Schlechter Online

(Manuskript eines schlecht vorgelesenen Vortrags auf der DJV-Konferenz „Besser Online“, Hamburg, 18. Oktober 2008)

Ich wollte mir extra viel Mühe geben, diesen Vortrag zu strukturieren. Wenn ich in meinem Blog über Dinge schreiben, die mir im Online-Journalismus aufgefallen sind, ist das ja fast immer eine Sammlung von Einzelfällen, meist sogar unbeeinflusst von Kriterien wie Relevanz oder Ausgewogenheit. Umso mehr, dachte ich, muss das hier wie eine richtige „Keynote“ klingen. „Zehn Thesen über den Zustand des Online-Journalismus in Deutschland“ oder so.

Mir ist dann aber nur eine eingefallen.

Es ist aber eine These, oder genauer: eine Befürchtung, die zentral und fundamental ist. Die über die gegenwärtige Befindlichkeit des Online-Journalismus hinausblickt in die Zukunft. Es ist ein Satz, der vielleicht auch erklärt, warum ich mich immer wieder so verbeißen kann in die Negativbeispiele, die ich auf den Internetseiten deutscher Medien finde — was ich sicher für manche mit etwas beunruhigender masochistischer Leidenschaft tue. Die These lautet:

Die Verlage und Sender probieren im Internet gerade aus, ob es nicht auch mit weniger Journalismus geht.

Journalismus war zu den meisten Zeiten nicht das naheliegende Geschäft für diejenigen, die viel Geld verdienen wollten. David Montgomery, der Käufer des Berliner Verlages, glaubt vielleicht noch, das sei ein Geschäftsfeld, mit dem sich besonders hohe Renditen erwirtschaften lassen, wenn man nur genug presst — aber so richtig erfolgreich ist er damit auch nicht. Für echte Verleger ist Journalismus das Ziel und Geld das Mittel. Nicht umgekehrt.

Aber der klassische Verleger ist so gut wie ausgestorben. Die Zeiten haben sich geändert, die Kaufmänner, gerne abfällig „Flanellmännchen“ genannt, haben nun das Sagen. Und das Geld ist knapp geworden. Die Zeiten des stetigen Wachstums — und, in einigen Fällen: des Überflusses — sind spätestens seit der Medienkrise 2001/2002 vorbei. Und das Publikum wandert zwar ins Internet, aber die Einnahmen der Verlage wandern nicht mit. Rupert Murdochs zwei Jahre alte Regel gilt immer noch:

„Können Zeitungen online Geld verdienen? Klar. Können sie soviel Geld verdienen, wie sie in Print verlieren? Im Moment, bei einem so neuen, wettbewerbsintensiven Internet, lautet die Antwort: nein.“

Für Medien wie das Fernsehen wird die Rechnung, vielleicht etwas zeitverzögert, kaum anders aussehen.

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Was macht man also als klassischer Medienbetrieb mit einem neuen Medium, das vermutlich irgendwie die Zukunft ist (und, wenn wir ehrlich sind: schon lange die Gegenwart), aber in dem sich hier und heute kaum Geld verdienen lässt?

Die einfachste Antwort ist natürlich: Man ignoriert es. Das ist eine Strategie (oder auch: der Verzicht auf eine Strategie), die viele Regionalzeitungen gewählt haben. Sie haben irgendwelche Präsenzen im Internet, die man bei flüchtigem Hinsehen mit Online-Angeboten verwechseln könnte. In Wahrheit sind es aber nur mit dem Logo der Zeitung angemalte Sperrholzwände, auf denen automatisch einlaufende Agenturmeldungen einen Anschein von Leben vortäuschen.

Ein besonders eindrucksvolles Beispiel dafür fand ich auf der Homepage der „Neuen Osnabrücker Zeitung“, meiner Heimatzeitung, bei der ich meine ersten Artikel über Kaninchenzüchter und Karnevalsvereine schrieb. Als dort vor einigen Monaten der diesjährige Katholikentag eröffnet wurde — für eine Stadt wie Osnabrück ein epochales Ereignis, das neben der Bundeskanzlerin und dem Bundespräsidenten zigtausende, oft junge Menschen in den Ort bracht — fand sich dort zwar ein sogenanntes „Online-Spezial“. Der Aufmacher aber war ein vier Wochen altes Text-Narkotikum, das mit der Überschrift „Gespräche über Jugend, Umwelt und Frieden“ die Aufmerksamkeit der Leser zu verlieren versuchte. Dahinter war ungefähr nichts.

Christian Jakubetz hat in seinem Blog ähnliche Beispiele aus der „Passauer Neuen Presse“ zusammengetragen, die in der Woche, in der die CSU (und damit natürlich ganz Bayern) von einem Wahlbeben erschüttert wurde, ihre Homepage benutzte, um aktuell darauf hinzuweisen, wie gut es ist, dass am nächsten Tag die Zeitung kommt. Am Tag, an dem Erwin Huber zurücktrat, vermeldete das Blatt, in dessen Verbreitungsgebiet Hubers Wahlkreis liegt, seinen Rücktritt im Internet mit einer Vier-Satz-Meldung von dpa und dem automatisch generierten Zusatz, dass man mehr dazu in der nächsten Ausgabe der Zeitung lesen werde. Der Blogger und Medienvisionär Jeff Jarvis spricht bei dem, was regionale Zeitungsverlegern im Internet machen bzw. nicht machen, von einem „fast schon kriminellen Mangel an Innovation“.

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Trotzdem halte ich das nicht für die gefährlichste Entwicklung im Online-Journalismus. Denn diese Verleger, die das Medium Internet immer noch für das Medium der Zukunft und nicht der Gegenwart halten (wenn überhaupt), diese Verleger gefährden ja vor allem sich selbst. Es gibt aber eine Reaktion auf die geringen Einnahmemöglichkeiten im Internet, die den Journalismus an sich gefährdet.

Wenn wir im Internet weniger verdienen, geht die Logik ungefähr, können wir halt auch nur weniger
ausgeben. Wir sparen uns zum Beispiel einfach so überflüssige Dinge wie ein Korrektorat oder überhaupt das Gegenlesen von Artikeln. Und an der Stelle von Fachjournalisten beschäftigen wir günstige Allesproduzierer, die die einlaufenden Agenturmeldungen und Pressemitteilungen so einpflegen, dass es halbwegs okay ist.

Aus irgendeinem Grund, den ich nicht genau festmachen kann, liegt dieser Strategie die Annahme zugrunde, dass es das Publikum im Internet nicht so genau nimmt. Dass Zeitungsleser zwar empfindlich reagieren, wenn sie zuviele falsch geschriebene Wörter in den Artikeln finden, aber Internetnutzern solche Nebensächlichkeiten egal sind. Dass Fernsehzuschauer ungern das Gefühl haben, die Texte, die ihnen der Nachrichtensprecher vorliest, seien von ihrer achtjährigen Tochter geschrieben worden, aber Internetnutzer den Unterschied eh nicht merken. Es ist schon richtig, dass zum Wesen des Internets als Nachrichtenmedium gehört, besonders schnell zu sein. Und womöglich akzeptieren die Internetnutzer tatsächlich, dass diese Geschwindigkeit bei Breaking News gelegentlich auf Kosten der Genauigkeit geht, dass Nachrichten mehr als in anderen Medien auch etwas Provisorisches haben können. Das erklärt aber nicht die umfassende Senkung von Qualitätsmaßstäben, auf die man bei vielen deutschen Online-Medien trifft.

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Es ist ein Irrglaube, dass man die Ausgaben bei einem journalistischen Produkt beliebig den Einnahmen anpassen kann und am Ende immer noch etwas hat, das man Journalismus nennen kann. Vielleicht muss man die schlichte Tatsache in all ihrem Pathos einfach gelegentlich aussprechen, wie es Nick Davies in seinem Buch „Flat Earth News“ gemacht hat: Journalismus bedeutet, die Wahrheit aufschreiben. Wenn ein Autohersteller bei der Produktion so viel Kosten einspart, dass das Ding nicht mehr fährt, verliert es für den Käufer die Funktion eines Autos. Ein Online-Medium kann nicht sagen: „Okay, diese Information ist zwar nicht ganz richtig, sondern nur eine abgeschriebene PR-Mitteilung oder ein ungeprüft weiterverbreitetes Gerücht. Aber wir haben halt nicht den Etat zum Überprüfen oder Selbstrecherchieren.“

Journalismus, der nicht mehr die Wahrheit berichtet, ist kein Journalismus. Und das Schlimme ist, dass der Kunde es, im Gegensatz zum nicht fahrenden Auto, nicht einmal zwangsläufig merkt, was ihm da angedreht wurde. (Mal abgesehen davon, dass Demokratie zur Not noch ohne Autos funktioniert, aber nicht ohne Journalismus.)

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Von wenigen Ausnahmen abgesehen, sind die deutschen Online-Medien journalistisch schlechter als ihre klassischen Eltern. Vermutlich können wir uns lange darüber streiten, welches die Ausnahmen sind, aber an der grundsätzlichen Gültigkeit dieser Regel kann es meiner Meinung nach keinen ernsthaften Zweifel geben.

Bei BILDblog ist es für uns irgendwann zu einer Standardfrage geworden, wenn wir überlegt haben, ob wir einen der vielen Fehler aufgreifen sollen oder nicht: Steht das in der gedruckten „Bild“? Oder nur auf Bild.de? Die Menge der Flüchtigkeitsfehler, die Bild.de produziert, ist viel zu groß, um das alles zu notieren. Gestern hat Bild.de die Frankfurter Buchmesse vorübergehend nach Leipzig verlegt, die Verleihung der Video Music Awards von Hollywood nach New York, in einem Teaser heißt es: “ Die Mineralölkonzerne registrieren einen Ansturm auf Heizöl! Grund: die große Nachfrage!“, und Barack Obama ist an einer Stelle immer noch Osama.

All das schreiben wir nicht mehr auf, denn es ist ja nur Bild.de, und dass für die Online-Kollegen nicht einmal die Standards der gedruckten Zeitung gelten (welche auch immer das sein mögen), ist offenkundig. Aber, wie gesagt, das ist kein Bild.de-Phänomen. Man darf im Internet nicht so hohe Ansprüche an den Journalismus stellen.

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Ich möchte Ihnen nun einige Punkte nennen, inwiefern der deutsche Online-Journalismus anders ist als der klassische Journalismus, schlechter, wie ich sagen würde, weniger journalistisch. Und weil ich das Gefühl habe, dass an dieser Stelle ein bisschen Aufmunterung, etwas Humorvolles im Publikum gut ankommen könnte, zitiere ich einfach ein bisschen aus meinem Lieblings-Online-Medium, dem Internetableger der „Rheinischen Post“.

Gestern erschien dort zum Beispiel eine Besprechung der „Popstars“-Sendung vom Vortag. Der Artikel hat folgenden Vorspann:

Die Popstars-Folge verbreitet ein wenig Angst. Angst, dass am Ende keiner mehr da ist. Die ProSieben-Casting-Show ist langweilig. Spannend bleibt die Frage „Wer geht denn nun als nächster?“.

Der Beginn des eigentlichen Artikels lautet dann überraschenderweise:

Der erste Ausstieg war dramatisch.

Ebenfalls gestern informierte RP-Online die Öffentlichkeit über eine Werbeaktion der Firma Ferrero. Der Artikel unter der Überschrift „Eieiei, was schlumpft denn da?“ begann so:

Berlin (RPO). Ist Schlumpfhausen jetzt in Berlin? Es scheint so, denn gestern war die Haupstadt [sic] voller Schlümpfe. Um Werbung für Schokoladeneiner [sic] zu machen, waren Promis in ein Schlumpf-Kostüm geschlüpft. Die Highlights: Koch-Schlumpf Reiner Calmund und sexy Schlumpfine Sonya Kraus.

Doch ein Schlumpf kommt selten allein. Mit von der Partie waren auch Wiegald [sic] Boning, Bernhard Hoecker und Hugo Egon Balder. Gemeinsam warben sie für Überraschungseier in denen jetzt Schlümpfe drin [sic] sind.

Schon zwei Monate alt ist der Text (samt Bildergalerie), in dem sich „RP Online“ ausführlich mit den Haaren von Katie Holmes auseinandersetzte. Sein Vorspann geht so:

Eine neue Frisur ist bei Frauen immer auch ein Zeichen für Veränderung. Meistens in Sachen Liebe. Das scheint bei Katie Holmes auch zuzutreffen. Je länger sie mit Tom Cruise verheiratet ist, umso kürzer werden ihre Haare.

Vielleicht habe ich zu positive Vorstellungen von der Qualität der Texte, die in großen, renommierten Regionalzeitungen in Deutschland erscheinen, aber ich kann mir schwer vorstellen, dass dort regelmäßig Artikel erscheinen, die in diesem Maße Quatsch sind. Deren Autoren schon daran scheitern, eine Sache zu denken, geschweige denn die Gedanken in deutscher Sprache zu formen.

Ich will damit nicht in Abrede stellen, dass es viele gute Online-Journalisten gibt, die hervorragende Arbeit leisten. Aber mein Eindruck ist, dass in einigen deutschen Online-Medien, und nicht nur den kleinsten, auch Leute journalistische Texte verfassen dürfen, die aus gutem Grund kein Printmedium einstellen würde. Weil ihnen offensichtlich nicht nur die journalistische Ausbildung fehlt, sondern jedes Talent fürs Schreiben oder den Umgang mit Sprache.

Das ist die erste Regel, die ich ausgemacht habe:

Online-Journalisten müssen nicht schreiben können.

Die zweite Regel geht mit dieser eine schreckliche Verbindung ein. Sie lautet:

Redigieren und Korrigieren ist optional.

Wenn ich noch einen Moment bei der „Rheinischen Post“ bleiben darf: Klicken Sie sich dort mal durch Texte, die für die Online-Ausgabe geschrieben sind und versuchen Sie einen zu finden, der keine Rechtschreibfehler enthält. Manche Artikel wirken, ganz im Ernst, als hätte eine achtjährige Legasthenikerin sie direkt ins System gestellt. Überall sind Buchstaben verdreht, fehlen Wörter, halten sich hartnäckig falsche Schreibweisen. Es ist offenkundig, dass diese Artikel von keinem zweiten Menschen mehr gelesen werden, bevor sie veröffentlicht werden — ja, es kann realistischerweise nicht einmal eine automatische Rechtschreibprüfung vorhanden sein, wie sie jede Textverabeitung bietet. (RTLaktuell.de ist übrigens eine andere Seite, die offenbar ganz ähnlich entschieden hat, dass es herausgeschmissenes Geld wäre, Mechanismen und Hierarchien einzubauen, die dafür sorgen, dass die Texte in korrektem Deutsch geschrieben sind.)

