Kurz verlinkt (30)

16 Mrz 09
16. März 2009

Jochen Kalka, der Chefredakteur der Branchenzeitschrift „werben & verkaufen“, kommt aus Winnenden. Er berichtet gerade auf wuv.de aus der Stadt. Er schreibt über die Trauer, die Hilflosigkeit und die Wut der Menschen dort. Und er schreibt über die Verkommenheit so vieler Kollegen.

Lesen!

45 Gedanken
  1. 1
    Mark says:

    Ich fände es noch besser, wenn er sich bei seiner Beurteilung des Täters nicht ausgerechnet auf eine Fotomontage von BILD berufen hätte.

  2. 2
    Mareike says:

    Danke für diese Links!

    „Eine Anregung möchten wir uns als W&V abschließend noch erlauben: Die Polizei organisiert sich immer besser, wenn es um Anschläge und Terror geht. Auch Schulen führen schulübergreifend Krisenpräventionsprogramme durch. Es wird höchste Zeit, dass sich auch Medien übergreifend zusammentun, um sich bei Krisen, Terror und auch Amokläufen besser abstimmen zu können. Damit Medien nicht zu Waffen werden.“

  3. 3
    Raventhird says:

    Diese drei Artikel (einen kannte ich schon) gehören wirklich zu den lesenswerteren Sachen, die in Zusammenhang mit dem Fall verfasst wurden. Vermutlich deswegen, weil der entsprechende Schreiber selbst so nah an dem Fall dran ist, wenn er dort wohnt, dass er gewissermaßen von beiden Seiten berichten kann. Schade, dass man heute offenbar Journalisten, die von außen anreisen, nicht mehr zutrauen kann, sich eben auch in eine solche Lage zu versetzen (das sollte schon zu den Fähigkeiten dieser Menschen gehören).

  4. 4
    Uwe says:

    Vermutlich gilt auch bei dem Herrn: „Wer im Schlachthaus sitzt soll nicht mit Schweinen werfen„.

  5. 5
    Günter says:

    Was fehlt ist einfach der gute, alte Qualitätsjournalismus und nicht zum Schluss noch getwittere …
    weiss auch z.B. der Herr Martenstein und lobt (irgendwie) den Herrn Niggemeier:
    http://www.tagesspiegel.de/medien-news/Twitter-Amoklauf-Winnenden;art15532,2751834

  6. 6
    Thomas says:

    Danke für die Links.

  7. 7
    f.luebberding says:

    Ich bin wirklich überrascht, dass immer noch alle überrascht sind. Wenn Herr Kalka etwas Distanz aufbringen würde – also er sich die Frage stellte, wie er reagiert hätte, wenn das Ganze etwa in einem Nest bei uns im Sauerland passiert wäre – dann wäre seine Kritik der Medienlogik überzeugender. Dass Kids gegen ein Taschengeld für entsprechende Aussagen bezahlt werden, ist nicht wirklich neu. Es war alles vorherzusehen, weil es exakt nach dem Fahrplan von Emsdetten abgelaufen ist – nur jetzt mit der Twitter-Debatte.

    Der Polizeipsycholge Gallwitz hat heute nachmittag im WDR
    einen interessanten Satz gebracht. Wir müssen die Debtte endlich auf die gesellschaftliche Ebene bringen – und nicht auf Killerspiele etc reduzieren. Das wirklich Skandalöse ist die Tatsache, dass die Medien dazu nicht mehr in der Lage zu sein scheinen. Denn das wäre ihre Aufgabe – die große Debatte.

    Dagegen ist das doch irrelevant, ob irgendein Journalist einem Kid 50,- € zahlt.

  8. 8
    f.luebberding says:

    Zu Martenstein

    „Nein, über die Ursachen dieses Verbrechens kann ich nichts sagen, und wenn das jemand kann, wird diese Person in zwei oder drei Jahren ein Buch darüber schreiben.“

    Dann soll er den Mund halten. Es geht nicht um die Ursachen dieses Verbrechens im Sinne einer Kausalität. Vielleicht hatte Tim ja Migräneattacken oder schlecht geschlafen … . Es geht um den Zustand einer Gesellschaft, wo solche Verbrechen möglich sind. Nur darüber kann man diskutieren – oder auch den Mund halten.

