Rückrufaktion für Journalismus

Mitte der neunziger Jahre habe ich als Medienredakteur bei der Zeitschrift „Werben & Verkaufen“ gearbeitet. Es waren knapp eineinhalb Jahre, in denen ich viel gelernt habe, darunter auch, dass ich dort nicht mehr arbeiten möchte.

Die Bedingungen für kritischen Journalismus bei solchen Fachtiteln sind schlecht. Das liegt schon daran, dass die Leute, für die man schreibt, dieselben sind wie die Leute, über die man schreibt, und dieselben wie die Leute, deren Anzeigen die Haupteinnahmequelle darstellen. Um Druck auf Journalisten auszuüben und ungewünschte Berichterstattung zu verhindern, haben die Unternehmen gleich drei Möglichkeiten: Sie drohen damit, einen nicht mehr zu informieren. Sie drohen damit, die Abos zu kündigen. Und sie drohen damit, ihre Anzeigen zu stornieren. Die letzte Variante ist die wirkungsvollste, aber alle drei kommen vor. Und die Mimosenhaftigkeit von Verlagsvertretern und ihre Unwilligkeit, so etwas abwegiges wie kritischen Journalismus zu akzeptieren, muss man erlebt haben, um sie zu glauben.

Man braucht, um in dieser Konstellation mehr zu sein als ein Kuschel- und Verlautbarungsorgan für die Verlage, Sender und Agenturen, einen Chefredakteur mit Rückgrat, der die vielfältigen und bedrohlichen Einschüchterungsversuche abwehrt. Der weiß, dass es zwar kurzfristig existenzbedrohend scheinen mag, sich mit den Verlagen anzulegen, es aber langfristig viel existenzbedrohender ist, nicht das aufzuschreiben, was ist, sondern das, was die Verlage gerne läsen. Solche Chefredakteure sind rar.

Die Fachzeitschrift „Horizont“ hat in dieser Woche eindrucksvoll ihre Rückgratlosigkeit demonstriert. Die Hamburger Korrespondentin Elke Jacob, eine Fachfrau für Mediaplanung (mit der ich mir vor Jahren ein Büro in Hamburg teilte), hatte eine gute Idee für einen Artikel über das bevorstehende Zeitschriftensterben. Bei den mächtigen Mediaplanern, die im Auftrag der Werbekunden entscheiden, wann und wo die Werbung gebucht wird, fragte sie nach, welche Titel ihrer Meinung nach das kommende Jahr nicht überleben werden.

Der Rücklauf war laut „Horizont“ sehr anständig: 14 Mediaplaner nannten die Titel, die sie in der Werbekrise am gefährdetsten halten und begründeten ihre Wahl; drei weitere gaben immerhin besonders bedrohte Zeitschriftensegmente an. Jürgen Blomenkamp, Chef der Düsseldorfer Mediaagentur Group M, erklärte sich sogar bereit, in einem Interview Klartext zu reden. „Das Marktpotenzial könnte in den kommenden fünf Jahren um bis zu 50 Prozent schrumpfen“, sagte er, „mit den entsprechenden Konsequenzen für viele Einzeltitel.“

Der Artikel und die Liste waren fertig. „Horizont“ gab, wie üblich bei mehr oder weniger exklusiven Geschichten, einen Tag vor Erscheinen der Zeitung eine kurze Vorabmeldung heraus. In der wurden auch die drei Titel genannt, die nach Ansicht der Mediaplaner die Schwarze Liste der vom Aussterben bedrohten Titel anführten: „Tomorrow“ (Burda-Verlag), „Bravo Screenfun“ (Heinrich Bauer Verlag) und „Emotion“ (Gruner + Jahr). Eine entsprechende Meldung veröffentlichte die Zeitung auch in ihrem Online-Auftritt:

Die betroffenen Verlage und der Verband der Zeitschriftenverleger (VDZ), der mit „Horizont“ gerade noch eine redaktionelle Sonderbeilage produziert hatte, müssen schockiert und empört auf soviel unabhängigen Journalismus reagiert haben, den sie sonst von der Fachpresse nicht kennen. Offenbar übten sie Druck auf „Horizont“ aus, und „Horizont“ gab dem Druck nach. Die Pressemitteilung wurde zurückgezogen, der Online-Artikel kommentarlos gelöscht, die Produktion gestoppt, der Artikel ausgetauscht. Die aktuelle Ausgabe „Horizont“ erschien deshalb erst heute, einen Tag verspätet.

Dass die Verlage unglücklich sind, wenn einer ihrer Titel auf einer solchen schwarzen Liste steht, kann man verstehen: Schließlich lässt es ein für die Werbewirtschaft ohnehin schon unattraktives Heft noch unattraktiver erscheinen. Aber das müssen sie aushalten. Das nennt man Journalismus.

Die Verlage aber glauben, dass das schlimmste, was man mit Problemen tun kann, ist, sie zur Kenntnis zu nehmen. Wenn man auf einen Abgrund zurast, muss man sich vor allem die Augen zuhalten (und, wenn möglich, noch den mahnenden Rufer am Wegesrand überfahren).

Und „Horizont“? Chefredakteur Volker Schütz hat gegenüber Peter Turi die Rückrufaktion für den Artikel damit erklärt, der Artikel sei „nicht durch die Qualikontrolle“ gegangen und deshalb wieder rausgeflogen — das sei „der normale Redaktionsalltag“. Das ist natürlich nicht die Wahrheit. Nebenbei betreibt Schütz damit auch Rufschädigung, indem er impliziert, die langjährige Autorin Elke Jacob habe einen nicht druckbaren Text abgeliefert. Er beschädigt fahrlässig eine Journalistin, die den Fehler gemacht hat, eine journalistische Geschichte zu schreiben. Soviel zum Thema Rückgrat.

Volker Schütz bemüht sich inzwischen auch an dieser Front um Schadensbegrenzung und erklärt mir gegenüber auf Anfrage: „Elke ist eine unserer erfahrensten, mir persönlich liebsten und besten Mitarbeiter.“ Er bestreitet auch, dass „Horizont“ die Tabelle „erst auf Druck des VDZ, der Verlage oder der ‚Horizont‘-Verlagsleitung gestoppt“ habe: Das sei „wirklich vollkommener Käse“. Die verspätete Rückrufaktion sei die Entscheidung der Chefredaktion gewesen — „sicherlich nach Rücksprache mit Verlagsleitung Markus Gotta“. Schütz‘ Fazit:

„Das Ganze ist bitter, mehr als ärgerlich und hat [Co-Chefredakteur] Herrn Scharrer und mir zwei schlaflose Nächte und ein wahrscheinlich auch eher unentspanntes Wochenende beschert. Punkt. Aber: ‚Horizont‘ wird, auch wenn die Zeiten härter und rauher werden, nicht in Ranküne, Häme oder Print-ist-tot-Kolportage abgleiten, wie es andere machen.“

Das ist, gelinde gesagt, niedlich formuliert angesichts der Art, wie „Horizont“ nun die schmerzhaften Aussagen auf homöopathische Dosis reduziert und in dicke Watteschichten verpackt. Die Zeitung macht nun mit der unendlich nichtssagenden Schlagzeile auf:

Top-Mediaplaner sieht Verlage unter Zugzwang.

Und der Artikel selbst schafft es sogar, die äußerst negative Prognose des Mediaplaners Blomenkamp zunächst ins Positive zu drehen:

Mit einer schonungslosen Analyse des deutschen Printmarkts macht Jürgen Blomenkamp den Verlagen zumindest in einem Punkt Mut. „In der fragmentierten Medienwelt gewinnt die Reichweite wieder an Wert, deshalb haben wir ein großes Interesse daran, dass starke Printtitel bestehen bleiben.“

Der Text ist dann frei von jeder konkreten negativen Titelnennung — allein drei als positive Ausnahmen erwähnte Zeitschriften dürfen namentlich genannt werden.

Nicht, dass das zum Beispiel eine Zeitschrift wie „Bravo Screenfun“ retten wird, deren Anzeigenumfang in den letzten sieben Jahren um 70 Prozent zurückgegangen ist. Die Zahl der verkauften Exemplare ist in den vergangenen drei Jahren um 91 Prozent geschrumpft. Im Schnitt betrug die Auflage im vergangenen Quartal noch 14.602 Exemplare. Es spricht nichts dafür, dass „Horizont“ versucht hätte, gesunde Zeitschriften kaputtzuschreiben.

Es gibt eine schöne, traurige Ironie an der Sache. Man kann die Zitate von Jürgen Blomenkamp auch so lesen, dass Zeitschriften vor allem Relevanz bräuchten, um zu überleben. Die Rückrufaktion von „Horizont“ in dieser Woche war auch ein klares Bekenntnis gegen eigene Relevanz.

