Dschungelcamp-Journalismus: Wie buchstabiert man „Vorabmeldung“?

25 Jan 15
25. Januar 2015

Immer mittags verschickt RTL in diesen Tagen eine Pressemitteilung, in der (mit einer Sperrfrist bis nach der Sendung) steht, was am vergangenen Tag im Dschungelcamp passiert ist und am späten Abend im Fernsehen gezeigt werden wird. Manche Medien übernehmen diesen Text einfach gleich mehr oder weniger komplett als eigenen Artikel. Zeitungen nehmen ihn als Grundlage für ihre Berichterstattung, damit sie schon am nächsten Tag über etwas berichten können, was eigentlich erst nach ihrem Redaktionsschluss zu sehen war.

Was den Haken hat, dass sie über etwas schreiben (müssen), das sie nicht selbst gesehen haben (können). Sie schildern das, was in der jüngsten Folge von „Ich bin ein Star – holt mich hier raus“ geschehen ist, ohne eigene Anschauung – allein auf der Grundlage einer Pressemitteilung von RTL.

(Natürlich weiß man ohnehin nicht, was wirklich dort passiert ist, sondern kennt nur die Auswahl und Inszenierung von RTL. Aber die Journalisten, die bloß auf der Basis der Pressemitteilung schreiben, haben – im Gegensatz zu mehreren Millionen Zuschauern – nicht einmal die gesehen.)

Das ist prinzipiell schon problematisch. Gestern war es das aber auch ganz konkret, denn die Zusammenfassung, die die Pressestelle von RTL vorab verschickte, war fehlerhaft. Sie schilderte den Ablauf der Dschungelprüfung mit größter Detailfreude – aber eben in diesen Details teilweise auch falsch.

Es ging um ein Spiel, in dem Maren Gilzer – unter erschwerten Bedingungen – Wörter buchstabieren musste. Sie stellte sich dabei erstaunlich ungeschickt an. Aber eben anders ungeschickt, als RTL es vorab behauptete.

RTL-Vorab:

1. Begriff „Dschungelkönigin“: Sonja Zietlow nennt den ersten Begriff und Maren taucht kopfüber, mit zugehaltener Nase, durch die trübe Brühe. Sie fischt sich einen Ball und fängt an zu buchstabieren: „D, S, C, H, U, S, E, G, K, Ö…“

In Wirklichkeit schien Maren Gilzer „Dschungel“ mit zwei G buchstabieren zu wollen – jedenfalls war nach „DSCHUNG“ Schluss.

RTL-Vorab:

3. Begriff „Hartwich“: Das „Un-Glücksrad“ dreht sich wieder und Maren ruft: „H, A, R, T, W, I, G.“ Daniel Hartwich: „Leider falsch.“

Nee. Maren Gilzer kam gar nicht bis zum G oder CH. Sie hatte schon das T vergessen.

RTL-Vorab:

8. Begriff „Python“: Maren: „P, Y, T, O, S.“ Falsch!

Die Gelegenheit, ein rätselhaftes S einzubauen hatte die frühere Buchstabenfee schon gar nicht mehr, weil sie wegen des fehlenden H gleich unterbrochen wurde.

Wenn Sie jetzt sagen, dass das doch komplett egal ist, haben Sie natürlich einerseits Recht. Andererseits aber auch nicht, wenn Sie sehen, wie viel Mühe sich zum Beispiel die „Bild am Sonntag“ gemacht hat, genau diese Informationen groß in Szene zu setzen:

Obwohl „Bild“ und „BamS“ einen eigenen Reporter in der Nähe haben, beruht die ganze Seite eben nicht auf irgendetwas, was ein Mitarbeiter der Zeitung selbst gesehen hätte, sei es in Australien oder vor dem Fernseher hier, sondern ausschließlich auf der (fehlerhaften) Vorabmeldung der RTL-Pressestelle. (Bin mir nicht ganz sicher, ob das mit „Mythos ‚Bild‘-Reporter“ gemeint ist.)

Natürlich ist der konkrete Fehler bei RTL passiert. Aber der größere, grundsätzliche Fehler besteht dann doch darin, über eine Fernsehsendung zu schreiben, die man gar nicht gesehen hat.

