Experten erwarten mehr Ebola-Panikfälle in Deutschland

von Boris Rosenkranz
10 Nov 14
10. November 2014

Beim Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) in Bonn bekommen sie in letzter Zeit ständig diese Fragen gestellt. Wie gefährlich das Ebola-Virus denn nun ist. Und wie groß die Gefahr, dass es auch hierzulande auftaucht. „Das Informationsbedürfnis in Deutschland ist nach wie vor hoch“, schreibt das BBK. Und damit er nicht ständig dasselbe predigen muss, hat BBK-Präsident Christoph Unger heute eine Pressekonferenz gegeben, um ein paar Dinge klarzustellen. Laut Nachrichtenagentur dpa sagte er zum Beispiel:

Eine Ausbreitung des gefährlichen Virus hierzulande sei […] nach wie vor sehr unwahrscheinlich.

Und Lars Schaade, der Vizepräsident des Robert-Koch-Instituts, sagte:

Eine Ausbreitung in Deutschland sei praktisch ausgeschlossen.

Dass Ebola in Deutschland auftritt und sich ausbreitet, kann man also irgendwo zwischen „sehr unwahrscheinlich“ und „praktisch ausgeschlossen“ verorten. Man könnte deshalb über eine entsprechende Nachricht schreiben: „Robert-Koch-Institut: Ebola in Deutschland ‚praktisch ausgeschlossen'“ Oder: „Keine Panik: Ebola-Gefahr in Deutschland gering“. Oder man macht es wie dpa und schreibt drüber, was nun unter anderem in „Focus“, „Welt“ oder „Main-Post“ steht:

Focus.de Screenshot 10.11.20144

Stimmt. Und klingt doch gleich viel fetziger. Wenn da „mehr Ebola-Verdachtsfälle“ erwartet werden, steigt doch auch die Wahrscheinlichkeit, dass da ein paar drunter sind, die tatsächlich Ebola haben und alle anderen anstecken, nicht wahr?

Dabei hat BBK-Präsident Unger bloß gesagt, dass mehr Verdachtsfälle auftreten könnten, weil bald einige Ebola-Helfer aus Westafrika heimkehren werden und die Grippesaison beginnt. Bekommt zum Beispiel einer der Helfer Fieber, wenn er wieder hier ist, wird er sich untersuchen lassen – sicherheitshalber. Mit großer Wahrscheinlichkeit hat er eine Grippe; die Anfangssymptome sind ähnlich. Mit großer Wahrscheinlichkeit hat er demnach also kein Ebola. Aber „Bild“ rüstet sich trotzdem schon mal und macht aus der Entwarnung von BBK und Robert-Koch-Institut heute das:

Bild.de Screenshot 10.11.2014

So ernst wie der Mann im Schutzanzug blickt, sind wir alle fast tot, oder? Und dass die WHO den „Höhepunkt der Seuche“ nicht in Deutschland erwartet, wie man annehmen könnte, sondern in Afrika, wo sie 1976 erstmals auftrat – ach, egal. „Bild“ betont im Text ja auch zwanghaft die deutsche Restwahrscheinlichkeit und warnt:

Das gegenwärtige Risiko einer Einschleppung der Seuche nach Deutschland erachten sie [die „Experten“] dennoch als gering. Ein Import einzelner Fälle ist aber nicht auszuschließen!

Oder:

Die Gefahr, dass Reisende die Krankheit nach Deutschland mitbringen, ist gering – aber möglich!

Die Gefahr ist also möglich. Und zur Sicherheit noch mal in der Bildunterzeile:

Bild.de Screenshot 10.11.2014

Nein, stimmt, ausschließen kann man ja auch nicht, dass morgen die Sonne aufs Berliner Springer-Haus kracht. Mit „weiteren Ebola-Fällen in Deutschland“ meint „Bild“ wohl: die ersten. Bisher wurden drei Menschen, die bereits im Ausland erkrankt waren, in deutsche Kliniken gebracht und dort behandelt. Einer davon starb, einer ist wieder gesund, und ein weiterer noch in Behandlung.

