Qualitätsmedien im Netz, Folge 3271

28 Mrz 07
28. März 2007

Gelegentlich wird BILDblog ja vorgeworfen, unsere Arbeit sei schon deshalb unsinnig, weil die meisten Leser eh nicht glaubten, was in der „Bild“-Zeitung steht. Interessanterweise aber glauben Journalisten, was in der „Bild“-Zeitung steht. Tag für Tag übernehmen sie „Bild“-Meldungen ungeprüft in ihre eigenen Medien — nicht nur in den Redaktionen der Boulevardmagazine im Fernsehen, auch bei vermeintlich seriösen Medien und deren Online-Ablegern.

Am vergangenen Wochenende fielen sie reihenweise auf das „Bild“-Märchen von Angelina Jolies „Schock-Beichte“ herein, mit dem das Blatt groß aufmachte.

Zum Beispiel das Online-Angebot von der „Rheinischen Post“. Nach meiner Wahrnehmung bestückt kaum ein anderer Online-Ableger sein Angebot so konsequent mit selbst umgeschriebenen „Bild“-Meldungen, was natürlich damit zusammenhängen könnte, dass sowohl Zeitungs- als auch Online-Chef von „Bild“ kommen. Jedenfalls hieß es auf „RP Online“:

Angelina Jolies schockierende Sex-Beichte

Sie gehört zu den schönsten Frauen Hollywoods aber auch zu den exzentrischtsten. Angelina Jolie ist Schauspielerin, Mutter und Femme fatale zu gleich. Jetzt geht die 31-Jährige mit einem intimen Buch an die Öffentlichkeit und gesteht: „Ich wollte eine Frau heiraten!“ (…)

Das ist Quark und (mal ganz abgesehen von den sprachlichen Schwächen) sogar noch falscher als die „Bild“-Geschichte. „Bild“ hatte nämlich nur geschickt suggeriert, das Buch sei von Angelina Jolie selbst. Inzwischen glaubt anscheinend auch „RP Online“ nicht mehr an die Richtigkeit des eigenen und des „Bild“-Artikels:

„Spiegel Online“ konnte ebenfalls nicht widerstehen, verbreitete den Unsinn von „Bild“ ebenfalls weiter — und nannte das aus alten Zitaten zusammengequirlte Buch entsprechend schon in der Dachmarke ein „ENTHÜLLUNGSBUCH“. Bei „Spiegel Online“ ist der Artikel auch heute noch online, aber in einer leicht veränderten Version. Der ursprüngliche Satz „In wenigen Tagen kommt die Biographie der schönen Schauspielerin in Deutschland auf den Markt“, bekam den Nebensatz: „die allerdings nicht autorisiert ist.“

Hm. Sah es zwischenzeitlich nicht mal so aus, als würde „Spiegel Online“ solche nachträglichen Korrekturen kenntlich machen? Oder gilt das nicht für Verschlimmbesserungen — denn um die Frage der Autorisierung geht es eigentlich gar nicht. Die Zitate, die „Bild“ aus dem Buch bringt, kommen teilweise durchaus aus respektablen Quellen, sind also vermutlich auch autorisiert, aber eben schon viele Jahre alt. Was will uns „Spiegel Online“ also mit dieser Änderung sagen? Auf eine Anfrage an „Spiegel Online“-Chef Mathias Müller von Blumencron habe ich leider keine Antwort erhalten.

Geantwortet hat mir aber Hans-Jürgen Jakobs, Chef von sueddeutsche.de. Der Internet-Auftritt der „Süddeutschen Zeitung“ hatte, wie „RP Online“, die „Bild“-Fehler noch verschärft:

Nachdem BILDblog über den Fall berichtet hatte, wurden ein paar merkwürdige Sätze in den Text redigiert, die (wie bei „Spiegel Online“) am Kern vorbeigingen:

Bei diesem Buch handelt es sich um eine unautorisierte Biographie. (…) Aber wie gesagt: Das Buch „Angelina Jolie“ zitiert Angelina Jolie rauf und runter, aber Angelina Jolie selber hat dieses Buch nie autorisiert.

Am Dienstagnachmittag teilte mir Jakobs auf meine grundsätzlichen Fragen zum Umgang mit „Bild“ folgendes mit:

Gibt es bei sueddeutsche.de Regeln für den Umgang mit Quellen im Allgemeinen und „Bild“ im Besonderen?

Der Umgang mit Quellen unterscheidet sich bei sde nicht von den Prinzipien der Süddeutschen Zeitung oder anderer etablierter Medien. In der Regel werden Nachrichten mit Quellenangaben zitiert, wie auch in dem von Ihnen betrachteten Fall.

Gelten vermeintliche „Bild“-Exklusiv-Meldungen bei sueddeutsche.de grundsätzlich als vertrauenswürdig? Und sogar so vertrauenswürdig, dass die Redakteure auf eine Plausibilitäts-Kontrolle durch eine kurze Google-Suche verzichten können?