PS: Bei der „Bild am Sonntag“ kommt noch eigene Unfähigkeit hinzu. RTL schrieb:

5. Begriff „Paparazzi“: Maren: „Ach, nee.“ Und gefolgt von Benjamin taucht sie wieder ins trübe Wasser. Nach dem Auftauchen buchstabiert Maren erstmals richtig. Sie wirft den Ball, doch der fliegt daneben. Benjamin schmeißt und trifft. Ergebnis: Einen halben Stern.

Irgendwer in der „Bild am Sonntag“-Redaktion hat anscheinend nach dem „Ach, nee“ aufgehört zu lesen, und deshalb behauptet „Bild am Sonntag“ heute, Maren Gilzer hätte sich an dem Wort „Paparazzi“ gar nicht erst versucht. Im Gegenteil:

Der „BamS“-Artikel endet damit, dass das Blatt für Frau Gilzer freundlicherweise das Wort „Versagerin“ buchstabiert, allerdings: „V, E, R, S, A, G, E, R, I, N“ und nicht: „B, I, L, D, A, M, S, O, N, N, T, A, G“.

Nachtrag, 10:30 Uhr. Im E-Paper hat die „BamS“ die Darstellung geändert:

Nachtrag, 28. Januar. Anscheinend konnte das Blatt die Fehler auch in einem Teil der gedruckten Ausgabe noch berichtigen. Laut „Bild am Sonntag“ betraf das rund ein Drittel der Auflage.

20 Gedanken
  1. 1
    Peter Stollewerk says:

    Nebenbei (Off-Topic): Ihr sehr guter Artikel am Samstag in der FAZ zu IBES beschreibt es absolut treffend: Die Ironie und Selbstreflektion auf der Meta-Ebene wird langsam zu extrem führt sich ad adsurdum.

  2. 2
    Thomas K. says:

    Mir kann niemand erzählen, dass das keine Absicht von RTL ist, um mal zu testen, wer von den Journalisten die Sendung überhaupt sieht. Und die Autoren der Show haben wieder Kanonenfutter :)

    So doof sind die von RTL auch wieder nicht, den Inhalt ihrer wichtigsten Show nicht zu kennen.

  3. 3
    Michael says:

    Übrigens wurde einmal erwähnt, dass die Prüfung 10 Minuten dauern wird, hat dann ja aber 11 Minuten gedauert. Daraus können Verschwörungstheoretiker machen was sie wollen :-)

  4. 4
    Carlyle says:

    Kürzlich war mir ein doch recht gnadenloser Zusammenschnitt des Prüfungsgeschehens aufgefallen.

    Könnte es denn nicht auch so gewesen sein, dass man Frau Gilzer sich erstmal – wie in der Vorabmeldung – nach Herzenslust hat vergaloppieren lassen? Anschließend wurde die Aufnahme aus Zeitgründen (siehe #3, Extraumdrehungen des Apparates usw.) dann so zusammengeschnitten, als wäre nach dem ersten Patzer direkt Schluss gewesen. Die bereits zeitig abgefertigte Pressemitteilung hätte wiederum nicht mehr mitbekommen, was hinterher in der Schnittfassung tatsächlich zu sehen war und peinlicherweise einen falsch… äh… richtigen Eindruck erweckt.

  5. 5
    theo says:

    Thomas K.:

    Ich bin davon überzeugt, dass Sie sich irren.

    RTL will, dass über das Camp berichtet wird. Einige Zeitungen können das wg. Redaktionsschluss nur mit den Vorabmeldungen, sonst könnten Sie die Geschichte erst am übernächsten Tag bringen und hinkten permanent hinterher.

    Natürlich ist es grundsätzlich ein Fehler, über etwas zu schreiben, was man nicht gesehen hat. Nur wird wegen dieser Sendung niemand den Andruck der nicht vorrangigen Fernsehseite teuer nach hinten verschieben.

    Bliebe also nur noch, gar nicht zu berichten. Letztlich finde ich diesen Meldungs-Unfall weniger schlimm als z.B. über Ereignisse zu berichten, die noch gar nicht stattgefunden haben. Hier kann man den Journalisten allenfalls den Vorwurf machen, sie hätten sich nur auf RTL verlassen.

