht geschehen werden. Natürlich sind wir alle der englischen Sprache mächtig und wollen bitte auch nicht so streng sein. Aber das etwas humorlose deutsche Lesen vieler Presseartikel (und das hat das oben so schön besprochene Werk weiß Gott nicht exklusiv) macht richtig viel Spaß.

  7. 8
    MSchneider says:

    Ich habe den Eindruck, dass die beschriebene Geschichte nur die berühmte Spitze des Eisbergs ist oder sie eben den einen Ticken zu weit gedreht wurde. Denn wie oft hat man bei Meldungen aus dem hochgezüchteten Politik-Medien-Betrieb den Eindruck, dass etwas eigentlich nicht stimmt (oder halt nicht ganz so oder sogar erwiesenermaßen)? Es ist dann aber offenbar opportun, sich (als Politiker) doch dazu zu äußern, weil man eben gerade dazu gefragt wurde und nicht einfach nichts sagen will oder weil das betreffende Medium einfach den sog. Aufreger (so wohl der korrekte und heutzutage gebräuchliche Journalisten-Jargon) will und so lange bohrt, bis sich eine halbwegs lesbare Geschichte ergibt. Das ist ja das Jämmerliche am heutigen (etablierten) Journalismus, dass er sich von der Aufklärung (oder zumindest dem Versuch sie anzustreben) verabschiedet hat. Und das eben leider immer öfter auch in der SZ.

  8. 9
    Benjamin says:

    Sehr schön, vielen Dank, lachen ist gesund.

    Aus Leitmedien werden Lightmedien.

    Leider selbst dann, wenn man ganz real mit Frau Merkel spricht. Die Wunderwaffe ist hier nicht der Konjunktiv, sondern das geschickte Unterlassen aller kritischer Nachfragen.

    Über das FAZ-Interview mit Angela Merkel

  9. 10
    JensE says:

    Die harte Version davon heißt Wulf.

  10. 11
    Otto Hildebrandt says:

    Der Beitrag richtet sich wohl an diejenigen Blogleser, die die SZ morgens aufschlagen, um mit den wichtigsten Wahrheiten vom Tag versorgt zu sein. Da ist es dann eine große Enttäuschung, wenn die Beste aller Regierungen diese Bestrebungen nicht teilt, und ihre Informationen an andere Zeitungen durchsticht. Dabei hat sich doch seit Schröders Zeiten wenig geändert. Regiert wird mit Bild, Bams und Glotze. Lediglich die Rolle des Spiegel ist eine andere. Der wird von Angela Merkel nicht richtig geschätzt, wohl aus Mangel an echter Gefolgschaftstreue. Der Zynismus der Praxis versteht sich schlecht mit dem theoretischen Zynismus des ehemaligen Nachrichtenmagazins.
    Für Nicht-SZ-Abonnenten, die das Selbstbild der Zeitung nicht ganz so verinnerlicht haben, stellt sich die Sache viel einfacher da. Denn der BILD-Artikel kann, so wie er geschrieben wurde, nur auf abgesicherten Informationen beruhen, die von ganz oben autorisiert wurden. Der Sinn, die eigenen Leute zu disziplinieren, braucht man ja selbst einem Hauptschüler nicht zu erklären. Gezielt wurden diejenigen aus der Führung rausgepickt, die garantiert niemand verteidigen wird. Die FAZ von heute spart sich sogar die „Gerüchte“-Meldung, und berichtet gleich über die wirklich Gemeinten. Die parteieinternen Kritiker, die schon kalt gestellt sind, und nichts mehr zu gewinnen haben. Denen soll die Schuld dafür zugeschoben werden, wenn die LT-Wahlen in Sachsen und Thüringen, wie zu erwarten, in einem innerparteilichen Desaster enden. Denn die Merkel-Clique hat immer behauptet, dass trotz ihres Linkskurses keine bürgerliche Konkurrenzpartei entstehen wird. Die Mantra war, mitte-links wird mehr gewonnen, als am rechten Rand verloren geht. Jetzt, wo es passiert ist, muss mit eisernem Besen gekehrt werden. Das ganze sieht mir deshalb wie ein erster Akt der Vorwärtsverteidigung aus. Weitere werden folgen. Der SZ-Leser wird dabei weiterhin nicht in der ersten Reihe sitzen, weil Bayern nun einmal kein CDU-Land ist.