Die Meldung beruhte auf einer „Bild“-Geschichte, die am Samstag erschien. Am Wochenende sind in der Regel die Personenen aus den Ressorts Panorama und Leben & Stil nicht im Büro. Zu einer gesonderten Überprüfung kam es in diesem speziellen Fall nicht. Die sde-Seite, auf die BildBlog zunächst verlinkt hat, ist längst gelöscht.

Ich kann mich ja irren, aber ich habe das Gefühl, Herr Jakobs hat zwar meine Mail, aber nicht meine Fragen beantwortet.

Tatsächlich erhält aber, wer den Angelina-Jolie-Artikel auf sueddeutsche.de aufruft, nun dies:

Das ist auch deshalb bemerkenswert, weil sich unter dem Artikel eine lange, heftige und teilweise kontroverse Diskussion entwickelt hatte:

Mehrere Dutzend Leserkommentare sind nun, zusammen mit dem Artikel, gelöscht worden. Wenn diese Kommentare ein Mittel sein sollen, um Leser zu binden, und wenn Hans-Jürgen Jakobs beim Relaunch von sueddeutsche.de einen „verstärkten Dialog mit den Lesern“ ankündigte: Wie wirkt das eigentlich auf Leser, wenn eine Diskussion, an der sie sich beteiligt haben, und ihr Gegenstand ohne Erklärung von einer Minute auf die andere verschwindet?

Und: Woran erkennt man nochmal ein Qualitätsmedium im Netz? An seinem Umgang mit zweifelhaften Nachrichtenquellen? An der Transparenz, wie es mit eigenen Fehlern umgeht? An seinem Umgang mit Leserkommentaren? Oder doch nur daran, dass es sich für etwas Besseres hält?

26 Gedanken
  1. 1
    massenpublikum says:

    „Woran erkennt man nochmal ein Qualitätsmedium im Netz?“

    Auch daran, dass es zu seinen Fehlern steht.

  2. 2
    Stefan mit f says:

    Kommentare löschen ist wie Bücher verbrennen.
    Das sind alles Kommentar-Nazis.
    Nein, das war natürlich stark übertrieben. Aber es ist doch immer das gleiche Spiel, wenn so eine Sau (wie in diesem Fall ein unautorisiertes Buch) durchs mediale Dorf getrieben wird. Hauptsache dabeisein, aber dann nicht mitgemacht haben.
    Es zählt halt dann nicht zu deren Stärken ihre eigenen Schwächen und Fehler zuzugeben. Eigentlich hilft nur ignorieren. Ist nur schade, dass wegen solcher Artikel andere weitaus interessantere nicht zum Zuge kommen.

  3. 3
    Lukas says:

    Mal ganz davon ab, dass bei jedem halbwegs mit Hirn gesegneten Journalisten einige Alarmglocken anspringen müssten, wenn er eine „Bild“-Meldung auf den Tisch bekommt, frage ich mich ja, welches Vorwissen man eigentlich haben muss, um in einer Online-Redaktion zu arbeiten.
    Mir waren jedenfalls alle „Enthüllungen“ vom Wochenende aus einem Angelina-Jolie-Porträt in einer „Cinema“ aus dem Winter 1999/2000 (die genaue Ausgabe müsste ich jetzt auf dem Dachboden suchen gehen) bekannt. Und ich bin weit davon entfernt, mich als Angelina-Jolie-Experten oder auch nur -Fan zu bezeichnen.

  4. 4
    Felix Kern says:

    Der Vorwurf, bildblog wäre überflüssig, weil sowieso niemand die Bild ernst nimmt wäre selbst dann blödsinnig, wenn letzteres tatsächlich der Fall wäre. Selbst wenn es keiner ernst nähme wäre es doch trotzdem lohnenswert zu sehen, wie da welcher Unsinn verzapft wird. Dass es sehr wohl ernst genommen wird, spätestens Gefahr läuft das zu tun, wenn andere es unüberprüft übernehmen, zeigen die im Text genannten Beispiele exemplarisch.

  5. 5
    Erik says:

    JaJa, die personelle Ausstattung.

  6. 6
    Anna says:

    Interessant, wie immer wieder über die Seriösität von Blogs diskutiert wird (von denen Journalisten ja gerne behaupten, hier würden sich in erster Linie nur ungeprüfte Un- und Halbwahrheiten finden, ganz im Gegensatz natürlich zu den etablierten Medien) und gleichzeitig innerhalb weniger Tage zwei solche Knaller-Meldungen (die Todesspritze für Knut ist ja auch erst einige Tage her) durch eben diese etablierten Medien „geadelt“ werden. Bin mal gespannt, wann uns diese Meldung hier ganz akutell erreichen wird:
    http://fakegaynews.com/index.php/2006/01/shimizu-the-father-of-angelinas-baby/

    Vielleicht sollte man sie mal an die Bild-Redktion schicken, falls noch eine Schlagzeile für das nächste Wochenende benötigt wird.