Hier, in Deutschland, hat sich bis dato aber niemand mit Ebola infiziert. Die Verdachtsfälle, die es gab, waren jedes Mal – Verdachtsfälle. Und trotzdem wurden sie vom medialen Panikorchester begleitet. Dabei leiden Fieberpatienten, die aus Westafrika kommen, viel häufiger an etwas anderem, sagt das Robert-Koch-Institut: „In manchen Monaten werden in Deutschland monatlich 40 bis 50 Fälle von Malaria bei Personen diagnostiziert, die aus Westafrika einreisen.“

Ebola bisher, wie gesagt: null.

Das Robert-Koch-Institut erklärte heute auch noch mal, dass Deutschland ohnehin „gut aufgestellt“ sei mit sieben Isolierstationen bundesweit. Steht auch so in „Bild“, teilweise aus einem älteren Artikel rüberkopiert: Da steht, wo die Kliniken sind, und dass man auf die Behandlung von Fieberpatienten „gründlich vorbereitet“ sei. Geringe Gefahr also. Weil aber noch irgendwo etwas Restfurcht übrig war, haben sie das am Anfang des Artikels so zusammengefasst:

Retter befürchten, dass sie im Ernstfall nicht ausreichend vorbereitet sind.

Aber, gut, angesichts der Schlagzeilen der vergangenen Wochen laufen sie bei „Bild“ inzwischen sowieso mit Mundschutz rum. (Und mit Hitze-Schutz, der Sonne wegen.) Anfang August verkündete „Bild“ noch:

Bild Screenshot 7.8.2014

 

Aber dann befiel die Redaktion eine besonders tückische Seuche: das Vergessen.

BILD Screenshot 10.8.2014

BILD Screenshot 20.8.2014

BILD Screenshot 9.10.2014

Bild.de Screenshot 12.10.2014

Bild.de Screenshot 5.11.2014

Bild.de Screenshot 6.11.2014

Na, und wenn zwischendurch noch das Foto eines vermummten Arztes rumliegt, der in Liberia gegen die „Todesseuche“ kämpft, während in Leipzig gerade jemand, der aus Liberia heimgekehrt ist, Fieber und Durchfall hat – why not?

BILD Screenshot 31.8.2014

Nachtrag, 13.11.2014. Wie in den Kommentaren bereits bemerkt: Mein Überschriftenvorschlag „Robert-Koch-Institut: Ebola in Deutschland ‚praktisch ausgeschlossen‘“ ist nicht ganz korrekt. Richtig müsste es heißen, dass das Robert-Koch-Institut praktisch ausschließt, dass sich Ebola hierzulande verbreitet. Die Gefahr, dass Ebola eingeschleppt wird, ist zwar gering, das RKI schließt es aber nicht aus.

31 Gedanken
  1. 1
    Jerry says:

    Wenn wir mal die „viralen“ Meldungen der letzten paar Jahre zusammentragen, von Vogel- und Schweinegrippe über SARS bis zur jetzigen Ebola, würde das eigentlich schon ausreichen, die deutsche Bevölkerung einmal oder öfter auszurotten? Und woran genau soll man als Normaleinwohner merken, wenn es wirklich einmal ernst mit einer Krankheit werden sollte? So langsam hat Journalismus doch nicht einmal mehr die Kraft eines Hintergrundrauschens…

  2. 2
    Michi says:

    Anscheinend beginnt die Ebola-Panik schon zu wirken: http://www.tagesschau.de/ausland/ebola-hysterie-101.html Man möchte sich nur noch an den Kopf fassen.

    Zum sonst guten Artikel noch eine kleine Anmerkung: Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe wird BBK abgekürzt, nicht BKK. Fällt leider etwas unangenehm auf, da sich der Fehler durch den ganzen Text zieht.

  3. 3
    Ludger Wess says:

    Nur die Bild-Zeitung herauszugreifen, ist etwas einseitig, ist doch die Panikmache mitsamt Schutzanzug-Bildern ansonsten die Domäne von Umweltschützern, die Frachter mit Mais und Soja oder Versuchsfelder von Saatgutkonzernen, wo ein paar grüne Hälmchen spriessen, im Biohazard-Vollschutz besuchen. Angeblich sind sie nämlich mit Genen verseucht – schlimmer als Ebola, weil man nämlich angeblich nicht weiss, was für eine tödliche Epidemie daraus dereinst entstehen kann. Das drucken die Medien auch landauf, landab und haben damit dafür gesorgt, dass viele Menschen inzwischen fest davon überzeugt sind, dass Gene im Essen nichts zu suchen hätten. Aber nun ja – welche Zeitungsredaktion beschäftigt heute noch Wissenschaftsjournalisten, die ein Chemie-, Bio- oder Physikstudium absolviert haben? Bei den Alleskönner-Praktikanten, die morgens über Wirtschaft, mittags über Außenpolitik und nachmittags über Wissenschaft schreiben müssen, kann man froh sein, wenn sie Viren und Bakterien, Alkalien und Alkaloide und Raumsonden und Satelliten einigermaßen auseinander halten können.

