Mehr Flüchtlinge sind besser für die Überschrift – und für den Alarm

28 Jul 15
28. Juli 2015

Die „Berliner Morgenpost“ schlägt Alarm:

„Mehr als 400 Flüchtlinge pro Tag in Berlin“. Oder, wie es in der Online-Version heißt, „Mehr als 400 Flüchtlinge kommen pro Tag nach Berlin“.

Das sind ganz schön viele. Und die kommen gerade im Durchschnitt jeden Tag nach Berlin?

Nein. Im Durchschnitt waren es im Juli bis einschließlich vergangenen Freitag 213 Flüchtlinge, die pro Tag nach Berlin gekommen sind. „Mehr als 400“ kamen nur an drei einzelnen Tagen.

So steht es auch im Artikel der „Morgenpost“ selbst. Aber für die Überschrift war das wohl nicht dramatisch genug.

In der „Morgenpost“ heißt es:

In Berlin kommen zurzeit teilweise mehr als 400 neue Flüchtlinge pro Tag an. Am 6. Juli waren es 435, am 21. Juli mehr als 460, am 13. Juli sogar 473. Die Mehrzahl wird in Berlin aufgenommen und durchläuft hier das Asylverfahren. Der Anteil der Menschen, die auf andere Bundesländer verteilt werden, reichte an diesen Tagen von 125 bis 225. Das bestätigte Sozialstaatssekretär Dirk Gerstle der Berliner Morgenpost. An sieben weiteren Juli-Tagen wurden in der Zentralen Aufnahmestelle an der Turmstraße (Moabit) jeweils mehr als 250 Flüchtlinge registriert. Insgesamt kamen in diesem Monat bis einschließlich vergangenen Freitag mehr als 5100 Flüchtlinge nach Berlin, von denen rund 3200 vorerst in der Stadt bleiben.

5100 Flüchtlinge, von denen rund 3200 vorerst in der Stadt bleiben — das ergibt einen Schnitt von ungefähr 213 Neuankömmlingen pro Tag, von denen 133 vorerst bleiben. Ja, womöglich sind die immer noch ein Anlass für den Senat, „Alarm zu schlagen“.

Populisten und Rechtsradikale machen Stimmung gegen Flüchtlinge, und fast täglich werden Anschläge auf Unterkünfte verübt. Und in diesem Klima erweckt die „Berliner Morgenpost“ für eine möglichst knallige Schlagzeile auf der Titelseite den Eindruck, die Zahl der hier ankommenden Menschen sei noch viel größer, als sie tatsächlich ist. Das ist schon von besonderer Fahrlässigkeit.

[via Falk Steiner]

Nachtrag, 14:10 Uhr. Online hat die „Morgenpost“ die Überschrift geändert zu: „Teilweise mehr als 400 neue Flüchtlinge pro Tag in Berlin“. Unter dem Text merkt sie an: „Die ursprüngliche Überschrift dieses Artikels war ungenau und wurde geändert.“

39 Gedanken
  1. 1
    aloo masala says:

    In der Überschrift schiebt die Morgenpost die Schlagzeile dem „alarmierten“ Senat unter.

  2. 2
    Stefan Niggemeier says:

    @aloo masala: Vom Senat kommen ja auch die Zahlen.

  3. 3
    meykosoft says:

    „Das ist schon von besonderer Fahrlässigkeit.“ — und für Viele leider wohl auch ganz normales Tagesgeschäft…

  4. 4
    Kraeuselhirn says:

    Ich halte die Presse ja schon lange für die neuzeitliche Variante des Hofnarren. Hier offenbar die Räppelchenschwinger des Berliner Senats.

  5. 5
    Karlo says:

    Sie übertreiben mit ihrer Aussage „Populisten und Rechtsradikale machen Stimmung gegen Flüchtlinge, und fast täglich werden Anschläge auf Unterkünfte verübt.“ selber viel doller als die Berliner Morgenpost.

    Was es wirklich täglich gibt, sind brutalste Übergriffe von Flüchtlingen untereinander. Das taucht aber nur in den Regionalzeitungen auf.

    Von den angeblich 202 Übergriffen auf Flüchtlingsheime, über die die äh Wahrheitsmedien ausführlich berichtet haben, sind gerade mal gut 20 Stück Gewalttaten gewesen.

  6. 6
    Karlo says:

    Ich möchte meine Aussage unter Nr. 5 zurückziehen. Gerne löschen. Danke.

  7. 7
    danielkbx says:

    @Karlo: Das solltet ihr dringend nächsten Montag beim wöchentlichen PEGIDA-Kaffeekrrrrranz besprechen. Kann ja nicht sein, dass die vaterlandsliebende Deutsche hier noch als Verbrecher hingestellt wird, nur weil er mal ein paar Asylsuchende bespuckt hat.

