Der Zufall muss genau geplant sein

29 Aug 98
29. August 1998
Süddeutsche Zeitung

Warum es so schwierig ist, eine Lottoshow zu entwickeln, für die sich auch die Zuschauer interessieren.

Auf 18 Seiten erklärten die Juristen der West-Lotto-Gesellschaft, was geht, was nicht geht, und auf welcher Seite des Ziehungsgerätes der Notar stehen muß. Spätestens da zweifelten die Fernsehleute von der Produktionsfirma GAT, ob die Lotto-Geschichte wirklich eine so gute Idee war. Fast alles, was Bestandteil einer klassischen Samstagabendshow wäre, fiel in die Kategorie Geht nicht: Geschicklichkeit und Wissen, um den Sieger zu küren, oder Spiele, bei denen einer wie Gottschalk unter Beifall des Publikums sagt: Ok, das lassen wir noch gelten.

Spätestens, als sie die Zufallsmaschinen sahen, zweifelten die Lotto-Leute, ob die Fernseh-Geschichte wirklich eine so gute Idee war. Die Kreativen von der GAT hatten einen Aufruf in einer Fachzeitschrift für Erfinder gestartet. Gesucht war eine witzige Konstruktion, mit deren Hilfe und Glück ein Gewinner gefunden werden sollte. Allein, daß die Fernsehleute sich vorstellen konnten, einen Millionär aufgrund einer von einem obskuren Menschen entworfenen obskuren Maschine zu bestimmen, ließ die Lotto-Leute frösteln.

Die Regularien von Lotto und die Regeln für eine gute Show gehen eigentlich überhaupt nicht zusammen, sagt WDR-Unterhaltungschef Hugo Göke. Deshalb ist es den Beteiligten nicht peinlich, daß die Lotto-Show schon vor Monaten hätte auf Sendung gehen sollen. Statt dessen überwiegt die Überraschung, daß es überhaupt geklappt hat. Für beide Seiten geht es um viel: Für die ARD ist die zweimonatliche Sendung einer der wichtigsten Bausteine in der proklamierten „Offensive“, die künftig an jedem Samstagabend eine Show vorsieht. Der Deutsche Lottoblock will neue Zielgruppen erschließen, weg vom Image der „anonymen Gelderzeugungsmaschine“, wie Winfried Wortmann, Geschäftsführer der federführenden Westdeutschen Lotterie in Münster, sagt. Das makellose Image darf darunter nicht leiden. Die Regeln, nach denen Lotto Millionäre macht, sind so ausgefeilt, daß die übliche Preisausschreibenfloskel fehlt, daß Mitarbeiter ausgeschlossen sind. Selbst der Lottochef darf Lotto spielen.

Der Lottoblock hat für die Show viel Geld freigeschlagen: eine Hälfte des Topfes, der für Sonderauslosungen bestimmt ist; das Geld stammt aus nicht abgeholten Lottogewinnen. Vor zwei Jahren beauftragte die Gesellschaft zehn Agenturen damit, Konzepte zu entwickeln, wie das Geld unter die Leute gebracht werden kann. Am Ende bekam die Münchner GAT, eine 49-Prozent-Tochter des Unterhaltungsriesen Endemol, den Zuschlag.

Als erstes mußte sie ein Grundproblem lösen: Über den Gewinn von Lottogeld darf nur der Zufall entscheiden. Das fängt beim Finden der Kandidaten an. Sie wurden aus dem Kreis der Spiel-77-Teilnehmer gelost. Weiter: Ob jemand sieben Tabletts balancieren kann oder die Hauptstadt von Marokko weiß, darf keine Rolle spielen. Ein reines Glücksspiel aber würde die Leute nicht 90 Minuten am Fernseher halten: „Es war schnell klar, daß wir aus dramaturgischer Sicht ein Problem kriegen“, sagt GAT-Producerin Nina Glattfelder. „Roulette ist nur spannend, wenn ich selbst 100 Mark auf Rot setze, nicht, wenn ich jemandem dabei zuschaue.“ Hunderttausendmal hätten die Showexperten in ihrem Konferenzraum neue Versionen an die Tafel gemalt, wie man aus 49 Kandidaten, die selber nichts tun dürfen, einen Gewinner zieht.

Die Lösung ist ein Umweg. Den potentiellen Millionären werden Kandidaten zugelost, die gut in ihrem Beruf sind. Stellvertretend spielen die in sechs ‚TopJob‘-Spielen gegeneinander. Ihre Partner kommen ins Finale und spielen um die Million. Im Grunde waren alle Beteiligten damit glücklich, und das war schon eine Menge. Schließlich steht hinter der Produktion nicht eine Lotto-Show-Firma, sondern elf ARD-Anstalten und 16 Landes-Lottogesellschaften.