  4. 4
    Boris Rosenkranz says:

    @Michi: Danke für den Hinweis. Hab’s geändert.

  5. 5
    exilgolfer says:

    Kleine Anekdote aus dem Tourismusbereich. Menschen stornieren Ihre Reisen nach Südafrika (und in viele andere Länder) wegen Ebola in diesem >Afrika<.

  6. 6
    Sardor says:

    „In manchen Monaten werden in Deutschland monatlich 40 bis 50 Fälle von Malaria bei Personen diagnostiziert, die aus Westafrika einreisen.“

    BTW, an Malaria sollen weltweit jährlich 1 Million Menschen sterben! Wo bleibt denn da die Panik?

  7. 7
    Robert says:

    @Sardor:
    Die Übertragung von Mensch zu Mensch ist bei Malaria fast ausgeschlossen, es sei denn du bekommst eine Bluttransfusion die infiziert ist. Außerhalb der Gebiete mit Malariamücken ist man also relativ sicher. Das sieht bei Ebola ganz anders aus. Deshalb auch mediale Panik ;) Obwohl die in Deutschland ja noch wesentlich geringer ist als in den USA.

  8. 8
    Ben says:

    Diese Grafik ist vor ein paar Tagen auf Twitter rum gegangen um das mal in eine Perspektive zu setzen wenn von Afrika gesprochen wird.
    http://popist.com/s/675ad22/

  9. 9
    Sigur Ros says:

    Die Ebola-Gefahr ist schon alleine deswegen gering, weil wir, bevor wir angesteckt werden, ja eh alle längst durch Terroranschläge von Al Qaida und IS in die Luft gesprengt wurden. Was das angeht, ist die Panikmache der Medien nämlich mindestens genauso groß.

  10. 10
    Flügelschlag says:

    Es sterben zwar wesentlich mehr Menschen an Malaria, aber die Symptome von Ebola sind viel schrecklicher und die Infizierung erfolgt durch andere Menschen. Darum verstehe ich, weshalb die Furcht vor Ebola grundsätzlich größer ist als vor Malaria. Die ganze unangemessene Aufregung aber ist natürlich der Verdienst der angstschürenden Medien, deren Aufgabe es eigentlich wäre, aufzuklären und einen besonnenen Umgang mit solchen Herausforderungen zu ermöglichen. Tja, das Gegenteil ist mal wieder der Fall. Angst verkauft sich nicht nur im Kopp-Verlag fabelhaft.

  11. 11
    Zol says:

    Durch die ganz normale Grippewelle sterben jedes Jahr tausende Menschen in Deutschland. Trotzdem lässt sch praktisch niemand impfen. Aber bei Ebola haben alle Panik, weil es noch keinen Impfstoff gibt. Das verstehe, wer will.

  12. 12
    Harry Harris says:

    Tote insgesamt, etwas um 5000? Ungefähr..
    Seit Anfang des Jahres. Ich will ja nicht die Toten, gestorben durch Krankheiten der westlichen Welt, mit den Ebola-Toten ins Verhältnis setzen. Aber eine kleine Tabelle würde schon manchen Hysteriker wieder auf den Boden bringen.

    Ich hab nen tweet zu Beginn der Ebola Berichterstattung gelesen.. Müsste im März gewesen sein… Da hieß es: keine Panik. Die Pharmaindustrie steckt dahinter.
    Und genauso kommt mit das vor. Ich warte auf die ersten Impfdosen. Das wäre ne schöne Bestätigung… Danke für den Artikel Boris.

    P. S. Nicht zu laut husten in der Straßenbahn

  13. 13
    Flügelschlag says:

    @ Harry, #15: War der Tweet von Ulfkotte?

  14. 14
    Luetzgendorff says:

    „Ich hab nen tweet zu Beginn der Ebola Berichterstattung gelesen.. Müsste im März gewesen sein… Da hieß es: keine Panik. Die Pharmaindustrie steckt dahinter.
    Und genauso kommt mit das vor. Ich warte auf die ersten Impfdosen. Das wäre ne schöne Bestätigung… “
    Jetzt wird’s blöde.