  9. 9
    Dennis says:

    @luebberding: Jaja, die Gesellschaft. Keiner ist für seine Taten neuerdings selbst verantwortlich, die Bankmanager nicht (schlecht informierende Berater, verrückte Märkte), die Drogenabhängigen nicht (schlechtes Elternhaus, verrücktes Umfeld) und Massen-Mörder erst recht nicht (schlechte Lehrer und andere Dinge).

    Ursache, es ist dieser kranke Reflex eine Erklärung für Dinge zu suchen und im Umfeld zu finden. Tim K. ist ein Mörder, ein Mensch für den ich mich heute eher aus dem Bereich der Fäkalsprache bedienen würde. Eine Gesellschaft in der solche Verbrechen nicht möglich sind gab es bis vor kurzem noch. Es nannte sich Guantanamo und die Gesellschaft wurde bewacht. Danke luebberding fürs rumtrollen.

  10. 10
    konix says:

    zu dem, was ich in #16 als kommentar unter „ihr hättet nichts tun können“ geschrieben habe, kann ich kaum noch was hinzufügen, wenn ich das hier lese.

    eins allerdings noch: es ist UN-GLAUB-LICH, wie sehr die „etablierte“ presse hier auf ganzer, ganzer linie versagt hat. nicht nur die schmutzfinken vom lügenblatt, sondern halt auch der viel gescholtene spiegel und ganz besonders die schweine vom (interview-)fernsehen, ob nun RTL oder ARD/ZDF – und gleichzeitig auf die subkultur „Internet“ eindreschen, mit ihren fiesen foren, chats, gamesn, twittern und was nicht alles. dieser diametrale gegensatz von totalem versagen und hände-schmutzig-machen auf der einen und haltlosen, verständnisbefreiten vorwürfen auf der anderen seite macht mich wirklich sprachlos.

  11. 11
    f.luebberding says:

    Dennis

    Du darfst gerne auch bei uns rumtrollen … wir sind liberal …. Nur eine Frage.

    „Eine Gesellschaft in der solche Verbrechen nicht möglich sind gab es bis vor kurzem noch.“

    Ja, das war so – etwa noch bis Ende der 90er Jahre und zwar nicht in Guantanamo, sondern in Deutschland.

    Das ist doch erklärungsbedürftig, nicht?

  12. 12
    Stefan W. says:

    Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus – oder wieso erfahren wir nicht, welche Medien Laienschauspieler beschäftigen?

  13. 13
    nona says:

    Hier in PB hatten wir gerade den Fall Kardelen, der dem kollektiven Fühlen der Stadt durchaus einen merklichen Schlag versetzt hat. Dass Medienhorden hier einfallen ist auch nicht gerade alltäglich, und es wurde einem irgendwann schlichtweg zuviel. An manchen Tagen stolperte man in der Innenstadt gleich über mehrere Kamerateams, die aus Hinz und Kunz verwertbare plakative Aussagen herauszuinterviewen versuchten (sofern Hinz und Kunz entweder türkische Jugendliche oder junge Mütter waren, die waren wohl am ergiebigsten bei einem solchen Fall…). Mitunter war das schier ekelhaft. Ich mag mir garnicht ausmalen, was für Dimensionen das in Winnenden angenommen haben muss…

  14. 14
    Ille says:

    @ f.luebberding, 10:

    „Ja, das war so – etwa noch bis Ende der 90er Jahre und zwar nicht in Guantanamo, sondern in Deutschland.“

    Falsch, vgl. http://www.ursula-kuhr-schule.de/Chronik/Attentat/Attentat.html

  15. 16
    f.luebberding says:

    Ille

    Das war ein Fall im Jahr 1964, der erst nach Erfurt überhaupt wieder ins Bewusstsein geraten ist. Der Fall hat mit dem School Shooting Phänomen nichts zu tun – es war ein Massaker wie es sie tatsächlich schon früher gegeben hatte. Etwa beim Fall Wagner im Jahr 1913, der jetzt auch wieder ausgegraben worden ist.

    http://www.faz.net/s/Rub77CAECAE94D7431F9EACD163751D4CFD/Doc~E5766F20F84CC439DAB7815F938181234~ATpl~Ecommon~Scontent.html

    Man kann Äpfel und Birnen vergleichen .. ist eben beides Obst.