[via Turi2]

82 Replies to “Rückrufaktion für Journalismus”

  1. „Die Verlage aber glauben, dass das schlimmste, was man mit Problemen tun kann, ist, sie zur Kenntnis zu nehmen. Wenn man auf einen Abgrund zurast, muss man sich vor allem die Augen zuhalten (und, wenn möglich, noch den mahnenden Rufer am Wegesrand überfahren).“

    Göttlich…

  2. Herr Niggemeier, es ist sehr nobel von Ihnen, dass Sie auf diesen Sachverhalt aufmerksam machen. Allein, ich kann mich über diese Geschichte kaum wundern. Die Liebe zum kritischen, investigativen, knallhart recherchierenden Journalismus hört doch bei den meisten Medien spätestens dann auf, wenn der eigene Nimbus durch zu viel publizistisches Hinterfragen von seinem Lack verliert.
    Wo bleiben die Artikel über die ausbeuterischen Vertragsklauseln, zu denen große deutsche Tageszeitungen ihre sog. freien Mitarbeiter zwingen (wollen)? Chefredakteure und Ressortleiter, die sich gern wie das personifizierte Weltgewissen gerieren, halten sich bei diesem Thema in schändlicher Weise bedeckt. Man käme ja sonst in die Verlegenheit, dem eigenen Arbeitgeber in die Suppe zu spucken und wo es um den persönlichen Vorteil geht, da hört der journalistische Auftrag auf. Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps und Nestbeschmutzung ist Nestbeschmutzung. Und außerdem geht es ja nur um ein paar „Freie“, für deren Belange ohnehin niemand ein offenes Ohr, geschweige denn Verständnis hat.
    Unerwähnt bleibt natürlich auch die Umwandlung von Redaktionen zu Gesellschaften mit beschränkter Haftung, wodurch der Tarifvertrag für Redakteure unterlaufen werden kann. Und so weiter und so fort.
    Eine Krähe hackt der anderen eben kein Auge aus.

  3. nach 10(und 5 anläufen zur überwindung es wirklich genau zu lesen) muss ich sagen: sehr interessant …gut dasss ich den beitrag gelesen habe ;)

  4. Nunja, die Grundrichtung „Branchenblatt hat Schwierigkeiten mit Einflussnahme von Anzeigenkunden, die gleichzeitig Berichtsgegenstand sind“ ist ja richtig und so neu nicht. Die dadurch entstehenden Probleme allerdings an dieser Geschichte so breit darzulegen finde ich verkehrt – die Story ist doch einfach schlecht.

    Wenn 14 *Mediaplaner* sagen dürfen, welche Zeitschriftentitel ihrer Meinung nach eingehen, dann ist das ja wohl kaum einen sinnvolle Datenbasis für solch einen reißerischen Aufmachen. Schließlich haben die Mediaplaner ja ein elementares Interesse daran, Anzeigenpreise zu drücken. Insofern kann ich *in diesem einen, konkreten Fall* durchaus verstehen, dass Horizont die Geschichte zurückgezogen hat und wundere mich eher darüber, dass das so spät geschieht.

  5. Vor Jahren arbeitete ich mal bei einem privaten Radiosender im Land Brandenburg. Der warnte, wie im Winter üblich, in seinen Verkehrsnachrichten vor überfrierender Nässe auf den Straßen. Daraufhin drohte eine große Möbelhauskette damit, ihre Radiowerbung zu stornieren, wenn weiterhin vor überfrierender Nässe gewarnt würde, was ja zur Folge haben könnte, dass die potentiellen Möbelhauskunden ihr Auto aus Angst vor überfrierender Nässe stehen lassen und zu Hause bleiben.
    Daraufhin wurde nicht mehr vor überfrierender Nässe gewarnt.
    Kein Glatteis in Brandenburg.

  6. @Seb: Die Mediaplaner sind in aller Regel diejenigen, die entscheiden, wo die Werbeausgaben der Unternehmen landen. Wenn die Mediaplaner mehrheitlich der Meinung sind, dass ein Titel bei ihren Entscheidungen keine Relevanz mehr hat, wird dieser Titel es sehr schwer haben zu überleben. Eine solche Umfrage hat also eine sehr hohe Prognosequalität. Wenn man das nicht recherchieren und darüber berichten darf…

    …ach so, ja, kann man natürlich immer noch melden: „Top-Mediaplaner sieht Verlage unter Zugzwang.“ Stimmt immer und tut niemandem weh.

  7. Mit dem, was Du über die Medienfachpresse schreibst, hast Du natürlich vollkommen recht. Allerdings weiß ich nicht, ob es wirklich eine gute Idee ist, ausgerechnet die Mediaplaner nach Todeskandidaten zu fragen. Schließlich haben die in dem ganzen Spiel ihre eigenen Interessen, und da kann schon mal ein Titel ganz oben landen, der in den Augen der Mediaplaner zu wenig Provision zahlt oder bei dem das Preis-Leistungs-Verhältnis (sprich der TKP) nicht stimmt.
    Das ist ein bisschen so, wie wenn man Versicherungsvertreter nach der tollsten Versicherung fragt – da kommt auch die mit der höchsten Provision raus…

  8. Mensch, eine Geschichte via turi2 hier, und der vom Peterle eingeholte O-Ton wird auch gleich mitzitiert. Ein Punkt für die Liebe.

  9. Ach, das alles gibt’s ja bei allen Fachblättern. Als Fotohändler sind für mich natürlich diverse Fachblätter Pflichtlektüre und seit sehr langer Zeit stelle ich fest, dass es praktisch keine schlechten Geräte mehr gibt.
    Selbst wenn eine Kamera mit hanebüchener Ausstattung daher kommt, eine miserable Bildqualität hat und dazu noch unbedienbar ist, wird sie immer noch als „zufriedenstellend“ bezeichnet (wer will schon z.B. eine Firma Olympus als Werbekunden verlieren)
    Dummerweise bleibt dabei eine wirkliche Information auf der Strecke.

    Interessant finde ich, dass es in den Medienblättern offenbar noch schlimmer abgeht…

  10. Wenn „Bravo Screenfun“ im letzten Quartal tatsächlich auf 14.602 Exemplare gefallen ist, braucht es keine Umfragen unter Mediaplanern, um dem Blatt das Sterbeglöckchen zu läuten, oder? Erstaunlich, dass es überhaupt noch gedruckt wird…

  11. Interessant finde ich, wie Ille in Kommentar 2 zunächst vorwirft, dass Stefan einen Artikel zu einem ganz anderen Thema nicht geschrieben hat und in diesem nicht geschriebenen Artikel auch noch einen bestimmten Sachverhalt nicht erwähnt. Und das vorsätzlich!

  12. @16: Das habe ich mir auch gedacht, mir ist irgenwie schleierhaft wieso man so ein Blaettchen ueberhaupt noch produziert wenn es seit Jahren dermassen den Bach runtergeht.
    Oder kann man davon ausgehen dass der Bildschirmspass noch bei 75k Exemplaren doch irgendwie profitabel oder zumindest kostenneutral war?

  13. Schlimm, dass es immer noch so schlimm ist. Tucholsky hat schon in den 20ern des letzten Jahrhunderts auf die unsägliche Verquickung von kritischem Journalismus und dem Anzeigengeschäft in unzähligen Artikeln hingewiesen. Und ich hoffte, es wäre nicht mehr so schlimm (glauben konnte ich es nie so recht).

    Die Welt ist eben doch Sch**se.

    MfG Jan

    PS: Weltherrscher, übernehmen Sie! ;)

  14. @ Ille
    Herzlichen Dank. H. Niggemeier ist aber wohl auch Freier und darf deshalb das Maul nicht aufreißen. Die FAZ hat 2001 die ohnehin mageren Honorare – ca. 1,25 € die Zeile – um 30 % gekürzt (es ist eine Stiftung, keine auf maximalen Profit ausgerichtete Firma!) und seitdem nicht wieder erhöht. Freie werden (ob Handelsblatt, Wirtschaftswoche, Süddeutsche, FAZ usw…) ohne Entschädigung zur Abtretung aller Rechte gezwungen, mit rechtswidrigen Verträgen. Unterschreiben sie nicht, fliegen sie raus. Die Freien arbeiten für Honorare, die meist bei etwa der Hälfte des Stundenlohns einer Putzfrau liegen, haben aber oft die Qualifikation der meisten Redakteure, sind ihnen in bestimmten Fachgebieten oft sogar überlegen. Der DJV kämpft nicht für wenigstens eine Anpassung der Minihonorare an die massiv gestiegenen Lebenshaltungskosten.
    Insofern sind Ihre Ausführungen notwendig. Die miesen Praktiken aller Großverlage, die nur noch Profitmaximierungsmaschinen sind (Ziel: 30 %), prangert niemand an. Nestbeschmutzung wird mit Ausschluss bestraft. Auch gute Medien-Journalisten lassen solche Tabuthemen gern aus.
    Die seit 2001 massiv eingesetzte Ausbeutung der Freien zu Hungerhonoraren ist ein Skandal, und eben rollt wieder die nächste Entlassungswelle bei G+J und Holtzbrinck durchs Land. Darüber schreibt man nicht, weil Krähen… (leider ist das so, wie bei Ärzten.) Ein Tabu, wenn es um das knüppelharte Geschäft der Verlage geht und den seit Jahren unerträglich unmenschlichen Umgang mit ihren angestellten und immer mehr freien Mitarbeitern, weil Betriebswirte und medienferne Manager ohne jegliche verlegerische Ambition das Ruder übernommen haben. Wer Einblick in die Szene hat, kann das nur noch mit ohnmächtiger Wut verfolgen. Oder sich hier, wie Ille, wenigstens einmal Luft machen. Bewirken wird es vermutlich nichts. Chefredakteure und Ressortleiter, vor allem aber Verlagsleiter, werden sich weiter wie A*löcher gegenüber ihren Mitarbeitern benehmen – aber nach außen verbreitet man auf gut honorierten Industrieveranstaltungen Glanz und den Hauch des allwissenden Seriösen und Unabhängigen. Kurzfristdenken, Kopflosigkeit und mangelndes Nachdenken über Politik, gesellschaftliche Entwicklungen, eine von Politikern ausgeplünderte Mittelschicht und die Unmöglichkeit, mit Online Geld zu verdienen, bestimmen den Redaktionsalltag. Wiederkäuen von Agenturmeldungen, anmaßendes Geschwafel über Web 2.0 und die doofen Journalisten (womit man seine eigene Qualifikation diskreditiert – aber Logik ist ja beim Hypen von amerikanischen 2.0-Prophezeiungen nicht gefragt), Boulevard-Blabla bei Spon, SZ, FAZ und natürlich RP-Online… Eine ganze Branche vernichtet, entwertet und diskreditiert sich schleichend selbst. Und kaum jemand merkt’s.
    DAS würde ich gern von H. Niggemeier lesen. Ich glaube, dass er das spüren und aufschreiben könnte.