  15. 15
    Pepito says:

    Nun könnte man sich denken: „Okay, die Bild eben, man kennt das ja“. Ich habe das Thema zum Anlass genommen, mal bei FAZ.net den Suchbegriff „Ebola“ einzugeben und grob durchzugehen, auf was man dort stößt, wenn man sich als Leser ein Bild über Ebola und seine Risiken für uns Deutsche machen möchte.
    Mein Befund fällt da ziemlich zwiespältig aus. Schon die meisten Überschriften („Etwas freie Haut kann tödlich sein“) sind gelinde gesagt nicht geeignet, eine Panik zu verhindern, geschweige denn Bedenken zu zerstreuen. In den Beiträgen selbst erfährt man allerlei über das Virus, seine Gefährlichkeit, seine Verbreitung in Afrika, über Seuchenprävention, Isolierstationen usw. Auch das DPA-Bild vom ernst blickenden Mann im Schutzanzug fehlt hier nicht. Ebenso wenig die von Boris Rosenkranz in „Bild“ ausgemachte „Restfurcht“, dass es im Ernstfall auch in Deutschland zu Kapazitätsengpässen kommen könnte: http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/ebola-bekaempfung-in-deutschland-warten-auf-die-seuche-13210885.html (Titel: Warten auf die Seuche).

    Der erste Satz in einem Animationsvideo (Titel: Ebola – tödliches Virus aus Afrika) lautet gleich mal: „Ebola ist für den Menschen eines der tödlichsten Viren.“ Danach erfährt man, dass die Übertragung durch Kontakt mit infiziertem Blut und anderen Körperflüssigkeiten erfolge. Auch eine Tröpfcheninfektion sei möglich. Neben dem Video steht: „Der Erreger wird vor allem durch Blut und andere Körperflüssigkeiten übertragen. Infizierte leiden an Fieber, Muskelschmerzen, Durchfall bis hin zu inneren Blutungen und Organversagen. Je nach Erregertyp verläuft die Seuche in bis zu 90 Prozent der Fälle tödlich.“ Man mag sich noch fragen, was mit dem einschränkenden „vor allem“ gemeint sein könnte. Das mag alles sachlich zutreffend sein, um Ängste abzubauen und die Gefahr einzuordnen ist dieses Video aber wohl eher ungeeignet.
    Es finden sich (wie ja auch in der „Bild“) durchaus auch relativierende Passagen, wenn auch nicht selten erst am Ende der Artikel, etwa: „Zustände wie in Westafrika sind in Europa oder in den Vereinigten Staaten nicht zu erwarten. Eine weltweite Ebola-Pandemie droht nach jetziger Kenntnis nicht. Umso wichtiger wäre es, die Bevölkerung gründlich zu informieren.“ (Quelle).

    Ja, aber wo findet diese gründliche Information statt? Wäre FAZ.net nicht ein guter Ort dafür?

    In die gleich Kerbe schlägt ein Expert in einer eigens veranstalteten „Leserkonferenz“ (Titel: Ist die Welt mit Ebola überfordert?):
    Gegen Hysterie hilft Aufklärung. Allerdings tun hierzu die Medien derzeit schon sehr viel, Webpage-Angebote von Robert Koch-Institut und Paul-Ehrlich-Institut sind hoffentlich auch hilfreich. Allerdings muss Information auch geholt werden.
    Daneben enthält die „Leserkonferenz“ vor allem Fragen zur Einschränkung des Flugverkehrs, zu Mücken als Krankheitsüberträgern und zur Entwicklung eines Impfstoffes. Zur in Deutschland (nicht) gegebenen Gefahr erfährt man hier auch eher wenig. Aber immerhin ein Hinweis, wo man sich (außerhalb der FAZ) erkundigen kann.