    Bei uns im Blog hat ein Kommentator übrigens eine interessante Studie vom Innenministerium NRW verlinkt:

    http://www.polizei-nrw.de/lka/stepone/data/downloads/d3/00/00/amoktaten.pdf

    Sie gibt einen guten Überblick.

  16. 17
    Ille says:

    @ Ille, 13:

    Übrigens: Anno 1964 war der Vater des WWW, Tim Berners-Lee, gerade mal 9 Jahre alt. Das Internet feiert heuer seinen Zwanziger (nicht den Theo, sondern den Geburtstag). Was folgern wir daraus?

  17. 18
    Ille says:

    @ Madde, 14:

    Danke für diese Ergänzung. Ist’s Ihnen aufgefallen? E.A. Wagner starb anno 1938 in Winnenden. Verschwörungstheoretiker, ick hör dir trapsen …

  18. 19
    Ille says:

    Liebe Freunde von den Qualitätsmedien!
    Tim B.-L. hat übrigens nichts mit Tim K. zu tun. Aber jetzt verstehe ich wenigstens, warum Ihr so versessen darauf seid, das Internet in einen Zusammenhang mit dem Amoklauf von Winnenden zu bringen.

  19. 20
    kottan says:

    Jochen Kalkas Artikel tun gut. Mir geht das meiste Geseire in den Medien nur unendlich auf die Nerven! Es geht mir auf die Nerven! Und das meiste der sog. Informationen muss ich auch nicht wissen. Und die Analysen der derzeitigen TV-Sondersendungen? Drauf geschi**en!

    1.) Es gibt kein Grundrecht auf Sensation.
    2.) Berichterstattung: fair, sachlich und aus angemessener Distanz.
    3.) Analysen: nur bei vorhandener Kompetenz (das schließt viele Lebewesen allerdings von der Teilnahme aus)
    4.) Ansonsten: Lieber mal die Schnauze halten.

    Kalkas Beschreibungen kommen mir unangenehm bekannt vor. Vor 2 Jahren wurde ein Mitschüler meiner Kinder missbraucht und getötet. Der Medien-„Hype“ war in seiner Penetranz kaum zu ertragen. Tagelang war kein Weg in der Öffentlichkeit möglich, ohne dass einem zum Sammeln von O-Tönen Kameras und Mikrophone entgegenschlugen. Solch ein Auftreten würgt einen kleinen Ort und missbraucht Trauer zum Tränendrüsendrücken bei Menschen, deren Mitleid man nicht braucht.

  20. 21
    Lyf says:

    Jay, die Medien sind mobil geworden.
    Die Themen wie der Amoklauf sind total unwichtig, Hauptsache man hat etwas zu berichten. Nachrichten bzw. Informationen sind bares Geld, was heute wichtiger ist als je zuvor.
    Um WAS es geht bleibt eig. jedem selbst überlassen.

  21. 22
    Florian says:

    @9 Dennis
    „Jaja, die Gesellschaft. Keiner ist für seine Taten neuerdings selbst verantwortlich“

    Niemand spricht dem Jungen die Verantwortung ab, aber erste Prioritæt muss doch sein, dass so etwas nicht wieder vorkommt.
    Dafuer ist es einfach notwendig zu erfahren, was beim Tæter falsch gelaufen ist, warum jemand so austicken kann und zum Mørder wird.
    Dass ein solches Bestreben immer wieder als versuchte Rechtfertigung fuer die Morde aufgefasst wird, macht diese notwendige Diskussion so unendlich viel schwieriger.

