Kai Pflaume

Kai Pflaume ist gut im Pausenmachen. Wenn er für Sat.1 „Nur die Liebe zählt“ moderiert, ist wenig so wichtig wie die Pausen. Meist sitzt dann ein eingeschüchtertes Wesen neben ihm, das gerade durch eine Videobotschaft erfahren hat, dass ein früherer Partner nicht aufhören kann, es zu lieben, trotz allem, was vorgefallen ist. Aus den meisten sprudeln dann nicht sofort detaillierte Schilderungen über das Intimleben und die eigene Gefühlslage heraus, aber Pflaume hat ja Zeit. Er muss nicht immer gleich eine neue Frage nachschieben. Er schweigt und wartet, dass das eingeschüchterte Wesen die entstehende Pause von ganz alleine füllt.
Und Pflaume macht das gut. Er macht das so, dass man nur gelegentlich das Gefühl hat, es handele sich um eine perfide Technik, die Leute dazu zu bringen, mehr zu sagen, als sie wollen, und meistens so aussieht, als sei er ernsthaft berührt und schweige aus einer Art Respekt.

Vielleicht war dieses Pausentalent der Grund dafür, dass Sat.1 Kai Pflaume zum Moderator der neuen Gameshow „Rich List“ gemacht hat — eine Sendung, die eine Stunde lang ist, aber in einen ProSieben-Werbeblock passen würde, schnitte man die Pausen heraus. Es geht darum, dass Kandidaten möglichst viele bestimmte Dinge aufzählen, zum Beispiel Formel-1-Weltmeister, und Kai Pflaume möglichst lange Pausen macht, bevor er sagt, ob ihre Antwort richtig ist. Anders als bei „Nur die Liebe zählt“ werden die Pausen nicht mit Emotionen gefüllt, sondern mit nichts (deutsche Showproduzenten verwechseln das seit einiger Zeit mit Spannung). Und anders als bei „Nur die Liebe zählt“ muss Kai Pflaume dabei aussehen, als bewerbe er sich um den Titel „Fiesester Folterknecht“ in der Disziplin „ohne Anfassen“. Das steht ihm gar nicht und lässt ihn locker zehn Jahre altern (falls nicht doch einfach die Maskenbildnerin eine schlechte Woche hatte).

Es ist aber auch nicht so leicht, als Moderator in einer Show gut auszusehen, wenn die Kategorie „Länder mit S“ heißt, die Kandidaten „Südafrika“ gesagt haben, und man nun wertvolle Sendesekunden damit füllen muss, die Ungewissheit aufrecht zu erhalten, ob „Südafrika“ ein Land ist, und, vor allem, ob es wirklich mit „S“ anfängt.

(c) Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

27 Replies to “Kai Pflaume”

  1. Als wäre es nur der Pflaume… Dieses Phänomen zieht sich durch die deutsche TV-Landschaft und seit ich gestern zufällig das Ende von „Let´s Dance“ verfolgen konnte wo man das ganze zur Lächerlichkeit zieht habe ich meine Hoffnung in Sachen Unterhaltungsshows verloren.

    Was mich mal interessieren würde, woher haben die das? Soweit ich weiß wird das selbst im gelobten Land des Entertainments nicht so gehandhabt…

  2. „Deal or no deal“ ist auch so. Das ganze ist ein reines Glücksspiel und der grenzdebile Guido Cantz gibt sich eine Stunde lang Mühe, das zu verschleiern, in dem er von „Taktik“ redet und die mitgebrachten „Berater“ ins Spiel bringt. Das eigentliche Geschehen könnte man bequem in 5 Minuten ableiern.

  3. Pflaume und sein komplettes Unterhaltungsprogramm (über das ich allerdings auch keinen Überblick habe) ist mir wirklich vollkommen egal.

    Schlimm ist aus meiner Sicht (auch wenn ich’s exklusiv hab), dass Kai Pflaume sich, analog zu einigen anderen Kompaktgrinsefressen wie Oliver Geißen, Steven Gätjen oder Matthias Opdenhövel, sich seit dem WM-Hype auch noch für Fußball interessieren müssen. Da kann ich dem Typen leider nicht mehr aus dem Weg gehen, was die letzten (gefühlten) 75 Fernsehjahre mit dem sympathischen Verkupplungsagenten problemlos möglich war.

