Jürgen von der Lippe

Der Handwerker. Ausgerechnet Jürgen von der Lippe kriegt schon wieder den renommierten Grimme-Preis.

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Er hat in der sonst gerne halbwegs seriösen Gesprächssendung „Unter vier Augen“ im Bayerischen Fernsehen diese Woche erstmal ein Wasserglas und eine Aspirin-Tablette ausgepackt und der Moderatorin gezeigt, wie man diesen Requisiten ein Kondom sich selbst aufblasen lassen kann. Soviel mal vorweg, um die Fallhöhe des Humors von Jürgen von der Lippe deutlich zu machen, beziehungsweise: ihr Fehlen.

Es ist noch nicht ganz so weit, dass sich die langjährigen Abonnenten auf den Adolf-Grimme-Preis Sorgen um ihren Platz in der Fernsehgeschichte machen müssten. Dass die Gefahr bestünde, dass ein vermeintlich kleiner Witze-Erzähler wie Jürgen von der Lippe die großen Geschichten- und Geschichte-Erzähler wie Heinrich Breloer oder Georg Stefan Troller irgendwann in den Schatten stellen könnte. Aber von der Lippe erhält diese Auszeichnung, die eine der renommiertesten des deutschen Fernsehens ist und Sendungen würdigt, die „nach Inhalt und Methode Vorbild für die Fernsehpraxis sein können“, kommende Woche nun schon zum zweiten Mal* und war sogar doppelt nominiert. Da wird es langsam schwer, die Wahl als bloßes Versehen abzutun. Da müsste man, wenn man wollte, schon ganz grundsätzlich fragen, wie es sein kann, dass ein Mann, dessen Werk Elke Heidenreich in den Worten „5000 Jahre Herrenwitz im Bierzelt“ bündig zusammenzufassen glaubte, einen so ehrenvollen Preis gewinnt. Da müsste man, wie es manche auch getan haben, schon sehr besorgt fragen, ob dieser Preis nicht beschädigt wird durch solche Entscheidungen. Und ob es in Deutschland jetzt endgültig alle Maßstäbe, was Qualität ist, verloren gegangen sind.

Man könnte natürlich auch fragen, warum es den Deutschen so schwer zu fallen scheint, Menschen zu würdigen, die nichts mehr wollen, als ihr Publikum gut zu unterhalten, vor allem aber auch: nichts weniger.

Der 58-jährige Jürgen von der Lippe bezeichnet sich gerne als unterhaltenden Dienstleister – ganz in der Tradition seines Vaters, der als Cocktail-Mixer in einer Rotlicht-Bar gearbeitet hat. Das Bild vom Dienstleister markiert ganz gut, welche Ansprüche an sich hat und welche nicht. Von der Lippe ist kein Magier – auch wenn er auf der Bühne gerne Zaubertricks vorführt. Mit der ganz großen Illusion hat von der Lippe nichts am Hut, er strebt nicht nach Höherem oder gar Tieferem. Von der Lippe ist Handwerker – im besten Sinne. Er weiß, wie er sein Publikum zum Lachen bringt. Er ist ein Meister des Timings, der eine Pointe, je nach Bedarf, endlos verzögert oder unmittelbar verschießt. Der einen misslungenen Witz mit einem Blick oder einer Geste retten kann.

Es ist ein bisschen desillusionierend, von der Lippe über das Humorhandwerk reden zu hören. Es scheint, vor allem, harte, aber ehrliche Arbeit zu sein. Es hat damit zu tun, alle Witze dieser Welt zu kennen (der Vorrat scheint letztlich doch überschaubar zu sein) und die Tricks der großen Komiker gründlich analysiert zu haben. Von der Lippe hat regelrechte Dienst- und Studienreisen in die Vereinigten Staaten unternommen. Es geht um Recherche und Training, viel Raum für ein wunderbares Humor-Geheimnis bleibt da nicht.