    Es gibt aber auch Lichtblicke. In dem eingangs erwähnten Stück „Etwas freie Haut kann tödlich sein“ heißt es über einen freiwilligen Helfer: „Außerdem befürchtet er, stigmatisiert zu werden, wenn er zurückkommt. Schuld daran sei eine Hysterie, verursacht durch falsche Informationen. Niemand ist ansteckend, solange er keine Symptome zeigt. Die Krankheit lässt sich managen, das Risiko einer Ansteckung ist gering, wenn man sich richtig verhält. Aber verstehen das die Leute zu Hause auch?“ Nun, es wird ihnen zumindest nicht immer sehr leicht gemacht. Auch das schon von @Michi (#3) verlinkte Tagesschau-Video thematisiert zwar die Hysterie im direkten Umfeld (u. a. die Redaktionen der „ZEIT“!) von Rückkehrern aus dem Seuchengebiet, gibt aber selbst kaum Informationen über die Gefahr von „Klobrillen, Türklinken und Haltestangen in U-Bahnen“ an die Hand.

    Aber wenn man lange genug sucht, findet man auch bei FAZ.net diesen Artikel (Ärzte warnen vor Ebola-Hysterie):
    Die Experten warnten vor einer Ebola-Hysterie in Europa. Die Erkrankung sei keine große Herausforderung für den Seuchenschutz […]Das Ebola-Virus an sich lasse sich „relativ leicht bekämpfen“. Patienten seien erst ansteckend, wenn sie Krankheitssymptome zeigten, das Virus werde nicht über die Atemluft übertragen und lasse sich leicht mit Desinfektionsmitteln zerstören. Bisher hätten sich auch in Spanien und Amerika nur Pfleger angesteckt, die direkten Kontakt zu schwerkranken Ebola-Patienten hatten. Weder Verwandte noch Ersthelfer seien infiziert worden.

    Geht doch. Aber man muss schon Geduld, Such- und Lesebereitschaft mitbringen. Sonst ist es nicht verwunderlich, wenn solche hysterievermeidenden Informationen nicht durchdringen.

    Ein weiterer Grund für übertriebene Ängste scheint mir auch darin zu liegen, dass in (zu) vielen Beiträgen eine starke Gesamtschau in einem zu großen Maßstab vorgenommen wird. Da geht es um die Ausbreitung der Seuche in Afrika oder in Deutschland insgesamt, sowie um die medizinische Ausstattung hierzulande. Das ist aber nicht unbedingt die Perspektive des Einzelnen, der Angst hat, sich bei einem Bekannten, Kollegen oder auch wildfremden Mitreisenden anzustecken. Den wird weniger interessieren, wie viele Leute nach ihm sterben, nachdem er sich angesteckt hat bzw. in einer der beschriebenen, perfekt ausgestatteten Einrichtungen eingewiesen wurde. Er hat schon Angst, einer der ersten zu sein, der sich bei einem unerkannt infizierten ansteckt, bevor all diese Maßnahmen greifen. An dieser Perspektive gehen die Beiträge, die vor allem die „Ausbreitung“ im Sinne einer Massenansteckung im Blick haben, ziemlich vorbei.

  16. 16
    Froben Homburger says:

    „Dabei hat BBK-Präsident Unger bloß gesagt, dass mehr Verdachtsfälle auftreten könnten, weil bald einige Ebola-Helfer aus Westafrika heimkehren werden und die Grippesaison beginnt.“

    Genau. Und deshalb heißt der dpa-Lead:

    „Bad Neuenahr-Ahrweiler (dpa) – Die beginnende Grippesaison und aus Westafrika heimkehrende Helfer werden nach Ansicht von Experten die Zahl der Ebola-Verdachtsfälle in Deutschland steigen lassen. Eine Ausbreitung des gefährlichen Virus hierzulande sei aber nach wie vor sehr unwahrscheinlich, sagte…..“

    Der dpa-Teaser zu diesem Text lautet:

    „Herbst und Winter sind typische Jahreszeiten für eine Grippe – und die beginnt mit ähnlichen Symptomen wie Ebola. Daher wird sich nun in Deutschland öfters mal ein Verdachtsfall ergeben, meinen Fachleute. Sie raten aber weiterhin zu Gelassenheit.“

    Ich zitiere das so ausführlich, weil sich vermutlich nicht allzu viele Leser dieses Blogs die Mühe machen, über die präsentierten Screenshots hinaus die verlinkten Texte zu lesen und dann noch einmal vorurteilsfrei zu prüfen, ob die Kritik an der dpa-Berichterstattung begründet ist oder aber ob sie einen Zusammenhang gepresst wird, in den sie nur bei mutwillig selektiver Darstellung und fahrlässig selektiver Wahrnehmung passt.