Mir ist bewusst, wie spießig und krümelkackerisch es wirkt, hier auf so etwas Banales wie gutes und korrektes Deutsch hinzuweisen. Aber ist es nicht bemerkenswert, wie Standards, die in der Print-Welt gelten, online aufgegeben werden?

Wenn die Macher von „RP Online“ und anderer Seiten merken, dass die Leser gar nicht protestieren, wenn die Artikel vor Flüchtigkeitsfehlern strotzen, warum sollten sie dafür im Print-Bereich noch Geld ausgeben? Oder führt „RP Online“ das Gegenlesen von Artikeln dann ein, wenn so viele Leser und Einnahmen ins Netz gewandert sind, dass der Online-„Ableger“ das Hauptprodukt und die Zeitung das Nebenprodukt ist? Nicht im Ernst.

Die dritte Regel lautet:

Jedes Medium wird im Internet zum Boulevard-Medium.

Ich kenne kaum ein Online-Medium in Deutschland, das es sich leistet, auf Nachrichten über Paris Hilton zu verzichten. Auf der Panoramaseite von „Spiegel Online“ standen gestern u.a. die Meldungen: „George Hamilton: Ich habe mit meiner Stiefmutter geschlafen“, „Paris Hilton blitzt bei Prinzen ab“, „Tokio Hotel singen bei Latino-Awards“ und „Trotz Sexsucht-Therapie: ‚Akte X‘-Darsteller Duchovny trennt sich von Frau“.

Ich kann es einerseits nachvollziehen, dass im hektischen Rennen um den meisten Traffic kein Medium auf Schlüsselbegriffe rund um Sex und Paris Hilton verzichten will. Aber das ist nicht selbstverständlich, sondern ein radikaler Bruch. In der alten Medienwelt war die Auflage von „Bild“ auch schon um ein Vielfaches höher als die von „Süddeutscher Zeitung“ und „Frankfurter Allgemeiner“, und trotzdem haben sich die beiden Zeitungen dafür entschieden, keine übergeigten Riesenschlagzeilen über Nebensächliches und nackte Frauen auf den Titel zu setzen, weil das nicht die Art Zeitung war, die sie sein wollten und die ihre Leser lesen wollten. Der Wettstreit im Internet aber wird nach der Logik geführt, dass es keine Abonnementmedien mehr gibt, sondern nur noch Kaufmedien, die jeden Tag den Leser mit größtmöglichen Reizen neu für sich gewinnen müssen. Nur dass von „Kaufen“ im Internet keine Rede sein kann.

Regel 4 ist im Grunde nur eine Erweiterung von Regel 3:

Relevanz ist kein Kriterium.

Der Gedanke, dass das Auswählen zur Aufgabe von Journalisten gehört — ein Gedanke, der gerade in der Flut der Informationen und Scheininformationen im Internet wichtiger sein müsste denn je — er ist im Versuch, alles an Traffic mitzunehmen, was geht, hinfällig geworden. Alles taugt als Nachricht — vorausgesetzt, es lässt sich ohne Aufwand produzieren und trifft das mutmaßliche Interesse der nach Unterhaltung googelnden Massen. Aus der „Wetten dass“-Sendung vor zwei Wochen haben die Leute bei „RP Online“ nicht weniger als acht Artikel plus fünf Bildergalerien geschnitzt (aber nageln Sie mich nicht drauf fest, ob das noch der aktuelle Stand in dieser Minute ist). Wieder und wieder und wieder staunte die Redaktion in einer Sprache, die entfernt an deutsch erinnerte, über das Dirndl, das Salma Hayek trug, und das Dekolleté, das es formte.

Im Internet ist immer noch Platz, und so kann Reinhard Mohr auf „Spiegel Online“ Woche für Woche von neuem aufschreiben, dass man sich auch das Ansehen der jüngsten „Anne Will“-Sendung wieder schenken konnte. Dagegen ist im Grunde auch nichts zu sagen: Seine Unendlichkeit ist ja tatsächlich ein einzigartiger Vorteil des Mediums Internet. Und, unter uns gesagt: Das ist einer der Reize des Bloggens für mich: dass „Relevanz“ für mich keine Relevanz haben muss. Dass ich, bis mir die Lust vergeht, immer wieder über „RP Online“ schreiben kann, obwohl es so viel Wichtigeres gibt auf der Welt.

Aber sollten nicht Nachrichtenmedien anders funktionieren? Gewinnen sie nicht ihre Bedeutung, das, was sie aus all dem Durcheinander im Netz herausragen lässt, dadurch, dass sie ihren Lesern die Welt erklären, dass sie sortieren und gewichten? Müssten sie nicht die größtmögliche Unterscheidung anstreben von all den Seiten, auf denen jeder Pups kommentiert wird, dadurch, dass sie ihren Lesern sagen: Was wir berichten, ist wirklich relevant oder wenigstens überdurchschnittlich interessant oder unterhaltsam?

Verdrängt worden ist das Kriterium der Relevanz durch ein anderes, meine Regel 5:

Berichtet wird, was mühelos zu recherchieren ist.

Eine Verbindung dieser Regel mit den meisten bisher genannten hat zu einer merkwürdigen Inflation von Fernsehkritiken im Online-Bereich geführt, oder genauer: von Nacherzählungen dessen, was gestern im Fernsehen gelaufen ist. Diese Stücke werden anscheinend gut geklickt, vor allem aber sind sie fast ohne Aufwand zu produzieren. Man setzt irgendjemanden für die Dauer einer Sendung vor das Gerät und lässt ihn danach schreiben, was ihm durch den Kopf geht. Fachwissen ist optional, Fernsehexperten sind wir irgendwie schließlich alle, und so produziert zum Beispiel „Welt Online“ Tag für Tag endlose Artikel, in denen im Tonfall eines ambitionierten, aber gescheiterten Schulaufsatzes der Inhalt einer Sendung referiert und mit markigen Worten benotet wird.

Und dann ist da das Internet, das für die Verleger ein doppelter Segen ist. Einerseits kann man es täglich verteufeln und beschwören, wie unzuverlässig all die ungeprüften Informationen sind, die dort täglich an irgendeiner Stelle aus einer unbekannten Quelle ans Land gespült werden. Und andererseits kann man aus genau diesem Tand und Schrott ganz einfach ohne weitere Recherche eigene Artikel machen. Manchmal scheint es mir, dass alles, was von einem Blogger, einem Forum oder einem dubiosen Boulevardmedium irgendwo auf der Welt behauptet wird und das die richtigen Schlüsselbegriffe enthält wie „Angelina Jolie“ oder „Eva Mendes“, irgendwann seinen Weg in die deutschen Online-Medien findet — es sei denn, natürlich, es handelt sich um ein Dementi. Dass Eva Mendes ausrichten ließ, sie habe keineswegs gesagt, Sex in allen 50 Bundesstaaten der USA gehabt zu haben, kann auch der gründliche Online-Medien-Leser inmitten all der Eva-Mendes-hat-Sex-in-50-Bundesstaaten-gehabt-Berichte kaum erahnen. (Und natürlich hat Bild.de aus der Falschmeldung auch eine 50-teilige Klickstrecke gemacht mit allen Bundesstaaten, in denen Eva Mendes Sex hatte.)

In dieser Woche meldete die Netzeitung, dass Madonna, wenn man ganz genau hinguckt, einen Damenbart hat, was irgendwelche Menschen mit zu viel Tagesfreizeit in der „Huffington Post“ veröffentlicht hatten. (Die vorausgegangenen Meldungen der Netzeitung zum Thema Madonna lauteten übrigens: „Madonna sang und stürzte“, „Madonna packt die Muckis aus“ und „Madonna kommt mit Hofstaat nach Berlin“.)

Der endlose Hunger nach Content führt auch dazu, dass konfektionierte PR-Meldungen begeistert aufgenommen und verbreitet werden. Das ist kein neues Phänomen, aber eines, das durch die Online-Medien noch verschärft wird. Ein paar Prominente als Schlümpfe auftreten zu lassen, um für seine Überraschungseier im redaktionellen Content zu werben, ist dabei fast schon überambitioniert. Jeder Filmtrailer verwandelt sich in einem Online-Angebot von Werbung zu Premium-Content.

Damit sind wir bei Regel 6:

Redaktion und Werbung müssen nicht so genau getrennt werden.

Bild.de hat sich vor zwei Jahren ein deutliches Urteil eingefangen: Der Leser, urteilte das Kammergericht Berlin, müsse vor dem Klicken auf einen Link wissen, ob sich dahinter eine Anzeige verberge. Auf den Seiten von Bild.de sind seitdem redaktionelle und werbliche Inhalte deutlich besser getrennt, aber erstaunlicherweise fühlen sich andere Anbieter nicht an solche Regeln gebunden, die für ein Qualitätsmedium auch ohne Urteil selbstverständlich sein müssten. Ausgerechnet sueddeutsche.de zum Beispiel verkauft nach wie vor munter Links in der Menuführung, die redaktionellen Verweisen zum Verwechseln ähnlich sind, aber auf Anzeigen führen.

Regel 7 lautet:

Warum ein gutes Foto zeigen, wenn es auch 100 schlechte tun?

Die Fotografie als journalistisches Mittel hat es schwer im deutschen Online-Journalismus. Man muss immer wieder auf die Seiten zum Beispiel der „New York Times“ im Internet gehen, um festzustellen, dass das kein zwingendes Problem des Mediums ist, sondern dass es möglich ist, auch im üblichen Raster der Online-Medien ausgewählte, herausragende journalistische Bilder so zu zeigen, dass sie mehr sind als nur eine Auflockerung.

Der Alltag in Deutschland dagegen ist immer noch, alle 50 Fotos, die eine Suche im Archiv von dpa oder anderen Anbietern, die man pauschal bezahlen kann und nicht pro einzelnem verwendeten Bild bezahlen muss, auf die Seite zu kippen. Auch hier verschwindet die Auswahl als journalistische Dienstleistung. Die Angebote unterscheiden sich kaum untereinander oder gar von der Google-Bildersuche.

Bestenfalls kann man beim nervösen Tippen auf die Maus mitraten, ab dem wievielten Bild der Online-Redakteur keine Muße mehr hatte, noch irgendeinen Bildtext dazuzuschreiben. Schlechtestenfalls wird aus der Bildergalerie ein Wettrennen um die größte „Text-Bild-Schere“ — obwohl ich inzwischen das Gefühl habe, dass dieser Begriff völlig seine Bedeutung verloren habe, und man sich verabschieden muss von dem Gedanken, dass der Text zu dem passen sollte, was das Bild zeigt.

Mit wenigen, aber ausgewählten, exklusiven, gut in Szene gesetzten Fotos könnte sich ein deutsches Online-Medium leicht von der Konkurrenz unterscheiden. Aber natürlich würde das Geld kosten. Und womöglich würde das auch noch bestraft: Denn der Leser, der beeindruckt ein Foto auf sich wirken lässt, bringt dem Verlag nur ein Zehntel so viele Klicks wie der Leser, der sich routiniert, halb gelangweilt, durch zehn Briefmarkenbilder klickt, in der Hoffnung, das Dekolleté von Salma Hayek noch einmal aus einer etwas anderen Perspektive zu sehen.

Das ist Regel 8, und dann hör ich auch auf:

Klicks gehen immer vor Qualität.

Wenn man mit Verantwortlichen von Online-Medien spricht, fluchen die meisten über die Sinnlosigkeit der Währung „Page-Impression“ und der Folgen, die sie hat. (Eine erhebliche Mitschuld daran tragen übrigens die Medienjournalisten, die nicht aufhören können, Monat für Monat aus den Zahlen Hitlisten zu machen und Sieger und Verlierer zu küren.) Aber so sehr ich erkenne, wie schwierig es wäre, sich dieser Währung zu entziehen – das Maß, in dem die deutschen Medien sich darauf einlassen und den langfristigen Erfolg zugunsten des kurzfristigen Erfolgs aufs Spiel zu setzen, erschüttert mich.

Wie sehr muss man seine Leser verachten, wenn man, wie „Welt Online“, eine Liste wie das Ranking über den Grad der Korruption in 180 Ländern der Erde als 180-teilige Klickstrecke aufbereitet? Ohne jede Möglichkeit, sich einen Überblick zu verschaffen, Vergleiche anzustellen, die Information aufzunehmen. „Welt Online“ macht das mit großer Konsequenz und entscheidet sich jedesmal dafür, dass der Service für den Leser zweitrangig ist. Erstrangig ist die Maximierung der Klicks.

Es würde mich nicht wundern, wenn es sogar ausgeklügelte Hochrechnungen dazu bei der „Welt“ gäbe: Wie viele Leser, die sich übrigens auch regelmäßig in den Kommentaren über diese Zumutung beschweren, man riskieren kann, auf diese Weise als Stammleser zu verlieren, wenn die verbleibenden nur dumm genug sind, oft genug zu klicken, und wie viele man per Adwords von Google wieder dazukaufen muss.

Interessant finde ich diesem Zusammenhang auch, wieviel Mühe die Online-Medien darauf verwenden, ihre Überschriften so zu optimieren, dass möglichst viele Leute über Google angeschwemmt werden, und wie wenig darüber diskutiert wird, was man ihm bietet, damit er nach dem Spielen von 17 Bilderquizgalerien bleibt oder gar wiederkommt. Suchmaschinenoptimierung machen alle, aber optimiert sein Angebot so, dass es zufällige Leser zu Stammlesern macht?

Bei sueddeutsche.de gibt es neben 100-teiligen Bildergalerien ein Genre, in dem Artikel parallel zu eine Reihe Fotos erzählt wird, uns zwar so, dass es am Ende der paar Zeilen immer einen Cliffhanger gibt, der zum Weiterlesen zwingen soll – auch mitten im Satz und auch, wenn dadurch der Sinn zwischen zwei Klicks verloren geht. Spiegel Online hat sich jetzt ausgedacht, bei allen Artikeln über Jörg Haider so zu tun, als seien sie länger, als sie tatsächlich sind, und lockt die Leute so in die immer gleiche Klickstrecke mit den besten Sprüchen Haiders.

Keine Sorge, ich erspare Ihnen Millionen weiterer Beispiele.

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Die acht Regeln, die ich ausgemacht habe, beschreiben sicher nicht die ganze Situation des Online-Journalismus in Deutschland. Ich habe nur versucht, jene Punkte herauszugreifen, die zeigen, wie teils schleichend, teils dramatisch online niedrigere journalistische Standards entstehen als in den klassischen Medien, den Print-Medien besonders.