  15. @ Fridolin: Ist aber keine Ueberraschung, dass wir bestimmte Geschichten hier nicht lesen werden, oder? Die Geschichten mit den huebschen Vertraegen fuer die Freien koennen nur unabhaengige Journalisten schreiben. Freie Journalisten sind das in der Regel nicht, jedenfalls nicht Freie bei Tageszeitungen.

    Aber ob die rauen Sitten an den vielen Branchenfremden liegen? Vielleicht haben die Verleger erkannt, dass man mit Print auf absehbare Zeit kaum noch etwas verdienen kann, auch nicht, wenn man investiert, deshalb wird die Zitrone ausgepresst. Und ausgepresst. Solange der Leser noch an die Zeitung als Qualitaetsprodukt glaubt, denn die Juengeren suchen sich die Wahrheit vielleicht lieber im Internet zusammen.

    Drei Modelle sind wohl erfolgsversprechend, wenn die Verleger ihre Renditeziele nicht ueberspannen: Ueberregionale Zeitung mit vielen eigenen Geschichten. Lokalzeitungen im Ippen-Stil (mit meist einheitlichem Mantel), Boulevard. Die meisten Lokalzeitungen sind jetzt mehr oder weniger laut auf dem „Weg zu Ippen“, wenn ich LN/OZ, WAZ-Gruppe oder viele aenhliche Mantel-Kooperationen in vielen Gegenden ansehe.

  16. @Fridolin

    Lesen Sie mal hier. Die These, daß Stefan Niggemeier solche Themen nicht aufgreift, stimmt nicht.

    Sicher, es könnte grundsätzlich mehr sein. Aber das beinahe zu jedem Beitrag auftauchende Argument, daß Stefan dann einen anderen Beitrag (mit dann anderen Inhalten) nicht geschrieben hat, ist keines. Solche „Argumente“ erinnern mich immer an eine Anekdote von Dan Greenburg, die ich bei Watzlawick gelesen habe:

    „Schenken Sie Ihrem Sohn Marvin zwei Sporthemden. Wenn er zum erstenmal eines anzieht, blicken Sie ihn traurig an und sagen Sie: ‚Das andere gefällt Dir nicht?'“

    Kehren Sie die Anekdote um und ersetzen Marvin durch Stefan, das Sporthemd durch einen Beitrag Stefans und die Mutter durch einen entsprechenden Kommentar.

  17. @ Peter Viehrig: Immerhin hat ihn jetzt ein Verleger eines Besseren belehrt — und laesst ihn in einem verlagseigenen Blog schreiben. Das ist ja mal eine lohnende Entwicklung ;-)

  18. Ich kann nur bestätigen, dass es bei Fachtiteln so gut wie unmöglich ist, kritischen Journalismus zu betreiben. Schwarze Listen gab es schon im Neuen Markt und jeder hat sie gedruckt. Nur war die Krise damals so allgegenwärtig und die Macht der siechenden Internet-Companys bei Wirtschaftsmedien wegen des zu geringen Werbevolumens sehr beschränkt. Heute kriegen Sie so etwas gar nicht mehr. Sie brauchen nur Blätter wie Euro am Sonntag oder Börse Online aufschlagen. Thematisiert werden bestimmte Megatrends wie Wasser oder Öl und entsprechende Fonds & Zertifikate empfohlen. Drum herum finden sich ganz unverdächtig zahlreiche Anzeigen von Anbietern, meist die, die im Text genannt werden. Über Risiken, die es genauso wie auch Chancen gibt, wird im Text natürlich nicht (kaum) gesprochen, dafür stimmt dann die Kasse beim Verlag. Die allgemeine Krise der Medienwirtschaft trägt zu so nervösen Handlungen wie bei W&V bei. Aber: Wer keine Ideen hat, sondern nur über Personalkosten und mit anbiedernden Inhalten punkten will, wird den Markt eh nicht überleben (hoffentlich).

  19. @ Sebastian S., 17: Ich habe Herrn Niggemeier überhaupt nichts vorgeworfen. Mir ging es darum, die Doppelmoral der Verlage anzuprangern. Was ich ausdrücken wollte, hat Fridolin (Kommentar Nr. 20) in viel ausführlicherer und plastischerer Weise zu Bildschirm gebracht.
    Allerdings denke ich, dass es grundsätzlich schon ein lohnendes Betätigungsfeld für Blogger wäre, auch die ökonomischen und arbeitsrechtlichen Missstände in den traditionellen Medien zu beleuchten. Dazu wären natürlich insbesondere diejenigen Web-Autoren berufen, die in keinerlei Abhängigkeitsverhältnis zu einem Verlag stehen.
    Es ist ja eben nicht so, dass die schöne Medienwelt wieder ganz heil wäre, wenn jeder Journalist ordentlich recherchieren würde und dadurch inhaltliche Fehler bzw. Nichtigkeiten (wie z.B. Klickstrecken) reduziert würden.
    Es wäre im Gegenteil äußerst interessant, den Zusammenhang zwischen schlechter Bezahlung und mangelhafter Arbeitsqualität einer genaueren Betrachtung zu unterziehen. Schlampige Recherche ist vom Zeitaufwand eben effizienter als akribisches Hinter- und Nachfragen und somit in betriebswirtschaftlicher Hinsicht korrekt. Ein freier Journalist, der für die Normzeile EUR 1,25 bezieht, begeht wirtschaftlichen Suizid, wenn er sich mit einer gewöhnlichen Story einen ganzen Tag lang abmüht. Wer das nicht glaubt, möge z.B. den „Ratgeber Freie“ von Goetz Buchholz lesen. Und warum sollte der un(ter)bezahlte Praktikant oder der Volontär in der Online-Redaktion schöpferisch tätig sein, wenn er sich mit dem Zusammenbasteln von Klickstrecken einen lauen Lenz und sich zugleich bei seinem auf Page Impressions erpichten Praktikumsgeber lieb Kind machen kann?

  20. PS: Meine Frage „Wo bleiben die Artikel …?“ war weder an Herrn Niggemeier noch an jemand anderen gerichtet. Ich dachte, sie sei leicht als rhetorische Frage zu identifizieren.

  21. Für die Einbindung von Screenshots mit großem Textanteil wie oben eignen sich Formate wie .png sehr viel besser als .jpeg – auf kleineren Bildschirmen kann man den Text so kaum lesen.