    Die üblichen Reflexe auf eine solche Darstellung zeigen sich prima beim unvermeidlichen Thomas Knüwer, der mich auf Twitter anpupste
    (https://twitter.com/tknuewer/status/532032854931537920), ob das noch seriöser Agenturjournalismus sei…

    Die Antwort ist ganz einfach: Die dpa-Berichterstattung war völlig korrekt und weit von jeder Panikmache entfernt, in deren Nähe Boris Rosenkranz sie rückt. Die Botschaft dieser PK war: Stellt Euch darauf ein, dass Ihr jetzt häufiger mit Ebola-Verdachtsfällen in Deutschland konfrontiert werdet. Das hat diese und jene Gründe, und daher muss das niemanden beunruhigen.

    Und genau so berichtete dpa. Die Hauptneuigkeit war eben nicht, dass die Experten „nach wie vor“ eine Ausbreitung von Ebola in Deutschland ausschließen. Das tun sie schon seit Monaten, und das hat dpa auch schon dutzendfach berichtet.

    Eine Eilmeldung wert gewesen wäre im übrigen dese Idee von Boris Rosenkranz:

    „Man könnte deshalb über eine entsprechende Nachricht schreiben: „Robert-Koch-Institut: Ebola in Deutschland ‚praktisch ausgeschlossen‘“

    Das ist natürlich Unsinn und hätte berichtigt werden müssen, wäre es eine dpa-Überschrift gewesen. Das RKI schließt ebensowenig wie andere Experten „Ebola in Deutschland“ aus – dass also Ebola nach Deutschland eingeschleppt werden kann. Auch Infizierungen bei der Behandlung von Erkrankten wie im Fall der Krankenschwestern in den USA und Spanien sind hierzulande theoretisch möglich. Für praktisch ausgeschlossen halten die Experten vielmehr, dass sich das Virus in Deutschland ausbreiten kann.

    (Klarstellung: Ich arbeite bei dpa)

  17. 17
    jokahl says:

    Tja, und nun halten mal alle kurz inne und beruhigen sich wieder. Ich finde, dass der dpa-Mann dem Post hier ganz schön die Luft rausgelassen hat.

  18. 18
    Susanne says:

    Habe mir schon öfter überlegt, was man gegen einen derart hohlen Journalismus, der diese Bezeichnung wirklich nicht verdient, tun könnte. Das mit der „Sonne aufs Berliner Springer-Haus“ ist doch mal eine fabelhafte Idee. Und könnte sie vielleicht auch noch ein paar andere Häuser unter sich begraben?

  19. 19
    alter Jakob says:

    Ich weiß nicht wieso da die Luft aus dem Artikel weg sein sollte. Froben Homburger schreibt doch nix neues, was BR noch nicht geschrieben hätte. Im Blogartikel wird ja auch dargelegt, wie Christoph Unger in der Meldung zitiert wird. Das ändert aber nix an der alarmistischen Überschrift. Und die hat Froben Homburger ja lieber nicht erwähnt.

    Btw.: Die eigentliche Information der Meldung ist ja, dass man Grippesymptome mit Ebolasymptomen verwechseln kann. Die Überschrift „Grippe kann falsche Ebolawarnung auslösen“, „Mögliche Ebola-Falschmeldung durch Grippesymptome“ oder „Anstieg falscher Ebola-Verdachtsfälle durch Grippewelle“ (oder wie auch immer) klingen alle halt nicht mehr so fetzig.

  20. 20
    Prescilla says:

    @Froben Homburger:
    Statt „Experten erwarten mehr Ebola-Verdachtsfälle in Deutschland“ hätte man doch titeln können: „Ebola-Fehlalarme wegen Grippesaison erwartet“. Herausgekommen ist aber eine reißerische Variante, die beim ersten, flüchtigen Lesen in die Irre führt. Gleichzeitig wird eine Kerninformation unnötigerweise weggelassen.

  21. 21
    Harald says:

    eigentlich kenne ich nur eine Seuche, die hier grassiert: Die Dummheit.
    Und die scheint in den Redaktionsstuben der BILD-Schreiberlinge bereits das Endstadium erreicht zu haben.

  22. 22
    Sebastian says:

    Ich finde das ok so mit der Panikmache. Genau wie beim Rinderwahnsinn dauert es ungefähr ein Jahr des ständigen Panikmachens, bis der Leser „imunisiert“ ist und wieder Rindfleisch futtert, während weiterhin CSD und BSE-Felde gemeldet werden.

