Großer Murks

Das Schöne am Grimme-Preis ist, dass man über ihn diskutieren darf. Dass die Jury ihre Entscheidungen begründet und es nicht nur erlaubt, sondern sogar gewollt ist, den Entscheidungsprozess in Artikeln transparent zu machen.

Insofern geht es auch völlig in Ordnung, dass Jana Hensel, die mit sieben Kollegen und mir in der neu geschaffenen Jury „Unterhaltung“ saß, nun in der „Süddeutschen Zeitung“ schreibt, unsere mehrheitlich getroffene Entscheidung sei „großer Murks“. Und natürlich kann man darüber streiten, ob denn eine Sendung wie „Extreme Activity“, die nicht mehr ist als ein lustiger Kindergeburtstag (aber, bei einer guten Folge, ein sehr lustiger Kindergeburtstag) einen Preis gewinnen soll, dem man gerne Adjektive wie „renommiert“ oder auch „alterwürdig“ schenkt. Man soll sogar darüber streiten.

Ich hatte mich eher für „Schlag den Raab“ stark gemacht, weil ich das für die mutigere Sendung halte. Andererseits hat sie nicht nur unfassbare Längen, sondern ist auch in vieler Hinsicht noch unfertig, vor allem in der Premierensendung, um die es bei Grimme ging. „Extreme Activity“ ist dagegen viel risikoloser, aber perfekt produziert. Das Tempo stimmt, die Besetzung, das Studio, die Moderation, die Spielregeln; alles ist sehr kurzweilig. Ja: flüchtig auch, da gibt es keinen, aber wirklich: keinen Anspruch jenseits dessen, die Zuschauer 60 Minuten zu amüsieren. Aber das muss man ja erst einmal schaffen.

Und dafür einen Grimme-Preis? Wie gesagt: darüber darf man streiten. Aber vielleicht müsste man nicht gleich so tun, als erschüttere diese Entscheidung den Preis in seinen Grundfesten, und über den Text schreiben: „Bisher war der Grimme-Preis in der Medienbranche gleichbedeutend mit einem Ritterschlag“, als sei das nun nicht mehr der Fall.

Frau Hensel macht noch einen Exkurs in die Geschichte:

Ein kurzer Blick zurück: Beim Deutschen Fernsehpreis hat man in der Kategorie „Unterhaltung“ Erfahrung, denn in ihr hier wird die beste Unterhaltungssendung gekürt. Als 2005 Clever und 2006 Genial daneben mit Hugo Egon Balder gewann, kommentierten die Beobachter diese Entscheidung mit den betretenen Worten, im nächsten Jahr würden diese Preisträger ohnehin vergessen sein.

Taten sie? Wer? Und warum? „Genial daneben“ gewann den Preis 2004, die Sendung war eine echte Innovation und läuft immer noch.

Weiter im Text:

Tatsächlich jedoch, und das zeigt der Grimme-Preis für Extreme Activity, hat sich das Problem längst verstetigt: In Deutschland scheint niemand zu wissen oder sagen zu können, was gute Unterhaltung ist.

Niemand, außer Frau Hensel natürlich:

Dabei wären es auch hier so simple Kategorien wie Kreativität und Innovation, die man auszeichnen könnte.

Die simple Kategorie Kreativität, soso. Na dann ist es ja einfach. Man setzt sich hin, lässt sich von einem Experten (sagen wir: Jana Hensel) erklären, welche Sendung kreativ ist, welche nur mittelkreativ und welche superkreativ, und zeichnet Letzteres aus.

Die Jury jedoch, das wurde in der internen Diskussion deutlich, tappte in die Falle. Man freute sich am meisten über die Sendungen, die die meisten Lacher produzierten, die am besten sinnfrei unterhalten konnten, so, als setze die Kategorie „Unterhaltung“ die Verabschiedung von allen analytischen, benennbaren Kategorien voraus.

Nun ist aber mal gut. Soweit ich mich erinnere, hat sich niemand in der Jury von analytischen Kategorien verabschiedet. Es gab einfach unterschiedliche Meinungen, welche „analytischen Kategorien“ entscheidend sein sollten und inwieweit sie erfüllt waren. Und die Mehrheit fand, dass Kriterien wie „Tempo“, „gute Moderation“, „gelungenes Casting“ oder „funktionierendes Spielprinzip“ in einer Jury, die sich explizit und ausschließlich mit „Unterhaltung“ auseinandersetzen sollte, durchaus relevant waren. (Und was spricht eigentlich gegen die eher empirische als analytische Kategorie: „produziert die meisten Lacher“?)

Frau Hensel war anderer Meinung. Vielleicht müsste sie uns anderen dennoch nicht gleich zu Idioten erklären.