  6. 6
    Thomas K. says:

    @theo:

    Unsere Kommentare schließen sich ja nicht aus.

    Dass Zeitungen sich bei dieser Show teilweise auf die Vorabmeldungen beziehen und verlassen (müssen), ist klar. Solche Details, welcher Buchstabe falsch war, halte ich persönlich aber für unwichtig. Und deshalb ist es aus meiner Sicht hier perfekt möglich, die Journalisten ein bisschen zu veräppeln.

    Das passt doch gut zum Konzept der Show, die Medien sind dort ein beliebtes Opfer. Ich kann mir einfach beim besten Willen nicht vorstellen, dass sich solche PR-Profis 3 mal „vergucken“.

  7. 7
    theo says:

    #6:

    Ich weiß nicht, wer sich da „verguckt“ hat. Handelt es sich um ein Versehen, dann ist es unprofessionell von RTL, den Fehler nicht in mehr als zehn Stunden zu bemerken und zu korrigieren. Wäre es Absicht, dann würde ein noch weitaus größeres Maß an Unprofessionalität vorliegen. Zeitungsjournalisten finden so etwas ganz und gar nicht witzig, die RTL-Pressestelle wäre nicht mehr vertrauenswürdig und das könnte sich auch dieser Sender nicht leisten.

    PS: „Die Medien“ sind bei IBES kein Opfer. RTL braucht sie, um das eigene Produkt zu verkaufen.

  8. 8
    Thomas K. says:

    @theo:

    Ich denke, wir werden nie erfahren, ob es Absicht war oder nicht.

    Vielleicht habe ich auch einfach zu viel Phantasie, aber der Kommentar „Ups. Das tut uns leid.“ von RTL auf Niggemeier’s Fehlerhinweis liest sich für mich auch ironisch.

    Die ganze Show ist doch eine einzige Ironie, natürlich gibt’s dort auch Seitenhiebe gegen die Medien und deren Köpfe. Das Zusammenspiel zwischen beiden Seiten funktioniert seit Jahren perfekt. Beide profitieren doch gut voneinander.

    Und keine Zeitung wird sagen: „Wir sind sauer auf euch, weil wir was falsches abschreiben mussten. Das wars!“ Die werden sich leise ärgern und weiterhin berichten.

  9. 9
    Bernhard S. says:

    Ich lese meist die Kritiken von n-tv. Da denkt man ja zuerst einmal, dass die RTL nach dem Munde reden, weil sie zur RTL-Group gehören! Was man n-tv (online) aber dieser Tage hoch anrechnen muss: Die trauen sich was! Die Autorin zerreißt die Sendung so dermaßen, dass es mich wundert, dass die den Text überhaupt abdrucken (dürfen). Hier: „Irgendwann, wenn die Medien einen komplett durchgenudelt haben, realisiert man, dass das Meiste der „so hart verdienten Kohle“ bereits an den Fiskus ging. Diejenigen mit Manager halten sich mit Autogrammstunden bei Möbel Walther auf der brüchigen Leiter des Ruhms. Aber: Haben Sie sich mal gefragt, was passieren würde, wenn alle Camper gleichzeitig diesen schnöden Hilferuf quieken würden?“ Bei welt.de hingegen liest man meist nur, was die von RTL einem zuvor via PM servieren. Peinlich, diese faulen Redakteure. Soviel zum großen Qualitätsjournalismus.

  10. 10
    C. says:

    Dritter Absatz: Tippfehlerchen. Es sollte „was“ heißen und nicht „war“.

  11. 11
    Charly M. says:

    Im Zusammenhang mit dieser „Dschungelprüfung“ frage ich mich, ob RTL auf irgendeine Weise Einfluss genommen hat auf das Votum der Camp-Mitbewohner – denn diese haben ja, wenn man dem Sendungsablauf glauben darf, Maren Gilzer (und Benjamin Boyce) in diese Prüfung gewählt, ohne im Vorfeld deren Inhalt zu kennen. Fakt aber ist, dass kein anderer der Camp-Bewohner so gute Schlagzeilen im Zusammenhang mit einer Buchstabier(!)-Prüfung hätte liefern können wie gerade die Ex-„Buchstabenfee“ Gilzer – und tatsächlich wurde just sie in just diese Prüfung entsandt. Zufall?