  7. 7
    Theo says:

    @Stefan mit f:
    Godwins law mit dem zweiten Post erreicht, Respekt.

    Immerhin diesmal leidet die SZ an Alzheimer („Was Angelina wer? Nein, ich kann mich an keinen Artikel erinnern“), wenn ich mich recht entsinne gab es da doch vor nicht allzulanger Zeit doch den Artikel ueber Handystrahlen, der klammheimlich und ohne Kenntlichmachung voellig umgeschrieben wurde- auch lustig fuer die Kommentare zum urspruenglichen Artikel…

  8. 8
    Dr.Nippel says:

    Da fällt mir nix mehr zu ein. Wo verstecken sich die Werte der Redakteure? Wer hilft suchen? In der Schublade des Vorgesetzten?

  9. 9
    Stefan mit f says:

    @Theo
    Eigentlich wollte ich das schon mit dem 1. Beitrag erreichen. Nur war da ein gewisser massenpublikum schneller. Aber ich möchte die Prognose wagen, dass ich die Diskussion nicht beendet habe. Im Gegenteil.
    Die Verlierer stehen aber dann doch schon fest:
    Qualität, Seriösität, Verantwortung, Berufsehre, Transparenz. Hab ich was vergessen?
    Als einer der wenigen Gewinner steht dann der Macher (nicht Autor) des Dings äh Buches fest, welches durch diese Aktion ungeahnte Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat und vermutlich höhere Verkaufszahlen haben wird. Abzüglich der Schadenersatzforderungen der schönen Landrätin. Halt das ist ja was ganz anderes, oder?

  10. 10
    Jemand says:

    Ich finde, dass dieser Blogeintrag besser bei Bildblog aufgehoben wäre!

  11. 11
    Stefan says:

    Naja, in dem entsprechenden BILDblog-Eintrag ist ja auch aufgeführt, wie Spiegel Online & Co. die Geschichte weiterverbreitet haben. Aber im Kern geht es bei BILDblog um „Bild“ . Und in diesem Eintrag hier ging es mir um sueddeutsche.de, RP-Online und Spiegel Online.

  12. 12
    Heiko Hebig says:

    Einfach mal DANKE für den Beitrag.

  13. 13
    Ingo says:

    Dem schliesse ich mich gerne an! Wo wir schonmal bei SpOn sind, möchte ich euch den heutigen Artikel „Verfassungsfeinde feierten in Berlin“ bei TP (heise.de/tp) ans Herz legen:

    „Die Propagandamedaille in Gold verdiente sich jedoch nicht Brok, sondern der Online-Spiegel, der es schaffte, unter dem Titel „Die wichtigsten Elemente der [EU] Verfassung“ keine einzige konkrete Norm zu zitieren und alles wichtige zu verschweigen oder völlig verfälscht darzustellen.“

    Müll über Unwichtiges abzuschreiben ist eins, aber ich werde das Gefühl nicht los, dass SPIEGEL, von welchen Kräften auch immer getrieben, -nur- noch transportiert statt (objektiv?) zu informieren. Korrigiert mich bitte, sollte ich falsch liegen.

  14. 14
    Florian says:

    Für die Opfer der Bild-Berichterstattung ist es völlig egal,ob die Leser der Zeitung sich informieren oder amüsieren wolen, daher wäre der Bildblög selbst dann wichtig,wenn tatsächlich niemand mehr der Bildzeitung glaubte.

    Und zu den Qualitätsmedien: Keine Bange, die lernen das alles noch, die sind doch gerade mal ein paar Jahre im Netz…

  15. 15
    Stefan says:

    @Heiko: gern geschehen. Wie wäre denn Focus Online damit umgegangen?

  16. 16
    Heiko Hebig says:

    @Stefan: Die Frage musst Du Jochen Wegner stellen. Ich hoffe nur, daß solche Beiträge wie dieser dazu führen, daß man, egal für welches Medium man arbeitet, weniger abschreibt und mehr hinterfragt. Wenn schon Journalisten nicht mehr neugierig sind, wer soll es denn dann sein? Blogger? ;)

  17. 17
  18. 18
    Chat Atkins says:

    Jaja – der ‚moderne Qualitätsjournalismus‘ marschiert, ganz so, wie es uns die Pfeifen im Walde deutschen Zeitungsverleger auf jeder besseren Festivität anzukündigen pflegen.

  19. 19
    la deutsche vita says:

    Es gibt ihn also wirklich, den Sonntagsjournalisten.

  20. 20
    Jan says:

    Echt lustig die vertraue auf Bild geschichte … erstaunlich, wieviele studierte Leute sich blenden lassen …

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