  22. Ille, erneut danke. Auch mir geht es nicht darum, H. Niggemeier eine falsche Themenwahl vorzuwerfen. Manche finde ich übertrieben vom Energieaufwand her, die Obama-Manie überflüssig. Aber N. ist auch nur ein Mensch und schließlich ist das hier sein Blog. Und er ist ein hervorragender, ungewöhnlich mutiger Journalist!
    Illes und mein Beitrag sollten deutlich machen, dass es kaum Journalisten gibt, die die Möglichkeit haben (UND sich trauen), auf die Missstände unseres Berufsstands hinzuweisen. Allzu schnell wird das dann abgetan, dass das „draußen“ ja niemand interessiert oder angeblich intern ist.
    Wenn aber ein angestellter Redakteur nebenberuflich die Kundenzeitschrift und den Umweltbericht eines Unternehmens, für das er auch ressortmäßig zuständig ist, schreibt, würde mich das schon interessieren. Denn hier erkauft sich ein Unternehmen Wohlverhalten von einem korrupten, distanzlosen Redakteur. Ebenso interessiert, wie Verleger gern Medien um einen Anzeigenmarkt herum bauen, viel investieren, erst am Ende der Welle einsteigen und Geld verbrennen, weil das Medium mangels Qualität und Relevanz nach spätestens einem Jahr floppt. Oder der Irrsinn, dass Wortjournalisten auch gleich noch Hörfunk- und Fernsehen + online bedienen, obwohl jedes Medium eine andere Denk- und Produktionsweise erfordert und nicht alles gleichzeitig geschehen kann. Das fördert den oberflächlichen Journalismus, der mit Tiefgang nichts zu tun hat. Ich verstehe auch nicht, warum ehemals hochseriöse Medien wie die SZ oder der Spiegel sich mit grenzdebilen Spielen wie „Könnten Sie amerikanischer Präsident werden? Testen Sie Ihr Wissen“ oder „Das Mädel und der Alkohol“ http://www.sueddeutsche.de/leben/822/450543/bilder/ profilieren müssen.
    Medien, die ihre Online-Auftritte mit Ramsch bestücken, brauchen sich nicht zu wundern, wenn man ihnen Kompetenz nicht mehr abnimmt und nicht mehr dafür zu zahlen bereit ist. Da helfen auch die paar klugen Kommentare und Stücke von Edelfedern nicht. Unsere ehemaligen Leitmedien haben sich im festen Blick auf Klickraten, von ehrgeizigen Managern ohne journalistische Basis getrieben, zu austauschbaren, profillosen Selbstbedienungsläden für gelangweilte Online-Besucher entwickelt.
    Die Kompetenz der gedruckten Ware wurde ausgedünnt, weil die Redakteure mehr mit Kooperationen mit Unternehmen und anderen Medien, Gewinnspielen, Schnellschüssen der Verlagsleitung, Kongressen, Preisverleihungen, Nebentätigkeiten und Horror-Arbeitsbedingungen in Großraumbüros und an Newsdesks zu tun haben (wo sich kein Mensch konzentrieren denn vernünftig – außer online – recherchieren kann) als mit ihrer Kernkompetenz: recherchieren, bewerten, NACHDENKEN, Plausibilität prüfen, dann spannend schreiben.
    Wenn ich sehe, dass Schnelligkeit online längst wichtiger ist als nachdenken und recherchieren, ob die Pressemitteilung nicht voller Lügen und widerlegbarer Behauptungen sein könnte, wird mir schlecht. Hauptsache schnell online, man kann ja immer noch korrigieren. Wo bleibt da die journalistische Kompetenz? Verleger interessiert das aber nicht. Und die Online-Redakteure scheinen wohl für Schnelligkeit und Menge bezahlt zu werden.
    Andererseits habe ich die Erfahrung gemacht, dass kleine Verlage mit klarem Fokus auf eine Zielgruppe und Qualität auch heute noch respektable neue Produkte auf den Markt bringen und überleben können. Zielgruppen und Qualität spielen bei Großverlagen dagegen keine Qualität mehr. Das ist zwar ein sehr pauschales Urteil, das trotzdem weitgehend richtig ist. Klare Linien hat kein Großverlag mehr, weil es keine verlegerische Linie mehr gibt, nur noch austauschbare Manager und laufende Strategiewechsel.
    Menschen brauchen mehr denn je eine Einordnung und Hilfestellung, weil wir allesamt mit der Informationsverarbeitung überfordert sind. Und diese zu geben, läge in der Verantwortung der seriöseren Medien. Dazu braucht man aber genügend Redakteure, die Zeit haben für ihre Aufgaben und nicht auf die Hilfe der PR-Agenturen und Lobbyisten angewiesen sind oder mal eben ein paar Pressemitteilungen ins Blatt heben, weil es schnell gefüllt werden muss. Und Journalisten, die sich nicht vom BDI und der INSM vorbeten lassen, dass die Lohnnebenkosten runter müssen und wir nicht wettbewerbsfähig sind. Und die nicht jede Sprechblase von Merkel und Steinbrück unkommentiert weitergeben, sondern mal nach Fakten, Inkompetenz, Lügen und Lobbyismus suchen. Ich will diesen Dreck der Politiker und Lobbyisten nicht mehr lesen!
    Am Ende haben sogar Lokalredakteure nachgebetet, dass die Lohnnebenkosten zu hoch sind. Und wo stehen wir jetzt: Konsumschwäche seit Jahren, Export zusammengebrochen, Minilöhne, unerträgliche Steuerlasten, Armut, Bildungsmängel, demnächst massive Arbeitsplatzverluste, aber auch explodierte Gewinne und verspielte Billionen.
    Ich schäme mich für die vielen Kollegen, die nicht mehr wahrnehmen, wie sie manipuliert wurden und die von dem, worüber sie schreiben, kaum noch etwas verstehen. Auch die Umstände haben sie dazu gemacht und leider auch die Erfahrung, dass sich Ehrgeiz, Gewissenhaftigkeit und Handwerk nicht mehr lohnen. Denn Verleger sehen ihre Mitarbeiter fast nur noch als Kostenfaktor und nicht als schöpferische Menschen mit vielen Qualifikationen. Und Freie eben als Verfügungsmasse zum Billigsttarif, denn Freie müssen Aufträge zu jedem Honorar annehmen. Weil es immer noch einen gibt, der für noch weniger in unsere ach so hochseriösen Blätter will. Weil man da immer noch zehn- und hunderttausendfach mehr Leser erreicht als mit einem Blog. Aber nur hier kann man anscheinend solche Einschätzungen und Erfahrungen schreiben…

  23. @ Fridolin, 29: Ihr Beispiel mit den Lohnnebenkosten gefällt mir sehr gut. Es veranschaulicht, wie ein von einem sog. Experten oder einem sog. Leitmedium formulierter Gedanke kondensiert und dann kritiklos und unreflektiert in anderen Publikationen nachgeplappert wird. Um beim konkreten Fall zu bleiben: Irgendwann – nach der dreiundfünfzigsten Christiansen-Sendung über den ökonomischen Untergang des Vaterlandes – wurde dann auch an den Stammtischen gebarmt, dass die Lohnnebenkosten zu hoch seien und dringend einer Senkung bedürften.
    Das benachbarte Ausland wurde in diesem Zusammenhang als nachahmenswertes Beispiel genannt. Kaum ein Journalist ist auf die Idee gekommen, mal wirklich nachzurecherchieren. So sind z.B. in Österreich die Lohnnebenkosten vom Gesamtprozentsatz her in der Tat etwas niedriger als in Deutschland (der Unterschied ist insbesondere bei der Krankenversicherung markant). Da jedoch in der Alpenrepublik ein volles 13. und 14. Monatsgehalt immer noch nicht die Ausnahme, sondern die Regel darstellen, ist die Belastung der Unternehmen nicht geringer, sondern letztlich sogar höher als in Deutschland. Die angeblich zu hohen Lohnnebenkosten waren und sind zwar auch in Österreich ein Thema, aber sie wurden und werden dort nie so dämonisiert und zum Quell allen Übels stilisiert wie in der Bundesrepublik.
    Es wäre interessant zu ermitteln, wie viel aktive Lobby-Arbeit nötig bzw. wie viel passive Experten- und Leitmedien-Gläubigkeit bei den Presseorganen ohnehin schon vorhanden war, dass sich das Schauermärchen von der zu hohen Staatsquote so unwidersprochen durchsetzen konnte.
    Im Moment erleben wir ein analoges Szenario: Das Wort Wirtschaftskrise ist in aller Munde. Dass man 6 bis 8 Monate auf die Auslieferung zweier bestimmter Modelle eines namhaften deutschen Automobilherstellers warten muss oder dass Laptops laut Aussage eines PC-Händlers meines Vertrauens derzeit weggehen wie die warmen Semmeln, sei rein vorsorglich angemerkt. Dass der derzeitige Euro-Dollar-Wechselkurs den europäischen Export nach Übersee begünstigt und dass sich Industrie und Verbraucher über so niedrige Kraftstoffpreise wie seit Jahren nicht mehr freuen dürfen, sei noch hinzugefügt.
    Aber ja: Man muss die Krise schon besonders schwarz malen, um Massenentlassungen rechtfertigen und die eigenen Hände in Unschuld waschen zu können.

  24. Die wirtschaftliche Drangsalierung, Unterbezahlung, Ausbeutung freier Journalisten ist zweifelsohne eine Desaster mit negativen Auswirkungen auf vielen Ebenen. Es stinkt zum Himmel.

    Zwei Einschränkungen, dennoch:
    1. An anderen Stellen stinkt es auch, oft sogar noch viel scheußlicher.
    2. Die implizite Behauptung „Gebt den Journalisten nur mehr Geld, dann werden die Medien auch (wieder) besser“, halte ich für blanken Unsinn.

  25. @ Formwandler, 32:

    Zu Ihren Einschränkungen:

    1. Natürlich stinkt es auch woanders, ob es „oft sogar noch viel scheußlicher“ stinkt, sei mal dahingestellt. Niemand hat behauptet, dass es nur den freien Journalisten schlecht geht. Aber die Heuchelei in der Medienbranche, die Diskrepanz zwischen Anspruch und Realität ist dort nun mal besonders groß. Und aus den genannten Gründen ist dieser Missstand weithin unbekannt.