    Kann man da eigentlich gar nichts gegen tun??

  4. Großartige Sache!
    Nebenbei: sind all deine Texte auch in diesem Blog vertreten – oder schreibst du auch manchmal FAS-exclusiv?

  5. Darf ich meckern? Bei Satz „Es darum, dass Kandidaten möglichst viele bestimmte Dinge aufzählen…“ würde ich ein „geht“ ergänzen.

  6. Irgendwie macht der Text Lust, die Sendung mal anzuschauen, was ich in dieser Sekunde jetzt auch tue.

    Als ich das im TV-Programm gesehen habe, dachte ich das wäre so eine Show über die „reichsten Leute der Welt“. So kann man sich irren.

  7. bezüglich deoal or no deal: in italien gibt es die show mit dem gleichen kozept, aber komplett anderer aufmachung: da heisst das „affare tuoi“ und macht einen heidenspass: die studiodeko sieht aus wie ein schrottplatz und anstatt von bekannten zur unterstützung im studio, gibt es einen mathematiker, der immer die wahrscheinlichkeit des höchsten geldpreises errechnet (der, ganz klischee, immer mit pullunder und brile wie ein bilderbuchnerd aussieht), eine wahrsagerin, die guckt wie die sterne stehen für den höchsten geldpreis und eine oma, die die kandidaten mt ihrer lebensweisheit unterstützt. SO macht das format wirklich spass!

  8. super! ich hatte mir vorher, so um kurz nach sieben, gedacht: über den könnte der niggemeier eigentlich schreiben. und bums, da isser! :-)

    ich hab eine folge dieser sendung (ich glaube, es war die zweite) gesehen und bin hängengeblieben, weil ich den spieler (ivan) aus zwei tvtotal-sendungen kannte, in denen er beim in-show-quiz „blamieren oder kassieren“ den moderator raab wie ein auto hat aus der wäsche kucken lassen, weil er die antworten auf die vom praktikanten elton gestellten fragen maschinengewehrsalvenartig präsentiert hat. (punkt! ja, jetzt und hier setze ich wirklich und endlich einen punkt)

    aus nicht näher bekannten gründen blieb er aber dann der show und potenziellen weiteren gewinnen fern. da keimt in mir doch die frage, ob ihm da etwa durch einem dsds-gleichen knebelvertrag von sat1 weitere quiz-show-teilnahmen untersagt wurden… das setzt natürlich vorraus, dass die shows einige wochen im vorraus produziert werden – was bei dem format aber nahe liegt…

    achja… ich blieb also hängen, schaute zu und versuchte mitzuraten… was sich aber als wirklich schwierig heraus stellt, da man, um ein privates erfolgserlebnis zu erreichen, seine antworten notieren müsste und das dann am ende mit den vollständigen antworten vergleichen. ist halt kein wwm und pflaume ist kein jauch. diese spannung, die pflaume versucht aufzubauen, als würde das ergebnis über den empfänger einer spenderniere entscheiden verflacht bei eben solchen fragen/antworten, wie beim genannten „länder mit s“-beispiel. bei dem formel1-beispiel funktioniert das vielleicht bei den letzten drei genannten antworten, aber bei den anderen 10(?) kommt es sehr lächerlich rüber, wenn man merkt, wie angestrengt pflaume auf seinen in-ear lauscht und auf die bestätigung der regie wartet, ob michael schumacher denn nun wirklich zwischen 1950 und 2006 weltmeister war…

    das problem wird sich aber schon bald von selbst erledigen, darwin setzt sich nirgends so schnell durch, wie im programm der privaten sendeanstalten.

    ps: sorry, für die langen sätze…

  9. @ T.:

    Die Shows sind definitiv Wochen im Voraus produziert worden. Ein Highlight der heutigen Folge war nämlich, als eine Kandidatin auf die Frage nach ESC-Teilnehmern für Deutschland die unglaublich falsche Antwort geben wollte: „Der Swing-Typ [kurzes Grübeln, dann erleichtert] Naidoo! [Buchstabiert] Enn – Ah – Ih- De – Oh – Oh. Naidoo!“ Ihr hyperaktiver Teampartner kam zwar auch nicht auf den eigentlich vermuteten Cicero, fällt ihr aber ins Wort mit: „Nee, der ist doch erst nominiert, der Grangprie ist doch erst noch [blickt hilfesuchend um sich] oder?

