2000 Tage Zuschauerbetrug

„Bei 9Live sind die Spiele transparent, fair und verständlich.“
(Running-Gag des Senders.)

9Live feiert heute eine Art Geburtstag. Und ich möchte gratulieren mit einem weiteren E-Mail-Wechsel mit der Pressestelle des Senders:

Liebe Frau …,

diesmal versuche ich es mit einer einzigen Frage:

Sie schreiben, 9Live sei „bei der Formulierung und Ausgestaltung der Gewinnspiel-Regeln der Landesmedienanstalten maßgeblich beteiligt“
gewesen. In diesen Regeln heißt es: „Der Aufbau von nicht vorhandenem Zeitdruck ist unzulässig.“ Wann immer ich 9Live einschalte, erweckt der Moderator gerade den Eindruck, das Spiel sei sofort zu Ende, die Sendezeit sei abgelaufen, man müsse sofort anrufen etc. In fast allen Fällen stimmen diese Aussagen nicht. Meine Frage lautet deshalb: Inwiefern hält sich 9Live an die von 9Live maßgeblich mitformulierte und ausgestaltete Regel, dass der Aufbau von nicht vorhandenem Zeitdruck unzulässig sei?

Darauf 9Live:

Lieber Herr Niggemeier,

hier meine Antwort auf Ihre Frage:

Wir können nicht ohne zufriedene Zuschauer seit über fünf Jahren erfolgreiches und unterhaltsames Call-TV betreiben. Dazu gehört auch Raum für redaktionelle Gestaltung von Live-Shows im Rahmen der Regeln für TV-Gewinnspiele.

Nun wieder ich:

Liebe Frau …,

dann lassen Sie es mich einfacher formulieren: Baut 9Live nicht vorhanden Zeitdruck auf?

Und 9Live:

Lieber Herr Niggemeiner,

nein, wir veranstalten täglich 14 Stunden Live-Programm, in das wir die verschiedensten Unterhaltungs-Elemente einbauen.

Gut, dann haben wir das geklärt.

15 Replies to “2000 Tage Zuschauerbetrug”

  1. Gibt’s den Artikel auf den Bezug genommen wird, zufällig auch online zu lesen? Ich habe die FAS letzte Woche verpasst.

  2. Ich frage mich ja gerade was diese Regeln bringen, wenn selbst monatelange Recherche die zu einem Artikel in der zweit(?)größten deutschen seriösen Tageszeitung (Man berichtige mich aber SZ is auf eins, oder?) führen, nichts bringen.
    Will sagen: warum unternimmt da eigentlich nichts auch wenn das schon längst zu den Landesmedienanstalten durchgedrungen sein muss?

  3. Wer wissen will, wer die eigentlichen Leidtragenden sind, die Menschen, die bei 9live unter die Räder kommen:

    http://youtube.com/watch?v=CS0nTiqtPfE

    Manch einer – nicht zuletzt ein Teil der Zuschauer, die eine abgeklärte Zockermentalität haben, in Internetforen Witze über die Dämlichkeit der Moderatoren und Spiele machen, aber trotzdem anrufen, weil sie meinen, das System austricksen zu können – denkt sich vielleicht: „Naja, wer da anruft, ist selbst dran schuld. Klar, ein bisschen dreist ist es schon …“, aber es gibt genügend Menschen, die zu gutgläubig sind – oder einfach verzweifelt (Video ab 05:10 – da vergeht einem das Lachen).

    Stillschweigend wird das von den Verantwortlichen einkalkuliert. Natürlich wird – allein aus juristischen Gründen – ab und zu darauf hingewiesen, dass man sich als Anrufer ein Budget setzen sollte, aber genau das ist die angepeilte Zielgruppe.

    9live ist eine wahre Perle im Programmangebot der ProSiebenSat.1 Media AG, die natürlich – außer auf dem Papier – nichts mit dem Schmuddelkind, das trotzdem ganz gut anschafft, zu tun hat. Schließlich macht man Qualitätsfernsehen. Für die ganze Familie.

  4. Die ZEIT hatte vor Jahren mal einen Artikel, in dem Alida, eine der Moderatorinnen, zu Wort kommt (und ihr biographischer Hintergrund beleuchtet wird). Da wird deutlich, dass man auf moralische Skrupel oder gar Reue nicht hoffen sollte:

    „Skrupel, ihre Begabung für das so genannte Call-TV einzusetzen, das sich durch Telefongebühren finanziert, hat sie nicht. »Wenn du in einen Laden gehst, wirst du auch verführt. Das ist Marktwirtschaft.«“

    […]

    „Das Big Brother-Geld sei in Immobilien angelegt, unter anderem ins Elternhaus. Alida, mittlerweile 25, weiß zu schätzen, dass sie bei angenehmen Arbeitszeiten »gutes Geld« verdiene.“

    http://www.zeit.de/2003/16/Alida?page=all

    Die suchen sich schon die Leute, die selbst fertig genug sind, auf das Geld angewiesen, ohne sonstige Chance. Durch Doppeldenk (die wissen durchaus, was sie da machen) konditioniert und immunisiert, sind solche Menschen zu allem bereit. Es wird immer wieder vermutet, dass die Moderatoren Koks schnupfen (glasige Augen, ständiges Reiben an der Nase): Schön wär’s, wenn sie das noch nötig hätten!

  5. Beinahe schon mitleidserregend hilflos, wie immer wieder von der eigentlichen Frage abgelenkt wird und man sich in den Antworten auf Kritik immer auf seinen wirtschaftlichen Erfolg beruft.
    Leider besteht die Einnahmequelle für diese telemediale Gülle nicht aus FAZ-, sondern aus Bild-Lesern und Rentnern, denen die Prinzipien nicht klar sind und die auf die vom Unternehmen verwendete Suggestion hereinfallen, und sei sie noch so billig.

  6. […] Weil ich ahnte, dass die Antwort von 9Live in manchem Wortsinne erschöpfend sein könnte, hatte ich auch der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM) geschrieben, die theoretisch für die Aufsicht über das Programm von 9Live zuständig wäre, und sie unter Hinweis auf das Video oben gefragt: […]

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