An dieser Stelle noch einmal die Frage: Warum nehmen wir das wie ein Naturgesetz hin? Was ist die Logik dahinter, so zu tun, als gälten im Internet andere, weniger strenge Regeln? Ich glaube nicht, dass das in der Natur des Mediums liegt. Ist das eine bewusste Entscheidung der Verlage, um das Gefälle zum Printmedium, das auf absehbare Zeit noch das Löwenanteil des Geldes verdienen muss, möglichst groß zu halten? Ist es der Versuch, auf diese Weise die oft behauptete qualitative Überlegenheit gerade der Zeitungen zu bestätigen? Ist es nur eine fahrlässige Folge davon, dass man das Medium immer noch nicht ernst nimmt?

Meine Befürchtung ist, wie ich am Anfang gesagt habe, dass das Internet für viele Medienunternehmen — geplant oder ungeplant — eine Art Labor ist, um einmal, halb geschützt von der eigentlichen Marke, auszuprobieren, was geht. Wie weit sich die Kosten und Ansprüche senken lassen. Ob die Leser nicht auch mit unredigierten Texten und bloßen Agenturmeldungen zufrieden geben. Ob sie kenntnisreiche Texte von Fachredakteuren wirklich unterscheiden können von ahnungslos aus verschiedenen Quellen zusammengestrickte Stücke von schlecht bezahlten Online-Praktikanten. Ob sich nicht bei der Aussicht, in Zukunft weniger Geld zu verdienen, ein Geschäftsmodell entwickeln lässt, das darauf beruht, nicht unnötiges Geld in Qualität zu investieren, die der Leser in der Masse gar nicht goutiert.

Man muss, glaube ich, immer wieder daran erinnern, dass die „Süddeutsche Zeitung“ vor zwei Jahren tatsächlich ernsthaft Pläne entwickelt hat, das Newsdesk ihres Online-Ablegers nach Prag zu verlegen, weil es sich dort billiger produzieren ließe. Der Versuch wurde abgeblasen, aber manchmal frage ich mich, ob der Gedanke, der hinter den Outsourcing-Ideen stand, nicht immer noch existiert in der deutschen Medienwelt: dass Online nicht so teuer sein darf und nicht so gut sein muss wie das klassische Medium.

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Ich will nicht verschweigen, dass es auch ermutigende Zeichen gibt. Dass noch keineswegs ausgemacht ist, ob der Trend ins Internet gleichbedeutend sein muss mit einer qualitativen Abwärtsspirale im Journalismus.

Vielleicht wird es Sie überraschen, das von mir zu hören, aber Bild.de ist für mich so ein Zeichen. Nein, ich würde niemandem empfehlen, Bild.de als Nachrichtenquelle zu vertrauen. Aber vor ein paar Jahren schien die Seite zu versuchen, sich als das deutsche Schleichwerbeportal zu etablieren. Auf BILDblog finden Sie Dutzende Beispiele dafür, wie egal Bild.de die angeblich im Hause Springer geltenden journalistischen Richtlinien waren mit der Forderung, Redaktion und Werbung zu trennen; wie wenig Mühe sich Bild.de gegeben hat, auch nur den Anschein zu erwecken, sie würden gelten.

Das hat sich gebessert. Und auch die schlimmsten Ausreißer nach unten, was die Texte angeht, die Flüchtigkeitsfehler, das Produzieren des allergrößten Unsinns, scheinen mir weniger geworden zu sein. Da ist immer noch ein deutliches Qualitätsgefälle zur „Bild“-Zeitung (und das will etwas heißen!), aber das Online-Angebot macht auf mich nicht mehr den Eindruck, als wäre es den Machern völlig egal, ob sie einen Anschein von Qualität erwecken oder nicht.

Vor kurzem hat Bild.de sogar entdeckt, dass es im Internet die Möglichkeit gibt, auf andere Texte zu verlinken. Und die Kollegen nutzen das gelegentlich sogar, nicht nur unter die Buchstaben CDU routiniert einen Verweis auf cdu.de zu legen, sondern zum Beispiel auf die konkreten Artikel in britischen Boulevardzeitungen zu verweisen, die ihnen — natürlich variiert durch Missverständnisse und Übersetzungsfehler — als Vorlage für ihre Artikel dienen. Das ist mehr als man von den meisten anderen Medien sagen kann, bei denen immer noch der Glaube zu herrschen scheint, dass jeder Link auf eine Quelle die Gefahr bedeutet, einen Leser zu verlieren, obwohl es längst keine Frage mehr ist, dass das Gegenteil der Fall ist.

Auch bei „Focus Online“ und „Spiegel Online“ habe ich das Gefühl, dass sich, manchmal zaghaft und mühsam, echte Qualitätsstandards durchsetzen. Gelegentlich, nicht immer, macht „Spiegel Online“ zum Beispiel auf vorbildliche Weise Berichtigungen seiner Artikel kenntlich. Mag sein, dass ich den Effekt überschätze, aber ich habe das Gefühl, dass man bei „Spiegel Online“ erkannt hat, dass es einen Wert hat, als einigermaßen vorbildlich zu gelten, was solche Standards in der Online-Welt angeht, obwohl sich das sicherlich nicht kurzfristig in Klicks messen lässt, sondern nur langfristig in einem positiven Image. „Spiegel Online“ hat auch vor einiger Zeit damit begonnen, sich von den ganzen Briefmarken-Galerien zu verabschieden, die ich oben beschrieben habe, und die Fotos groß eindrucksvoll in Szene zu setzen. Ich hoffe sehr, dass sich das auszahlt.

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Man wird, wenn so viel über den Zustand des Online-Journalismus nörgelt wie ich, leicht missverstanden. Ich bin kein Internet-Kritiker, ich glaube nicht, dass die Menschen im Internet zwangsläufig schlechter informiert werden als von Zeitungen. Dass das Medium einen eingebauten Qualitätsnachteil hat. Ich finde es bizarr, wenn die Bundesregierung eine „Nationale Initiative Printpresse“ unterstützt, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Zeitungen und Zeitschriften zu retten. Was es bräuchte, wäre eine „Nationale Initiative Journalismus“, die sicherstellt, dass auch in Zukunft guter Journalismus finanziert wird, egal in welchem Medium. Das einzige, das dem Internet fehlt, ist im Augenblick ein funktionierendes Geschäftsmodell für journalistische Inhalte — jedenfalls eines, das so gut funktioniert, wie es jahrzehntelang die Verbindung aus Vertriebs- und Anzeigenerlösen bei den Printmedien getan hat. Aber auch dieses Modell bröckelt, und welchen Sinn soll es haben, für den Erhalt des Datenträgers Papier zu kämpfen, und nicht für seinen Inhalt: den Journalismus?

Die Gefahr, wenn die Medien im Internet als Reaktion auf die noch geringen Einnahmemöglichkeiten die journalistischen Standards senken, ist, dass das Publikum sich daran gewöhnen könnte. Das wäre ein Traum für „RP Online“ (oder auch für „Welt Online“, wenn es gelänge, dass junge Leute gar nicht mehr wissen, dass es einmal so etwas wie Tabellen gab, in denen man viele Informationen übersichtlich über- und nebeneinander gestapelt hatte). Aber es wäre ein Alptraum für die Gesellschaft — und den Journalismus.

Die Verleger riskieren, dass schlimmstenfalls eine ganze Generation von Medien-Nutzern, die vor allem mit den real existierenden Online-Ablegern der Medien groß werden (oder noch journalismusferneren Quellen) gar nicht mehr erwarten, dass Journalismus etwas mit Recherche und Genauigkeit zu tun hat, mit dem Streben nach Wahrheit und Sprache, mit Auswählen und Redigieren. Darin sehe ich die größte Gefahr.

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In einer Zeit, in der die meisten Informationen der Nachrichtenagenturen, der ganze Klatsch und Trasch, selbst aktuelle Nachrichtenfotos und -videos an jeder Stelle für jeden frei zugänglich sind; in einer Zeit, in der jeder mit relativ einfachen Mitteln daraus eine Seite basteln kann, die man leicht für ein Nachrichtenportal halten könnte; in so einer Zeit kann die Reaktion der journalistischen Medien nicht sein, genau so zu werden. Atemlos jeder Paris-Hilton-Meldung hinterherzuhecheln und schnell und billig dafür zu sorgen, dass das, was schon überall steht, auch auf den eigenen Seiten steht.

Ich will nicht ausschließen, dass das einzelne Angebote damit Erfolg haben können. Dass „RP Online“ zum Beispiel in ein paar Jahren das erfolgreichste kleine Trashportal im Netz ist, weil man hier zuverlässig doppelt so viele Bildergalerien zu Salma Hayek findet und von jedem lokalen Ereignis zuverlässig doppelt so viele Amateurfilmchen gibt wie irgendwo sonst. (Schauen Sie sich bei Gelegenheit all das an, was „RP Online“ zum Tod des Düsseldorfer Bürgermeisters produziert hat, auch die vielen, mit wackeliger Kamera gefilmten Aufnahmen vom Friedhof vor der Beerdigung, kurz der Beerdigung, ganz kurz vor der Beerdigung, beim Glockenläuten, kurz nach der Beerdigung etc. Es ist für mich eines der deutlichsten Beispiele dafür, wie ein Medium konsequent auf das Internet setzt, aber sich ebenso konsequent vom Journalismus abwendet und annähert an all das Halbfertige, Amateurhafte, das man im Netz schon vorfindet.)

Für Journalisten und journalistische Medien kann das nicht die Lösung sein. Für sie muss die Antwort auf die Herausforderungen des Internet sein, anders zu sein, einzigartig. Eigene Geschichten zu bringen, Autoren zu haben, die wissen, wie man komplexe Zusammenhänge erklärt, die schreiben können und unverwechselbar sind. Fotos zu zeigen, die sonst keiner hat, Glaubwürdigkeit aufzubauen, zu recherchieren.

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Christoph Keese, der frühere „Welt“-Chefredakteur und heutige Außenminister von Springer, hat im aktuellen Jahrbuch des Presserates ein Essay über guten Journalismus im Internet geschrieben, dem ich an vielen Stellen widersprechen möchte, weil er das Gegenteil von gutem Journalismus nicht schlechten Journalismus, sondern Bloggen nennt. Und weil er das hehre Ideal des Journalisten mit dem real existierenden Journalisten verwechselt. Aber im Kern hat er Recht: dass nämlich die klassischen journalistischen Tugenden in Zukunft wichtiger sind denn je. Keese sagt:

„Bloggern steht es frei, aufgeschnappte Gerüchte weiter zu verbreiten und damit Hysteriekaskaden in Gang zu setzen. Journalisten aber sollten keine Nachricht verbreiten, die sie nicht selbst geprüft haben. Journalismus ist die Schwelle, über die eine Hysteriewelle nicht springen kann.“

Das ist als Zustandsbeschreibung grotesk falsch. Journalismus ist zur Zeit, nicht nur im Internet, aber besonders dort, das Sprungbrett, das jeder Hysteriewelle erst richtigen Schwung gibt, auf der die Journalisten dann begeistert reiten. Aber was Keese beschreibt, muss tatsächlich wieder das Ziel von Journalismus werden.

„Journalisten bilden eine Instanz, die Wahres von Unwahrem unterscheiden will“, sagt Keese. Tun sie nicht. Sollten sie aber.

„Handeln wird nur“, sagt Keese an die Journalisten gerichtet, „wer genau weiß, was ihn von den Laien unterscheidet.“ Da bin ich ganz bei ihm. Gerade im Internetzeitalter muss sich der Journalismus professionalisieren. Ich fürchte nur, dass gerade das Gegenteil passiert.

127 Replies to “Schlechter Online”

  1. Vielleicht hofft man durch die gepredigte Schnelllebigkeit des Internet(tes/zes ?) auch die kleinen Sünden wieder besonderes schnell los zu werden die jetzt die Zeitungen beim Ausprobieren im Netz machen.

    Gute Nacht! (:

  2. Besser schlecht als gar nicht vorgelesen. Chapeau! für diese treffliche Beschreibung, die so vieles auf den Punkt bringt. Mit Verlaub, es ist zu spät, um inhaltlich darüber zu diskutieren (was auch, wenn es so richtig ist…), später dazu mehr. Vielleicht magst Du ja noch mal etwas zu der Veranstaltung beschreiben, die Reaktionen zu diesen Worten dokumentieren, die Gespräche nach dieser Rede aufzeichnen. Wie haben andere darauf reagiert? Ich finde das, was Du geschrieben hast, einfach nur sehr gut. N8!

  3. Welch vorzügliche Bestandsaufnahme des status quo! Und sollte sich die journalistische Online-Welt doch noch eines besseren belehren lassen, dann durch Texte wie diese. Auch wenn ich nicht immer einer Meinung bin mit dem was hier in diesem Blog geschrieben wird, so sehe ich doch den einen, für mich ausschlaggebenden Vorteil gegenüber den Online Ablegern der Print Medien: Ich kann man mich auf dass hier geschriebene Verlassen, es durch Links schnell überprüfen, und sollte es doch falsch sein, so kann ich mir sicher sein dass es korrigiert wird.
    So bleibt nur zu hoffen, dass Online „Journalisten“ solch lange Texte nicht nur lesen (selber schreiben können sie solche scheinbar nicht), sondern auch verstehen, akzeptieren und daraus lernen!

  4. Danke Stefan, für diese wirklich passende Beschreibung des aktuellen Zustandes des Onlinejournalismus.
    Ich kann nur sagen: Du hast Recht!
    @6/Stefan: Das mit der „blog-lesung“ hat sich im Nachhinein ja sogar bewahrheitet.

  5. @stefan: Bei all der berechtigten Verlegerschelte: Wie beurteilst Du die Qualität der öffentlich-rechtlichen Informationsangebote im Netz? Die sollten doch weniger an Klickzahlen und Verlegerprofit interessiert bzw. davon abhängig sein und dafür im Idealfall ein wenig mehr auf inhaltliche Qualität achten. Und sollten sie sich weiter und stärker (auch finanziell) im Internet engagieren dürfen?

  6. Die Braunschweiger Zeitung ist schon einen Schritt weiter. Die ist seit einigen Jahren schon in der Printausgabe so schlecht und oberflächlich wie andere nur im Internet.
    Ab und zu bin ich bei meiner Braunschweiger Verwandschaft zu Besuch und bin immer köstlich amüsiert und gleichzeitig erschreckt über dieses unterirdische Niveau. Es gibt z.b. täglich Fotos sämtlicher Neugeborener aus Braunschweiger Kliniken. Beliebt ist auch, selber Veranstaltungen zu organisieren (z.b. Filmpremieren) und dann in aller Ausführlichkeit vorher und nachher darüber zu berichten. So geschehen bei der Premiere des Unfilms „Sieben Zwerge – der Wald ist nicht genug“, als man ein ganzseitiges Farbfoto des gut gefüllten Zuschauerraumes brachte. Die Wettervorschau gibt es dreimal im Blatt: einmal auf der Titelseite, auf der Seite „Region“ und auf der Braunschweiger Seite. Man spürt auf jeder Seite, daß es so kostengünstig wie nur möglich sein soll, d.h. lieber ein schlechtes Foto als ein guter Text.
    Man könnte analog zum Bildblog ein BZ-Blog einrichten, da gäbe es jeden Tag genug Material zum Kommentieren.

