Wikipedia & der verschobene Tod in Venedig

12 Feb 09
12. Februar 2009

Die Briten haben die viel bessere Wikipedia-Manipulations-Geschichte.

Premierminister Gordon Brown erzählte neulich eine Anekdote über den venezianischen Maler Tizian, der seine besten Werke im hohen Alter geschaffen habe und 90 Jahre alt geworden sei. Gestern piesakte ihn daraufhin der konservative Oppositionsführer David Cameron im Unterhaus, der Regierungschef kriege ja wohl wieder mal seine Fakten nicht auf die Reihe: Tizian sei schon mit 86 gestorben.

Zu diesem Zeitpunkt gab die englische Wikipedia allerdings Gordon Brown recht. Also machte sich ein Mitarbeiter in der Parteizentrale der Tories kurzerhand an dem Eintrag zu schaffen und ließ Tizian vier Jahre früher sterben. Er übersah allerdings, dass jemand anders, womöglich mit der gleichen Intention, schneller war und seinerseits schon das Geburtsjahr um fünf Jahre heraufgesetzt hatte, so dass Tizian laut Wikipedia nun nicht einmal mehr 86, sondern höchstens 82 Jahre alt geworden war.

Die Konservative Partei hat sich inzwischen entschuldigt und zugegeben, dass ein „übereifriger“ Mitarbeiter am Werk war. Die genauen Lebensdaten von Tizian sind unbekannt.

46 Gedanken
  1. 1
    Nils B.. says:

    Es ist einfach Tatsache, dass in der Wikipedia nicht das als richtig angesehen wird, was auf nachprüfbaren Fakten beruht, sondern das, was von der Mehrheit als richtig angesehen wird. Demokratie!

  2. 2
    Duenenwanderer says:

    Na klasse, jetzt brauchen wir nur noch die Stunden zählen, bis sowohl bei den Briten als auch hierzulande Wikipedia in die Knie geht ob der schieren Masse an Trittbrettfahrern… #Journalistenhorror

  3. 3
    Stefan says:

    Oh Gott, und man möchte die Kommentare schon nach dem ersten Rülpser wieder zumachen.

  4. 4
    Stefan says:

    (ich meinte #1)

  5. 5
    Mathias S. says:

    Slapstick auf höchstem Niveau. Nette Geschichte.

  6. 6
    Olly says:

    „Übereifriger Mitarbeiter“ ist auf dem besten Weg, mein Lieblingswort des Jahres zu werden…

  7. 7
    -jha- says:

    Immerhin war es ein „übereifriger Mitarbeiter“ und kein „Praktikant“.

  8. 8
    Jochen says:

    „Minister out-nonsensed by Conservative Wikifiddler“
    DAS ist doch mal eine tolle Schlagzeile!

  9. 9
    B.Schuss says:

    nur mal so aus Neugier: wie würde ein Journalist, der keinen Zugang zu wikipedia hat, oder sich auf die Zuverlässigkeit dieses Mediums nicht ( mehr ) verlassen will, an gesicherte Informationen über historische Personen wie in diesem Fall Tizian gelangen ?
    Stehen in den Redaktionen der diversen Zeitungen tatsächlich Komplettausgaben vom Brockhaus rum ?

  10. 11
    Jobacca says:

    zu Kommentar „— Nils B.. — 12. Februar 2009, 12:14 #“

    Klingt sehr intelligent ist aber natürlich völlig sinnfrei.
    Das ist immer so, dass das als richtig angesehen wird, was von der Mehrheit als richtig angesehen wird.
    Diese Eigenschaft ist kein Merkmal von Wikipedia sondern vom Mensch-Sein an sich.

    Oder kennst du DIE Wahrheit? :)

  11. 12
    choddy says:

    @9Es gibt den Brockhaus und andere doch auch längst in digitaler Form. Ich kaufe dir übrigens gern eines deiner Leerzeichen ab ;o)

  12. 13
    nrq says:

    @9
    Huh? Wenn in den diversen Redaktionen *kein* Brockhaus ‚rumstehen würde, das fände ich wirklich bemerkenswert. Sowas & Zugang zu diversen Archiven ist doch das Handwerkszeug eines Journalisten… oder nicht?

  13. 14
    Linus says:

    Wobei ich immer noch nicht kapiert habe, was die Frage, wie alt denn nun der gute Herr Tizian geworden ist, in einer politischen Auseinandersetzung zu suchen hat.

