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Stefan Niggemeier | Charité

Charité

02 Apr 17
2. April 2017
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Es liegt also an mir.

Die deutschen Fernsehzuschauer lieben „Charité“, die große historische ARD-Krankenhausserie von Sönke Wortmann. Über acht Millionen haben die erste beiden Folgen eingeschaltet, über sieben Millionen die dritte, und es wäre ebenso kindisch wie aussichtslos, ihnen das ausreden zu wollen; sie zu schütteln, ihnen Programme zu zeigen wie „The Knick“, die historische Krankenhausserie von Steven Soderbergh, damit sie sehen, wie man solche Geschichten auch erzählen könnte, sie nochmal zu schütteln und ihnen dann lange Vorträge darüber zu halten, was an der Erzählweise und Inszenierung von „Charité“ so ermüdend ist und so wenig packend, wenn sie offenbar gepackt sind und nicht ermüdet – oder ihnen vielleicht sogar, im Gegenteil, diese gewisse Müdigkeit beim Fernsehen ganz angenehm ist.

Als ein „Event“ hat die ARD „Charité“ verkauft, und die Zuschauer machen es tatsächlich zu einem: Der Aufwand ist groß, die Schauspieler sind groß, die Kulissen sind groß – und das Publikum vor den Fernsehgeräten ist nun auch groß. Aber ich sitze davor und möchte irgendwen schütteln, zur Not die Figuren, die ausnahmslos Sätze sagen, mit denen sie sich, ihr Handeln, ihre Absichten und vor allem: ihre Funktion in der Serie und im geschichtlichen und gesellschaftlichen Gesamtbild erklären. Nichts geschieht einfach so, nichts bleibt unausgesprochen, es gibt kein Geheimnis. Alles ist dem Ziel untergeordnet, dem Publikum zu erklären, wie das damals genau war, in Berlin, als die moderne Medizin ihren Anfang nahm, und die Männer lebten und forschten, nach denen heute Institute und Kliniken benannt sind.

Es ist Schulfernsehen als Event, und dagegen ist überhaupt nichts einzuwenden, insbesondere weil das deutsche Fernsehpublikum das ja zu schätzen weiß: Ein Programm, das schöne Kulissen, eindrucksvolle Bärte und lustige Schwesternhauben hat; in dem Pferdekutschen über Kopfsteinpflaster rollen, wie man das aus solchen Programmen kennt; in dem man staunen kann, wie die Leute damals über Telefone und Fotoapparate staunten, und in dem alle halbe Stunde jemand sagt, dass Frauen damals überall schon Ärzte werden konnten, nur im Deutschen Reich nicht.

Der überragende Erfolg von „Charité“ wird die deutschen Fernsehsender dazu animieren, in Zukunft mehr große, konventionelle, lehrreiche Serien zu drehen, und das ist natürlich auch richtig so.

Nur ich bin raus.

8 Gedanken
  1. 1
    Jens Hartmann says:

    Ich finde die Serie insgesamt besser als erwartet. Der Vergleich zu „The Knick“ ist nicht ganz fair, denn diese Serie mit Clive Owen ist im Wesentlichen fiktional und kann daher in Sachen Handlung und Dramaturgie viel freier agieren und muss weniger Rücksicht auf historische Fakten nehmen. „Charité“ möchte eben den realen Akteuren von damals (Koch, Behring, Ehrlich) ein filmisches Denkmal setzen und beschränkt damit naturgemäß sein Erzälpotential.

    Allerdings stimmt es schon, dass „Charité“ besseres Fernsehen hätte sein können. Die fiktionalen Elemente, also v. a. die Figur der Ida Lenze, aus deren Sicht das Publikum maßgeblichen Einblick in den Krankenhausalltag bekommt, haben durchaus erzählerische Schwächen. Die Lenze-Figur wird schlecht eingeführt, fast ihre ganze Hintergrundgeschichte wird nur behauptet und nicht gezeigt. Mir als Zuschauer fiel es schwer eine emotionale Bindung zu ihr aufzubauen, obwohl sie eigentlich das Herz der Geschichte sein müsste. Zudem sind ihre Dialoge mit Behring und Tischendorf von ständigen Wiederholungen geprägt und ihr bisheriger Handlungsfaden eher langweilig.