  7. Auch sehr beliebt in Braunschweig: Straßenumfragen, natürlich immer mit Bild. Da muß man wieder nicht selber schreiben. So wurde z.b. über mehrere Wochen hinweg das Thema „mein Lieblingsverkäufer“ stets ganzseitig abgehandelt. Mal schnell das Mikro hingehalten, ein Foto geschossen – fertig ist die Seite. Ansonsten ist der Anteil von „Boulevard“ in dieser Zeitung erschreckend, zumal auf der Titelseite. Dort gibt es kaum noch „harte Themen“ aus Wirtschaft und Politik sondern es dominieren Thema des Kalibers „Knut“, gerne auch mit Bild.
    Die Braunschweiger Visionäre träumen wohl von einer Zeitung, in der nichts mehr selbst geschrieben ist, es gibt nur noch O-Ton, Agenturmeldungen und Fotos.

  8. Guter Vortrag, gefällt mir. Zu lang um spontan jeden Gedanken würdig zu kommentieren, aber er spricht inhaltlich Wahrheit™.

    Der „Hoecker“ braucht übrigens auch noch ein [sic], denn der schreibt sich bekanntlich „Hoëcker“. Auch wenn’s mit Trema eigentlich nur ein Künstlername ist.

    Zu Regel 3 und 4, Boulevardisierung der Online-Medien, mir kommt manchmal der Eindruck, dieser Effekt wird teilweise schon von den Quellen geschürt, also von den Agenturen und wie sie alles bar von Relevanzauswahl in ihre Ticker kippen. Im Printbereich wird das dann noch von Hand gefiltert; im Onlinebereich, unterliegend den oben beschriebenen Faktoren, wird die Autorität der Themenauswahl scheinbar eher gerne den Agenturen überlassen. Sozusagen: es kommt ja über den Ticker rein, also wird schon was Relevantes dran sein. Wenn ich z.B. dpa roh lese, bin ich des Öfteren mal leicht angenervt, wenn die gefühlt millionste „Sensation“ oder das x-te „Skandälchen“ über die immer gleichen irrelevanten Boulevardgestalten geliefert wird, Amy Winehouse, Madonna, Kate Moss, Tokio Hilton, Paris Hotel, etc. – ich sehe darin irgendwie nicht so wirklich den Nachrichtenwert, das ist wie Paparazzi-Arbeit nur mit Worten. Die dann willig von Online-Medien fortgeführt wird, siehe obiger Vortrag.

    Aktuell gestern morgen, dpa: „Dörfleins Sohn David kann Knut nicht leiden“… welcher Teufel reitet bloss eine Nachrichtenagentur, dass die so einen Quatsch allen Ernstes als „Nachricht“ zu verkaufen wagen?

  9. Ich habe da einen ganz schlimmen Verdacht. Nennt mich meinetwegen Verschwörungstheoretiker:

    Die Vorstände aller Zeitungen haben sich entschieden, den Onlinejournalismus so zu zerstören, wie Raubkopierernetzwerke wie kazaa und emule zerstört wurden.

    Die Urheber der Musikstücke haben Dateien in das Netzwerk geflutet, die auf den ersten Blick genau nach dem gesuchten Lied aussehen. Sie hatten genau die richtige Länge und Dateiröße und der Name der Datei klang einigermaßen vertrauenswürdig, sodass man den Titel herunterlud. Tatsächlich waren es aber nur die ersten 25-30 Sekunden des Liedes, die beliebig oft wiederholt wurden. Die Netzwerke hatten für die Raubkopierer keinen Nutzen mehr und so gingen sie ein bzw. suchten andere Wege, die aber bei weitem nicht mehr so erfolgreich sind.

    Diese Strategie haben sich die Verleger nun zu Nutzen gemacht. Wenn die Qualität des Onlinejournalismus nur ausreichend schlecht ist, dann werden die Leser schon beim Printmedium bleiben und nicht ins Internet abwandern, wo die Einnahmen nicht ausreichend wären.

  10. Dieser Artikel ist etwas, bei dem mir jetzt, da ich ihn gelesen habe, auffällt, daß ich solches immer unterschwellig und unbewußt hier vermißt habe.

    Er ist ganz groß!

    Er vermittelt die Tiefe, die man bisher oft vermutet, unterstellt, gesucht und auch geahnt hat.

    Hier haben die Gedanken endlich den Raum (im doppelten Sinne) und die Kraft erfahren, um wahrlich zu einer Rede zu reifen. Eine Rede im allerbesten Sinne.

    Wunderbar!

    Ich werde mindestens Tage brauchen und haben wollen, um das in mich aufzunehmen und setzen zu lassen.

    Haben Sie vielen Dank, Stefan!

  11. das war wirklich ein fantastischer Artikel,

    nur mal ein unwichtige und eine wichtige Sache zu so später Stunde:

    bei deinem: „Rücktgritt“ war auch der Finger abgerutscht, obwohl es der einzige Schreibfehler war, den ich gefunden habe und ich wahrscheinlich in einem so langen Text mehr Fehler gemacht hätte.

    die wichtige Sache ist, daß du ja in der Vergangenheit schon öfter (also auch in anderen Artikeln) und auch dieses Mal erneut versucht hast schöne, kleine, witzige Wörter bzw Vergleiche zu finden und zu erfinden, die einen Menschen, der schlecht Deutsch kann und oder nicht ganz zurechnungsfähig ist, be- oder umschreiben sollen. Aber sag mal, kann es sein, daß dieser Vergleich auffallend oft ein Kind und weiblich ist? Ich meine Kindervergleiche würden deshalb noch einigermaßen logisch sein (wenn auch ganz und garnicht toll, denn ein Kind mit unfähig gleichzusetzen ist ja mal aus nem ganz anderen Jahrhundert), weil Kinder meistens noch nicht perfekt schreiben können. Das mit dem Mädchen verstehe ich dann schon weitaus weniger, um nicht zu sagen: ich mag es nicht, um nicht zu sagen: es ist alles andere als dein Niveau!

    „von ihrer achtjährigen Tochter geschrieben worden“
    „eine achtjährige Legasthenikerin“

    das war jetzt nur aus dem oberen Teil und um nochmal nachzusuchen bin ich jetzt zu müde, aber ich weiß, wenn ich jetzt suchen würde, könnte ich dir auch die anderen Stellen aus anderen Artikel aus der letzten Zeit wiedergeben, und immer war es ein Mädchen! Das mag ich nicht. Nicht nur deshalb, weil alle Mädchen in diesem Alter, die ich kenne, besser schreiben, als gleichaltrige Jungs, sondern auch, weil es mich an Machoidiotensprüche erinnert und mit denen hast du nun weißgott nichts zu tun! Hoffe ich wenigstens.

    Aber ich fand den Artikel trotzdem großartig! (ernst gemeint)

  12. Vielen Dank noch mal an Stefan für diesen Vortrag. Der Vortrag wurde zum Schluß unserer DJV-Veranstaltung Besser Online gehalten. Es gibt übrigens eine Pressemitteilung des DJV zu dieser Tagung, ich hoffe, dem geneigten Betrachter fällt nicht auf, dass der Pressesprecher vor diesem Vortrag den Saal verließ …

  13. Das Zurückdrängen von Paris Hilton & Co. sehe ich fast als aussichtslos. Die Celebrity-Industrie ist eine PR-Maschine, der sich Medien nicht mehr entziehen können. Das läuft massiv seit 10-15 Jahren und hat die Aufmerksamkeit und Wahrnehmung einer ganzen Generation geprägt. Der Trick war, aus Idealen (der Definition nach nur in der Vorstellung existierend) erreichbare Role-Models zu machen. Ob Schönheitschirurgie, Fashion, Kosmetik – ganze Industrien verdienen dran mit – und natürlich auch Verlage.

    Ihren Idealismus in aller Ehre. Der Journalismus kann nur so gut sein, wie seine Leser, Zuhörer, Zuschauer. Bei den Jüngeren sind die nun mal online und nicht beim Abo auf Papier. Papierausgaben und Online sind zwei verschiedene Produkte, weil sie unerschiedliche Zielgruppen (oft Altersgruppen) ansprechen.

  14. Toller Artikel! Einer der wenigen Onlinebeiträge, den ich auf Anhieb von Anfang bis Ende durchgelesen habe.

  15. Auf jeden Fall war Stefans Vortrag der Höhepunkt der Veranstaltung (neben dem Vergnügen, am Rande Nörgel-Nigge mal die Hand zu schütteln) – und es war auch, Wasserflasche sei Dank, gut vorgetragen!

    Es war dann zumindest ein einigermaßen versöhnender Abschluss für einen Tag, der mir ansonsten nicht viel gebracht hat… aber da zieht jeder ein anderes Fazit…

  16. Wow, hatte gar nicht das Gefühl, dass der Text so lang ist, als ich ihn in Hamburg hörte. Aber auch gelesen ist er noch so wahr, dass es fast weh tut. Schön, dass jemand das alles sagt und schreibt, dumm nur, dass es vermutlich wieder nur die Falschen gehört und gelesen haben. Mir tun die RP-Leute leid. Sind ja auch nur Menschen, die tun, was von ihnen verlangt wird. Und das ist wie wohl in den meisten Online-Redaktionen viel zu viel in der zur Verfügung stehenden Zeit mit den zur Verfügung stehenden Mitteln.

  17. Hervorragender Text. Allerdings kann es, gerade wenn man dies anderswo beklagt, nicht schaden, den Text in ausgeschlafenem Zustand nochmals korrekturzulesen. Mir sind ein paar Vertipper mehr als Nr. 16 aufgefallen. Dennoch Chapeau!

    Davon abgesehen: Kann es sein, dass auch die print-FAZ seit einiger Zeit weniger sorgfältig korrekturgelesen wird? Ist zumindest mein Eindruck. Von der nicht einheitlichen Transkription russischer Eigennamen ganz zu schweigen, aber das wäre wohl wirklich zu viel des Guten.

  18. „8 Ohrfeigen für den Online-Journalismus (von Stefan Niggemeier)!

    Es ist wirklich beeindruckend, wie schnell der deutsche Journalismus – ich liebe diese Pauschalisierungen – gelernt hat, sich des schlechtesten zu bedienen, was das Internet ausmacht, und meint, damit auch noch erfolgreich sein zu können.

    Stefan Niggemeier hat es nun für einen Vortrag nochmal auf den Punkt gebracht, was wir in den ‚6 Dimensionen‘ angedeutet hatten …“

    http://ralfschwartz.typepad.com/mc/2008/10/8-ohrfeigen.html

  19. Sagen natürlich schon eine Menge Leute, aber im allgemeinen wird ja zu selten gelobt.

    Sie haben Ahnung, eine genaue Beobachtungsgabe und das Vermögen, diese Beobachtungen auf den Punkt zu bringen. Toll.

  20. Eine interessante und teilweise zu Tränen vor Lachen führende Zusammenfassung des Inhalts dieses Blogs. Aber wieviel sie mit der Wahrheit zu tun hat, das weiß ich nicht. Das muss letztlich die empirische Wissenschaft der Unis zeigen.

  21. Thema verfehlt: Es gibt keinen Online-Journalismus, sondern nur guten, mittelmäßigen, schlechten usw. Journalismus. Der Vortragsstil scheint auch nicht angekommen zu sein. Wie wäre es mit „Meine zweite eigene Klickstrecke“ ?

  22. Genau deswegen bin ich teilweise schlecht informiert über das aktuelle Tagesgeschehen. Ich such immer noch einen Newsfeed der einen Relevanzfilter hat und damit meine ich nicht das er relevantes rausfiltert.

  23. Ich finde es langsam langweilig, dich immer nur loben zu müssen/können was auch immer, deshalb: Ich hab nur bis Salma Hayek gelesen :-P

  24. eine Anmerkung zu Regel 7: Fotoredaktionen scheinen auch in den Printausgaben keine Rolle mehr zu spielen, das greift nicht nur in Zeitungen, auch in ehemals bildrelvanten Magazinen wie dem Stern.
    Aktuelles Beispiel: seit die Finanzkrise uns heimsucht habe ich noch nie so viele Aufnahmen der Frankfurter Skyline gesehen, gerne düster und mit wolkenverhangen.

  25. Ne ganz andere Frage ist übrigens, etwa im Falle von RP Online, ob das Online-Portal überhaupt als journalistisches Angebot gedacht ist. Vielleicht ist das gar nicht so – oder aber es wird sich herausstellen, dass es so sein wird. Ich meine ich kann ja auch nicht „Das Supertalent“ gucken und die Hände über dem Kopf zusammenschlafen und ausrufen „Das ist ja total unjournalistisch, die reden ja gar nicht über Politik und ausdrücken können die sich auch nicht“, nur weil es auch Journalismus im Fernsehen gibt.

    Die wirklich wichtigste Frage, jetzt wo ich drüber nachgedacht habe ist eigentlich die, ob es in Zukunft noch privatwirtschaftlich organisierten Journalismus für die Masse (außer im TV, da auch öffentlich-rechtlich) geben kann.

  26. Hallo Stefan,

    Glückwunsch zu dem Artikel.

    Ich bin IT-ler und habe da noch eine Idee aus dem Bereich der IT, die vielleicht gerade im Bereich „Online“-Journalismus eine Rolle spielt.

    Die Idee, zahlreiche pageimpressions als Maßstab für erfolgreiche Webseiten zu setzen, kam vermutlich aus der wirtschaftlichen Ecke („Was sagt mir, dass Eure Nachrichten auch gelesen werden? Wie hoch ist die Einschaltquote?“) Und der IT-ler antwortete „Wir haben visits, pageimpressions und hits.“ Und man nahm sich die page impressions.

    Da ist ein Problem. Einschaltquoten (das weisst Du vermutlich besser als ich) sind nur ca. Angaben. Genauso wie Auflagen von Zeitungen nicht die Anzahl der Leser wiedergeben. Und visits, als auch pageimpressions oder hits lassen nicht wirklich einen Rückschluss auf die Anzahl der echten Besucher zu. Im Prinzip bräuchte man eine intelligente Verknüpfung aller anfallenden Daten mit einem „komplexen“ Algorithmus und könnte dann eher eine Zahl echter Besucher nennen – was aber nicht im Interesse der Flanellhemden liegt, denn die Zahl wäre weit niedriger als das, was man so auf den ersten Blick sieht.

