Robert Stromberger

15 Feb 09
15. Februar 2009

Diese schmalen Lippen, der leidende Blick, die Frage: „Ist das fair?“, dieser ganze fleischgewordene Vorwurf namens Vera Drombusch — das ist die prägende Erfahrung einer Fernsehgeneration. Am schlimmsten war es, wenn sie auch noch Recht hatte. Wenn man bei allem Widerwillen gegen ihre Wehleidigkeit und ihr demonstratives Sich-Aufopfern zugeben musste, dass das wirklich nicht fair war, was sie ertragen musste, und man es womöglich verdient hatte, auch als Zuschauer, sich zur Strafe für das Sympathisieren mit den Falschen eine mehrminütige Moralpredigt von ihr anzuhören.

Aber zum Glück hatte Vera Drombusch nicht immer Recht, und je länger „Diese Drombuschs“ liefen, desto deutlicher wurde, dass ihr Unglück auch ein selbstgesuchtes Unglück war, und ganz am Schluss befreite ihr Schöpfer Robert Stromberger sie sogar und ließ sie, ganz ohne Verantwortung, Onkel Ludwisch nach Mauritius folgen.

Stromberger war der Meister der Familienserie. Niemand schaffte es wie er, die alltäglichen Konflike zu zeigen, die sich aus aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen und zeitlosen menschlichen Verhaltensweisen ergaben. Seine Familien in den „Unverbesserlichen“ (mit Inge Meysel, ab 1965) und den „Drombuschs“ (mit Witta Pohl, ab 1983) verhandelten unterhaltsam Möglichkeiten des Zusammenlebens zwischen den notwendigen Kompromissen und den ebenso notwendigen Ausbrüchen — manchmal mit zu Dialogen geronnenen ethischen Diskursen, aber immer mit einem großen Gespür für Dramaturgie und Situationen und einer ungemein genauen Kenntnis, wie Menschen sind und was sie sich und einander vormachen. Bei Stromberger ging es nicht um Konflikte von Gut und Böse. Es reichte, dass alle es „gut meinten“ oder sich das zumindest selbst einredeten, um das Zusammenleben unerträglich zu machen. Er schaffte es, die Auseinandersetzungen aus der Sicht aller Beteiligten zu schildern — im Selbstmorddrama „Tod eines Schülers“ (1981) erzählte sogar jede Folge dasselbe Geschehen aus anderer Perspektive.

Stromberger ist am Samstag vergangener Woche im Alter von 78 Jahren in Darmstadt gestorben, seiner Heimatstadt und der seiner Figuren. Er hat die Generation geprägt, die in Deutschland am meisten durch das Fernsehen geprägt wurde. Wenn man wissen will, wie es war in der Bundesrepublik, das Leben und das Fernsehen, muss man sich nur seine Serien anschauen.

© Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

12 Gedanken
  1. 1
    Jemand says:

    Der erste Absatz drückt genau das aus, was ich früher immer gedacht habe, wenn ich die Sendung gesehen habe…

  2. 2
    Knotz Fischfurther says:

    Wirklich schade. Naja, Pro7 wollte die Serie ja sowieso immer schon absetzen. Jetzt hat sich das von selbst erledigt. Obwohl das ganze natürlich nur eine schale Kopie aus Großbritannien war.

  3. 3
    Linus says:

    @2

    Du bist Dir aber sicher, dass Du nicht StrombergER mit Stromberg verwechselst?

  4. 4
    sb says:

    Stimmt. Man hat sofort das Bild vor Augen.

  5. 5
    Ron says:

    @2: Wirklich den ganzen Artikel gelesen? ;-)

    @ Topic: Ich habe Vera Drombusch gehaßt! Spricht eigentlich auch für die Qualität der entworfenen Figur und der schauspielerischen Darstellung, oder? Zumindest sofern auch diese Wirkung beabsichtigt war.

  6. 6
    Marcus says:

    Herrlich. Je öfter man sich den zweiten Kommentar durchliest, desto lustiger wird er. Da ist derdiedas gute „Knotz Fischfurther“ (grandioser Nick) erfolgreich am Text vorbeigedriftet. Danke für den vergnüglichen Moment.
    Und jetzt weiter im Programm.

  7. 7
    Robert says:

    Auf 3sat laufen „Diese Drombuschs“ übrigens jeden Sonntagnachmittag.
    Ich habe die DVD-Box, weil ich sie immer noch für eine der besten deutschen Serien halte.

  8. 8
    Clarissian Landor says:

    Sehr gelungener Text. Vera Drombusch ist wirklich eine Frau mit der ich nicht sympathisieren konnte, du sprichst aus meiner Seele.

  9. 9
    hamoll says:

    Schade, hätte „Tod eines Schülers“ gern gesehen. Leider erst heute hier und in der SZ davon gelesen. Wo kann man sowas mal früher erfahren? #gutetvzeitschrift

  10. 10
    Steffen ffe says:

    Ich habe bisher noch gar nichts von Herrn Stromberger gesehen, da der Großteil von ihm vor meiner Zeit lief und ich den Rest nicht mitgekriegt habe.
    Aufgrund dieses Artikels habe ich mir jetzt aber „Tod eines Schülers“ angeschaut. Habe bis jetzt zwar erst die ersten drei Teile gesehen (den Rest schau ich mir morgen an), aber ich bin begeistert. Großartige Serie!

  11. 11
    Matthias Sch. says:

    Danke für den Hinweis — Stromberger war wirklich einer, das Serien noch „konnte“. Drombuschs war einfach genial menschlich gemacht, jeder einzelne Charakter nachvollziehbar. Und Tod eines Schülers werd ich dann baldmöglichst nachholen, war mir bisher neu.…

  12. 12
    ballmann says:

    Da gab es doch auch so eine Geschichte rund um ein Autohaus, das als Glanzstück einen „Amalfi“ im Programm hatte und dieses dem Paar aus „Einmal im Leben“ angedreht hat
    Pfitzmann als Chef ?

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