Man darf nicht den Fehler machen, den Verzicht auf irgendeinen höheren Anspruch mit Schludrigkeit zu verwechseln. Von der Lippes Auftritte zeichnet, anders als die vieler jüngerer „Comedians“, eine große Präzision aus: Wie er artikuliert, phrasiert, Lautstärke und Tempo dosiert und mit dem Publikum spielt. Es ist ja nicht so, dass es damit getan wäre, sich eine alberne rote Nase aufzusetzen, lustige Hemden zu tragen und schlüpfrige Witze aufzusagen. Ja, das ist sehr dämlich, wenn von der Lippe auf der Bühne steht und zur Gitarre das Lied von den „Saunafreunden ‚Aufguss ’09′“ singt, in dem es etwa heißt: „Wenn wir in unsrer Schwitzeklitsche / auf der Glitschepritsche schwitzen, / Schwitzeschweiß verspritzen, / dabei Zwetschgenschnäpschen zwitschern.“ Aber wenn er sich dann („Jetzt Sie!“) mit dem Gestus eines Studienrates daran macht, mit dem Publikum das Lied einzuüben und alle gemeinsam in die von ihm aufgestellten Sprachfallen tappen, entstehen kleine Momente großer Unterhaltung. Und wenn sich das Publikum danach die Tränen aus den Augen wischt, mag die Kritikerfrage, ob es nicht ein bisschen mehr Anspruch sein dürfe, zu Recht sehr abwegig erscheinen.

Diese Bühnenauftritte bezeichnet von der Lippe als seine eigentliche Arbeit, das Fernsehen ist angeblich nur ein Hobby. Vielleicht sei das ein Geheimnis seines Erfolges dort, meint er: „Die Entspanntheit, mit der ich Fernsehen gemacht habe, weil ich es nicht musste.“ Über Jahrzehnte war er ein öffentlich-rechtliches Urgestein, etablierte im WDR mit der Sendung „So isses“ eine einzigartige Mischung aus größter Albernheit und ernsthaftem Interesse an Menschen. Seine Show „Geld oder Liebe“, für die er 1994 seinen ersten Grimme-Preis bekam, war lange Jahre eine der erfolgreichsten Shows und zelebrierte seine große Leidenschaft für das Gesellschaftsspiel in allen Formen, besonders der des Geschlechterkampfes. Das war, wie es bei guten Spielen so ist, nur oberflächlich völlig sinnfrei, in Wahrheit war es eine wunderbare Möglichkeit, Menschen kennenzulernen.

Seit dem Ende von „Geld oder Liebe“ 2001 ist er ein bisschen heimatlos und tingelt durch viele Shows. Wirklich am Herzen liegt ihm seine Sendung im Dritten: „Was liest Du?“ Darin liest er mit einem Gast aus Büchern vor. Es ist eine ganz kleine Form, die die scheinbaren Widersprüche von der Lippes wunderbar vereinigt. Er ist ja ein bisschen wie jemand, der unglaublich belesen ist, weil er sich durch die gesamte Weltliteratur gearbeitet hat – wenn auch nur auf der Suche nach den besten schweinischen „Stellen“. Und so liest er, in scheinbarer Verschwendung der Möglichkeiten des Mediums Fernsehen, die deftigsten Passagen oder auch die kühnsten Wortspiele aus eher massentauglichen Werken vor, und behauptet, seine Show verkaufe mehr Bücher als Elke Heidenreichs. Es ist leicht, auch „Was liest du“ als läppisch zu verachten, und die Leidenschaft für Sprache zu übersehen, die von der Lippe darin ausstrahlt.

Dabei ist er Harald Schmidt gar nicht so unähnlich und hat mit ihm dem Fernsehen schon einige Sternstunden beschert, vor allem, wenn beide ihre angebliche Hypochondrie pflegen und sich lustvoll in freier Improvisation mit Krankheitsbildern, lateinischen Fachausdrücken und Behandlungsirrtümern überbieten. Aber anders als Schmidt taugt von der Lippe nicht zum Maskottchen für irgendeine Elite. Er beruft sich auf Epikur, dem alles Elitäre fremd war und für den das Streben aller nach Glück und Lust so zentral war – der aber dazu riet, sich vorher über die Folgen des Handelns Gedanken zu machen: Ich mag gerne Wein, aber ich mag auch ein gutes Gespräch, was ich aber nach drei Glas Wein nicht mehr führen kann. „Ich denke“, sagt von der Lippe, und er klingt dabei ganz unironisch, „viel Klügeres ist der Menschheit nicht mit auf den Weg gegeben worden.“

Man kann, mit etwas gutem Willen, seine Karriere als einen langen Kampf gegen die Unvereinbarkeit von Zote und Goethe lesen. Dass er dabei nicht völlig erfolglos war, zeigt der neuerliche Grimme-Preis – auch wenn die Auszeichnung für die von ihm moderierte ProSieben-Spielshow „Extreme Activity“ (eine Mischung aus Scharaden, „Montagsmaler“ und Kindergeburtstag) heftig umstritten ist. Andererseits: Mindestens so sehr, wie über die Anerkennung selbst, wird er sich wohl darüber freuen, dass sie für so viele Feuilletonisten einen Affront darstellt.

(c) Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

*) Ich war Mitglied der zuständigen Grimme-Jury für Unterhaltung.