  22. 23
    Daniel says:

    @Florian: So etwas wird wieder vorkommen. Wieder und wieder und wieder. Eine Ursachendiskussion die darauf abzielt dass sowas nie wieder blablabla ist schon von der Zielsetzung her falsch bzw. verlogen. Ich finde es auch gut und wichtig dass man sich ueber die Ursachen Gedanken macht. Aber jede sinnvolle Analyse muss wohl dsamit beginnen zuzugeben dass es weder einfache Ursachen gibt noch einfache Loesungen. Die derzeit gefuehrten alten Diskussionen Er Killerspiele, er Amok -> keine Killerspiele, kein Amok mehr sind IMO extrem schaedlich weil sie jede sinnvolle Diskussion ersticken.

  23. 24
    Ulf, der Freak, auch Catweazle genannt says:

    Das Gefühl im Allgemeinen fehlt dieser Gesellschaft. Sie will Blut sehen. Am besten auch Gedärme und heulende Angehörige. Das gibt den Kick!

    Der Tod ist aus dem wirklichen Leben fast verschwunden, er ist entfremdet. Fern. Da geben uns die Bilder den Grusel, den wir so vermissen.

    Ich brauche ihn nicht. Ich habe ihn täglich auf der Arbeit, denn ich bin Krankenpfleger.

    Wenn wir den Tod wieder alltäglicher machten, heraus aus den Kühlkammern, Aufbahrung im Wohnzimmer und so, dann wäre er weniger geheimnisvoll und faszinierend.

    Dann müßte die verfickte Sensationspresse nicht mehr so draufhalten und das Material der televisionären Aasgeier wäre weniger interssant und vielleicht auch der Umgang frustrierter Heranwachsender mit ihrem Leben und dem Leben anderer respektvoller.

  24. 25
    Florian says:

    Die besten Texte zum Thema bislang.
    Dankeschön.

  25. 26
    nemo says:

    Sorry, aber ich falle da irgendwie aus der Reihe: Ich ärgere mich über das, was der Kollege fabriziert. Maßlos, auch wenn ich natürlich Verständnis für seine persönliche Sicht als Betroffener aufbringe – eine rationale Bewertung der Dinge erwarte in diesem Fall ich jedenfalls nicht.

    „Vermutlich wäre es am besten, Medien würden überhaupt nicht über einen Massenmord an Schulen berichten.“

    Hallo, aufwachen! Das kann jetzt kein Ernst sein… Jedes Verbrechen hat seine Opfer, jede Tat erzeugt potentielle Nachahmer. Aber genauso hat die Öffentlichkeit ein gottverdammtes Recht, über einen – er sagt es ja selbst – „Massenmord“ an einer deutschen Schule in all seinen Konsequenzen informiert zu werden.

    „Als 1980 im ZDF der Sechsteiler „Tod eines Schülers“ lief, brachten sich Massen von jungen Menschen um. Seither haben sich Medien darauf verständigt, nicht mehr über Selbstmorde zu schreiben. Das macht den Selbstmord ziemlich unattraktiv.“

    Das Argument mit den Selbstmördern wird mir auch immer wieder vorgehalten. Um das mal klarzustellen: Wenn sich jemand in seiner Gartenlaube erschießt, geht ich das nichts an. Ich bin nicht blutrünstig oder sensationsgeil. Wenn sich aber jemand mitten im Berufsverkehr von der Autobahnbrücke stürzt, dann berichte ich natürlich darüber. Er beeinflußt mit seinem Tun nämlich Tausende: Leute, die im Stau stehen. Leute, die Zeugen werden. Leute, die ihn bergen müssen. Wir können das nicht totschweigen, echt nicht. Dann landen wir nämlich ganz schnell in China. Wer zieht die Grenzen? Wann darf berichtet werden? Klar möchte man in Winnenden den Amoklauf am besten ganz aus der Öffentlichkeit raushalten. Da geht es aber um das Bild einer Stadt – demgegenüber steht die berechtigte Debatte um die Ursachen einer solchen Tat. Soll die entfallen, weil wir ja – wegen der Nachahmer – unsere Klappe halten? Echt nicht.