    Von den diversen Vornamen des Herrn von und zu Guttenberg mal ganz zu schweigen.

  14. 15
    Erich von Halacz says:

    Was mir zu den ganzen „Skandalen“ um Wikipedia-Einträge einfällt :
    Es erinnert mich an eines der unglaublich guten Scheibenwelt Romane von T. Pratchett: „Die volle Wahrheit“. In dem Roman geht es darum, dass eine Zeitung gegründet wird und irgendwann sagt einer : „Wenn es in der Zeitung steht, dann muss es doch wahr sein!“. .…
    Genauso denken bestimmt nicht wenige : „Wenn es bei Wikipedia steht, dann muss es doch wahr sein!“.

  15. 16
    Armin says:

    Linus, das nennt sich Wahlkampf. Die Tories nutzen jede Moeglichkeit Labour schlecht aussehen zu lassen, insbesondere dass Labour die Fakten nicht kennen wuerden und halt generell keine Ahnung zu haben. Nur ist das in diesem Fall wohl ein bisschen nach hinten losgegangen.

  16. 17
    arahf says:

    hehe ein wenig lächerlich vom „übereifrigen Mitarbeiter“

  17. 18
    Matthias Sch. says:

    „Die genauen Lebensdaten von Tizian sind unbekannt.“

    -> sollte wohl heißen *inzwischen* unbekannt ;-)

  18. 19
    Anderer Gregor says:

    Irgendwie gefaellt mir das Wort „Wikifiddler” … hat so einen wunderbaren Klang … Ich glaub, ich versuch das mal in meinen aktiven Wortschatz einzugliedern.

  19. 20
    noch so einer says:

    nebenbei: Das Wort „Übernahme“ im aktuellen BB-Artikel ist mir der Login-Seite des Bildblog verknüpft.

  20. 22
    Sebastian says:

    „True, the tory editor yesterday made an obvious and clumsy blunder, easily detected. However, it appears that Cameron’s point — that Titian was dead at 90 — was essentially correct.“

    Aus der Diskussionsseite des englischen Eintrags. Intelligenter geht’s in der WP also auch nicht zu, was die Diskussion angeht.

    Tizians Geburtsdatum ist umstritten — fertig ab.

    Alleine dass beide davon reden, er wäre 90 oder 86 geworden, ist lächerlich. Beides ist falsch nicht belegt.

    Was ICH aus der Geschichte ziehe: Titians Geburtsdatum und sein Todesdatum ist jetzt über das Metropolitan Museum of Art (und die dortige Zeitleiste) EINDEUTIG belegt und jeder Kunststudent kann *Fluch* loslaufen in seine Bilbliothek und *Fluch* nachprüfen, ob das stimmt, damit er keine Sechs bekommt nach den ersten drei Worten in seinem Paper.

  21. 23
    Knotz Fischfurther says:

    Eins ist zweifelsfrei belegt: Mein schönes Pausenbrot, schön dick mit Fleischsalat.

  22. 24
    grey²³ says:

    @Stefan #3

    Den Satz kaufe ich als Signatur. Klasse.

  23. 25
    Paternoster says:

    Zum Glück gibt es noch guten Journalismus. Der für die Presselandschaft beschämendste Umstand fällt übrigens im vorletzten Satz der Abmoderation…

  24. 26
    Paternoster says:

    Äh, sorry. Natürlich fällt nicht der Umstand, sondern der Satz in dem auf ihn hingewiesen wird.

  25. 27
    Cornelius says:

    Nach aller Kritik und Häme sollte auch Platz für versöhnende Worte sein: Wikipedia ist ein sinnvolles und wertvolles Projekt, welches bestimmt nicht weniger Fehler aufweist, als jedes andere Internetprojekt. Nichts ist perfekt. Kein Mensch und kein Medium. Keine Zeitung und kein Magazin. That’s Life … 

    @ 1 (Nils B.)

    „Demokratie ist, wenn 10 Esel einen Weisen überstimmen“. Wikipedia ist kein Parlament, sondern eine Wissens- und Faktensammlung, die auf unverrückbare Tatsachen und Geschehnisse gründen.

  26. 28
    Stefan Müller says:

    Und was können Wir aus diesen Vorfällen lernen?