  8. 8
    Dominik says:

    @Karlo „selber viel doller“

    O tempora, o mores!

  9. 9
    JMK says:

    @karlo und die restlichen „Übergriffe“ sind dann was? Übergabe von Willkommensblumen?

  10. 10
    Frank Reichelt says:

    @danielkbx, Dominik und JMK
    Was ist los mit Ihnnen, Kommentar # 6 nicht gelesen oder nicht verstanden oder nicht verstehen wollen?

  11. 11
    JMK says:

    steht doch trotzdem da. Wir sind doch hier nicht bei FB

  12. 12
    Ste says:

    Nr. 5 lebt.

  13. 13
    Georg says:

    Populisten und Rechtsradikale machen Stimmung gegen Flüchtlinge, und fast täglich werden Anschläge auf Unterkünfte verübt. Und in diesem Klima erweckt die „Berliner Morgenpost“ für eine möglichst knallige Schlagzeile auf der Titelseite den Eindruck, die Zahl der hier ankommenden Menschen sei noch viel größer, als sie tatsächlich ist.

    Angenommen, die Schlagzeite wäre gewesen: Mehr als 200 Flüchtlinge pro Tag in Berlin. Wäre der Effekt für Populisten und Rechtsradikale ein anderer?

  14. 14
    gebimmel says:

    @13: worauf wollen Sie hinaus?

  15. 15
    Mycroft says:

    Man muss kein Öl ins Feuer gießen, wenn es auch von alleine brennt.

  16. 16
    Christoph says:

    @14 evtl, dass es egal ist ob da 400 oder 200 pro Tag steht. Denn den Populisten reicht auch 1er Pro Tag um sich auf zu regen.

  17. 17
    Ste says:

    @16: Natürlich macht es an sich keinen Unterschied, aber dennoch ist das Kalkül der Redaktion sehr beredt und gefährlich. Ich denke nicht, dass das hier kein aus Versehen passierter Fehler ist.

  18. 18
    Ste says:

    im letzten Satz: ein statt kein.

  19. 19
    gebimmel says:

    @16: nun ja, vielleicht gibt es ja auch noch den Teil der Leser, die sich gerade eine Meinung bilden und nicht schon eine haben. Da fände ich es schon schön, wenn da die richtige Zahl stehen würde.

  20. 20
    Ste says:

    Ich denke vom Prinzip „Bild Dir Deine Mienung“ sind wir nun schleichend zum Prinzip „Stimmung machen“ gekommen, das muss man begreifen, was das bedeutet.

  21. 21
    Christoph says:

    @16+19 Ja, da habt ihr auch recht. Ich finde es auch unmöglich 400 statt 200 zu schreiben. Nur macht es für die Populisten tatsächlich keinen Unterschied. Und ich denke, das ist was @13 sagen wollte.

  22. 22
    JUB 68 says:

    @14
    Das Zitat in #13 von SN beinhaltet den Vorwurf, das derartige Schlagzeilen in ihrer Verfälschung geeignet sind, Öl in bereits brennende Feuer zu gießen.
    Georg fragt dagegen, ob eine Schlagzeile mit korrekter Zahl nicht ebenso Öl in die Feuer gewesen wäre.
    Nachvollziehbar insoweit, dass Populisten und Rechtsradikale in ihrer Stimmungsmache sicher nicht davon beeinflusst werden ob es zweihundert Flüchtlinge mehr oder weniger sind.

    Der Vorwurf ist aber dennoch in einem anderen Punkt berechtigt, den Georg verkennt und den Herr Niggemeier womöglich beim Leser als Schlussfolgerung voraussetzt. Es geht dabei um den sogenannten „besorgten Bürger“, dessen Fremdenfeindlichkeit nicht einer Ideologie entspringt, sondern diffusen Ängsten, die aus mangelnder Aufklärung resultieren.
    Ebendieser Bürger ist bereit, Flüchtlinge in einem bestimmten Rahmen zu akzeptieren, der ihm in seiner Wahrnehmung nicht den völligen Kontrollverlust mitbringt.
    Dieser Bürger feilscht um Zahlen, er verlangt nicht sofort den absoluten Stopp.
    Seine Ortsteil- oder Kleinstadtinitiative würde 150 Leute in der ehemaligen Berufsschule akzeptieren, die angedachten 500 auf gar keinen Fall. Wird ihm hier nicht willfahren, leiht er sein Ohr natürlich wesentlich bereitwilliger den Leuten, die Rechtspopulismus betreiben.
    Deswegen sind solche Fahrlässigkeiten eben auch zu kritisieren.