Eine richtige „Abstimmungsmaschine“ sei entstanden, sagt GAT-Chefredakteur Andreas Lebert, wöchentlich der neueste Stand der Entwicklung protokolliert und durch die Republik gefaxt worden, mit Durchschlag für Moderatorin Ulla Kock am Brink auf Mallorca. Jede Spielidee, die die GAT-Leute im 5. Stock eines Bürogebäudes im Münchner Vorort Unterföhring entwickelten, wurde von den Lotto-Revisoren überprüft. Das sind Menschen, die sonst ihr Geld damit verdienen, Teilnahmebedingungen zu schreiben, und zwar so klein und engmaschig, daß nichts durchrutscht. „Ich werde nie die Blicke der Kreativen vergessen, als sie unseren Entwurf für eine Ziehungsordnung für die Sendung gesehen haben“, sagt West-Lotto-Prokurist Hans-Joachim Rotermund. Dabei war das als Hilfe gemeint: Wenn man wisse, wie eng das Korsett sei, könne man sich schließlich viel freier darin bewegen.

Kellner, die durch Massen tanzender Menschen balancieren sollen? Oh nein, sagten die Juristen, da könnten sich die Paare ja vor einem einzelnen Kellner ballen — abgelehnt. Ein Wissensquiz für Geographielehrer? Nette Idee, aber was, wenn alle auf keine Frage eine Antwort wissen? Und überhaupt: Wer gibt das Startkommando? Von wo? Hören das alle gleich gut? Im übrigen stehen in der Ziehungsordnung klassische Lotto-Sätze: „Vor Beginn der Lotto-Show vergewissern sich Ziehungsleiter und Notar/Aufsichtsbeamter von der Funktionstüchtigkeit und Vollständigkeit aller Ziehungsmittel.“ Dazu: Vorschriften, was zu tun ist, wenn der Strom ausfällt, wenn ein Kandidat ausfällt, wenn ein Vertreter eines Kandidaten ausfällt…

Heute heißt es aus München und Münster, daß alle Einsprüche und Was-wärewenn-Fragen die Spiele erst richtig gut gemacht hätten. Doch vieles spricht dafür, daß in München zwischenzeitlich Mordpläne geschmiedet wurden. Einmal beschlossen die Kreativen, in den einzelnen Top-Job-Spielen unterschiedlich viele Kandidaten gegeneinander antreten zu lassen. Geht nicht, sagten die LottoLeute, da sind die Gewinnchancen der zugelosten Lotto-Gewinner unterschiedlich. Geht wohl, sagten die Fernsehleute und ließen sich von einem Gutachten der Technischen Universität München bestätigen, daß mathematisch die Chancen gleich sind. Moment mal, sagten wieder die Lotto-Leute und machten eine eigene Umfrage, ob die Zuschauer das akzeptieren, bevor sie zustimmten. „Es reicht nicht, daß mathematisch alles genau ist“, sagt Rotermund. „Es muß auch vom Empfinden der Leute her gerecht sein.“

Immerhin seien die Lotto-Leute bis an ihre Grenzen gegangen, sagt Producerin Glattfelder. Geld, das Nicht-Lottospieler heute abend gewinnen können, stammt aus dem Werbe-Etat von Lotto. Da ließen sich die Beamten auch auf ein Telephonspiel ein, bei dem sie sich letztlich auf die Aussage der Telekom verlassen müssen, daß alles mit rechten Dingen zugeht. Bei den Preisen, die aus Lotto-Einzahlungen stammen, gab es dagegen nichts zu rütteln. Die Kugeln etwa, mit denen ganz am Schluß der Millionär bestimmt wird, bekommt kein Requisiteur in die Hände. Die legt ein Ziehungsbeamter ins Gerät.

Überhaupt, das Ziehungsgerät: Einerseits muß es durchsichtig sein, damit jeder Zuschauer sieht, daß bei den Kugeln nichts manipuliert ist. Andererseits muß es undurchsichtig sein, damit kein Verdacht entsteht, daß irgendjemand sehen kann, welche Kugel er zieht. Aktueller Stand: Die beschrifteten Kugeln stecken in unbeschrifteten Kugeln in durchsichtigem Gerät. Langsam ahnt man, wie es kommt, daß 3 Lotto-Angestellte und 20 GAT’ler sich seit Anfang des Jahres mit nichts als dieser Show beschäftigt haben.