Chronologie einer Falschmeldung IV

13 Jun 07
13. Juni 2007

Vielleicht muss man den Versuch aufgeben, mitteleuropäische Zeitungen dazu zu bewegen, ihre Fehler zu korrigieren. Sie können es nicht. Sie wollen es nicht. Sie tun es nicht.

Ein Leser hat bei der „Neuen Zürcher Zeitung“ nachgefragt, warum sie ihren Artikel über die Ausschreitungen in Rostock vor dem G8-Gipfel nicht korrigiert hat. Die „NZZ“ behauptet online nach wie vor:

Von der Haupttribüne aus heizte ein Redner die Auseinandersetzungen noch mit den Worten an: «Wir müssen den Krieg in diese Demonstration hineintragen. Mit friedlichen Mitteln erreichen wir nichts.»

Tatsächlich gesagt hatte der Redner (wie gesagt, wie zu hören, wie von dpa längst korrigiert):

„Wir müssen den Krieg hier mit [in die Diskussion] reinbringen. Denn ohne Frieden kann es auch keine Armutsbekämpfung geben.“

Erst im dritten Versuch hat der „NZZ“-Leser eine Antwort auf seine Nachfragen und Beschwerden bekommen. Fredy Greuter, Redaktionsleiter „NZZ Online“ schreibt ihm:

Der von Ihnen erwähnte Bericht stammt von unserem Korrespondenten in Deutschland. Er ist in der Tageszeitung erschienen und wurde nachträglich von NZZ Online übernommen. (…) Wir haben keinen Anlass, am Wahrheitsgehalt dieses Berichts zu zweifeln (…).

(Was bisher geschah: I, II, III)

24 Gedanken
  1. 1
    sk says:

    manchmal frage ich mich nicht mehr, wie es zu 1933 kam …

  2. 2
    dussel says:

    ach, es ist doch alles sinnlos. schlägt man die zeit vom 6. Juni auf, seite 2, es gruselt einen:

    „Er sagt jetzt einen Satz, der am nächsten Tag in den Zeitungen stehen wird. (…) ‚Wir müssem den Krieg in die Demonstration tragen.‘ Diei Veranstalter werden den Satz zu korrigieren versuchen – ein Missverständnis, ein Übersetzungsfehler.“

    und das in der zeit! nee, das ist nicht mehr lustig.

  3. 3
    Pascal says:

    Ich will ja nicht für mich Werbung machen, aber ich hab einen ganz ähnlichen Fall, wo die Presse auf meine Mails einfach nicht reagieren will. Morgen werde ich dort mal anrufen. Hier http://das-subjektive.ch/der-zuercher-oberlaender-legt-keinen-wert-auf-inhaltliche-richtigkeit/
    ist übrigens der Post zu dem Thema.

    Gruss, Pascal

  4. 4
    Peter says:

    Was für ein borniertes Pack.

  5. 5
    G says:

    Die Erde ist eine Scheibe und ich habe keinen Anlass am Wahrheitsgehalt dieser Aussage zu zweifeln. Gnarf…

  6. 6
    Martin says:

    Das ist wirklich übelst, aber ich hab ein Aber in Sachen „mitteleuropäische Zeitungen“: Die taz berichtigt sich regelmäßig und institutionalisiert in ihrer Rubrik „berichtigung“.

  7. 7
    SvenR says:

    Das Einzige, was vielleicht helfen würde, wäre, wenn „der Redner“ und/oder „der Dolmetscher“ eine Gegendarstellung verlangen und/oder auf Unterlassen klagen würden. Schade.

  8. 8
    Jules says:

    Die ZEIT hat es heute berichtigt.

  9. 9
    Dominik says:

    Ja und? Wayne interessierts?

  10. 10
    Matthias says:

    Jules, magst Du (oder ein anderer „Zeit“-Leser) vielleicht den Wortlaut der Berichtigung zitieren?

