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Stefan Niggemeier | Körperteile-Challenge

Körperteile-Challenge

15 Mai 16
15. Mai 2016
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Ich habe das vielleicht traurigste Youtube-Video der Welt gesehen. Es trägt den Titel „Welcher Youtuberin gehören diese Titten“, und es ist nicht das, was Sie jetzt glauben.

Die deutsche Youtube-Welt wird seit einigen Monaten von einem Genre heimgesucht, das man „Körperteile-Challenge“ nennen könnte. Zwei Jungs sitzen vor deKr Kamera, zeigen einander Fotos von Brüsten oder Pos und raten, wem sie gehören.

Das ist einfältig, aber nicht sehr dramatisch: Die Fotos, die als Material dienen, sind aus dem unerschöpflichen Fundus öffentlicher Selbstdarstellungsdokumente auf Instragram und ähnlichen Kanälen. Alles atmet den Geist der Ferienlager-Abendgestaltung pubertierender Schüler: sehr peinlich anzusehen, wenn man nicht selbst Teil der Clique ist.

Schöner war’s, als diese Vergnügungen noch nicht vor der digitalen Weltöffentlichkeit stattfanden, und schöner wär’s, wenn die jungen Leute die Möglichkeiten von Webvideos kreativer nutzen würden – aber das sind beides natürlich sinnlos-spießige Erwachsenen-Gedanken.

Der Erfolg dieser Anatomie-Heim-Quiz-Shows ist allerdings bemerkenswert: Einige von ihnen sind über eine Million Mal angesehen worden. Das ruft immer mehr Nachahmer auf den Plan. Die Youtube-Trends sind oft voll mit Varianten von „Welchem Youtuber gehört der Arsch?!“ und „Youtuber Brüste erraten extrem!“ – oft beworben mit Standbildern, die sehr sexuelle Inhalte versprechen.

Ein Tiefpunkt schien in der vergangenen Woche erreicht, als MarcelScorpion, ein bekannter hauptberuflicher Youtuber, mit seinem Kumpel Haptic ein Video veröffentlichte: „Welcher Youtuberin gehört diese F**ze?!“ Ihre Variante bestand darin, mit Fotoausschnitten zu spielen, die den Unterleib von Personen zeigten, bekleidet natürlich. Dazu sagten die beiden immer und immer wieder das F-Wort, jedes Mal überpiept. Es wirkte fast wie eine Parodie auf die Plumpheit all dieser Videos.

Stellt sich raus: Es war wirklich eine Parodie. Marcel hatte sich sogar, als Signal, eine Perücke aufgesetzt (was aber bloß zur Nachfrage führte, ob er nicht mal wieder zum Friseur wolle). Verstanden wurde das Video anscheinend von den wenigsten, geklickt aber massenhaft.

Und so haben Marcel und Haptic in dieser Woche ein Erklärvideo nachgeschoben, natürlich unter dem Titel „Welcher Youtuberin gehören diese Titten“, in dem sie sich beklagen: Überall die Bekloppten, die sich solche Videos angucken, und überall die Bekloppten, die sich solche Videos angucken, nur um sich über sie zu beklagen. Darüber, dass man ihnen zutraut, so ein Video im Ernst zu machen, und darüber, dass man es ihnen nicht zugesteht, auch mal so ein Video zu machen, im Ernst, aus Spaß, als Protest – und weil es eben super geklickt wird.

Marcel beklagt sich, dass solche Billig-Videos viel besser geklickt werden als gute, aufwendige Sachen. Er verheddert sich hoffnungslos in seinen Erklärungen, dass doch klar sei, dass er in seinen Videos immer nur eine Parodie darstelle, darin aber ganz oft auch „real“ sei. Und sagt Sätze wie: „Man muss gucken als hauptberuflicher Youtuber, wo man bleibt. Und Erfolg bekommt man durch so was. Man muss sich anpassen. Ich passe mich auf einem solchen Level an, dass ich immer noch Marcel bin, aber trotzdem immer noch erfolgreicher werden kann.“ Und das ist noch trauriger als all die traurigen Titten-Rate-Videos.

8 Gedanken
  1. 1
    Tom says:

    Wirklich guten und v.a. echten ungeschminkten Content gibt es beim Drachenlord. Aktuell zwar ohne Strom und ohne Internet und mit 15000 Euro Schulden, aber er ist wenigstens ehrlich (also er lügt viel, aber das macht er sehr konsequent und seriös). Da ist zwar vieles sehr traurig, aber nicht gestellt/gesponsort/aufgesetzt/klickgeil/famegeil wie der ganze Abschaum… Man kann herzhaft lachen, weinen und mitfiebern ohne daran zu denken, dass man nur verarscht wird. Und ein paar so ähnliche Kaliber gab/gibt es zum Glück auch noch. Axel Stoll (RIP), Creeper Darkos (Jackass!) u.v.a. sind die wahren YouTube Stars, weil sie auf ihre eigene Art und Weise ohne Hintergedanken ihre Zuschauer liebten und nicht melken.

  2. 2
    Siegfried says:

    Wenn Frauen Sowas machen, dann gibt es dafür den seit Langem etablierten Begriff „Prostitution“ dafür. Nun ja, Jedem das Seine.

  3. 3
    Sigur Ros says:

    Schön, das hier zumindest sporadisch wieder Content veröffentlicht wird. Auch wenn meinen Kommentar wahrscheinlich eh keiner mehr liest, aber zum Thema: Ja, es ist echt deprimierend zu sehen, auf was für einem nicht vorhanden Niveau die deutschen Youtuber agieren. Man ha(ä)tte ja die Hoffnung (haben können), dass wenn schon das Fernsehen sich ungenügend um Nachwuchs kümmert, sich dieser umso mehr bei YT tummeln sollte, aber leider scheint die deutsche Youtube-Jugend neben den obligatorischen Let’s Plays und Beauty-Tipps ausschließlich aus pseudo-coolen Checkern und Hipstern (oder wie immer man sie aktuell nennt) zu bestehen, deren Horizont über Brüste, Hintern, Hiphop und Trend-Klamotten nicht hinauszukommen scheint. Wie man es richtig macht, beweisen die Amis, bei denen YT so geniale, einflussreiche Entertainer wie Angry Video Game Nerd und Nostalgia Critic hervorgebracht hat. Warum ist sowas nicht bei uns möglich?

  4. 4
    Susanne says:

    Leider ist das nichts Neues. Das deutsche Fernsehen springt seit Jahren ohne Sinn und Verstand auf jeden Zug auf, der vorher erfolgreich war. Und auch dort ist das oft sehr peinlich…

  5. 5
    Thomas Anklam says:

    Schreibt jetzt auch die FAZ wirklich aufwändig mit ‚E‘?

  6. 6
    Rene K. says:

    Im letzten Satz des zweiten Absatzes hat sich ein Tippfehler eingeschlichen („…vor deKr Kamera…“).

  7. 7
    Sir Apfelot says:

    Was soll man dazu sagen… Youtube hat auch gute Inhalte, aber die erfolgreichsten Youtuber machen leider Content, der den Namen nicht verdient. :(

  8. 8
    Cornelius says:

    Das ist aber auch echt kein geiler Job, sich solche Videos, das zugrunde liegende Original, dann follow-up videos, Kommentare dazu, Meta-Kommentare und noch vieles mehr anschauen, lesen und dann möglichst originell kommentieren zu müssen.

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