  12. 12
    reraiseace says:

    Man könnte fast den Eindruck gewinnen, dass so mancher Journalist oder „Qualitätsjournalist“ das Recherchieren verlernt hat oder schlichtweg zu faul ist. Aber eben nur fast! Sonst wäre das nicht passiert. Hier ist es ja eher ein kleines Ding, aber man stelle sich das bei einer brisanten Meldung vor …

  13. 13
    Rene K. says:

    Auch in der Printausgabe der Bild am Sonntag findet sich die korrekte Darstellung der Dschungelprüfung. Wie auch immer die BamS das noch geschafft hat.

  14. 14
    ST says:

    Das Dschungelcamp ist einfach nur ein weiterer Beleg dafür, dass die Zeit für Papierzeitungen abgelaufen ist. Ja, eine Branche im Umbruch, aber die Schreibmaschinenhersteller mussten sich damals ja auch umstellen. Auf deren Gejammer hat nur keiner gehört. Oder haben sich etwa Journalisten aus Sympathie in den 90ern eine extra Schreibmaschine gekauft? ;)

  15. 15
    Grafschafter_Goldsaft says:

    „Wenn Sie jetzt sagen, dass das doch komplett egal ist, haben Sie natürlich einerseits Recht. Andererseits aber auch nicht, wenn Sie sehen, wie viel Mühe sich zum Beispiel die „Bild am Sonntag“ gemacht hat, genau diese Informationen groß in Szene zu setzen (…)“

    Deswegen ist es aber immer noch komplett egal, oder?

  16. 16
    Siegfried says:

    Was für ein Glück, dass unser Fernseher (oder der Sat-Empfänger oder die Antenne oder das Kabel) seit etwas über zwei Monaten kaputt ist. Da greife ich doch lieber zu einem schönen Computerspiel, als mir solch ein „Programm“ anzutun.

  17. 17
    Thomas says:

    Offen gesagt, interessiert mich das weniger als hemmungslos falsch von dpa übernommene Meldungen. Oder Produktplatzierungen, die von dpa geschickt, als Reise- oder Gesundheitsartikel online erscheinen.

  18. 18
    Steffen says:

    Das ist doch beispielhaft für alles, was in der Medienlandschaft passiert. Ein Symptom des Umbruchs, der sicherlich noch eine Weile anhalten wird, vom althergebrachten Printjournalismus zum …, tja zu was auch immer.

    Die Leute in den Redaktionen stehen immer mehr unter Druck, gleichzeitig gibt es das Angebot der PR-Agenturen, oder eben in diesem Beispiel, von RTL. Verständlich, dass man da zugreift – nur sollte diese Arbeitsweise nicht zum Normalfall werden. Sonst ist das (wankende) Vertrauen ganz weg.

    Es ist ja schon mal interessant, daß es zunehmend Medien gibt, die Medien kritisieren. Nicht, dass das schlecht wäre, aber mir fällt auf, dass ich die sehr viel öfter lese :-) und zunehmend denke ich mir, dass selbst ich eing uter Journalist geworden wäre. Daran hätte ich früher niemals gedacht…

  19. 19
    hrool says:

    Hallo Stefan, Du hast sicher schon mal vom Google-Ranking-Algorithmus gehört, durch welchen der ganze velinkte Schlonz unweigerlich AUFGEWERTET wird?!

  20. 20
    Klaus says:

    Mich würde wirklich interessieren, woher die Presseabteilung von RTL die falschen Informationen hat. Die saugen sich das doch auch nicht aus den Fingern.
    Ich sammle mal Optionen:

    1) Es war Absicht, um die Redaktionen mal eins auszuwischen.
    2) Es gab zwei Aufzeichnungen. Es wurde aber leider die falsche gesendet.
    3) Der Praktikant in der Presseabteilung war krank, so dass der Inhalt nur kurz am Telefon oder via SMS der Putzfrau übermittelt werden konnte. Die hat dann noch alles etwas ausgeschmückt und ‚rausgehauen.
    4) Die haben ein neues Spiel eindeckt: Stille Post!

    Wohlgesonnen würde ich ja auf 3) tippen. Alles andere fände ich reichlich kurios und zu weit hergeholt. Trotzdem ist das doch sehr wunderlich.

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