Palim-Palin

Ich glaube, die beste Art, diesen amerikanischen Wahlkampf zu genießen, ist es, vollständig zu verdrängen, dass es in ihm um eine nicht ganz unwichtige Entscheidung von globalen Ausmaßen geht. Hat man das geschafft, kann man sich entspannt zurücklehnen und gemeinsam mit dem größten Publikum der Welt die unterhaltsamste Show der Welt verfolgen. Voller Dramatik, überraschender Wendungen, überzeichneter Charaktere — und brüllender Komik.

Über 1,7 Millionen Mal ist in den vergangenen rund 24 Stunden allein dieser Zusammenschnitt der „Late Show“ bei YouTube angesehen worden, in der David Letterman John McCain vernichtet, nachdem er kurzfristig den Auftritt in seiner Sendung abgesagt hatte. (Ausführlicher hat Michael nebenan im „Fernsehlexikon“ über den Wahlkampf als Comedyfutter geschreiben.)

Aber man braucht eigentlich nicht einmal die durch Leute wie Letterman oder Jon Stewart verwurstete Form. Das Rohmaterial reicht völlig.

Man muss dafür natürlich diese Art der Komik mögen, die fast vollständig aus der Unerträglichkeit von Situationen entsteht — eine Art Comedy, die zu 98,3 Prozent aus Peinlichkeit besteht. Für deren Beschreibung fehlt uns im Deutschen eigentlich ein Wort. To cringe nennt der Engländer das Verhalten, wenn sich die Fußnägel aufrollen, der ganze Körper verkrampft und man sich mit einem Zischgeräusch durch die Zähne vom Bildschirm abwenden muss. (Die von LEO vorgeschlagenen Übersetzungen „erschaudern“ und „zusammenzucken“ treffen es nicht annähernd.) [Mehrere Kommentatoren schlagen, zu Recht, „fremdschämen“ als treffende Übersetzung vor.]

Es ist der Humor, auf dem „Stromberg“ (oder nochmehr das Original „The Office“) beruhen, aber auch amerikanische Fernsehserien wie „Curb Your Enthusiasm“ oder, große Kaufempfehlung: „The Comeback“).

Sie könnte aus einer dieser Produktionen stammen, die Szene aus Ohio, wo John McCain, der seinen Wahlkampfbus früher den „Straight Talk Express“ nannte, die Fragen der mitreisenden Reporter ignorierte, bis ihm ein Journalist zurief, ob das nun der „No Talk Express“ sei:

(Am besten ist die Helferin, die man danach rufen hört: „Ok, pool, back to the vans! — That was fun.“)

Unumstrittene Hauptdarstellerin in dieser großen Unterhaltungsshow aber ist Sarah Palin, die sich als Naturtalent herausgestellt hat und vermutlich dafür sorgt, dass Heerscharen von Komikern sich einen ordentlichen Beruf zulegen, weil sie wissen, dass sie nie so gut so schlecht — so cringeworthy sein werde. Dieser Moment in dem Interview, das CBS-Nachrichtenmoderatorin Katie Couric mit ihr geführt hat, ist mein Favorit:

Aber es lohnt, sich das Interview ganz anzusehen oder durchzulesen (Teil 1, Teil 2).

Die (konservative) Kolumnistin Kathleen Parker hat den Effekt wunderbar in der (konservativen) „National Review“ beschrieben:

Palin’s recent interviews (…) have all revealed an attractive, earnest, confident candidate. Who Is Clearly Out Of Her League.

No one hates saying that more than I do. Like so many women, I’ve been pulling for Palin, wishing her the best, hoping she will perform brilliantly. I’ve also noticed that I watch her interviews with the held breath of an anxious parent, my finger poised over the mute button in case it gets too painful. Unfortunately, it often does. My cringe reflex is exhausted.

Palin filibusters. She repeats words, filling space with deadwood. Cut the verbiage and there’s not much content there. Here’s but one example of many from her interview with Hannity: „Well, there is a danger in allowing some obsessive partisanship to get into the issue that we’re talking about today. And that’s something that John McCain, too, his track record, proving that he can work both sides of the aisle, he can surpass the partisanship that must be surpassed to deal with an issue like this.“

When Couric pointed to polls showing that the financial crisis had boosted Obama’s numbers, Palin blustered wordily: „I’m not looking at poll numbers. What I think Americans at the end of the day are going to be able to go back and look at track records and see who’s more apt to be talking about solutions and wishing for and hoping for solutions for some opportunity to change, and who’s actually done it?“

Parkers Fazit:

If BS were currency, Palin could bail out Wall Street herself.

(Wenn man mit Bullshit bezahlen könnte, könnte Palin allein die Sicherheiten für die Wall Street stellen.)