    2. Selbstverständlich kann man den Qualitätsverlust der Medien nicht so monokausal betrachten. Aber ich denke nach wie vor, dass die schlechten Arbeitsbedingungen (es geht ja nicht allein ums Honorar bzw. Gehalt) ein nicht ganz unwesentlicher Grund für die mäßigen Leistungen nicht nur im Journalismus, sondern auch in vielen anderen Erwerbszweigen sind.

  26. „Natürlich stinkt es auch woanders, ob es „oft sogar noch viel scheußlicher” stinkt, sei mal dahingestellt.“
    Und da steht es nun und es stinkt vor sich hin: denn es ist schlicht wahr.

  27. @ Jeeves, 34: Ich lasse mich gern eines Besseren belehren und wäre für konkrete Nennungen bzw. für exakte Luftqualitätsvergleiche dankbar.

  28. @ Formwandler
    Ich habe nicht geschrieben, gebt den Journalisten mehr Geld. Ich habe geschrieben, bezahlt die freien Journalisten besser, damit sie wenigstens halbwegs davon leben können.
    Der Qualitätsverlust hat nichts mit der Bezahlung der Redakteure zu tun sondern mit den grandios verschlechterten Arbeitsbedingungen und natürlich mit der Angst, als nächster gekündigt zu werden. Das deckt sich mit anderen Branchen. Der Anspruch der Verleger, riesige Renditen statt einem Minimum an Qualität anzustreben und überhaupt eine Linie zu verfolgen, ist allerdings ein hausgemachtes Problem.

    @ Ille
    Bestimmt wird auch schwarzgemalt, um jetzt ganz schnell die hohen Renditen einiger Branchen zu konservieren. Dennoch glaube ich, dass nächstes Jahr durch erzwungenen Konsumverzicht und einen schon seit Oktober rapide sinkender Auftragseingang aus dem Ausland gerade in Deutschland eine Wirtschaftskrise kommen wird, wie wir sie noch nicht erlebt haben in den letzten 20 bis 30 Jahren. Und die wird nicht die Reichen, sondern die Gering- und Durchschnittsverdiener treffen. Lesen Sie, was die hellsichtigen Kollegen bei der FTD (Fricke, Münchau) schreiben.

  29. Auch wenn Elendsranglisten natürlich nur bedingt sinnvoll sind oder sogar zynisch klingen mögen, so fallen mir doch ad hoc chronisch unterbezahlte und ausgebeutete Krankenschwestern und Altenpfleger ein, Kindergartenerzieherinnen oder, hmm, Zeitungsverkäufer. Deren ungeheuerliche Misere mit monatlichen Nettolöhnen teils unter 1000 Euro – bei Vollzeitarbeit – ist seit Jahren und Jahrzehnten bekannt. Sie wird durch die jetzige Krise nicht verursacht, sondern „nur“ nochmals verschlimmert.

    Wo waren all die Zeit jene Journalisten, die sich ernsthaft, hartnäckig und aufklärerisch um jene Ausgebeuteten gekümmert hätten? Natürlich, hier und da gab’s mal eine ausgezeichnete und auch sehr gute Reportage – aber eine wirkliche Berichterstattung über diese „Randgruppen“, die doch so wichtige Arbeit verrichtet, gab es fast nie. Die Journalisten haben diesen gesellschaftlichen Trend nur höchst unzureichend aufgeklärt, beschrieben, bekämpft. Insofern haben sie sich selbst Ihr eigenes Grab mitgeschaufelt. Das Ignorieren der zunehmenden sozialen Erosion in unserem Land musste zwangsläufig dazu führen, dass es irgendwann auch den Medien an den Kragen geht. Und nun ist das Gejammer und Geschimpfe groß.

    Bevor jetzt das Gegenargument kommt, daran seien ja die Verlage schuld – ja, aber. Gar nicht so wenige Journalisten hatten es sich doch sehr kommod eingerichtet in ihrer „Wenn ich nur wollen dürfte“-Nische und so manchen im Stich gelassen. Leider hatten viel zu wenige Individuen „den A… in der Hose“, auch mal gegen Widerstände, Mächte und Gewissheiten anzuschreiben und sich durchzusetzen.

    Krankenschwestern, Altenpfleger oder Zeitungsverkäufer haben zudem, im Gegensatz zu Journalisten, nicht das Internet als neues, fast noch unerschlossenes und vielversprechendes Ausweichfeld, auf dem wenigstens versuchen kann, seinen eigenen Weg durch den Krisendschungel zu finden…

  30. @ Fridolin:
    „Grandios verschlechterte Arbeitsbedingungen“? Mal abgesehen vom Preis- bzw. Honorardruck: Wo sehen Sie diese?

  31. Hüben wie drüben …

    Es gibt genau so viele schlechte Journalisten (Medienunternehmen) wie Politiker (Parteien). Aber beide Lager könnten jede Krise verhindern oder beseitigen, wenn sie nur wollten. Das Grundproblem der schlechten wirtschaftlichen Lage sind die Abhängigkeiten beider Lager von ihren Geldgebern. Wurde hier von „Vorrednern“ schon alles perfekt analysiert und beschrieben.

    Medienunternehmen können es sich auf Dauer nicht leisten, ihre Kunden (Inserenten) mit unabhängigem (seriösem) Journalismus zu verprellen. Parteien können es sich nicht leisten, ihre Lobbygruppen und Spendenzahler aus der Wirtschaft mit Gesetzen zu verärgern, die ihr Wachstum gefährden. Dazu kommt noch, dass einige Parteien Inhaber oder Teilhaber von Medienunternehmen sind.

    Eine verfahrene Situation: Nur wer wirklich unabhängig ist, kann den richtigen Weg gehen. Die Medien haben ihre eigene Krise mit zu verantworten. So wie die regierenden Parteien die derzeitigen Missstände und Krisen zu verantworten haben.

    Gut bezahlte Journalisten und sichere Arbeitsplätze in der Medienbranche hängen von der wirtschaftlichen Lage eines Landes ab. Da wird mir wahrscheinlich jeder zustimmen.

    Wer die Lösung unserer (seiner) Probleme finden will, muss nur über seinen Schatten springen.

  32. An die, die heir andere Texte vermissen: Es gibt reichlich Unrecht auf der Welt und Stefan Niggemeier wird es nicht schaffen alles aufzudecken und anzuprangern. Oder er ist zu dumm oder zu faul dazu oder wird dafür von Finsterlingen bezahlt. Huhh, Verschwörung. ;-)

    Vielleicht weiß er aber auch, dass die die immer konsequente und schonungslose Offenheit verlangen, ihm nicht seine Miete zahlen werden und spart sich deswegen die Mühe. :-D

    Zudem können sich die Medien die Aufgaben teilen, bzw. sollten es.

    Was glauben die Leute denn, warum in lokalen Anzeigenblättchen die über Kirchweih und Kanninchenzüchter alles bringen kein Artikel über das Geschäftesterben im Stadtteil steht?

    Eine Tageszeitung wird selten exklusiv negatives über Discounter berichten – wer schaltet sonst die Anzeigen am Montag und Donnerstag? Also machen das hoffentlich die Wochenzeitschriften.

    Genaugenommen könnte der Öffentlich-Rechtliche Rundfunk einen großen Teil dieser Aufgabe übernehmen, nur sind dem ja Bambis wichtiger als Bombay und zum will er ja lieber im Internet den Zeitungsverlagen Konkurrenz machen.

  33. @41. Marc: „… und zum will er ja lieber im Internet den Zeitungsverlagen Konkurrenz machen.“

    Wie, so ganz ohne teure Immobilien und darin stehende Druckermaschinen, die tonnenweise Papier schlucken und bedruckt wieder ausspucken? Ist das nicht „Wettbewerbsverzerrung“?

  34. @35
    SIE haben was behauptet, nämlich: „ob (das so sein) sei mal dahingestellt“ — und SIE sollten das belegen. Aber nicht ich, der ich Ihre nonchalante Einschätzung, dass es keine schlimmeren Zustände gibt, nur charmant anzweifle.
    Denn, jeder weiß es: „natürlich stinkt es auch anderswo“. Schauen Sie, lesen Sie, hören Sie mal die täglichen Nachrichten. Eine Unterbezahlung von Journalisten und deren ach-so-harter Job ist ein Klacks dagegen.

  35. Wie war es doch damals mit der Prognose der Deutschen Bank über Leo Kirch? Im Klartext: Eine persönliche Aussage eines deutschen Bankers verursachte vorauseilenden Gehorsam. Die Folgen sind bekannt. Das ist ähnlich wie an der Börse: Schon ein bloßes Gerücht lässt die Bären ruhen oder die Bullen laufen.

    Anderes Beispiel: Wenn ein paar Mediaplaner, die ihren Fokus nur auf das Anzeigengeschäft von Medien richten und auf die Auflage schielen, die aber keinen Durchblick haben, wie ein Verlag seinen Titel „rechnet“, wenn diese Planer für bestimmte Titel schwarz sehen, dann kann es dazu führen, dass Kunden und Agenturen gehorsam vorauseilen. Schneller kann man einen Titel gar nicht ins Grab bringen! Das ist unverantwortlich. Und trifft nicht zuletzt die Journalisten, die für diese Titel gearbeitet haben.