  23. 23
    mama kaputtke says:

    Ist es denn die Aufgabe der Medien, zu beschwichtigen? Risiken scheint es ja zu geben, oder hat es nicht etwa bereits außerhalb von Afrika Todesfälle gegeben?

    Für mich gibt es keinen vernünftigen Grund, eine Ausbreitung zu riskieren, indem man z.B. immer noch Menschen aus den betroffenen Ländern ohne Quarantäne hier einreisen lässt. Bei einer Epidemie steht regionale Eindämmung ganz oben auf der Agenda. Niemand in Westafrika hat etwas davon, wenn die Krankheit jetzt auch noch exportiert wird.

    Was hier so schnell als „Panikmache“ abgetan wird, halte ich er für den Ausdruck durchaus gebotener Alarmbereitschaft. Darüber kann man sich aber natürlich lustig machen, vor allem, wenn man in irgendeiner Redaktion arbeitet und nicht in einem Großstadt-Krankenhaus.

  24. 24
    Pepito says:

    @mama kaputtke, #26
    Es ist nicht Aufgabe der Medien „zu beschwichtigen“, wohl aber angemessen sachlich über bestehende und vor allem nicht bestehende Gefahren zu informieren anstatt unbegründete Ängste zu schüren. Und dort, wo sie dieser Aufgabe nachgekommen sind weiß man dann auch, warum es durchaus „vernünftige Gründe“ gibt, nicht zu versuchen die Grenzen dichtzumachen und den Flugreiseverkehr lahmzulegen oder pauschal alle aus den Krisengebieten (oder gleich ganz Afrika) Einreisenden, inklusive der dort dringend benötigten Helfer, die zurückkomen, mal auf Verdacht ein paar Wochen unter Quarantäne zu stellen.

  25. 25
    nona says:

    Relation und Perspektive. Es werden ja auch jedes Jahr Unmengen(tm) von Menschen von Nashörnern und Nilpferden getötet, ohne dass darüber berichtet wird, aber es geht ungefähr jedesmal eine Agenturmeldung raus, wenn vor irgendeiner Küste das Wasser blubbert, weil ein Hai mal pupsen musste.

  26. 26
    Hannelore says:

    Baumholder: erste 50 US-Ebolaverdächtige in Quarantäne

    Mehr als 50 US-Sol­da­ten, die in west­afri­ka­ni­schen Ebo­la­ge­bie­ten wa­ren, sind nun in Baum­hol­der in Qua­rantä­ne.

    Toll, da bleibt Amerika ja verschont.
    Die Rheinland-Pfälzer tun ja alles für ihre guten Freunde.

  27. 27
    Andreas says:

    Wenn man hier das ganze Gebrüll wegen Ebola hört fragt man sich wirklich, wie weit ist es mit der Bürgerverblödung schon gekommen.
    Es stehen Zahlen der WHO im Raum die von 15000-16000 Infinzierten und von ca. 5000 Toten in den betroffenen Ländern sprechen. Bei solchen Zahlen von einer Epidemie zu sprechen ist schon ein Witz.
    Wenn man sich dann noch die Sicherungs- uns Schutzmaßnahmen der WHO anschaut
    (Flugberbote ?, Ein -und Ausreiseverbote?, Kontaktverbote?) wird einem schnell klar um was es sich hier handelt. Wie wurde schon treffend gesagt, Ebolaepidemie ist eine Erfindung Hollywood`s.
    In Deutschland erkranken jährlich (innerhalb von nur sechs Monaten) 200.000 bis 300.000 Menschen an Grippe, wovon ca. 15.000 bis 20.000 sterben und da spricht keiner von einer Epidemie und es werden dafür auch keine Millionen und Millarden € in die Hand genommen um diese Krankheit zu bekämpfen. Fragen wir doch mal nach wie es mit anderen epidemischen Krankheiten in Ländern der dritten Welt ausschaut, wo es zu hundertausenden Toten kommt. Wieviel Geld wird in die Hand genommen um diese zu bekämpfen.
    Es gibt auch eine weitere Frage die zu beantworten ist! Wer verdient an dieser Epidemie? Man sollte mal nachschaun, wie die Börse im Bereich Pharmaka vor und nach dem Ausbruch von Ebola reagierte und wer richtig dabei verdient hat.

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