    Was ich als Journalist bestenfalls tun kann: Sachlich berichten. Nicht, wie Bild das ja täglich tut, vom „kranken Amokläufer-Schwein“ in einer Riesen-Hauptzeile schreiben. Den Selbstmord auf der Autobahn vielleicht nicht als den Aufmacher bringen. Ihn nicht heroisieren. Das wird täglich so gemacht, in vielen seriösen Zeitungs- und Fernsehredaktionen.

    „Mehr und mehr Fernsehteams belagerten die Stadt, viele kamen direkt aus Köln, wo sie das Schlimmste des Einsturzdramas bereits im Kasten hatten. Schön, dass Winnenden so nahtlos überging.“

    Da machen Leute einfach nur ihren Job. Sie dokumentieren Zeitgeschehen. Keiner, der vor Ort ist, wird das so sehen. Keiner. Hinter jedem Bild von einem Unfall oder Brand, hinter jeder Meldung, hinter jedem Film aus dem Irak, aus Afghanistan oder Uganda stecken Betroffene. Die kann ich zur Kenntnis nehmen, über sie berichten oder sie bewusst aus dem Spiel lasssen – aber ich kann nicht aus lauter Rücksicht die Zeitung zusperren.

    Es gäbe so viel zu sagen…

  26. 27
    basani says:

    Stimme einigen hier, aber vor allem auch nemo in einigen Punkten zu! Der W&V-Chefred schreibt leider – wenn auch vielleicht verständlich – ebenfalls etwas einseitig. Es würde überall NUR über den Täter berichtet? Niemand berichte über die Opfer? Alle Medien heroisierten oder bemitleideten quasi nur den Täter? Das ist schlicht unfair gegenüber einer großen Zahl an Berichten und Journalisten. Man muss auch aufpassen, dass das ständige moralisch elitäre Kritisieren von „Schmuddel-Journalisten“ nicht zu verzerrter Perspektive führt. Schnell sieht man dann jedes neue Vergehen als Bestätigung und übersieht alle guten Beispiele. Der typische Effekt eines Vorurteils eben… Aber natürlich ist alle Kritik an tatsächlich pietätlos oder unseriös agierenden Pressevertretern berechtigt und wichtig.

  27. 28
    weltherrscher says:

    gestern irgendwo im fernsehen (zdf oder so) war ein bericht über winnenden.
    da wurde unter anderem von dem „barbesucher tim k.“ gesprochen.
    die medien lassen einfach nichts aus.
    unfssbr.

  28. 29
    dot tilde dot says:

    was der herr k. da geschrieben hat, finde ich zum großen teil gut. die zur schau gestellte selbstsicherheit mancher kommentatoren finde ich einfach ekelhaft.

    .~.

  29. 30
    B.Schuss says:

    @#26: nemo, die für mich entscheidende Frage ist doch, wer ist eher geeignet, die von dir angesprochenen Grenzen der Berichterstattung zu setzen ? Die Medien selbst, mit dem Pressekodex ? Das doch wohl kaum. Der Pressekodex ist ein zahnloser Tiger, der dem Missbrauch des Rechts auf Information Tür und Tor öffnet.

    Ich bin weit davon entfernt, eine Einschränkung der Pressefreiheit zu fordern, aber in einer Medienlandschaft, in der es immer mehr ums Verkaufen, und immer weniger ums Informieren geht, willst du da wirklich behaupten, daß die Medien zu effektiver Selbstkontrolle in der Lage sind ?

    Das ist doch so, als ob man dem Süchtigen erlaubt, seine tägliche Dosis selbst zu bestimmen.

    Mir ist durchaus bewußt, daß die Medien eine wichtige Rolle als vierte Säule der Demokratie spielen ( sollen ), aber in dieser Funktion ist ihr größter Vorteil eben gleichzeitig auch ihr größter Nachteil: sie sind praktisch unkontrollierbar geworden.

    Und die negativen Folgen dieser Entwicklung sehen wir in sensationsgeiler Berichterstattung a la Winnenden. Ist die Meute erst mal losgelassen, gibts kein Halten mehr. Da kann man auch schon mal einem Teenager ’nen Hunni für ein paar Tränen in die Hand drücken.