    „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.“ — In dieser Formulierung ist das nicht authentisch, obwohl sich Lenin sinngemäß durchaus so geäußert hat: „Nicht aufs Wort glauben, aufs strengste prüfen — das ist die Losung der marxistischen Arbeiter.“ (Werke, Band 20. Dietz-Verlag Berlin 1971, S. 358). Außerdem mochte Lenin den russischen Spruch: „Dowjerai, no prowjerai.“ („Vertraue, aber prüfe nach.“)[wikp]
    Da hätten Wir mal eine Frage an Herr Niggemeier.

    Sind Sie wirklich ein Kommunist?

    MfG
    Eure vorkonfektionierte Meinung.
    (ist die große Schwester von Vorurteil!)

  27. 29
    Michael K. says:

    Was soll der Brockhaus in der Redaktion denn bitte bringen? Daten, die aktueller Forschung unterliegen, sind doch in gedruckten Lexika schneller veraltet als geschrieben. Und über den Wahrheitsgehalt kann man sich ebenso trefflich streiten: Im DTV-Geschichtsatlas ist beispielsweise das Jahr 0 als das Jahr von Christi Geburt ausgewiesen. Wird das durch den Eintrag in einem anerkannten Geschichtsatlas etwa zur historischen Tatsache? Es ist doch wohl immer vom beleuchteten Aspekt einer Geschichte abhängig, welche Stränge man genauer durchleuchtet und was man eben nach einer Kurzrecherche übernimmt.

  28. 30
    polyphem says:

    wicked games

  29. 31
    martina wiebitte says:

    Tja ! Wo findet keine Geschichtsklitterung statt? Es ist doch alles händelbar was wie Fakten aussieht-schmeckt-riecht!

    Noch Fragen? Nein! Danke setzen!

  30. 32
    jw says:

    Stefan, das waren wirklich die Tories — und nicht Theos DFB?

  31. 33
    Versuchsobjekt says:

    Ihr seht das alle viel zu allgemein!

  32. 34
    Usul says:

    @25: klasse link!

  33. 35
    MK says:

    Lesenswert. Weiter so!

  34. 36
    Dag says:

    „Piesakte“?
    Piesackte.

  35. 37
    Lars says:

    ooooh, kinder! Genug gespielt?

    Ab — Hände waschen!

  36. 38
    Dag says:

    Aha Stefan, Du kümmerst Dich also mittlerweile offenbar einen Teufel um eigene Rechtschreibdefizite.

  37. 39
    Lolman says:

    Wikipedia ist so ne Sache. Es hat vorteile als auch nachteile in deutschen version gibt ja „gesichtete Version“.

  38. 40
    GubiDubi says:

    Ich kann es garnicht glauben, wie kurz diese ganzen Diskussionen greifen:

    Ein Medium welches in kürzester Zeit selbst die unwichtigsten Fehler erkennt hat eine sehr hohe Qualität.

  39. 41
    Carica says:

    @GubiDubi #41 Danke für diesen Hinweis.

    Was ich befürchtet habe, ist jetzt natürlich eingetreten. Dem Inhaltsverzeichnis des kommenden Print-‚Spiegel‘ entnehme ich folgenden Artikel:

    JOURNALISMUS: Wie korrekt sind Fakten bei Wikipedia und im Netz generell?

    Ist für die Jungs ja ein bisschen zwischen Baum und Borke: Einerseits kooperieren sie mit Wikipedia Deutschland, andererseits müssen sie ihre eigene Kompetenz bewerben. Bin gespannt, wie sie so langeiern.…

  40. 42
    Bender says:

    Also ich meine mal gelesen zu haben, dass eine Studie ergeben hat, dass die Fehlerquote bei Wikipedia genauso groß ist, wie bei der Enzyklopedia Britanica und anderen gedruckten Werken, was insofern plausibel ist, als dass die meisten Wikipedia-Einträge Abschriften aus etablierten Lexika sind. Der Vorteil liegt jedoch im großen Korrektiv, was verhindert, dass grobe Fehler dauerhaft Bestand haben.

  41. 43
    Raventhird says:

    Tolle Zeiten, dieses Web2.0. Da kann jeder nach Gutdünken mit ein zwei Mausklicks die Realität verändern, und wenn es keiner merkt, wird es Allgemeinwissen. Was passiert nur, wenn irgendwann niemand mehr da ist, der sich WIRKLICH mit der betreffenden Materie auskennt?

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