    Dennoch gelingt es Wortmann imho diese Periode der deutschen Geschichte facettenreich, visuell interessant und hinreichend glaubwürdig darzustellen. Sie wirkt auf mich weniger glatt und unglaubwürdig konstruiert, als so viele andere deutsche Serien. Daher freue ich mich über ihren Erfolg, der hoffentlich ein Signal für die ÖRs ist, mehr Geld in aufwändige Serien zu stecken.

    Übrigens finde ich „Charité“ insgesamt deutlich gelungener als die zeitgleich gesendete ZDF-Serie „Der gleiche Himmel“, die zwar ebenfalls aufwändig inszenierten Zeitkolorit bietet, aber erzählerisch teilweise lächerlich daherkommt und am Ende alle drei Handlunsgstränge einfach mitten in der Erzählung abbricht ohne sie zu einem halbswegs befriedigenden Ende zu führen. Sollte eine Fortsetzung geplant sein, ergeben die Texttafeln am Schluss keinen Sinn.

  2. 2
    Alberto Green says:

    Ich habe die ganze Zeit auf den Schnitt gewartet; dass dann Sönke Neitzel oder Alexander Demandt oder Stefan Weinfurter da sitzen und etwas Lustiges aus dem Nähkästchen der Geschichte plaudern. Grauenvoll.

  3. 3
    CH64 says:

    @Jens Hartmann
    Interessant, dass sie hinreichende Glaubwürdigkeit attestieren. Ich war nach einem kurzen, im Vorfeld veröffentlichtem Video schon bedient. In den kurzen Film haben die Macher schon bewiesen, dass sie keine Ahnung von Studentenverbindungen und im speziellen Burschenschaften haben. Da geht alles durcheinander. Die Sitzen sogar bei der Kneipe im Karzer. Warum soll ich für ein fröhliches Beisammensein in den Knast gehen?
    Wer es mit eigenen Augen sehen will: http://www.daserste.de/unterhaltung/serie/charite/videos/2_die-burschenschaften_cc_18-12-16-100.html

  4. 4
    Jens Hartmann says:

    @3 CH64:
    Teilweise interessante Richtigstellungen im Kommentarbereich dazu. Ich muss mich wohl korrigieren: Es wirkte für Nichtkenner von Burschenschaften authentisch. Wenn das stimmt, was die Leute da kritisieren, hat die Produktion da offenbar heftig geschlampt.

  5. 5
    Juliane says:

    Im Podcast http://www.kleinesfernsehballett.de kam Kritik leidenschaftlicher auf den Punkt. Nee, das ist überhaupt nicht „richtig so“. Das ist oll und gehört angeprangert.

  6. 6
    Karin Siebert says:

    Danke für die Warnung! Habe zwar sozusagen instinktiv einen Bogen gemacht aus der Erfahrung heraus, dass deutsche Fernsehproduktionen eben ihre Grenzen haben, aber dann kann man sich den Versuch bei einef Wiederholung auch sparen.Danke f

  7. 7
    Tobias says:

    Ist nicht das Unbeiläufige grundsätzlich und ganz wesentlich für das Elend deutscher fiktionaler TV- und Filmproduktion verantwortlich? Diese Überdeutlichkeit, dass einem ständig eingebimst wird, was man gerade zu denken und zu fühlen hat.

    Aber schön, dass „Charité“ immerhin dazu führt, dass in diesem Blog mal wieder das Licht angeknipst wird.

  8. 8
    Stefan Niggemeier says:

    (Pssst: Ist nur meine Kolumne aus der FAS.)

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