    Ich hab auch keine Lösung parat, aber die Selbstkontrolle klappt offenbar nicht.

  30. 31
    Fred Feuerstein says:

    „Die Polizei organisiert sich immer besser, wenn es um Anschläge und Terror geht. Auch Schulen führen schulübergreifend Krisenpräventionsprogramme durch. Es wird höchste Zeit, dass sich auch Medien übergreifend zusammentun, um sich bei Krisen, Terror und auch Amokläufen besser abstimmen zu können. Damit Medien nicht zu Waffen werden.“

  31. 32
    ThL says:

    Weitere Verweise auf Berichterstattungen zu diesem Thema sind eigentlich überflüssig.

  32. 33
    motzgurke says:

    „erste Priorität muss doch sein, dass so etwas nicht wieder vorkommt.“

    @Florian

    In einer Gesellschaft, in der es erste Priorität ist, singuläre Bluttaten wie die von Winnenden zu verhindern, möchte ich nicht leben. Es gibt Vorfälle, die kann man nicht verhindern, und schon gar nicht, ohne tiefe, zu tiefe Einschnitte in das Leben von Millionen von Menschen vorzunehmen.

  33. 34
    tim says:

    Nicht nur die Medien, auch die „Experten“ drehen durch: So bietet die Uni Potsdam allen Ernstes eine Expertenliste zum „Amoklauf von Winningen“ (!)
    http://idw-online.de/pages/de/news305395
    Die Experten stehen dem geneigten Medienvertreter Rede und Antwort zum Thema – natürlich, möchte man sagen – „Aggression und Mediengewalt“.

    Und was soll das überhaupt sein – Mediengewalt? Die Art der Berichterstattung: mit aller Gewalt irgendwas „berichten“?

  34. 35
    inga says:

    @nemo
    Es geht doch nicht darum, Berichterstattung über solche Ereignisse zu unterbinden. Kalka schreibt ja selbst über seine Eindrücke und Erlebnisse als zumindest am Rande Betroffener. Aber das findet inzwischen nach meinem Gefühl viel zu selten statt: Dass sich da jemand hinsetzt und einfach versucht, die Situation so darzustellen, wie er sie erlebt. Anstatt mit einem bereits vorgefertigten Drehbuch des Horrors irgendwo einzufallen, um dann die dazu passenden Fotos und Kommentare der Betroffenen auf welche Weise auch immer in den Kasten zu bekommen. Da geht es dann nicht mehr darum, die Wirklichkeit zu beschreiben, sondern darum, den Schrecken so sensationslüstern wie nur irgend möglich zu inszenieren.

  35. 36
    Florian says:

    @33 Motzgurke

    Ich hab mich in meinem Kommentar unklar ausgedrueckt:
    Ich meinte die erste Prioritæt in der Abwægung, wie diese Diskussion gefuehrt wedern sollte.
    Der Kommentar war als Antwort auf eine Argumentation gedacht, die sich alle Hinweise auf Einfluesse der Mitmenschen verbittet und die alleinige Ursache in der Presønlichkeit des Tæters sucht, vor allem um dessen Schuld nicht zu relativieren.

    Keinesfalls wollte ich einfachen oder radikalen Løsungen das Wort reden. Hier bin ich auch mit 23, Daniel („Er Killerspiele, er Amok -> keine Killerspiele, kein Amok mehr sind IMO extrem schaedlich weil sie jede sinnvolle Diskussion ersticken.“) einig.

  36. 37
    Thomas says:

    @nemo (26), @basani (27): Ihr habt so recht!

    @tim (34): Davon gibts noch mehr, bundesweit drehen die Profs am Rad und spammen Journalisten mit Interviewpartner-Angeboten zu Winnenden zu.

