Amnesie vom Besten

05 Jul 14
5. Juli 2014
Frankfurter Allgemeine Zeitung

Kerner plaudert sich mit seinen Top-Deutschen ins Nichts.

Im ZDF liefen in dieser Woche zwei große Shows, insgesamt 200 Minuten lang, in denen „Deutschlands Beste“ durchgezählt wurden. Ich habe beide gesehen und kann mich an nichts erinnern.

Angeblich saß in der einen Maria Höfl-Riesch auf dem Sofa, ich möchte aber schwören, dass sie in den eineinhalb Stunden nichts gesagt hat, außer einmal kurz, das habe ich aber sofort wieder vergessen. Ich weiß noch, dass ein kleiner Film über Anni Friesinger abrupt abriss, als die Kamera gerade auf ihren Ausschnitt schwenkte, das gab ein kleines Hoho. Am Ende bekamen die Frauen Blumen. Moderator Johannes B. Kerner entschuldigte sich bei Marietta Slomka fürs Überziehen. Und dann war es nicht nur vorbei. Es war, als wäre es nie gewesen.

Das ZDF hat es geschafft, zwei komplett rückstandslose Shows produzieren. Das muss ihm erstmal einer nachmachen.

Zum Glück habe ich mir während des Anschauens Notizen gemacht, so dass ich Teile des Nicht-Geschehens rekonstruieren konnte. Auf der obskuren Grundlage einer Forsa-Umfrage, einem Aufruf der „Hörzu“ und einem Online-Voting (Kerner: „insofern kann man das schon ‚n bisschen ernst nehmen“) wurden je einhundert vom ZDF ausgesuchte lebende deutsche Frauen und Männer in eine Reihenfolge gebracht und mit kurzen Schnipselcollagen gewürdigt. Die erste Sendung befasste sich mit Männern, weil man fand, wie Kerner erklärte: „Das schwache Geschlecht möge beginnen.“ Er freute sich über diesen Witz, und das Saal-Publikum lachte.

Kerner versprach „ganz tolle Gäste, die wir eingeladen haben; ganz wertvolle Filme, die wir produziert haben“, und tatsächlich gab es Gäste und Filme. Die Gäste waren fast alle selbst auf der Liste, was immer einen Sonder-Applaus gab, und freuten sich über ihre Platzierung und die Ranking-Nachbarn vor und hinter ihnen. Kerner siezte sie mit Vornamen und stellte ihnen Kerner-Fragen, etwa diese an Claus Kleber: „Klaus, wir haben Joschka Fischer geshen, auf Platz 37 ein Politiker, der sich jetzt aus der Öffentlickeit weitgehend zurückgezogen hat, vielleicht Vorträge hält und hier und da gefragt wird und auch mal was Kluges schreibt, sind die Politiker in Wirklichkeit doch ‚n bisschen näher an den Leuten als man so denkt? Weil wir so alle schimpfen auf die Politiker — sind sie wertvoller, als wir glauben?“ Günther Jauch fragte er: „Günther, aus Ihrer Erfahrung jetzt mit der Talkshow am Sonntag: Politiker — besser als ihr Ruf?“ (Jauch reagierte mit einem angestrengten Dreifachschnaufer, was ich auf die Frage bezogen hätte, alle anderen aber auf die Politiker, weshalb Kerner lachend rief: „Reicht schon!“, und das Publikum applaudierte.)

Die Kurzvorstellungen der 50 besten Besten waren so geschnitten, dass man all den Unsinn, der darin gesagt wurde, kaum registrieren konnte. Reinhard Mey wurde als „der Ikarus der deutschen Musik“ vorgestellt, Gregor Gysi als „das personifizierte soziale Gewissen“, und Horst Seehofer als der Name des Selbstbewusstseins. Caren Miosga sei „das charmante Aushängeschild in der toughen ARD-Nachrichtenwelt“, und zu Sandra Maischberger fiel den Textern der Satz ein: „So schön kann Journalismus sein.“

Ob die Video-Schnipsel inhaltlich passten, war ohne Belang, solange sie nur gut zu dem Gesagten aussahen. „Das Engagement für Gleichberechtigung und den Schutz von Minderheiten, das ist Claudia Roths großer Wurf“, sagte der Sprecher, während die Grünen-Politikern mit einem Ball einen Stapel Dosen abräumt — auf denen das Atomkraft-Logo prangt. Zur Illustration, dass Gerhard Schröder wegen des Kosovo-Einsatzes 1998 als Kriegs-Kanzler beschimpft wurde, lief sein Satz: „Die Logik des Krieges hat sich gegen die Chancen des Friedens durchgesetzt“, der allerdings von 2003 ist und sich auf den Irak-Krieg bezieht, dem er sich ja gerade verweigerte. Aber um sich daran zu stören, müsste man sich erst einmal erinnern.

Es war Wohlfühlfernsehen mit den Pointen der fünfziger Jahre, zeitgemäß verpackt als modernes Nichts. „Wir verplaudern uns, das ist schön“, rief Kerner an einer Stelle aus. Er ist beim ZDF wieder zuhause angekommen.

8 Gedanken
  1. 1
    johnson says:

    Ich habe keinen Fernseher. Aber selbst wenn ich das nur hier lese — Gott sei Dank habe ich keinen roten Knopf zur schlagartigen und vollständigen Vernichtung der Menschheit neben mir.

  2. 2
    gerdos says:

    Hab nur den Frauenteil gesehen. Als halbwegs Gebildeter bekam ich bei dieser endung das Gefühl intellektueller Einsamkeit. Ich betrachte sie als Teil der allgemeinen öRF-Verblödungsoffensive.

  3. 3
    Besim Karadeniz says:

    Es kann niemand nach Johannes B. Kerner eine rückstandslose Show machen, weil Kerner der ungeschlagene Meister der rückstandslosen Produktion von Fernsehsendungen ist. Markus Lanz kommt erst Sendemonate danach.

  4. 4
    royaltyloyalty69 says:

    Danke für die zusammenfassung, freue mich, dass ich wieder absolut nix verpasst habe!

    Und war das wieder eins der großen dinger, mit denen sie unsere gebühren ergründen zu versuchen?
    Ich bin mal wieder stolz, in meinem leben keinen cent an diese leute abgedrückt zu haben!

  5. 5
    JMK says:

    Nun ja, eine Show die schon unmittelbar nach der Ausstrahlung vergessen ist, was besseres kann man über eine Kerner-Show kaum sagen. Im Grunde ein Kompliment.

  6. 6
    Lukas says:

    Alle fiktionalen und Unterhaltungsformate der ÖR-Sender aus den Hauptprogrammen sind Nicht-Ereignisse von einer schier grenzenlosen Belanglosigkeit und Banalität. Und dafür „dürfen“ wir zahlen.

  7. 7
    nona says:

    Der „Ikarus der deutschen Musik“… hä? Was soll das denn bitte überhaupt bedeuten? Bezieht Kerner sein Wissen um altgriechische Sagen und Mythen in erster Linie daraus, dass jemand mal ein Buch darüber knapp an seinem Kopf vorbeigeworfen hat?

    (Und warum warum warum nur um alles in der Welt wurde der Mann überhaupt aus der Versenkung zurückgeholt?)

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