  10. *g* Ich dachte vorhin auch, als ich über dieses spannungungsfreie Kaschperltheater zappte noch, daß wäre ein Thema für dich.

    Wobei ich das antrainierte, lustige „Laut denken“ der Kandidaten noch sehr viel nerviger fand, als Pflaume mit seiner Dackelvisage.

    Das er ziemlich fertig aussieht und da auch die Maske nicht viel dran machen kann, ist mir aber seit einer ganzen Weile aufgefallen. Jauch sieht jünger aus als Pflaume… vielleicht sollten die mal ihre Avon-Berater tauschen?

  11. musste an das rituelle „ich bin total enttäuscht von dir/euch“ bei der Moptodelshow denken.

    .~.

  12. „Anders als bei ‚Nur die Liebe zählt‘ werden die Pausen nicht mit Emotionen gefüllt, sondern mit nichts.“

    Mit „nichts“ oder mit „Nichts“?

  13. Mir kommt es manchmal so vor, als ob nur eine gewisse Menge von „Sendeinhalten“ vorhanden sind. Früher wurden die über zweieinhalb Sender zwischen 15:00 und 01:00 Uhr gesendet, heute halt von 50 (oder hundert, vollkommen egal) rund um die Uhr.

    Wenn ich darüber nachdenke, wie viele „Kreative“ in der Branche ihr Geld verdienen, und wie wenig Kreatives dabei herauskommt.

    Ich hatte mir ursprünglich relativ viel von den Privaten versprochen. Mittlerweile wäre ich glaube ich froher, wenn wir einfach nur ein paar Erfolgsformate von ausländichen Privaten übernommen hätten…und nicht Nichts, nicht?

  14. ist denn das privatfernsehen so schlecht bestellt das sie immer das selbe bringen müssen, ich glaube schon — es wird zu wenig über das privatfernsehen gesprochen.

  15. Technik besiegt Pause!
    Das Bild via normalen Kabel-Anschluss schauen, stumm schalten.
    Den Ton aber via IPTV-Testanschluss sehen.

    Der Unterschied gleicht die Pausen hervorragend aus.

  16. Genau so isses!

    Das erinnert mich daran, was ich in einem anderen forum am 27.5. gepostet habe:

    „Das konzept dieser show wär ja im prinzip nicht schlecht. Aber das tempo! Und dieser moderator! Um sich das ewig dauernde, pseudo-dramatische „Ihr meint also italien liegt am mittelmeer? Kann es sein, dass italien am mittelmeer liegt? Wenn ihr damit nicht richtig liegt, wenn also italien nicht am mittelmeer liegt, dann habt ihr verloren. Aber ihr habt glück: Italien liegt tatsächlich am mittelmeer!“ dieser zwetschke anzutun, braucht man starke nerven.

    Die ganze show könnte man entweder in der halben zeit abwickeln, oder man könnte doppelt so viele fragen unterbringen.

    Aber dieses grenztrottelige hinauszögern hat im deutschsprachigen fernsehen ja mittlerweile berüchtigte tradition. Sei es beim vorgänger „deal or no deal“ oder bei all diesen volldolm-casting-heimsuchungen. Fast überall wird auf diese weise stundenlang versucht, infantile kindergartenspannung zu erreichen.“

  17. @ SvenR #25: Auch sie haben sicher recht. Ich entschuldige mich deshalb bei allen dort tätigen pädagoginnen, „entertainern“ und erzieherinnen. Bin überzeugt davon, dass diese ihr lehr.- und unterhaltungsprogramm um etliche kurzweil-level kreativer gestalten als pflaume, cantz und konsorten.

  18. Ich denke dass jeder Produzent das Maximum aus einem Moderator herausholen muss … wenn ein Moderator redegewandt ist, dann nutzt man das aus, und andersherum …

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