    Die Krux ist, dass wir in der IT faule Säcke sind, die versuchen aber auch wirklich alles zu automatisieren. Weils geht, weil wirs können. Das geht soweit, dass google automatisch Webseiten nach Nachrichten durchkämmt und auf der google-eigenen Seite chronologisch auflistet. Da kann eine Firma schonmal vor die Hunde gehen, wenn der Algorithmus für Nachrichtenrecherche bei google nicht richtig tickt. Dem außen stehenden Flanellhemd, flankiert von Krawattennadeln und Golfschlägern wird suggeriert, dass es vielleicht möglich wäre OHNE Journalismus eine komplette Zeitschrift aufzubauen. Wieso auch nicht? Alles was man bräuchte, wäre eine Maschine, die Nachrichten anderer Seiten umformuliert auf die eigene Seite bringt. Heute machen das noch „Online-Journalisten“, ein neuer Berufszweig wie es scheint.

    Ein zweites Problem bringt die Computerisierung des Journalismus mit sich. Wir in der IT können 6.432.234.567 Logfilezeilen recht zügig, mit Crystalreports anschaulich in Diagramme werfen und in die Marketingabteilung unkommentiert weiterleiten. Auf die Millisekunde genau kann nun das Marketing/Unternehmensleitung nachvollziehen, wann welcher Besucher was gemacht hat. Da ich von Unternehmensleitung spreche: Es wird aggregiert und über die Aggregierung gesprochen. Die darunterliegenden Zahlen werden zwar bestenfalls von IT-lern verstanden, aber egal. Und die großen Zahlen versteht erst recht keiner, die läßt man sich dann erklären bzw. einigt sich auf eine Erklärung. Die Unbestechlichkeit der Zahlen, man einigt sich auf pageimpressions und meint nun, das Ei des Kolumbus gefunden zu haben, auf Knopfdruck, sofort, in Farbe und geil aufbereitet, das ist einfach Luxus. Hallo? Was musste denn früher (die Leute in der Unternehmensführung sind alle Älter, die WISSEN das noch) alles auf den Kopf gestellt werden um solche Reporte zu bekommen? Heute sind das cronjobs, die erstellen die Reporte, schnüren Sie zu 4 Paketen, das mit den pageimpressions an die Unternehmensführung, das mit den Angriffsversuchen an die Sicherheitsabteilung, das mit den … usw. Braucht 4:25 Min. Rechenzeit, 0:00 bis 0:04:25.

    Was ich sagen will: Die IT weckt hier völlig neue Begehrlichkeiten. Und dadurch wird dieses Thema Onlinejournalismus erst recht ein Laborversuch am lebenden Objekt. Denn es wird nicht nur geguckt wie SCHLECHT Journalismus werden kann, bevor es keine Sau mehr interessiert (ich sag mal so, solange da ne nackte Frau zu sehen is, ne, is ja alles ejal), sondern es wird auch versucht mit Hilfe der IT eine Art Perpetuum Mobile zu bauen, die auf nackten Zahlen zwar beruht (unbestechlich, haha) – letzten Endes nichts kostet, aber wie der Goldesel Gold scheißt. Irgendwie einen Automatismus zu kreieren, der das blöde Recherchieren Maschinen überlässt, zumindest zum größten Teil. Für den anderen setzt man Onlinejournalisten ein.

    Das Internet ist nach wie vor eine anonyme Masse, sowohl Benutzer als auch Anbieter sind relativ anonym. Gerade heute, in Zeiten des mangelhaften Datenschutzes möchte der versierte Anwender, der sich des mangelhaften Datenschutzes bewusst ist, erst recht nicht mehr zwangsläufig vor irgendwelchen dubiosen News-Seiten aka sueddeutsche.de entblößen. Wer weiß, was sonst mit seinen Daten passiert? Da Bezahlung aber nur dann funktioniert, wenn man aus der Anonymität heraustritt (stand heute) fehlt eigentlich der Zeitungskiosk. Ähnlich unproblematisch und weitgehend anonym müsste man in der Lage sein eine „Journalistische Glanzleistung“ zu bezahlen (wobei da die Süddeutsche auch in gedruckter Form oft nicht dazugehört).

    Solange die Medien aber nur sehr zögerlich und umständlich ihre Papiere als PDF herausgeben, am besten noch DRM geschützt, ist der Versuch der Vermarktung medialer Inhalte online für den Eimer. Es muss nicht PDF sein, es muss keine ganze Zeitung sein, aber es gibt einfach zuwenig Geschäftsmodelle. Die Zeitungen probieren nichts aus!

    Wieso kann ich beispielsweise nicht über eine Mehrfachauswahl
    (Wirtschaft, Politik, fertig) mir meine angepasste Zeitung nach Hause schicken lassen (PDF, per E-Mail, nur Text)? Ich habe auch kaum Ideen, aber das wäre immerhin mal eine!

    Die Erkenntnis, das qualitativ hochwertiger Journalismus eine Chance hat, ist denke ich richtig. Wer gut ist, hat immer und überall die Nase vorn. Auf Dauer. Wichtig ist aber auch, dass der Journalismus verkauft werden kann. Ein Ansatz wäre intelligentere Vermarktung der Offline-Zeitung anzustreben, die Grenze zwischen Online-Offline aufzubrechen und die Qualitätsstandards (wer will) auch online zu bringen. Ist das zu teuer, muss Online-Journalismus für Verlage mit Qualitätsanspruch vielleicht einfach anders aussehen, als das heute bekannte „Portal“, wo ich jeden Dreck angeboten bekomme, unabhängig davon, welches ich nun ansteuere (spon, faz, sz…)

    Ganz kurz: Online-Journalismus beinhaltet das Wort Online, Stefan, das wollte ich damit sagen, dass die IT, deren Automatisierung, diese New Economy Denke, Gold scheffeln, Gier etc. aber auch der technische Aspekt in dem ganzen eine Rolle spielt.

    Grüße
    Hurrz

    Ps.: Ich wünschte ich könnte so schreiben wie Du. Hoffe Du konntest meinem Wirrwarr trotzdem etwas entnehmen.

  27. Hallo Stefan,
    herzlichen Glückwunsch zu dieser tiefen und wahren Analyse! Dieser Text sollte ausgedruckt und verteilt werden!

    Vielleicht möchstest Du in einem weiteren Text auch Herrn Reich-Ranicki argumentativ beistehen? Denn ich finde was Du hier über Journalismus schreibst, ist in weiten Teilen auch auf die heutige Fernsehlandschaft übertragbar. Masse statt Klasse, Niveaulosigkeit und Banalität als Inhalt. Qualitätsfernsehen wurde irgendwann abgeschafft oder ins Nachtprogramm strafversetzt.

    Man braucht sich schon längst nicht mehr wundern, wenn die Menschen Bild.de mit Journalismus verwechseln und TV-Dokusoaps mit der Wirklichkeit. Es gibt ja kaum noch greifbare und dauerhaft gute Alternativen mit nennenswerter Reichweite.

  28. Zei tung on line o der ge druckt…

    Bei meiner Informationsbeschaffung zum aktuellen Weltgeschehen bin ich ja eher konservativ. Für die gedruckte Tageszeitung beim Frühstück kann ich mir derzeit keine digitale Alternative vorstellen. Ich behaupte mal, es gibt auch noch keine.
    Online i…

  29. Ich finde den Vortrag auch gut. Meiner Meinung nach greift das alles jedoch viel zu kurz. Der Journalismus in seiner jetzigen Form ist durch das Netz einfach überflüssig geworden. Vakant und wichtig ist die Position des „Gatekeepers“, aber diese Funktion müssen nicht unbedingt Journalisten und klassische Medien einnehmen. Das könnten auch sonstige Plattformen, Suchmaschinen, Communities usw. übernehmen. Die einzige Frage dabei ist, wer dies mittels überzeugendem Konzept qualitativ hochwertig umsetzen kann. Und die online-Auftritte der deutschen Medienkonzerne mache sie ja nicht gerade zu Favoriten in diesem Rennen.
    Zum inhaltlichen Qualität: An dem Beispiel Jo Groebel sieht man doch, dass die klassischen Medien stets (mehr schlecht als recht) auf der Suche nach Legitimation ihrer „Fakten“ sind. (Prof. Sinn und die drei durch alle Sendungen/Aritkel/Hörfunkbeiträge gereichten Politik-Professoren sind z.B. auch so ein Fall.)
    Der „Journalist“ zeichnet sich auch in seiner „Fach-„-Form vor allem durch ein notorisch gefährliches Halbwissen aus (nicht umsonst endet die Berufsgruppe immer auf den hinteren Plätzen dieser Vertrauensumfragen.)
    Wenn der interessierte Nutzer nun etwa, wie zum Beispiel im Falle Paul Krugman, die Möglichkeit hat, direkt auf Informationen aus wirklich kompetenter Hand zurückzugreifen oder irgendwelche Agentur-/Blog-Schnippsel durch relativ geringen Aufwand gegen zu recherchieren – wer braucht dann noch den „klassischen“ Journalisten?
    Es wäre ein Irrglauben, dem durchschnittlichen Nutzer einen deratigen Wissensdurst und die investigativen Ehrgeiz zuzutrauen. Ein ebensolcher Irrglauben wäre es jedoch zu glauben, der ehemalige/gegenwärtige Print-/Fernseh-Mediennutzer würde soetwas von seinem „Journalisten“erwarten. Der einzige Grund, weshalb im Printbereich bis heute BILD, NEUE REVUE, DAS GOLDENE BLATT, PLAYBOY o.ä. nicht zum monopolistischen Leitmedium wurden, liegt in der gesellschaftlichen Stigmatisierung. In der Annonymität des fast vollkommen demokratischen Internet gelten die Anstandsregeln der klassichen, bildungsbürgerlichen Gesellschaftgruppen nicht mehr. Jeder kann seinen eigenen Interessen nachgehen ohne Gefahr zu laufen, durch den Zeitungsboten, Briefträger usw. entlarvt und bloßgestellt zu werden.
    Und diese Entwicklung schwappt nun aus dem Internet auch auf die „klassichen“ Medien über. Wenn sich Marcel Reich-Ranicki über das Fernsehprogramm aufregt, klingt das heute seltsam. Vor zehn Jahren hätten sich noch viel mehr Medienschaffende aufgeregt entschuldigt und ihre „wir würden ja gerne, aber…“-Sätze geflötet.
    Ebenso kann sich heute Herr Diekmann hinstellen und stolz attestieren, dass immer mehr Geschäftsleute, Politiker usw. offen zur Lektüre der BILD stehen (siehe eine von diesen öffentlichen „Blattkritiken“).
    Langer Rede kurzer Sinn: das allgemeine Informationsniveau sinkt immer weiter ab. Und die Masse der Journalisten sinkt dabei selbstverständlich mit. Für qualitativ hochwertige Nachrichten braucht das verbliebene Grüppchen jedoch keine Journalisten mehr, nur noch ein funktionierendes System des filternden Informationsmanagements.
    Der klassische Journalismus, genauso wie seine ehemals bestimmende Nutzergruppe, das Bürgertum (die Mittelschicht), löst sich auf. Es wäre nicht die erste Gesellschaftsschicht, die bei ihrem eigenen Niedergang auch gleich noch einen Teil ihrer kulturellen Errungenschaften mit in den Abgrund reisst.
    Wer ernsthaft Untergang des Journalismus zu verhindern sucht den, kämpft gegen Windmühlen.

  30. Mit dem Schielen auf Klicks, den Bilderstrecken und P-Hilton-Keywords wird ja weniger der User betrogen, als der Werbetreibende. Der User, der sowieso schon seine Popups abgeschaltet hat, freut sich doch oft, dass er es den Werbefuzzis gemeinsam mit seinem Online-Informanten mal zeigen und sich für die dauernden Unterbrechungen der TV-Spielfilme rächen kann. So macht er fröhlich ein paar Symathieklicks (ich habe mir z.B. unlängst bei rp-online das Telekom-Potts-Video als Diashow angesehen und mir vorgestellt, wie da einer sitzt und einen Film erst in laute Einzelbilder zerlegt, sie dann wieder hochlädt und auch noch zu jedem einen Text verfasst; aus Mitleid mit ihm habe ich die Diashow sogar zwei Mal durchgeklickt).
    Solange Firmen alles an den IVW-Zahlen messen, so lange wird sich da wohl nichts ändern.

  31. […] der wohl lesenswertesten Artikel ueber den Zustand des deutschen Onlinejournalismus schlechthin. “Schlechter online” nennt er ihn, und er trifft den Kommentaren nach nicht nur bei mir ins Schwarze. Auszuege: Wenn wir […]

  32. Hervorragender Artikel, danke! – ich erlaube mir aber trotzdem, dir zu empfehlen, etwa ab dem letzten Drittel nochmal in Ruhe nach Rechtschreibfehlern (v.a. fehlende/verdrehte Buchstaben) gegen zu lesen, da haben sich einige eingeschlichen.

    (Kann dir im Übrigen auch anbieten, analog zu BILDblog gelegentlich zu mailen, was mir ins Auge fällt, falls dir sowas willkommen sein sollte)

  33. Den aktuellen Status Quo hast Du ja schön beschrieben. Die Gründe sind vielfältig.

    Geld, also die Möglichkeit die bezahlten Online-Redakteure und den technischen Aufwand dafür zu bezahlen, ist natürlich ein Hauptgrund für die Misere. Es bringt ja nichts über (fehlenden) Anspruch an Journalismus zu ranten, wenn man den Zeitaufwand außer acht läßt. Schließlich wollen nicht nur die Redakteure leben, auch der Verlag muß davon existieren können. Momentan ist Werbung der Hauptumsatzbringer für solche Angebote. Aber muß das so sein? Gibt es keine anderen Einnahmemöglichkeiten?

    Die Leserbindung ist natürlich wichtig, da funktionierende Online-Angebote nicht nur das Printmedium beföördern können, sondern auch die Leserschaft für zukünftige Online-Einnahmequellen bindet.

    Nur wie erreicht man das?
    Gerade regionale Tageszeitungen hätten da viele Möglichkeiten, insbesondere bei der Zweitverwertung. Ich fände es toll, wenn ich beim Aufruf der Websites meiner örtlichen Zeitungen, auch regionale Nachrichten und Angebote im Mittelpunkt stehen, also dass diese Verlage ihren alten Aufgabenzweck ins Internet transportieren.
    Hier kommen die beiden größten Zeitungen aber aus großen Verlagen (WAZ, Bauer-Verlag) und dementsprechend ist auch der Onlineauftritt: Ein Sammelsurium aus Paris Hilton, überregionalen Nachrichten und hier und da mal was über einen Unfall auf der nahegelegenen Autobahn. Im Print sieht das übrigens nicht besser aus. Investigative Artikel über Kommunalpolitik findet man auch dort selten.