  23. 23
    aloo masala says:

    @Stefan Niggemeier: Die Überschrift der MoPo ist eine Falschdarstellung der Zahlen des Senats, die zugleich (wie du schon festgestellt hast) irreführend ist. Die Aussage im Titel ist durch keine vom Senat bestätigte Aussage im Artikel gedeckt (ich berufe mich hier nur auf Deine Zitate der MoPo).

  24. 24
    Karlo says:

    @JMK
    „@karlo und die restlichen „Übergriffe“ sind dann was? Übergabe von Willkommensblumen?“

    Ich weiß nicht was die anderen Übergriffe sind. Es sind aber keine Gewalttaten. Vielleicht Sachbeschädigungen?
    Siehe hier (http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2015–07/fluechtlingsunterkuenfte-uebergriffe-anstieg) :
    „so zählte das Bundesinnenministerium in den ersten sechs Monaten dieses Jahres 202 Übergriffe.
    Darunter seien 22 Gewalttaten und 173 rechtsextremistisch motivierte Übergriffe, teilte das Ministerium mit. 26 Delikte konnten bislang keinem politischen oder sonstigen Motiv zugeordnet werden. “

    Aber eigentlich will ich diese Diskussion hier gar nicht führen. Ja, es gibt Übergriffe und die Morgenpost übertreibt unnötig. Deswegen möchte das hier nicht weiter relativieren.

  25. 25
    Ste says:

    Naja, lieber Karlo, damit fängt das alles aber auch irgendwie an: Mit Wortklauberei. Sowas ähnliches machen auch kleine Kinder: die Hände aufs Gesicht halten, wenn ihnen die Realität unerträglich wird.

  26. 26
    aloo masala says:

    @Karlo

    Zu den Übergriffen zählen die Behörden laut Reuters auch pauschal Proteste vor Flüchtlingsunterkünften. Das heißt, Behörden erfassen die Ausübung eines Grundrechts zusammen mit Strafdelikten als „Übergriff“. Das ist ein „Übergriff“ gegen die Meinungsfreiheit, die auch für diejenigen gilt, deren Meinung wir verachten.

    Um Missverständnisse zu vermeiden, meine Solidarität gilt den Flüchtlingen und ich lehne die Haltung der Asylgegner als menschenverachtend ab. Allerdings akzeptiere ich keine Behörden und keine Berichterstattung, die dazu beitragen, Grundrechte zu untergraben.

    Näheres hierzu: https://​hogymag​.wordpress​.com/​2​0​1​5​/​0​7​/​2​4​/​e​i​n​e​-​a​t​t​a​c​k​e​-​a​u​f​-​d​i​e​-​m​e​i​n​u​n​g​s​f​r​e​i​h​e​it/

  27. 27
    wonko says:

    @aloo masala

    Wobei man sich ja schon fragen kann, warum die „besorgten Bürger“ ihr unbestrittenes Grundrecht ausgerechnet vor Flüchtlingsunterkünften ausüben müssen. Wäre nicht beispielsweise das Rathaus der angebrachtere Ort dafür?
    Wenn sich die Massen vor der Flüchtlingsunterkunft versammeln liegt der Verdacht nahe dass es eben nicht nur um legitimen Protest geht, sondern auch beispielsweise um Einschüchterung geht.

  28. 28
    HERDIR says:

    Der „besorgte“ Bürger werden von besorgten Journalisten mit Informationen bestückt …

    Am meisten beruhigt mich die Mitmenschlichkeit und sorgfältige Wortwahl in den Meldungen der Medien … man spürt die gewissenhafte Abwägung zwischen Information und Interpretation … Auch das einfühlsame Zurückhalten von Marktschreierischen Tendenzen ist ein Ergebnis des umfangreichen und sorgfältigen Quellenstudiums … Nebensache zu erwähnen, dass immer ein deutlicher Hinweis auf die verbrieften Grundrechte eines JEDEN Menschen in den Artikeln mitschwingt … Umso erstaunlicher warum die „besorgten“ Mitbürger sich immer noch sorgen und nicht tatendurstig und mitfühlend die staatlichen Institutionen unterstützen um den Menschen die Hilfe brauchen, Hilfe zu gewähren …

  29. 29
    Finn Claas says:

    Jetzt stimmt die Überschrift doch mit dem Inhalt überein. Kein Grund mehr zur wohlfeilen Empörung?

  30. 30
    ST says:

    Die Empörung war nicht wohlfeil, denn die pubilkumswirksamere Printausgabe lässt sich nicht mehr korrigieren! Und wenn der Fehler so einfach zu überprüfen ist — warum war er dann überhaupt drin??
    Das ist doch das eigentliche Problem: Für die Hoffnung auf ein paar mehr verkaufte Exemplare werden falsche Informationen hinausgeschrien. Ob wohl morgen an gleicher Stelle der Fehler auch korrigiert wird?

  31. 31
    Finn Claas says:

    Überschriften spitzen oft zu. Es empfiehlt sich, den Artikel darunter zu lesen.

