Und nun das Wetter

08 Dez 99
8. Dezember 1999
Süddeutsche Zeitung

Es wird wärmer und menschlicher zwischen Azorenhoch und Blumenkohlwolken: Wie die Vorhersage durch das Privatfernsehen erst verständlich und dann Show wurde.

Die Geschichte des Deutschen Fernsehens lässt sich einteilen in Zeiten mit und ohne Frontensysteme. Deshalb können junge Menschen heute mit so vielen Begriffen nichts mehr anfangen. Subpolare Luftmassen. Ausläufer eines Azorenhochs, die in den nächsten Tagen wetterbestimmend wirken. Nordflanken, auf denen der Zustrom milder Meeresluft nach Mitteleuropa anhält. Oder das Wort „örtlich“, dessen Rolle in der deutschen Sprache sich weitgehend darauf beschränkte, die „Nebelfelder“ zu begleiten, mit denen zu rechnen war. Bis in die 90-er Jahre hielt der Zustrom endloser Sätze mit Substantivmassen an und wirkte im öffentlich-rechtlichen Fernsehen wetterberichtsbestimmend. Dann kam das Privatfernsehen und machte aus Frontensystemen eine aussterbende Art.

Dabei taugte schon die öffentlich-rechtliche Wetter-Geschichte für Revolutionen. 1977 hörte die ARD auf, das Wetter für Deutschland in den Grenzen von 1937 vorauszusagen. Bereits 1969 durfte Dr. Karla Wege im ZDF zunächst vor Pappen auf einer Stafette und später drei drehbaren Tetraedern den Wetterbericht präsentieren — zwei Jahre vor der ersten Nachrichtensprecherin.

Die Vorhersagen entsprachen den Prototypen öffentlich-rechtlicher Informationsvermittlung: Als staatstragender, höchst korrekter, überaus unverständlicher Bericht im Ersten. Oder als didaktischer Vortrag im Zweiten. Dr. Karla Wege und Dr. Uwe Wesp standen noch mit Zeige-Stöcken vor den Karten. Dass sie Wolken und Luftdrucklinien nicht erst in der Sendung aufmalten wie ein Lehrer, lag nur daran, dass die Kreide zu sehr gequietscht hätte, sagt Wesp.

Auch bei den Privaten spiegelt sich im Wetterbericht ihr grundsätzliches Prinzip: Entweder ganz schnell und knapp. Oder ausführlich, aber dann als Show. Bei Sat 1 turnte zeitweise ein glatzköpfiger Komiker namens Manfred Erwe, der heute für Lockenwickler wirbt, auf einer dreidimensionalen Karte herum. Dass er schneller in Vergessenheit geriet als alle wetterbestimmend wirkenden Tiefausläufer in der ARD, lag nach Meinung von Jörg Kachelmann aber eher daran, dass die Prognose so selten stimmte.

Uwe Wesp ist heute Sprecher des Deutschen Wetterdienstes, der auch Privatsender mit maßgeschneiderten Vorhersagen beliefert. „Bei den Öffentlich-Rechtlichen wird der Wetterbericht immer noch meist als Nachricht verpackt“, sagt er, und dafür gebe es gute Gründe. Mit einer Show komme man schnell in Schwierigkeiten: Wenn nämlich die Wetterlage, über die der Präsentator am Vortag Faxen gemacht hat, zu bösen Schäden führt, vielleicht Menschenleben kostet. Wetter ist eine ernste Sache.

Dass der Wetterbericht heute verständlicher ist, liegt nach Ansicht von Wesp vor allem an der Technik: Satellitenfilme, bunte Temperaturverläufe, computeranimierte Regenfälle. Die private Konkurrenz, die das Wetter als attraktives Zugpferd entdeckte, habe die Sache nur beschleunigt. Auch wenn es den Wettermann schmerzt, der den Menschen gern etwas beibringen würde: „Ob Hoch oder Tief ist den Leuten völlig schnurz, die wollen wissen, wie das Wetter wird.“

Kollege Kachelmann, Martin Luther der Wetterkarte im Ersten, sieht seine Arbeit überhaupt nicht durch die Privaten angestoßen. Aber ohne sie hätte er es vor fünf Jahren nicht — gegen den Widerstand des Jahrzehnte langen Wetterverwalters Hessischer Rundfunk — bis vor die „Tagesschau“ geschafft mit seiner flapsigen Form. „Das war die Revolution, aber wir haben‚s nicht gewusst“, sagt er. Kalkuliert war nichts. Er brachte einfach seine „gesunde Grundvulgarität“ mit. Wobei revolutionär weniger die vielzitierten „Blumenkohlwolken“ waren. Kachelmann sprach erstmals davon, dass es „kälter“ wird, und nicht von einem „Temperaturrückgang“. Und er schaffte die Niederschläge ab. Niederschläge! „Geregnet“ hat’s früher nie.

Heute wird sogar geflogen im Ersten. Mal von Erfurt nach Stuttgart, mal von Rostock nach Nürnberg führt ein Trickfilm unter Wolken oder Hagel hindurch. „Grotesk“ findet Kachelmann das, weil es nicht aussieht, wie ein Flug aussehen würde, und der Nutzen für den Zuschauer im Neblig-Trüben bleibt.

Aber es ist bunt und unterhaltsam und gelegentlich fliegt die Animation da vorbei, wo der Zuschauer zu Hause ist. Auch beim Wetter bedeutet „Quote“ nicht mehr nur die Trefferwahrscheinlichkeit bei der Vorhersage.