    Mir wäre es lieb, wenn man dort die Artikel aus der Printausgabe mit weiterführenden Links finden würde.
    Terminkalender zu politischen Ereignissen (wann tagt der Stadtrat worüber) und sonstigen Veranstaltungen aus der Region wären nett.
    Bei letzteren ist oft auch ein Redakteur vor Ort und zu dem dazugehörigen Artikel(n) aus dem Print kann man ja auch mehr schreiben (der Platz ist ja nicht so begrenzt), mehr Bilder veröffentlichen (vielleicht sogar mit kostenpflichtiger Bestelloption).
    Regionale Umfragen wären auch nicht verkehrt (und nicht Umfragen zur Wahl in den USA).
    Wie wäre es mit einem moderierten Regionalforum mit Leserbrief- und Artikelsektion? Begleitet von Redakteursblogs.
    Link-, Telefon- und sonstige Listen würde ich auch gern kompakt an einer Stelle haben. Google ist da doch deutlich langatmiger. Z.B. Schulverzeichnisse, Ämter, Dienstleister (meinetwegen gesponsort)
    Weiteren gesponsorten Inhalt kann ich mir auch gut vorstellen, allerdings deutlich gekennzeichnet. Sei es das örtliche Kinoprogramm oder Unternehmensvorstellungen/Neueröffnungen. Daran würde der Verlag verdienen, aber auch der Besucher hätte einen Nutzen.

    Man bedenke, daß viele dieser Inhalte in den Redaktionen schon vorliegen. Vielleicht scheitert es auch nur an den CMSs?

    Und das sind nur die Dinge die mir direkt einfallen. Mit etwas Zeit kann man da bestimmt auch Neues entwickeln. So ein Angebot würde ich auch täglich nutzen. (Ist vor Ort mit der Konsequenz leider nicht verfügbar)

    Aber das würde ambitionierte Verleger und Redaktionen voraussetzen, die nicht nur ans Geld denken (bzw. erst langfristig). Man müßte sich auch mal Gedanken über die IVW und Page-Impressions machen. Eine gemeinsam vermarktete Werbeplattform der Verleger wäre auch nicht schlecht, denn Google ist regional (noch) nicht das Maß aller Dinge.

    Das würde Leute vorraussetzen die das Internet selber nutzen und verstehen und denen ihre Stadt und ihre Zeitung am Herzen liegt. Die mir bekannten Printausgaben lassen aber nicht gerade darauf schließen ;)

  34. „Dass Zeitungsleser zwar empfindlich reagieren, wenn sie zuviele falsch geschriebene Wörter in den Artikeln finden, aber Internetnutzern solche Nebensächlichkeiten egal ist.“

    Es muss „sind“ heißen. nicht „ist“.

    Quod erat demonstrandum.

  35. „Wenn die Macher von „RP Online” und anderer Seiten“ – aua! Bzw.: Gruß an die bloginterene Grammatikprüfung!

  36. Für echte Verleger ist Journalismus das Ziel und Geld das Mittel. Nicht umgekehrt.

    Aber der klassische Verleger ist so gut wie ausgestorben. Die Zeiten haben sich geändert, die Kaufmänner, gerne abfällig „Flanellmännchen” genannt, haben nun das Sagen. Und das Geld ist knapp geworden.

    Das gilt aus meiner Sicht sowohl für den Print- wie auch für den Online-Journalismus. Im Letzteren zeigt sich die ‚Philosophie‘ der ‚Flanellmännchen‘ nur derzeit krasser – was m.E. daran liegen könnte, dass deutsche Online-Redaktionen erst wenige Jahre alt sind, während im Print-Bereich vielfach erst noch die Restwiderstände der alten Journalistengarde überwunden werden müssen, bzw. wo die sich allzu quer stellen das Personal selbst abgebaut wird. Anders gesagt, in den großen Print-Verlagen werden mit dem Ziel der Profitmaximierung kontinuierlich Ressourcen und damit Qualität abgebaut, während sie im Online-‚Journalismus‘ gar nicht erst eingesetzt werden.

    Andere lesenswerte Meinungen zum Thema:
    Anke Gröner
    Anmut und Demut: ‚Der Leviathan‘ + Kommentare

  37. @bartleby #10,12

    Ich bin bestimmt kein Freund der BRAUNSCHWEIGER ZEITUNG, und das nicht nur aufgrund der miserablen Sportberichterstattung (Achtung! Fußballfan!).
    Selbiger Zeitung aber unterirdisches Niveau zu attestieren klingt mir ganz nach Landeshauptstädter…
    Leute auf der Straße nach Ihrer Meinung zu fragen halte ich ebenso wenig für verwerflich wie Neugeborene abzulichten.
    Selbst die Online-Ausgabe (newsclick) ist bei weitem nicht so schlecht wie, wie soll es auch anders sein, RPOnline.

  38. Chapeau. Beiträge wie dieser strafen die „Online-Journalismus-Quengler“ lügen und beweisen, dass QUALITÄT die relevante Größe im Journalismus ist. Ob im Print- oder im Online-Medium. Es wäre zu wünschen, dass nicht nur Journalisten das wieder internalisieren (die es ja ohnehin gelernt haben sollten), sondern dass die Verleger es wieder in ihre „Produkt-Portfolios“ aufnehmen ;-)

  39. Alle Actung! Das ist wirklich eine erstklassige und vor allem detailierte Beobachtung zu Online-Medien. Leider – so finde zumindest ich – ist die Textspalte zu schmal, was den Lesegenuss erheblich schmälert.

    Nebenbei: kann man die Kommentarvorschau irgendwie abschalten? Wenn ich direkt ins Kommentarfeld tippe, dann bremst das meinen Browser so fies aus, dass ich keinen zusammenhängenden Text schreiben kann, weil die Aktualisierung der Vorschau ewig dauert.

  40. Ein wirklich gutes Statement, Stefan. Nur in einem Punkt möchte ich Dir widersprechen. Mit Zeitungen und Zeitschriften ließ sich lange, lange Zeit richtig gut Geld verdienen. Umsatzrenditen von 20 Prozent und darüber waren einst Normalität – und sollen es bei einer Reihe Lokalzeitungen noch immer sein.

    Das eröffnet die Frage, ob Dein Feststellung, dass für echte Verleger Journalismus das Ziel und Geld das Mittel ist, nicht zu in fast zynischer Art umzudrehen wäre: Weil Verleger das Geld hatten, mochten sie sich jenes Ziel leisten. Nun aber schwindet das Geld und der Moral folgt die Fokussierung auf das Fressen.

  41. 1. Danke, Herr Niggemeier, danke. Ein Fazit (von vielen möglichen): Es ist keine Onlinepräsenz so nutzlos, als dass sie nicht noch als schlechtes Beispiel dienen könnte.
    2. Ich finde den Kommentar von hurrz/38 sehr zielführend (vor allem in der zweiten Hälfte): Ich meine auch, daß, wenn Verleger/Journalisten ein technisches und beim „Leser“ akzeptiertes Mittel wüßten, mit dem sie ihr Einkommen im Web bestreiten könnten (im vergleichbaren Umfang, wie im Print bisher der Fall war), sie dort wohl (hoffentlich…) ähnlich „gut“ arbeiten würden wie im Print, zumindest besser als aktuell online. Zur Zeit ist „online“ brotlose Kunst (richtiger: Brotloses Gemache).
    3. Thomas Knüwer bekommt eine „1“ mit Sternchen für seinen Hinweis, weil: Er (der Hinweis) stimmt. Und er ist nicht zynisch (der Hinweis), meine ich: RP (Print) hat in manchen Gemeinden (linksrheinisch) eine Haushaltsabdeckung, dass einem schwindelig wird – der Qualität war das dort wie woanders, so meine Erfahrung als ehemaliger Nordrhein-Westfalen-Bewohner und Journalist, nur selten erträglich zuträglich.

  42. Auch wenn es langsam langweilig wird: eine sehr gute, pointierte Zusammenfassung.

    Warum ich hier zur allgemeinen Redundanz beitrage: was sich im Journalismus gerade zuträgt, hat den Beruf des Lehrers längst ereilt: ein Abdriften in die gesellschaftliche Belanglosigkeit.

    Wer will schon – noch zu einem Hungerlohn – sich mit lernresistenten Kindern auseinander setzen; und wer will noch – ebenso unterbezahlt – einer Gesellschaft die Mechanismen ihres Zusammenhalts erklären, von denen keiner hören will – oder, noch abstrakter: wen interessiert es, wenn erklärt wird, warum diese Mechanismen nicht mehr funktionieren?

  43. Als Leserin entgehe ich einigen der hier so großartig zusammen gefassten Nervereien, indem ich die Online-Ableger der Printmedien meist nicht mehr DIREKT AUFSUCHE: statt dessen verschaffe ich mir über News-Portale wie WIKIO, NetNewsGlobal, Google-News u.a. einen Überblick und lese dann nur die jeweils interessierenden Artikel. So bleibt mir das Boulevard-Sammelsurium, die unverschämten Klick-Strecken und manch‘ andere Zumutung erspart.
    Treffe ich während dieses News-Surfens auf einen richtig guten Artikel, schau ich schon auch mal, was das Medium grade auf der Leitseite zusammen stellt. Letztlich ist mir aber nicht wichtig, welche Auswahl eine Redaktion für relevant hält: neben den Inhalten selbst interessiert mich vor allem das aktuelle Interesse der Leser. Im Netz kann ich endlich sehen, was die Menschen gerade bewegt – ein echter Zusatznutzen der durch Leser per Voting zusammen gestellten News-Portale (manchmal ist das durchaus erschreckend, aber dennoch informativ).
    Von den Traditionsmedien wünsche ich mir mehr Verlinkung nach außen und dass man die Artikel auch kommentieren kann – was ja bei einigen schon länger möglich ist.

  44. Stefan, was du schreibst, ist sicher mehr oder weniger richtig, und ich mache mir auch Sorgen über die Qualität des Journalismus, aber ich vermisse stark irgendwelche Lösungsvorschläge, schlimmer noch, es wird nicht mal deutlich, wer Deiner Meinung nach Lösungen suchen muss. Wenn ich das richtig zwischen den Zeilen herauslese, sind für Dich die Verantwortlichen die bösen Verlage, und die Lösung aller Probleme bestünde demnach darin, dass diese jetzt endlich verdammt noch mal ihre journalistische Verantwortung wahrnehmen sollten. Doch so einfach ist es nicht.

    Regel 8 deiner Analyse ist eigentlich der Kern der Sache und damit Regel 1: Es dreht sich alles um die Klicks, denn sämtliche Möglichkeiten, mit Online-Journalismus Geld zu verdienen, werden über Klicks definiert. Da können aber die Verlage nichts dafür. Sie sind meiner Meinung diesem Mechanismus einfach ausgeliefert und somit weniger Täter als vielmehr Opfer. Wenn jetzt ein Verlag sich entschliesst, plötzlich den tapferen, tugendhaften Weg des aufrechten, seriösen Journalismus zu beschreiten, auf sinnlose Bilderstrecken zu verzichten, die Seite übersichtlicher zu gestalten, sodass weniger Klicks nötig sind, um zur Information zu kommen, dann ändert dies gar nichts am System. Der ehrenhafte Verlag zieht einfach die A***karte: Dem Besucher gefällts zwar besser, aber trotzdem gehen die Page Impressions zurück, und zwar auch langfristig. Denn bei Medien mit akzeptablem Google-Ranking kommen die meisten Klicks durch Gelegenheitsbesucher zustande.

    Abgesehen vom Fluch des Klicks sind die von Dir beschriebenen Probleme wohl nicht online-spezifisch. Erstens schreiben sehr viele Autoren sowohl für Print als auch für Web; das Klischee vom dummen jungen Online-Legastheniker und dem erfahrenen stilsicheren Printjournalisten greift zu kurz. Zweitens betrifft die Boulevardisierung der Medien Print genauso wie Web. Nimm mal eine *gedruckte* Ausgabe einer beliebigen Tageszeitung von 1980 und vergleiche sie mit einer *gedruckten* Ausgabe von heute. Möglicherweise unterscheidet sich die Schweizer Medienlandschaft etwas von der deutschen, aber insbesondere die Gratiszeitungen haben hierzulande die Messlatte schon recht hoch angesetzt. Da wird die Frontseite gegen Bezahlung gerne auf Seite 3 verbannt, währen die wirkliche Front einfach ein ganzseitiges Inserat ist. Oder dann gibts so Rubriken wie Lifestyle, wo unter einem weitläufigen Thema irgendwelche Produkte zum Kauf empfohlen werden. Redaktion und Werbung sind hier nicht nur «nicht so genau getrennt», sondern im höchstmöglichen Grad vermischt. In diesen Printmedien gibts auch so Rubriken wie Community, wo einfach ein bisschen Dumpfmüll abgedruckt wird, den zufällige User auf der Website der Zeitung hinterlassen haben. Dies alles ist zu berücksichtigen unter der Tatsache, dass im Print der Platz sehr begrenzt ist, im Gegensatz zum Web. Relevanz muss im Web rein systembedingt weniger stark gewichtet werden. Hier haben auch Dinge Platz, die ein kleines Publikum anziehen. Auch Korrektorat etc. muss im Web systembedingt weniger streng sein, da man Korrekturen jederzeit anbringen kann. Das heisst aber nicht, dass man das immer tun muss, wie manche Möchtegern-Korrektoren und Freizeit-Hilfssheriffs meinen. In einer gedruckten Zeitung sind Tippfehler einen Tag später Schnee von gestern, aber online wird man als Redaktor, zum Dank dafür, dass man ein zeitlich unbegrenztes Archiv zur Verfügung stellt, noch Jahre später auf irgendwelche kleine Fehler «aufmerksam gemacht», und im dümmsten Fall werden solche Artikel dann von kulturpessimistischen Bloggern auch noch als Belege abendländischen Wertezerfalls verlinkt. Dabei ist es doch ein gutes Zeichen, wenn ein Online-Redaktor besseres zu tun hat, als Newsmeldungen von anno 2004 zu redigieren.

  45. @Stefan Niggemeier:

    Sorry für die Klugscheißerei, aber in einem Beitrag, der sich unter anderem mit dem Problem der Häufung von Rechtschreibfehlern in deutschen Online-Medien befasst, sollten doch nach Möglichkeit selbst keine Fehler enthalten sein. Ich gebe allerdings zu, dass das in einem Text von dieser Länge – zumindest ohne mehrfaches Korrekturlesen – fast unmöglich zu bewerkstelligen ist.

    Also:

    zigtausende, oft junge Menschen in den Ort bracht

    „brachte“ – da fehlt ein „e“.

    können wir halt auch nur weniger
    ausgeben.