  11. 12
    Schreiberling says:

    Es ist ja schon traurig, dass die deutschen Leitmedien überhaupt so viel aus Bild zitieren.
    Dass sich die SZ aber selbst bei allerdünnstem eigenem Recherchematerial nicht traut, ein Bild-Gerücht links liegen zu lassen, ist total peinlich.
    Und warum wird niemals die Entscheidung für einen vergebenen Seitenplatz zurückgenommen? Waren alle Verantwortlichen schon zu Hause, als der dünne Beitrag endlich abends gesetzt wurde? Kann eine gestandene SZ-Redaktion nicht grundsätzlich einen Wettbewerb ihrer Redakteure um den schmalen Print-Platz durchhalten?
    Traurig. Peinlich.

  12. 13
    JJ Preston says:

    Das muss der Qualitätsjournalismus sein, von dem man in letzter Zeit so oft hört…

    @Benjamin (#9)
    Leitmedien, Lightmedien, Litemedien, Leidmedien… ich glaube, mittlerweile gibt es keine größere Verballhornung von postjournalistischen Erzeugnissen als das Wort „Leitmedien“.

    @Schreiberling (#12)
    Ich vermute, bei der SZ steht eine Entlassungswelle an, und das Kauder-Merkel-Lockendrehen (bei den beiden ein lustiges Bild vor dem inneren Auge!) war Herrn Frieds Arbeitsprobe für die Bewerbungsmappe bei Springer…

  13. 15
    Pepito says:

    Gut, im konkreten Fall ist das sicherlich misslungen, aufgrund einer Bild-Meldung im irgendwie Vorstellbaren herumzuspekulieren. Sommerloch eben.
    Ganz generell würde ich es schon als Aufgabe der Medien ansehen, bestimmte Meldungen, auch wenn sie noch unbestätigt sind, für den Leser einzuordnen. Wer sich gefragt hat, in wie fern eine offen geäußerte Unzufriedenheit Merkels mit Kauder überhaupt relevant ist oder wäre, freut sich vielleicht über solche Zusatzartikel. Und generell erwarte ich von den Medien durchaus auch „was-wäre-wenn-Beiträge“, je nach Wichtigkeit des Themas gerne auch ohne konkreten Anlass.

  14. 16
    Schreiberling says:

    @Pepito:
    Was-wäre-wenn-Beiträge mögen auch mal interessant sein.
    Aber wenn der Redakteur hinter einem Gerücht herrecherchiert und dabei überhaupt keinen Grund unter die Füße kriegt, dann soll er es doch bitte lassen.
    Und wenn die Redaktion gar nichts auf der Naht hat, um einen komplett fleischlosen Beitrag austauschen zu können, dann ist das viel zu wenig.
    Ich bleibe dabei, dieses Beispiel ist eine absolute Enttäuschung durch ein Blatt, von dem wir uns doch alle mehr erwartet hätten.

  15. 17
    Jaskolla says:

    Vielleicht hat ein solcher Kokolores auch seine Ursache in Merkels angeblichem „Orchideeneffekt“. Und damit, dass unter ihrer Fuchtel alles immer nur Reaktion ist.
    Sie ist wie der Kapitän eines Ozeandampfers, der in der Gewißheit, dass er und seine Crew unsterblich und sein Schiff „unsinkbar“ sind, nur noch den Befehl „Kurs halten“ kennt — und sollte dann doch mal ein Eisberg am Horizont auftauchen, widerwillig aber instinktsicher ein „Jetzt leicht nach links schwenken.“ leise seufzend vor sich hin seufzt.

    Ist es da wirklich verwunderlich, dass unter bestimmten Umständen auch eine sich ansonsten zutiefst der Seriösität verpflichtet fühlende Zeitung — insbesondere in für das Printwesen so schwierigen Zeiten wie heute — einfach mal sagt, „May it be shited upon by dog!“? — und einfach mal Fünfe gerade sein läßt?
    Einfach mal cool ´ ein, zwei, zwölf Kurze genießen, und sich, an die Leser denkend, sagen, „Die Hunde sollen fressen, wat ‚se fressen. Wat anneres soll’n se halt nicht krinn‘!“??

    Es scheint eine Konglomerationuminität an verschiedensten Ursachen zu sein, die zu diesem journalistischem Offenbarungseid führte:

    1.) Jede Meldung über Merkel ist erst einmal eine Erfolgsmeldung (weil sie so mysteriös ist)
    2.) Quo vadis, Deutschland — unter Merkel?
    3.) Scheiß Internet, macht uns alles kaputt

    Vielleicht war es aber auch Satire? Eine zynische, den eigenen Bedeutungsverlust und die Verflachung und Verdummung der Medien auf bitterste Weise zelebrierende Satire. Schon mal jemand daran gedacht?

Einen Kommentar hinterlassen

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.