  11. 11
    Jan says:

    @12:

    „Berichtigung

    […] Falsch wiedergegeben wurde außerdem ein Satz des Globalisierungskritikers Walden Bello in dem Artikel ‚Mit Stillem Zorn‘ (ZEIT Nr. 24/07). Bello war auf einer Protestveranstaltung gegen den G8-Gipfel in Rostock aufgetreten und wurde von der Nachrichtenagentur dpa fälschlicherweise mit der Aufforderung ‚Wir müssen den Krieg in die Demonstration tragen‘ zitiert, die in dem Artikel übernommen wurde. Wir bedauern die Fehler.“ (ZEIT Nr. 25/07, Seite 2)

  12. 12
    Ommelbommel says:

    Und wieder wird die Schuld in erster Linie der dpa zugeschoben. Das stimmt natürlich nicht, denn erstens hatte die dpa auch schon am Dienstag die entsprechende Berichtigung heraus gegeben, und zweitens war den verantwortlichen Autoren anscheinend auch bekannt, dass das Zitat so genau wohl nicht gefallen ist. Das wäre für einen anständigen Journalisten doch mal Anlass genug gewesen, sich zu fragen, wie das denn wirklich gelaufen ist.
    Einfach zu schreiben, die dpa habe da einen Fehler gemacht und das finde man schade, das ist formal eine Berichtigung, ein transparenter Umgang mit den eigenen Recherchemethoden sicher nicht.

  13. 13
    Ommelbommel says:

    Ein fairer Zusatz wäre meiner Meinung nach mindestens noch angebracht gewesen, nämlich, dass die dpa auch lange vor Redaktionsschluss bereits den Fehler korrigiert hatte.

  14. 14
    Lexj says:

    Seht es doch endlich ein: Die NZZ hat es nun wirklich nicht nötig, sich um derlei verhältnissmässigen Kleinkram zu kümmern. Habt Ihr den keine echten Sorgen?

  15. 15
    Felix Deutsch says:

    Den vorläufigen Gipfel der Schmerzfreiheit markiert allerdings der Artikel von Heribert Seifert in der NZZ von heute:
    Ohne auf die Fehler des eigenen Blattes einzugehen, wird das beliebte Schlagwort „Verschwörungstheorie“ hervorgeholt und sich ausgerechnet auf eine „Untersuchung“ des „Medientenor“ (eine rechtsgerichtete, on der Industrie finanzierte PR Veranstaltung, die als Medienboabachter figuriert und in der Vergangenheit schon mehrfach durch Verfälschungen aufgefallen ist) berufen, um mal wieder das Gespenst der „linken kulturellen Hegemonie“ (das Lieblingsthema des Studienzentrum Weikersheim) in den Medien an die Wand zu malen.

  16. 16
    Pascal says:

    Lexj: Wenn sie auf der Qualitätsschiene spielt, dann schon. Ausserdem ist es ein journalistisches Don’t Falschmeldungen nicht zu beheben.

  17. 17
    Dr. Dean says:

    NZZ hat ja nun tatsächlich keinen Grund die Falschmeldung zu korrigieren. Immerhin passt es der NZZ ins propagierte Weltbild, welches bei der NZZ über das Streben nach Wahrhaftigkeit steht. Die Falschmeldung passt halt.

  18. 18
    Dr. Dean says:

    Äh, es muss heißen: „keinen Anlass“.

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  1. […] Leute mit solchen E-Mails zu verfolgen, bevor das stalkerhafte Züge annimmt. Ich kann nur immer noch nicht glauben, wie egal es manchen Journalisten zu sein scheint, ob das stimmt, was sie schreiben. […]

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  3. […] schon gar nicht) – und die „Neue Zürcher Zeitung” verbreitet ihn trotz diverser Nachfragen und Hinweise unbeirrt bis […]

  4. […] Stefan Niggemeer – Chronologie einer Falschmeldung IV […]

  5. […] Zusammenhang mit der Berichterstattung rund um den «G8-Gipfel in Heiligendamm 2007» (siehe auch «Chronologie einer Falschmeldung IV» von Stefan Niggemeier) […]

  6. musiqua sagt:

    […] Stefan Niggemeier: Chronologie einer Falschmeldung IV […]

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