  32. 32
    ST says:

    Was ist der Unterschied zwischen einer Zuspitzung und einem mutwilligen Fehler?
    Headline: „Erde ist eine Scheibe!“
    Artikel: „Doch nicht.“
    Mein Problem ist, dass hier mit echten Menschenleben als Einsatz gepokert wird. Es geht nicht um Banalitäten, wie sonst manchmal.

  33. 34
    aloo masala says:

    @wonko

    Es geht nicht darum, aus welchen verschlagenen Motiven Rechtsextreme von ihrem Grundrecht Gebrauch machen. Es geht darum, mit welchen verschlagenen Motiven Behörden versuchen die Ausübung von Grundrechten zu desavouieren. Diese Mechanismen staatlicher Seite und auch bei Teilen der Medien beschränkt sich nicht nur auf die Gruppen, die wir verachten, sondern wird auch gegen Bestrebungen verwendet, mit denen wir uns möglicherweise solidarisieren.

    Einfaches Beispiel: Der Umgang mit Journalisten wie Greenwald.

  34. 35
    aloo masala says:

    @Finn Claas

    Die Überschrift ist immer noch nicht inhaltlich korrekt. Die Aussage, der „Senat schlägt Alarm“ ist eine Interpretation der MoPo, die als Fakt erklärt wird.

    Es bleibt eine sensationslüsterne Schlagzeile, die weiterhin irreführend ist und zugleich fahrlässig ist. Die Schlagzeile ist irreführend wie Werbung, die Flüge nach New York für einen Billigpreis ab 90 € anpreist. Die Schlagzeile ist deswegen auch fahrlässig, weil angesichts der zunehmenden Attacken gegen Flüchtlingsheime suggeriert wird, dass zu viele Flüchtlinge nach Berlin kommen und das Land Berlin damit nicht fertig wird (Senat schlägt Alarm). Verantwortungslose kann man eine Schlagzeile zu solchen Themen nicht machen.

  35. 36
    Twipsy says:

    Anscheinend gibt es aber noch Orte in Berlin, wo man seine Ruhe hat. Schön für Frau Nick.

  36. 37
    Mats says:

    Wenn man schon Zahlen nennt, dann sollten sie auch stimmen. Und dass die Höhe der Zahl relevant ist, scheint ja auch die MoPo vorauszusetzen. Sonst hätte sie ja „ein paar“ oder „ganz viele“ schreiben können – je nach Ansichtsweise.

    Vielleicht heißt es demnächst auch mal: „Dortmund deklassiert Bayern: 2 Tore pro Minute“, wenn Dortmund mal 2:1 gegen Bayern gewinnt, aber beide Tore innerhalb von z.B. 55 Sekunden gefallen sind.

  37. 38
    Zaungast says:

    Die Korrektur der MoPo finde ich ja besonders… entlarvend, muss man wohl dazu sagen: Jetzt ist die Überschrift inhaltlich korrekt — und zwar so korrigiert, dass man dabei immer noch mit der schön großen, furchterregenden Zahl „mehr als 400 pro Tag“ hantieren kann.

    Es ist glasklar offensichtlich, dass damit beim „besorgten Bürger“ die Reaktion „huiuiui, DAS sind aber jetzt echt viele!“ ausgelöst werden soll. Denn wenn man einfach nur neutral und objektiv über das Flüchtlingsaufkommen berichten wollte, dann wären die über den ganzen Monat (oder gerne auch über einen noch längeren Zeitraum) gemittelten Daten deutlich aussagekräftiger, als wenn man so auf die drei Spitzenwerte abhebt.

    Dass genau diese Stoßrichtung aber, auch nachdem man sich offenbar in der Redaktion mit den genannten Zahlen näher befasst hat, weiterhin aufrecht erhalten wird, macht deutlich, dass es eben nicht um neutrale Berichterstattung geht, sondern um subtile Stimmungsmache. Und gerade dass es so subtil ist, die genannten Zahlen ja nicht falsch sind, macht es in meinen Augen besonders perfide und ekelhaft.

  38. 39
    malvar infected says:

    Moralisch gesehen ist diese Handlungsweise war durchaus fragwürdig, aber aus Sicht der Zeitung eine klasse Sache:
    Zuerst einmal generiert die Schlagzeile Aufmerksamkeit, juhu!
    Im „schlimmsten“ Fall verstärkt der Artikel den Ausländerhass und führt zu spektakulären Straftaten (vielleicht sogar mit TOTEN! *sabber*), über die man wieder tolle Schlagzeilen schreiben kann, die Aufmerksamkeit generieren…

    Also alles in allem eine super Sache, bei der die Zeitung nur gewinnen kann!

Trackbacks & Pingbacks

Comments are closed.