    Der Zeilenumbruch hinter dem Wort „weniger“ muss weg.

    Der Alltag in Deutschland dagegen ist immer noch, alle 50 Fotos, die eine Suche im Archiv von dpa oder anderen Anbietern, die man pauschal bezahlen kann und nicht pro einzelnem verwendeten Bild bezahlen muss, auf die Seite zu kippen.

    Da fehlt der Einschub „,ergibt, “ hinter „muss“.

    Wenn man mit Verantwortlichen von Online-Medien spricht, fluchen die meisten über die Sinnlosigkeit der Währung „Page-Impression” und der Folgen, die sie hat.

    Nicht „der Folgen“, sondern „die Folgen“.

    Interessant finde ich diesem Zusammenhang auch, wieviel Mühe die Online-Medien darauf verwenden, ihre Überschriften so zu optimieren, dass möglichst viele Leute über Google angeschwemmt werden, und wie wenig darüber diskutiert wird, was man ihm bietet, damit er nach dem Spielen von 17 Bilderquizgalerien bleibt oder gar wiederkommt.

    Wer ist „ihm“? Vorher wird von „möglichst vielen Leuten“ im Plural gesprochen. Also entweder das „ihm“ durch „dem Leser“ ersetzen oder den zweiten Teil des Satzes in den Plural stellen.

    Bei sueddeutsche.de gibt es neben 100-teiligen Bildergalerien ein Genre, in dem Artikel parallel zu eine Reihe Fotos erzählt wird..

    Entweder „..in dem ein Artikel..“, oder das letzte „wird“ zu „werden“ umformen (wenn „Artikel“ im Plural stehen soll).

    ..uns zwar so..

    „und“ statt „uns“.

    Ob die Leser nicht auch mit unredigierten Texten und bloßen Agenturmeldungen zufrieden geben.

    Ob sich die Leser damit zufrieden geben. „zufrieden geben“ ist reflexiv.

    ..nicht nur unter die Buchstaben CDU routiniert einen Verweis auf cdu.de zu legen, sondern zum Beispiel auf die konkreten Artikel in britischen Boulevardzeitungen zu verweisen,

    Hinter „nicht nur“ und „Beispiel“ fehlt ein „um“.

    Man wird, wenn so viel über den Zustand des Online-Journalismus nörgelt wie ich, leicht missverstanden.

    Wenn man so viel nörgelt.

    Ich will nicht ausschließen, dass das einzelne Angebote damit Erfolg haben können.

    Das „das“ ist zuviel.

    ..und von jedem lokalen Ereignis zuverlässig doppelt so viele Amateurfilmchen gibt..

    Und es doppelt so viele Filmchen gibt.

    Hui, 12 Fehler beim groben Überfliegen gefunden.. Herr Niggemeier, Sie sollten vielleicht doch besser mich als Korrekturleser einstellen. Und immer dran denken, Texte vor der Veröffentlichung im Netz redigieren und korrigieren und so. Rechtschreibfehler sind ja kein Privileg von RP-Online. ;-)

    (Sorry für den Spott, die Versuchung war einfach zu groß – und wer austeilt, muss eben auch einstecken können. Und davon mal abgesehen Gratulation für den inhaltlich hervorragenden Text – wenn auch die Chefredaktion von SPON und Konsorten anwesend war, besteht ja noch Hoffnung, dass sich langsam etwas Problembewusstsein durchsetzt.)

  46. Großer Beitrag, der ja quasi das destilliert, was Du hier und auf Bildblog schon seit jeher anprangerst. Vielen Dank für die lesenswerte Zusammenfassung.

    Leider drückt auch diese sich wieder vor dem Kernproblem (wie schon in Kommentar #62 angesprochen): wer soll das bezahlen? Ein Printmedium verlangt und erhält Geld für seine Leistung, hier habe ich als Kunde im Gegenzug natürlich Anspruch auf einen entsprechenden journalistischen Gegenwert. Online ist kostenlos und wird sich niemals im notwendigen Maße durch Werbung refinanzieren lassen wie Print. Das Ergebnis sind leider unvermeidlich Klickstrecken und Paris-Hilton-Inhalte.

    Ich bin Dir dankbar für den richtigen und wichtigen Fingerzeig auf die damit verbundene, reale Gefahr, dass die abgesenkten Internetstandards ihren Weg in die Printmedien finden. Ist ja auch leider in Teilen so, und es ist gut und wichtig, dass da jemand mahnt. Ganz so pessimistisch wie Du seh ich das aber nicht, weil ich eben glaube, dass die Leute durchaus zwischen bezahlten und kostenlosen Inhalten unterscheiden und von sich aus entsprechend unterschiedliche Ansprüche stellen – und damit den Printmedien die von Dir angesprochenen Verwahrlosungstendenzen eben nicht durchgehen lassen. FAZ, taz oder SZ können sich ein Schleifenlassen der Zügel nicht erlauben und werden das auch nicht tun. Blätter wie die Frankfurter Rundschau, die sich bereits auf einen inhaltlichen Ausverkauf eingelassen haben, werden dagegen langfristig nicht überleben. Und Lokalblätter waren noch nie ein Hort des aufrechten Journalismus.

    Wie überall sonst auf dem Markt auch wird einfach die Schere weiter auseinander gehen – zwischen wenigen Anbietern qualitativ hochwertiger Produkte für eine zahlungskräftige Kundschaft und Discountern mit Massenramsch. Dieser Prozess hätte so oder so stattgefunden, er wird durch das Internet nur verstärkt. Ich sehe auch keine Strategie, speziell im Bereich des Onlinejournalismus, die dem entgegen wirken könnte. Denn das Kernproblem des Internets, dass teure Recherche nach journalistischen Grundsätzen dort nicht gegenfinanziert wird, lässt sich leider nicht lösen – und ich habe auch bei Dir noch nie einen verwertbaren Ansatz gelesen, wie sich das ändern ließe.

  47. @Aufrechgehn:

    Und solange die Printmedien ihre Qualitätsstandards (die ich eigentlich nur bei der FAZ und der ZEIT für existent erachte, mit Abstrichen vielleicht noch bei der SZ) halten können, ist das alles halb so schlimm?

    In meinem Bekanntenkreis, den ich durchaus als Kernzielgruppe der genannten Zeitungen bezeichnen würde, liest niemand Zeitung (ich übrigens auch nicht, es sei denn, es liegt im Zug eine herum). Und das sind alles Leute von Mitte 20, Generation Web 1.0 sozusagen. Wie sieht das wohl bei jenen aus, die heute 15 sind?

    Die Auflage der Zeitungen geht konstant nach unten, seit das Web ein Massenmedium wurde, und es sieht nicht danach aus, als könnte dieser Trend aufgehalten werden. Man frage doch mal den Brockhaus-Verlag, wie das Web ihr Geschäft verändert hat, oder die Musikindustrie; ist ja nicht so, dass die Zeitungen die einzigen wären, die von der Präsenz der neuen Medien betroffen sind.

    Sie scheinen aber die einzigen zu sein, die immer noch nicht kapiert haben, dass das Drucken von Papierzeitungen mehr und mehr dem Reiten eines toten Pferdes gleichkommt.

    Spätestens wenn es echte Durchbrüche beim elektronischen Papier gibt, ist das Spiel aus. Die Web-2.0-verwöhnte Youtube-Generation hat schlicht keine Lust mehr, stapelweise alte Zeitungen zum Altpapier zu bringen. Sie sitzt sowieso jeden Tag gewohnheitsmäßig am PC, um Mails abzurufen und Kontakte zu pflegen – wieso bei der Gelegenheit nicht auch schnell einen Blick auf die Nachrichten werfen? Spiegel Online erreicht schon jetzt weitaus mehr Leser, als der Print-Spiegel je hatte.

    Die Verbreitung sehr günstiger und portabler Klein-Mobilrechner (Netbooks) sowie die zunehmend günstiger werdenden mobilen Internetzugänge werden diesen Trend noch beschleunigen: In Zukunft werden immer mehr Leute selbst im Urlaub die Nachrichten aus der Heimat auf dem Netbook lesen. Es ist nicht utopisch, dass für nachkommende Generationen das morgendliche Surfen am Frühstückstisch genauso selbstverständlich sein wird, wie es bei meiner Elterngeneration noch die Zeitungslektüre war. Die Geräte und die Infrastruktur dafür stehen längst zur Verfügung, die Preise gehen massiv nach unten. Netbooks verkaufen sich wie geschnitten Brot, wohlgemerkt in den meisten Fällen als Drittrechner (!).

    Wenn die Verlage nicht endlich das Internet ernst nehmen, statt die Befüllung der hohlen Fassaden, die sie dort errichtet haben, drittklassigen Praktikanten zu überlassen, werden sie irgendwann bemerken, dass sie nur noch eine schrumpfende und vergreisende Minderheit bedienen und die öffentlichen Debatten längst woanders stattfinden. Dieser Prozess findet schon längst statt. In den USA wird die Meinungsführerschaft im Netz inzwischen sogar als wahlentscheidend eingeschätzt. An diesen Punkt wird Deutschland irgendwann auch gelangen, ob mit oder ohne die althergebrachten deutschen Verlage.

    Jemandem wie mir, der mit dem Internet aufgewachsen ist, erscheint es geradezu absurd, dass irgendjemand, der Geschäfte mit Informationen macht, glaubt, das Netz mehr oder weniger ignorieren zu können. Diese Arroganz wird sich noch bitter rächen.

    Es ist doch nicht so, dass die jüngere Generation in die Zeitungsläden rennen würde, wenn sie realisierte, dass die Online-Auftritte der etablierten Zeitungen ihr nur Schund bieten. Warum sollte ich glauben, dass die Print-RP Qualität bietet, wenn RP-Online das ist, was es ist? Da steht nirgendwo auf der Webseite: „Hey, unsere gedruckte Zeitung ist aber nicht halb so scheiße wie das hier“!

    Und selbst wenn: Die Leute werden ihre Lesegewohnheiten deshalb nicht ändern. Das Notebook gehört zum Alltag einfach dazu, man möchte Informationen heute schnell mit Bekannten teilen können, die Form der Präsentation selbst beeinflussen können, darüber mit anderen diskutieren können, und so weiter. Nachrichten von heute gehören im Netz morgen schon zum alten Eisen.

    Vielmehr werden die mit dem Internet großgewordenen Menschen es irgendwann einfach für selbstverständlich halten, dass Journalisten im allgemeinen nur Quatsch und 150teilige Bildgalerien produzieren. Der Journalismus als Beruf zieht sich durch sein Verhalten im Netz bei allen Menschen unter 30 selbst in gewaltigem Ausmaß in den Dreck. Und wer mit 20 gelernt hat, dass man halbwegs verlässliche Informationen nur bei Wikipedia und Google Scholar bekommt, weil „Zeitungen“ im Netz in Wirklichkeit bestenfalls automatische Nachrichtenaggregatoren von Agenturmeldungen, schlechtestenfalls eine Mischung aus Klickstrecken-Wahnsinn und lächerlich amateurhaften Eigeninhalten sind, die notdürftig mit den immer gleichen und oft völlig unpassenden Archivbildern verziert werden,- wer mit 20 dies gelernt hat, der wird Journalisten wohl kaum mit 30 oder 40 für seriöse Informationsaufbereiter und -selektierer halten.

  48. Ein gelungenes Beispiel dafür, dass der Internetkonsument sehr wohl auch lange Texte online lesen kann und mag und deswegen auch scrollt ohne Angst vor Fingerkrebs zu bekommen etc.

    Danke!

  49. So sieht es leider aus. Ich fürchte nur, hier (im Blog) wird zum Kirchenchor gepredigt. Aber auch der braucht ja ab und an etwas Bestätigung.

  50. @Aufrechtgehn (#65):

    Ein Printmedium verlangt und erhält Geld für seine Leistung, hier habe ich als Kunde im Gegenzug natürlich Anspruch auf einen entsprechenden journalistischen Gegenwert. Online ist kostenlos und wird sich niemals im notwendigen Maße durch Werbung refinanzieren lassen wie Print. Das Ergebnis sind leider unvermeidlich Klickstrecken und Paris-Hilton-Inhalte.

    Na das nenne ich doch mal einen gepflegten Tunnelblick. Ich beziehe jeden Tag im Netz, von vielen unterschiedlichen Websites, kostenlose Informationen, aber so gut wie nie konnten sich bislang Paris-Hilton-Inhalte oder Klickstrecken dazwischen mogeln. Das Internet hat nämlich unendlich viel mehr zu bieten als alte Medienmarken, die sich immer noch für die Zentren der Informationswelt halten.

    Denn das Kernproblem des Internets, dass teure Recherche nach journalistischen Grundsätzen dort nicht gegenfinanziert wird, lässt sich leider nicht lösen – und ich habe auch bei Dir noch nie einen verwertbaren Ansatz gelesen, wie sich das ändern ließe.

    Ich glaube, Sie verwechseln da was: Das ist nicht das Problem des Internets, sondern das Problem kommerzieller Medienproduzenten. Dem Internet geht das – mit Verlaub – am Allerwertesten vorbei.

    Eine Frage hätte ich da noch:
    Wenn so viele Mainstream-Medienproduzenten der Ansicht sind, aus Kostengründen Online-Usern nur billig produzierbaren Boulevardmüll anbieten zu können (wie es hier den Anschein hat), warum lassen sie’s dann nicht lieber gleich ganz bleiben? Das ist noch billiger und schadet wenigstens der Legende vom seriösen Journalismus nicht.

  51. Gesammeltes aus dem Westen (WAZ gibt’s neues?) – aktualisiert…

    Angesichts der vielen kleinen Einzelbeiträgen, die sich angesammelt hatten, gerät man ja fast schon in Versuchung eine Pot(t)pourri-ähnliche Kategorie nur für die Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ) respektive das Internet-Porta…

  52. Eine abschließende Bemerkung meinerseits:
    Zeitungs- und TV-Journalisten sind aus meiner Sicht die Stummfilmschauspieler des 21. Jahrhunderts.