    Niemand käme wohl auf die Idee, eine Umfrage bei Ärzten zu machen, welche ihrer Patienten demnächst das Zeitliche segnen werden. Zum Glück haben Ärzte eine Schweigepflicht. Die sollte man auch Mediaplanern auferlegen. Oder würden die es witzig finden, wenn eine Fachzeitschrift morgen eine Umfrage unter Werbungtreibenden macht, welche Mediaagenturen demnächst „eingestellt“ werden?

    Für mich war das keine „Rückrufaktion für Journalismus“, lieber Stefan Niggemeier, sondern ein Ordnungsruf gegen Gerüchtemacher. Und zwar ein berechtigter.

  36. Also wenn man einer Zeitschrift ein baldiges Ende bescheinigt, kann man dadurch das Ende auch überhaupt erst verursachen, indem doch die Werbekunden dann auf Abstand zu dieser Zeitschrift gehen, oder?

  37. @Harald: Ich weiß nicht, ob die Mediaagenturen es „witzig“ fänden, wenn man eine Umfrage startet, welche von ihnen wohl „eingestellt“ werden müssen — seit wann ist Witzigkeit ein Kriterium für Journalismus? Wenn es eine Entwicklung gibt, die das Überleben vieler Media-Agenturen in Frage stellt, ist es selbstverständlich eine gute journalistische Idee, Werbungtreibende oder andere Experten, die direkt dafür mitverantwortlich sind, welche dieser Agenturen überleben, danach zu befragen und das Ergebnis zu veröffentlichen.

    Ich kann nicht glauben, dass gerade Sie ernsthaft verteidigen wollen, dass „Horizont“ sich nur dann traut, Namen zu nennen, wenn es darum geht, positive Ausnahmen zu beschreiben. Und dass die Meinung von Mediaplanern für „Horizont“ und „w&v“ ganz selbstverständlich relevant und berichtenswert ist, solange man ihre Mahnungen nur unter Gaga-Aufmacher-Überschriften wie „Top-Mediaplaner sieht Verlage unter Zugzwang“ versteckt.

    Und: „Ordnungsruf gegen Gerüchtemacher“? Es geht nicht um Gerüchte, welche Zeitschrift eingestellt werden könnte. Es geht um eine handfeste Einschätzung von denjenigen, die die Werbung buchen, welche Titel für sie keine Relevanz mehr haben.

  38. @ Thomas

    So ist es. Denn Mediaagenturen, die sehr bequem sind, sagen sich: Warum soll ich einen Titel auf die Empfehlungsliste für meinen Kunden setzen, wenn ich befürchten muss, dass dieser Titel eingestellt wird und ich dann meinem Kunden gegenüber auch noch Rechenschaft ablegen muss, warum ich das denn nicht vorher gewusst habe, wo es doch schon in der Fachpresse gestanden hat. Also lässt er im vorauseilenden Gehorsam den Titel gleich draußen.

  39. @Thomas: Ja. Das betrifft aber fast alle journalistischen Texte. Wenn man berichtet, dass ein Unternehmen Schwierigkeiten hat, seine Rechnungen zu bezahlen, wird das seine Finanzkrise vergrößern. Wenn man berichtet, dass eine Marke kaum noch Autos verkauft, wird das die Attraktivität eher senken. Wenn man berichtet, dass die Zustimmung in der Bevölkerung zur Politik der SPD sinkt, wird das die Umfragewerte noch mehr sinken lassen. Wollen wir das alles nicht mehr berichten?

    (Im übrigen will Mediaplaner Blomenkamp, den „Horizont“ zitiert, gerade diesen Effekt auch erreichen: Er sagt: Lasst die kranken Titel sterben, damit die anderen leben können.)

  40. @ Stefan

    Und genauso wenig witzig werden es Verlage, Journalisten und Verlagsfachleute sehen, wenn ihre Geschäftspartner für einige Titel einen „Bankrott“ voraussagen, weil diese Geschäftspartner die Titel nicht mehr belegen wollen. Es gibt auch Titel fast ohne Anzeigen, die nicht eingestellt werden, weil sie dem Verlag immer noch Gewinn bringen.

    Ansonsten: Siehe meinen Kommentar zu Thomas!

  41. @Harald: Ich mach Ihren Glauben an die Wirkung der Fachpresse. Dass die Mediaplaner eine Zeitschrift nicht mehr buchen, weil sie in „Horizont“ gelesen haben, dass ihre Kollegen diese Zeitschrift schon nicht mehr buchen.

    Unter dieser Voraussetzung reicht es natürlich tatsächlich nicht, eine solche Umfrage journalistisch seriös einzuordnen, sondern da muss man am Mittwoch nachmittag die Druckpressen anhalten und lieber gar keine Zeitung publizieren als eine, die brisante Informationen enthält wie die, dass die Zeitschrift „Bravo Screenfun“ mit ihren gut 27 verkauften Exemplaren im Anzeigenmarkt keine Relevanz mehr hat.

  42. @ Lieber Stefan –

    glauben Sie mir, wenn ich Ihnen aus meiner jahrzehntelangen Erfahrung in der Verlags- und Werbewelt sage: Es gab schon Titel, die mussten eingestellt werden, weil Anzeigenkunden nach bloßen Gerüchten in der Werbefachpresse einen vorauseilenden Gehorsam – sprich: Verzicht – geübt haben. Mediaplaner sind so.

    Jetzt warte ich, dass der erste Mediaplaner spricht: Die Zeitschrift „test“ wird bestimmt eingestellt, weil sie keine Anzeigen hat. ;-)

  43. Ich teile Haralds Bedenken weitgehend, Stefan. Du erwähnst in #51 ein paar analoge Fälle, alles richtig, aber die Fälle nehmen unterschiedliche Positionen auf einem Kontinuum ein. Das ist nicht die einfache Schwarzweiß-Frage, als die Du sie hinstellst.

    Bei der Horizont-Geschichte hätte es eine offensichtliche, direkte kausale Beziehung zw. der Veröffentlichung des Berichtes und dem endgültigen Aus gegeben (das bei einigen der fraglichen Titel übrigens weniger unvermeidbar sein könnte ist als bei Bravo Screenfun).

    Die Veröffentlichung von negativen Informationen der Art, die Du nennst, nimmt auch negativen Einfluss auf die Gegenstände der Berichterstattung, aber sie tut auf partiellere und reversiblere Weise.

  44. @54, 55 Das heißt, man darf auf gar keinen Fall negativ über Produkte berichten, die keiner kaufen will? Weil sie dann noch weniger Leute kaufen? (resp. dort investieren, z.B. mittels Anzeigen-Schaltung).
    Ich glaube, der einzige der das so sieht ist der jeweilige Produktherstellers bzw. (hier im Blog) die Reklamefritzen, die dann keine Aufträge für Reklame in den betroffenen Magazinen erhalten. Also schimpfen sie (hier) gegen die Bösen, die über sinkende Auflagen berichten.

  45. @ Jeeves

    Wenn in einem Beitrag über Dich in Deiner Heimatzeitung ein paar Nachbarn zitiert werden, die sagen, Du siehst schlecht aus, gehst wöchentlich zum Arzt und hast möglicherweise Aids im letzten Stadium, obwohl Du nur eine starke Grippe hast …

    … dann versuche mal, weiterhin so zu leben wie bisher!

  46. @Harald: Diesem Vergleich fehlen beide Beine.

    Um ihn wenigstens hinken zu lassen, müsste Jeeves jemand sein, der sich zum Beispiel in einem Sport von Sponsoren finanzieren lässt, die hoffen, dass sie davon profitieren, dass andere ihre Werbung auf seinem Trikot sehen. Jeeves selbst behauptet öffentlich, er sei in Top-Form. Die Ärzte aber meinen, dass er vermutlich nächstes Jahr schon gar nicht mehr antreten wird. Darf man über das Urteil der Ärzte dann berichten?

    Der Vergleich hinkt aber noch aus einem anderen Grund: „Horizont“ hat nicht irgendwelche Nachbarn gefragt (dann wären es tatsächlich nur Gerüchte). „Horizont“ hat die Leute gefragt, deren Entscheidungen wesentlich bestimmen, ob Zeitschriften überleben oder nicht. Man könnte vielleicht sagen, dass „Horizont“ durch die Umfrage der Mediaplaner quasi die Temperatur der Zeitschriften gefühlt hat.

  47. Die eigentliche Frage ist doch: Gibt es – zum Beispiel hier – irgendjemanden, der das Überleben von Tomorrow, Bravo Screenfun, Emotion und ein paar anderen ernsthaft für eine realistische Alternative hält? Es ist doch relativ offensichtlich, dass es diese Blätter nach menschlichem Ermessen sehr wahrscheinlich nicht schaffen werden, die wohl bevorstehende Anzeigenkrise zu überleben. Insofern hat Horizont nur endlich mal aufgeschrieben, was die Spatzen längst von den Dächern pfeifen – um es dann, halb zog es ihn, halb sank er hin, wieder zurückzuziehen. Mit Journalismus hat das nichts zu tun – das ist Feigheit.

