Die allerzeitenste Liste aller Zeiten

Ich habe mich immer gefragt, was in irgendwelchen Besten- oder Schlechtestenlisten die Formulierung „…aller Zeiten“ bedeuten soll, wenn es doch eigentlich nur „…bisher“ heißen kann. Ich meine, wer fällt schon auf eine solch billige Suggestion von Zeitlosigkeit und Ewigkeit herein?

Ah: die Kollegen von der „Welt“.

Mit der Naivität eines kleines Jungen, der auch noch glaubt, dass ihn keiner sehen kann, wenn er sich die Augen zuhält, prahlen sie damit, zu wissen, welche Platten der „Rolling Stone“ zu den „500 besten Alben aller Zeiten“ gewählt hat. Sie haben brav eine neunteilige Fotogalerie und zwei je 50-teilige Textklickstrecken produziert, verweisen noch auf eine 16-teilige Bilderstrecke über die Beatles, deren „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ „jetzt“ zum „Besten Album aller Zeiten“ gekürt worden sei, und laden zu mehreren Rätseln nach dem Motto „Wie gut kennen Sie Abba?“ ein.

Was sie nicht gemacht haben: Sich genauer die Jahreszahl vorne in dem gerade auf deutsch erschienenen Buch mit der Top-500 oder auf der zugehörigen Homepage des „Rolling Stone“ anzusehen oder kurz ins eigene Archiv zu gucken. Denn es mag zwar sein, dass „die amerikanische Ausgabe des ‚Rolling Stone‘ besonders eifrig Listen fertigt“, wie sie schreiben. Aber diese Liste ist aus dem Jahr 2003. Was vielleicht zumindestens teilweise erklärt, warum sich in ihr noch keine Platte findet, die nach der Jahrtausendwende entstanden ist, wie die „Welt“-Autoren bemängeln:

Hier muss mit der Zeit noch verbessert werden. Doch dafür sind Listen ja da: Zum ständigen ändern, überarbeiten, neu erstellen.

Ja. Oder zum immer wieder Reproduzieren, Neuverpacken, „Welt“-Redakteure reinlegen.

(Darauf, dass die Liste fünf Jahre alt ist, hat übrigens auch ein Leser die „Welt Online“-Leute schon in den Kommentaren hingewiesen. Aber wer liest schon Leserkommentare? „Welt Online“ sicher nicht.)

[entdeckt von BILDBlog-Leser Sascha K.]