  53. Lieber Stefan,

    Deine „beunruhigende masochistische Leidenschaft“ braucht Dich nicht zu beunruhigen“. Es gibt ja sehr wohl noch Engagement und Qualität im Journalismus. Du bemühst Dich darum, wir, bei headline1.de auch und mit uns viele andere. Klar, wenn man glaubt, nach zwei Semestern und einem Praktikum beim Abendblatt Redakteur zu sein, ist das eine Besorgnis erregende Entwicklung. Der Markt regelt diese Angelegenheit. Sowohl für den Verlag als auch für den „Redakteur“. Wer heute in den Medien keine Qualität liefert, der verliert (Auflage, Quote, Klickzahlen). Das ist nix Neues! Vielleicht lohnt es sich, mal wieder die publizistischen Grundsätze des Deutschen Presserates durchzulesen.
    Gruß aus Muc
    peter ehm

  54. Danke für die Erwähnung von Spiegel online mit diesen elendigen Kritiken, die man nach jeder größeren Samstagabend-Show dort zu lesen bekommt bzw die ewigen Verrisse der Anne-Will-Talkshow, was mir arg auf den Zeiger geht, weil es so erwartbar ist. Noch ein Beispiel: Schlag den Raab. Wann ist die nächste Folge? Keine Ahnung, aber ich weiß schon, was in der Kritik am Sonntag steht^^

  55. Ist das nicht ein Vergleich von Äpfeln und Birnen?

    Müsste man Online-Nachrichtenseiten nicht eher mit kostenfreien Anzeigenblättern vergleichen?

    Auch hier wird der Inhalt nur über Werbung finanziert und es werden keine zusätzlichen Einnahmen über den Verkauf erzielt.

  56. Nun, ich teile die Begeisterung für den Beitrag zwar weitgehend, allerdings geht mir ein Aspekt auch zu sehr unter. Und zwar einer, der bei Medienmachern nie untergehen darf: das Nutzungsverhalten.

    Webzines sind das iTunes der Verlage. Man kauft keine Gesamtkonzepte, sondern sucht sich nur den einen Song, nach dem einem der Sinn steht.

    Webmedien werden zum Großteil anders rezipiert. Nutzer suchen gezielt statt zu schmökern, sie aggregieren sich selbst ihre Infos selbst zusammen, scannen kurz die Headlines oder folgen gewohnheitsmäßigen Klickschemata.

    Während die Qualitäts-Printmedien ihre aufgeblasenen Feuilletons trotz miserabler Leseperformance aus Prestigegründen mitgeschleppt haben, gibt es im Web kaum Prestigeobjekte. Da muss die Marke an sich reichen.

    Man muss auch als altgedienter Journalist weg von dem Prestigedenken. Man hat IMHO den Wert von literarischen Texten, Kulturezensionen usw. über Jahrzehnte überschätzt. Dass dies im Web kaum noch Platz hat: schade…

    Anders sieht es bei den Aspekten der Tiefe und der Recherche aus. Hier gibt es in der Tat große Lücken. Damit landen wir aber wieder bei den technischen Aspekten und der Nutzung: jede noch so doofe Klickstrecke macht mehr PIs als ein gut recherchierter Zweiseiter. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht ist die Schlussfolgerung deshalb nahe liegend.

    Hier an einen Idealismus zu appellieren wäre zu viel verlangt. Der Markt wird es richten. Irgendwann hat jemand den Mut, 100% eigenrecherchierten Content zu bringen und wird damit Erfolg haben. Dann ziehen andere nach.

    Man muss die Verlage aber zumindest in so fern in Schutz nehmen, als dass der Online-Werbemarkt in Deutschland erheblich stotternd wächst. In den USA haben Blognetzwerke wie Gawker eine Hand voll erfolgreiche Blogs und zahlen damit so viele Angestellte wie hier ein mittelständischer Verlag hat.

    Gerade die schwierigen Vermarktungsmöglichkeiten von beliebigen Paris-Hilton-Geschichten macht es nicht leichter. Diversifizierte Spezialinhalte tun sich da leichter.

  57. ..nun ja, auch bei der taz wird gespart:

    Zitat:
    „Das größte Wagnis, das ein Privatsender derzeit eingehen kann, ist nicht, eine teure neue Serie mit hoher Flopgefahr zu starten – sondern gleich zwei davon. Kein Wunder, dass Sat.1, wenn es am genau das morgigen Donnerstag tut, auf Nummer sicher geht.“
    „Also kontert Sat.1 jetzt mit „Dr. Molly & Karl“ – wobei die die Sat.1-Ärztin gut doppelt so pummelig wie die RTL-Kollegin – also mollig – ist.“

    Offenbar ist so ein Lektor unsagbar teuer.

  58. Was im Internet fehlt ist ein funktionierendes Mikro-Bezahlsystem für Artikel wie diese. Wie oft denke ich mir bei einzelnen Zeitungsartikeln: „Wow, der hat aber den Preis der GESAMTEN Zeitung gerechtfertigt“. Und ende auf der letzten Seite und habe diesen Gedanken mehrfach gehabt: Das ist das was ich von einem Informationsmedium erwarte und für die ich auch gern Geld bezahle.
    Einige Bands haben es mit der Aufforderung zu freiwilliger Bezahlung vorgemacht. Das war angeblich „erfolglos“ aber zum Einen haben eben doch viele bezahlt und zum Anderen ist es eine vollkommen andere Zielgruppe als die Konsumenten die ein Bedürfnis nach seriösem, gut gemachtem Journalismus haben.
    Ich denke man muss unterscheiden zwischen dem belanglosen „Unterhaltungs-Internet“ wie in diesem Artikel beschrieben (für die Doofen) und dem inspirierenden, zu neuen eigenen Gedanken anregenden Journalismus-Internet, den man auf Online-Zeitungsseiten genau so findet wie in Blogs.
    Hier habe ich jetzt auch wieder das Bedürfnis zu sagen: Geben Sie uns doch mal Ihre Kontonummer, und wir befreien Sie soweit von Alltagssorgen dass Sie sich weiter so feine Gedanken machen und sie ins Netz stellen.

  59. Microbezahlsysteme: Bei der mediaclinique gibt es sowas:
    https://www.paypal.com/de/cgi-bin/webscr?cmd=_flow&SESSION=keL8Ucsyg35QN6fKtqiRVER616Zwpf_fFYPT2HnH6s-esPb3p1qJr7vUZkS&dispatch=5885d80a13c0db1f38432c9462fe7313791b4c12e10393700300c8820f2d2c73

    > Ist einfach der Paypal-Spendenservice!
    In den Staaten gibt es weitere Services, die über die Tip (oder ‚Trinkgeld‘)Schiene laufen. Aber recht hast Du, wäre gut.

    Und so schlecht ist das mit den Bands auch nicht gelaufen: http://www.paidcontent.org/entry/419-radiohead-online-experiment-and-offline-sale-in-rainbows-sells-3m-units/

    Sorry für die brutal langen Links, aber ich zeige sie lieber, statt sie in tiny.urls zu verstecken.

  60. Es ist interessant, was einem auffällt, nachdem man diesen Artikel gelesen hat. Gerade eben habe ich mir die Startseite von http://www.sueddeutsche.de angeschaut (22. Oktober 08 um 11:53 Uhr). Dort gibt es ganz oben einen Artikel, der über eine Razzia in der KfW-Zentrale in Frankfurt berichtet. Als Foto sieht man aber das Firmenschild der KfW in Berlin, erkennbar an dem sich in diesem Schild spiegelnden Turm des deutschen oder französischen Doms auf dem Gendarmenmarkt.

  61. Toller Artikel. Ein Satz nur sollte – wegen des darin enthaltenen ‚Wahrheits-Absolutismus‘ – in meinen Augen besser so lauten: „Journalismus, der nicht mehr SEINE Wahrheit berichtet, ist kein Journalismus“. Weil ‚die Wirklichkeit‘ nun mal in den FAZ anders aussieht als in der FR – und weil dies auch so bleiben sollte.

  62. Online-Journalismus: Alte Systeme perpetuieren?…

    Stefan Niggemeier hielt kürzlich eine Vortrag über den Verfall journalistischer Kernwerte im Internet. Seine Beobachtungen sind durchwegs richtig, aber in punkto Demokratiedefizit zieht er die völlig falschen Schlussforderungen.
    ……

  63. Schlechter online …
    Dieser Titel im Wok Letter machte mich sofort neugierig. Auchd er Artikel ging richtig gut los. Aber dann entwickelte er sich wie die Endphase der altgriechischen Demokratie-Meetings, wo sie besoffene und bekiffte „Volksvertreter“ zumüllen und zulallen, aber nix mehr bewegen, weil auch die das Motto „kurz & knapp“ vergessen haben.
    Und mich erinnert das Internet mit seinen unzähligen Websites und BLOGs so ein bisschen an die verkommene „Respublica“ der alten Griechen. Hauptsache geschrieben und geschwallt, egal ob’s was bringt oder nicht.
    Wünsche weiterhin gute Einfälle für Überschriften.

  64. Zwei Dinge fallen mir ein:
    1. Ein alter Organisatorenspruch der die Effekte des Managements durch Zielvorgaben oder Budgetsteuerung beschreibt. „Sage mir woran Du mich misst und ich sage Dir wie ich mich verhalten werde.“ Die Redaktionen verhalten sich eben so wie sie durch Zielvorgaben und Budgets gesteuert werden.
    2. Es liegt aber auch ein unternehmenskulturelles Problem ganz anderer Art vor. Ich treffe gelegentlich bei Seminaren und Workshops Leute aus den Online-Redaktionen von Regional- und Lokalzeitungen. Ganz junge Leute, Berufsanfänger, engagiert aber ohne Budget und ohne Ansehen im Verlag. Denn Online, das ist doch nichts für einen gestandenen Journalisten, oder? Und mit dem neumodischen Kram will man sich auch gar nicht mehr auseinandersetzen, schlappe 20 Jahre vor der Rente.

  65. Die Wirklichkeit in den Redaktionen heißt mit immer weniger Budget und Personal gleich viel Inhalt zu produzieren. Nachwuchsarbeit und Weiterbildung, oft auch nur die ausreichende Reflexion der eigenen Arbeit, bleiben auf der Strecke.
    Danke für diese Zustandsanalyse, Stefan Niggemeier.

  66. Was heißt denn heute in der kurzlebigen Zeit (Online-Produktion und -Konsum) für einen Online-Journalist zu „recherchieren“? Schauen, was andere schon geschrieben haben, auch in anderen Sprachen, zum Thema?

    Gibt es wirklich den Online-Journalismus, auch schlechten oder ist es doch nur Online-Informationsverbreitung als Ausriss des Print-Journalismus?

    Ich stelle mir gerade einen „Online-Journalist“ vor, wie er zum Thema „Japanisches Delphin-Abschlachten“ gemütlich im heimischen Sessel sitzend am PC „recherchiert“, alte Archiv-Fotos im Net sucht um dann einen „guten“ Artikel zu verfassen.

  67. (Qualitäts-)Journalismus ist in Deutschland ein Geschäftsmodell wie jedes andere auch. Wenn die Einnahmen der Webseite zehn Redakteure finanzieren – schön. Wenn nicht, muss es eben auch so gehen, notfalls mit zwei Praktikanten und einem Teilzeit-Redakteur.

    Man kann den Verlagen nicht vorwerfen, dass sie profitorientiert arbeiten. Der (eingangs erwähnte) Autohersteller nimmt sein Produkt einfach vom Markt, wenn es nicht rentabel ist. Aber wie lautet bitte die Alternative für einen Verlag?

    Um noch einen Vergleich zu bemühen: Kann man den Herstellern von (Negativ-)filmen vorwerfen, dass sie gegen die CCD-Chips der Digitalkameras kein probates Mittel gefunden haben, obwohl Farbdynamik und -echtheit von Filmen nach wie vor nicht von Digitalen erreicht werden? Warum haben sich wässrige Hollandtomaten durchgesetzt, obwohl die kleinen, dicken Haustomaten doch viel besser schmecken? Die Antwort ist: Das Geschäftsmodell hat nicht funktioniert, nicht mehr funktioniert. Im Falle der Filmhersteller ist dabei sogar eine ganze Industrie zugrunde gegangen. Das höherwertige Produkt ist eben nicht immer automatisch das begehrtere.

    So wird das Geschäftsmodell Journalismus im 21. Jahrhundert entweder angepasst oder einfach gar nicht mehr tragen. Beides wäre schlimm. Französische Verhältnisse, wo eine massive Subvention der Printpresse diskutiert wird, werden dann auch in Deutschland wahrscheinlicher.

    Ein Printredakteur.

  68. Online-Redaktionen sind großteils mit jungen, engagierten Praktikanten besetzt, die es nicht unter ihrer Würde finden, für einen Hungerlohn Texte online zu stellen. Ihnen den Sinn für Qualitätsjournalismus zu vermitteln, ist die Grundvoraussetzung für gute Texte im Netz. Denn sie sind die nächste Journalistengeneration.

  69. Amen.

    1. Die Ethik der meisten Online-Medien bestent darin maximal Geld zu verdienen.
    2. Maximales Geld setzt maximalen Traffik voraus, was zwangsläufig Google als Zielgruppe vor den direkten Leser stellt.
    3. Google kann Qualität nur schwer und wenn dann anders messen, Quantität ist hierbei ein effektiverer Hebel.
    4. Ändern wird sich also nur etwas, wenn Leser nicht mehr klicken. Folglich halte ich es für zweifelhaft, dass sich mittelfristig Qualität durchsetzt und traffikschwangere Themen ignoriert werden.

  70. Grundsätzlich ein sehr informativer Artikel, der zum nachdenken anregen sollt und auch tut.

    Die Frage, die sich mir stellt: Ist dieses Phänomen wirklich nur im Journalismus anzutreffen oder gibt es noch weitere Branchen? Wenn ja, warum gibt es diese Entwicklung? Fehlt das „tiefere“ Verständnis für das Medium Internet bei den betreffenden Personen bzw. in den betreffenden Personengruppen?

    Ralph

  71. Hallo!
    Ich bin Flugbegleiterin und habe beim Saubermachen der Maschine im Turnaround (leider weiss ich nicht mehr an welchem Ort), Ihren Vortrag in der Sitztasche gefunden. Ich habe ihn gelesen. Ich wünschte alle Menschen hätten so einen Durchblick. Was Sie da geschrieben haben, ist ein Teil der Wahrheit. Es hat Spass gemacht, den Artikel zu lesen. Außerdem ist es kein Zufall, dass ich ihn gefunden habe. Er sollte zu mir kommen. Ich denke genauso und bin immer wieder entsetzt über die Blödheit vieler Leute, die an die Boulevardpresse glauben, ja sogar ihr halbes Leben davon abhängig machen. Ebenso erschrecken mich immer wieder Fernsehgucker, Internetbenutzer, Bunte-Gala-und Sonstigeszeugsleser!! Ganz abgesehen von denjenigen, die das Zeug verfassen. Die Verblödung durch die Medien schreitet voran und die Blöden merken es nicht. Und diejenigen, die wissen, was sie da tun, nutzen die Blödheit der Menschen, um sich zu profilieren, um Geld zu verdienen… Aber die Tatsache, dass es so ist, hat einen Grund und das erschreckt mich am allermeisten..
    Vielen Dank! Liebe Grüße aus Köln, Laila

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