    Diejenigen, die so vehement gegen die Veröffentlichung dieser Geschichte sind, hätten wohl auch gesagt: „Nein, nein, wir dürfen auf keinen Fall schreiben ‚Leute, kauft keine Lehman-Zertifikate‘! Das stimmt zwar natürlich, aber Lehman könnte pleitegehen, wenn wir es schreiben.“ Also schrieben sie es nicht, und die Medien nahmen Ihre nicht zu unterschätzende Nebenrolle in der Finanzkrise ein.

    Es ist exakt der gleiche Mechanismus.

  48. @ Jeeves, 44:
    Laut meiner offenbar sehr ideolektal geprägten Kenntnis der deutschen Sprache bedeutet „das sei mal dahingestellt“: Ich habe eventuell meine Zweifel und halte es auf jeden Fall nicht für zweckdienlich, dieser Frage weiterhin nachzugehen. Wie Sie das als Behauptung (im Diskurs und nicht im Metadiskurs, denn da ist es in der Tat eine) betrachten können, ist mir schleierhaft. Ganz im Gegenteil: Für meine Begriffe verdient ein Satz wie „Eine Unterbezahlung von Journalisten und deren ach-so-harter Job ist ein Klacks dagegen“ das Etikett Behauptung (auf der Ebene des Diskurses).
    Wenn Sie schon keine Lust haben, etwas zu belegen, warum sollte ich es dann tun?
    Offen gestanden halte ich relativ wenig von einem Miseren-Ranking. Es ist wohl kaum möglich, hieb- und stichfest zu entscheiden, wer am ärmsten dran ist. Da Sie jedoch so sehr darauf beharren, dass es in anderen Branchen noch viel schlimmer zugeht als im Journalismus, wäre ich Ihnen wirklich sehr verbunden, wenn Sie mich an Ihren Einblicken teilhaben ließen und mich nicht mit dem unbefriedigenden Verweis auf Medienberichte abspeisten.

  49. @ Stefan – Manno! Medialeute sind keine Fachleute für das Verlagsgeschäft – im Gegensatz zu Ärzten in Sachen Krank- bzw. Gesundheit! Früher gab es noch Mediaplaner, heute gibt es nur noch Mediakostenrechner, die alles aus einem sehr beschränkten Blickwinkel sehen und wenig Entscheidungsbefugnis haben. (Ausnahme: Ruzi – der wusste nicht nur alles, sondern auch alles besser :-))

    Um es anders zu sagen: Ein Rufmord kann genauso zum Tode führen wie der Schlag mit einem stumpfen Gegenstand auf den Hinterkopf.

    @ Formwandler

    Vor Lehman hätten die Medien warnen können, wenn sie genug Beweismaterial gehabt hätten. Aber warum hätte HORIZONT warnen sollen? Und wen? Die Leser, dass sie nicht mehr an den Kiosk gehen? Die Anzeigenkunden, die immer noch an den Titel glauben? Letzteres wäre Unsinn, denn alle Inserenten würden ihr Geld ja zurückbekommen, wenn der Titel eingestellt werden würde.

  50. @57: Reklamefritzen? Soll offenbar kein Witz sein, oder? Mal wieder nur meinungsstarke Dämlichkeit von Jeeves. Kommentar nicht begriffen.

  51. Nicht zu fassen, dieser wahnhafte Quatsch steht da tatsächlich:

    „(hier im Blog) die Reklamefritzen, die dann keine Aufträge für Reklame in den betroffenen Magazinen erhalten. Also schimpfen sie (hier) gegen die Bösen, die über sinkende Auflagen berichten.“

    Als Unbeteiligter den Stefan behutsam darauf hinzuweisen, dass eine Situation komplizierter gelagerter sein könnte, als er behauptet, das betrachtet der Schreihals Jeeves als „Schimpfen“ und als Vertreten eigener beruflicher Interessen. Um für mich zu sprechen: Das ist so dämlich, dass ich gar nicht darauf gekommen wäre.

  52. @ Diskussion zwischen Stefan, Harald et al.:
    Ich finde, Sie erörtern hier eine spannende Frage. Halten wir mal fest:
    1) Es gibt Fälle, in denen Journalisten durch ihre Berichterstattung eine Entwicklung auslösen, die von allein nicht stattgefunden hätte.
    2) Und es gibt Fälle, in denen Journalisten eine stattfindende Entwicklung durch ihre Berichterstattung verstärken.
    3) Und schließlich gibt es Fälle, in denen Journalisten eine stattfindende Entwicklung durch ihre Berichterstattung nicht beeinflussen.
    Fall 1 ist in ethischer Hinsicht zweifellos am spektakulärsten. Entweder steht der Journalist am Ende als Heros oder als Herostrat dar. Fall 3 ist dagegen ethisch unproblematisch, aber im Hinblick auf die Kommunikation auch ziemlich langweilig.
    Am komplexesten ist wohl der Fall Nr. 2, da sich hier die Frage aufdrängt: Kann ich durch meine Berichterstattung eine sich abzeichnende Entwicklung vorwegnehmen, die auch ohne mein Zutun in dieser oder einer ähnlichen Form stattfinden würde oder bewirke ich durch meine Berichterstattung, dass die sich abzeichnende Entwicklung auch wirklich vollumfänglich oder sogar schlimmer als befürchtet eintritt?
    Ich bin zwar – so wie Fridolin (Nr. 36) – davon überzeugt, dass die Finanzmarktkrise eine nicht ganz unerhebliche Wirtschaftskrise auslösen wird, denke aber, dass die Medien hier im Moment wirklich ihren Beitrag zur Verschlimmerung der ohnehin nicht rosigen Verhältnisse leisten.

  53. @ Diskussion zwischen Stefan, Harald et al.:
    Ich finde, Sie erörtern hier eine spannende Frage. Halten wir mal fest:
    1) Es gibt Fälle, in denen Journalisten durch ihre Berichterstattung eine Entwicklung auslösen, die von allein nicht stattgefunden hätte.
    2) Und es gibt Fälle, in denen Journalisten eine stattfindende Entwicklung durch ihre Berichterstattung verstärken.
    3) Und schließlich gibt es Fälle, in denen Journalisten eine stattfindende Entwicklung durch ihre Berichterstattung nicht beeinflussen.
    Fall 1 ist in ethischer Hinsicht zweifellos am spektakulärsten. Entweder steht der Journalist am Ende als Heros oder als Herostrat da. Fall 3 ist dagegen ethisch unproblematisch, aber im Hinblick auf die Kommunikation auch ziemlich langweilig.
    Am komplexesten ist wohl der Fall Nr. 2, da sich hier die Frage aufdrängt: Kann ich durch meine Berichterstattung eine sich abzeichnende Entwicklung vorwegnehmen, die auch ohne mein Zutun in dieser oder einer ähnlichen Form stattfinden würde oder bewirke ich durch meine Berichterstattung, dass die sich abzeichnende Entwicklung auch wirklich vollumfänglich oder sogar schlimmer als befürchtet eintritt?
    Ich bin zwar – so wie Fridolin (Nr. 36) – davon überzeugt, dass die Finanzmarktkrise eine nicht ganz unerhebliche Wirtschaftskrise auslösen wird, denke aber, dass die Medien hier im Moment wirklich ihren Beitrag zur Verschlimmerung der ohnehin nicht rosigen Verhältnisse leisten.

  54. – 14 Leute sind einerseits verschwindend gering, andererseits – folgen sie der Strategie der Agentur – ca. 80% des Marktes.
    Die Strategie der Agentur hängt nicht davon ab, ob der Titel schlecht ist oder stirbt, sondern davon, was der Verlag bereit ist an Rabatten in die Waagschale der jeweiligen Agentur zu werfen.
    – Die Diskussion der Mediaplaner kommt nie beim Endverbraucher an, von daher stimmen ein paar Parabeln in den Kommentaren nicht ganz.
    – Einen Titel schlechtreden führt in normalen Zeiten zu höheren Rabatten.
    – Mediaplaner arbeiten nur mit Vergangenheitswerten aus veralteten Studien, sie fördern sehr selten neue Titel – außer es gibt Bares (also Rabatt) für den Kunden.
    – In normalen Zeiten weiß der Verlags-Manager das auch. Heute sind sie halt allüberall nervös, weil wir blödgequatscht werden aus Berlin. Keiner weiß was. Und so weiß Jürgen auch nichts (außer was jeder weiß – und das macht die Verlage so richtig nervös: böse Blogger, böses Internet, böse Banken, Autohändler, …).

  55. Entschuldigung, Herr Niggemeier: Zweimal war nicht gewollt. Der Kommentar blieb hängen, da habe ich ihn angehalten und noch einmal geschickt. Bitte einmal löschen (oder zweimal, wenn Ihnen danach ist) …

  56. (Und bei mir sollte stehen: „moralisch komplizierter gelagert“ anstatt „komplizierter gelagerter“.)

  57. Eine interessante Diskussion zum richtigen Thema, aber mE am falschen Objekt.
    Denn so sehr man „Horizonte“ und „w&v“ die Berechtigung, sich journalistische Erzeugnisse zu nennen, auch absprechen darf, in diesem Fall kann man Chefredakteur/Verleger sowie den evtl. sich einmischenden Verlagen/VDZ nicht zwingend einen Vorwurf machen (den man der Branche in zig anderen Fällen allerdings täglich machen muß):

    – Ich habe Mediaplaner in meiner 20jährigen Tätigkeit in Werbung/Presse vor allem als Zahlenmenschen kennengelernt, die sich einer qualitativen Diskussion über einen Titel tendenziell verschlossen haben. Daß die mit Zahlenreihen hantierenden Mediaplaner daher nur als extrapolierende Chart-Propheten taugen, wäre für mich schon ein Kritikpunkt am Ansatz des Artikels gewesen. Tatsächlich interessant wäre es, dem Mediaplanerblick noch den Blick des Verlegers zur Seite bzw. gegenüberzustellen, was natürlich in sich einen Widerspruch produziert, da kein Verleger darüber sprechen wird, einem seiner Titel demnächst an die Gurgel zu gehen.
    Kurz: Der Artikel funktioniert mE nicht allein mit den Aussagen der Mediaplaner allein, dafür bräuchte es noch mehr.

    – Mediaplanung macht sich das Unwissen der Kunden (sowohl auf Agentur- als auch Unternehmensseite) zunutze. Die vielen Tausend Printmedien kann niemand inhaltlich kennen, also meint der Mediaplaner, ihnen mit Zahlenkolonnen Herr zu werden, so daß die Relevanz eines Titels zur evtl. Buchung einer Anzeige in erster Linie eine mathematisch-statistisch erstellte ist. Da diese aufgrund der eingesetzten Parameter für jeden anderen Mediaplaner nachvollziehbar ist, kommen „alle“ Mediaplaner folgerichtig zum gleichen Ergebnis = Titel werden gebucht oder nicht. Wenn nun mehrere Mediaplaner (und noch dazu die nicht unwichtigen) zu einem bestimmten Ergebnis bzgl. eines Titels kommen, schafft das in diesem Markt der Mediaplanung sehr wohl einen „selffulfiling-prophecy“-Effekt: Alle sind der Meinung, ein Titel ist wichtig oder nicht, und er verhält sich zumindest von den Anzeigenbuchungen auch entsprechend. Eine Aussage von mehreren Mediaplanern zur evtl. baldigen Einäscherung eines Titels wie „Bravo Screenfun“ baut damit eine Mauer auf, über die ein anderer Mediaplaner nur schwer rüber kann: Die Zahlen sind eindeutig (quantitativ) UND „die“ Branche hat ihr Urteil gesprochen (qualitativ) – auf Basis welcher Argumentation kann man dann noch einen derartigen Titel empfehlen?
    Man kann das nun so sehen, daß ein soundso fälliger Titel noch den letzten Zentimeter über den Abgrund geschoben, oder aber daß einem evtl. im Verlag stattfindenden Veränderungsprozeß am Titel jegliche Chance genommen wird. Wenn man also davon ausgeht, daß Burda & Co. sich aktuell Gedanken machen, wie man Tomorrow & Co. wieder auf Vordermann bringt, dann trifft der geplante Artikel ins Mark.
    Kurz: Der Einfluß der Mediaplaner auf einen Titel sind zu groß, als daß der Markt sich deren ÖFFENTLICHE Urteile erlauben kann.

    Nichts desto trotz pflichte ich dem Artikel von Herrn Niggemeier in seiner Quintessenz bei: „Die Bedingungen für kritischen Journalismus… sind schlecht.“
    Allerdings nicht nur bei Fachtiteln, daher habe ich diese aus dem Zitat herausgenommen, sondern bei allen Medien.

  58. „Sag die Wahrheit“ hat leider die Wahrheit gesagt – schade, dass der zugegeben recht persönliche Kommentar so schnell gelöscht wurde!

  59. @gcente: Da ist was dran. Ich weiß auch, dass in einigen Agenturen ziemlich kontrovers darüber diskutiert wurde, ob es statthaft ist, an dieser Geschichte überhaupt mitzuwirken. Normalerweise kriegen Sie Planer nämlich nur mit Mühe und Umwege dahin, einem Titel die Relevanz völlig abzusprechen. Für gewöhnlich zieht sich der Planer mit einer Standardfloskel aus der Affäre, die Relevanz eines Titels müsse man vom jeweiligen Kampagnenziel her bewerten, und da kann es auch durchaus sein, wenn der entsprechende Kunde kommt mit einer passenden Kommunikationsaufgabe, dass dann auch ein Titel wie „Bravo Screenfun“ mit einer Anzeige bedacht wird.

    Im Prinzip hätte es die Planerstimmen gar nicht unbedingt gebraucht, denn die entsprechenden Marktdaten (ZAS-Anzeigenstatistik, IVW-Auflagen, MA- und AWA-Reichweiten) hätte sich die Redaktion auch selber vornehmen können, um ihre Schlüsse daraus zu ziehen, welche Titel akut gefährdet sind. Aber man fühlt sich bei solchen heiklen Geschichten natürlich besser, wenn man das mit externem Sachverstand untermauern kann.

    Ob es eine gute Idee war, diese Geschichte so anzugehen (und dann abzuwürgen), ich weiß es wirklich nicht. Der Unmut von Verlagsseite, der mir zugetragen wurde, richtete sich unter anderem auch dagegen, dass hier nur Print abgewatscht wurde, und dass soundsoviele Bonsaisender im TV mit Quoten und Werbeumsätzen unterhalb der Messbarkeit sowie soundsoviele Internet-Angebote, die die Welt nicht braucht, nicht auch ihr Fett abbekommen hätten.

    Disclosure: Der Kommentator ist bisweilen auch als Autor für Horizont tätig, mit den internen Details dieses Vorgangs aber nicht vertraut.

  60. Also nun der zweite Versuch – ohne Bewertung der Tatsache, dass die Chefredaktiion leider nicht genug Rückrat aufbringt, sich hinter die Redakteure von „Horizont“ zu stellen.
    Ich halte es für schwierig, eine Geschichte zu bewerten, die ja in der geplanten Form nie erschienen ist. Ich gehe aber davon aus, dass „Horizont“ in der ursprünglich geplanten Version nicht nur Mediaplaner befragt hat, welcher Titel demnächst das Zeitliche segnet, sondern auch Auflagen- bzw. Anzeigenentwicklung analysiert hat? Und da stehen die besagten Titel einfach mies da. Um das festzustellen hätte es in der Tat keine Mediaplaner gebraucht. Ihre Aussagen sind angreifbar, weil in der Regel politisch motiviert – auch wenn eine Umfrage unter Trinkhallenbesitzern wahrscheinlich zum gleichen Ergebnis geführt hätte. Der Artikel, der die „Qualitätskontrolle“ von Chefredaktion und Verlagsleitung am Ende passiert hat, ist ein trauriges Zeugnis deutscher Fachpresse-Realität – ängstlich, affirmativ, anbiedernd. Tragisch an der ganzen Geschichte ist vor allem die Wirkung auf Leser und Anzeigenkunden des Blattes. Das Signal an die Leser: Hier steht das, was unsere Kunden hören wollen. Das Signal an die Anzeigenkunden: Anruf genügt!
    Und sorry, das hätte ich fast vergessen – das Signal an die eigenen Gesellschafter: Wir sind überflüssig!

  61. @ gcente, mark 793, sag die wahrheit:

    vielen dank für sachverstand und hintergrund

    was ich erstaunlich finde ist eher, dass der chefredakteur des zentralorgans der werbewirtschaft seine branche offenbar so wenig kennt, dass er glaubt, so einen artikel bringen zu können. das spricht nicht wirklich für seine professionalität (seine begründung, der artikel sei nicht durch die qualitätskontrolle gekommen, übrigens erst recht nicht. oder ist es bei „horizont“ gängige praxis, die qualitätskontrolle erst NACH dem produktionsbeginn zu starten?). positiv formuliert: die „schere im kopf“ wurde offenbar erst in diesen tagen von der verlagsleitung implantiert. das lässt ihn zwar in einem naiv-sympathischen licht erscheinen, dürfte sein ansehen aber ebensowenig erhöhen wie sein haltbarkeitsdatum verlängern.

  62. Wenn man auf einen Abgrund zurast, muss man sich vor allem die Augen zuhalten (und, wenn möglich, noch den mahnenden Rufer am Wegesrand überfahren).

    wirklich classic :p

  63. To whom it may concern: Es tut schon weh, dass diejenigen, die offensichtlich keinen blassen Schimmer von Verlagsgeschäft und Redaktionsalltag haben (und schon gar keinen persönlichen Einblick ins tatsächliche Geschehen), den Mund am weitesten aufreißen. Notabene: Heiße Luft wird auch nicht nahrhaft dadurch, dass man Gerüchteflocken reinstreut!

    Leute, die Zeiten sind härter, als ihr glaubt – geht wieder zurück an die eigene Arbeit!

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