    @B.Schuss: „Sie sind praktisch unkontrollierbar geworden“. Das ist doch -trotz aller berechtiger- Kritik Unsinn. (Abgesehen davon, dass ich persönlich keine „kontrollierte“ Presse will): Es gab eine Zeit, da hat jede Lokalzeitung groß über Suizide berichtet. Ich sehe nicht, dass die Selbstbeschränkung heute nicht funktioniert. Bei anderen Unglücken haben Reporter und Fotografen früher alles, wirklich alles dokumentiert, die Blätter haben alles gedruckt. Alles.
    Gehen Sie schnell weg mit ihrer These, dass die Medien nie schlimmer waren als heute. Vermutlich haben Sie nur keine Ahnung.

    Wenn das stimmt, was der w&v-Autor schreibt, (große Kreise zieht und vor allem wohl viele Klicks generiert), muss man darüber reden. Allerdings: In seiner Sensationskarawanne gibt es viel Schmäh und inhaltlichen Quatsch. Sind die anderen Artikel besser, nur weil Stefan Niggemeier „Lesen!“ ruft?

    Der Medienjournalismus zu Winnenden wird jeden Tag selbst ekliger, weil es niemand mehr für nötig hält, Zusammenhänge zu erläutern und zu differenzieren, stattdessen fallen die zur Zeit viel gelesenen Autoren durch Weglassen auf. Irgendwo ist es ja verständlich. Viele Menschen finden scheiße, was *ein Teil* der Reporter in Winnenden getrieben hat (manche Menschen finden alle Reporter scheiße, weniger weil alle scheiße sind, sondern weil der Medienjournalismus diesen Unsinn vermittelt), darauf springt der Winnender (hach) w&v-Chef an. Wahrscheinlich geht es w&v nicht anders, als den kritisierten Medien selbst. Nie waren die Klickzahlen höher, hm? Dafür scheint dann auch der Kritiker die Sachlichkeit, die er selbst fordert, zur Nebensache zu erklären.

  37. 38
    Andreas says:

    Bis hierhin habe ich mitgelesen. Anfängliches Interesse ging in Fassungslosigkeit, schließlich in Trauer über.

    Viel Krakeel. Sicher findet Anteilnahme im Stillen statt. In Gedanken, im Gedenken. Denken. Fühlen. Daraus erwächst Haltung.

    Danke für die Links

  38. 39
    PM says:

    Die Medien, und hier an vorderster Front die Privatsender sowie BILD und STERN, sind immer schon sensationsgeil gewesen (Ausnahmen bestätigen hier nur die Regel). Die Berichterstattung über vergleichbare Fälle hat zwar durch die neu hinzugekommenen Verbreitungswege (und die schnelleren Reaktionszeiten) eine andere Qualität bekommen, in der Sache war’s früher aber nicht besser. Ich komme aus einem kleinen Dorf in Ost-Westfalen und „durfte“ Anfang der 90er Jahre miterleben, wie die versammelte Medien-Meute in dieses Dorf einfiel, weil ein Bewohner des Orts zwei Polizisten ermordet hatte. Wie Heuschrecken sind sie über das Dorf und ihre Bewohner hergefallen (damals gab’s übrigens 100 DM von BILD für ein Kinderfoto des „Killers“). Nachdem die story nach zwei bis drei Tagen ausgelutscht war, gab’s im STERN eine Titelgeschichte über das „Mörderdorf“, die an Klischeehaftigkeit nichts mehr zu wünschen übrig ließ – aber natürlich wunderbar ins Bild passte und sich sicher gut verkauft haben dürfte. Mir tun die Bewohner von Winnenden, und ganz besonders die Angehörigen der Opfer, leid. Die Meute wird sich hier nicht so schnell verziehen. Vor der Zeit der „Nachbearbeitung“ und „Analyse“ graut mir jetzt schon.

  39. 40
    Mirko says:

    Ich frage mich immer, wer sich diese exzessive Bericherstattung als Konsument antut. Der Markt dafür ist ja offensichtlich vorhanden, aber warum? Was fasziniert die Leute an der Tat so, dass sie nicht genug Details, Diskussionen und „Expertenmeinungen“ bekommen können? Oder erhält sich die Medienmaschinerie nur selbst, frei nach dem Motto „Gegessen wird, was auf den Tisch kommt“?

  40. 41
    tsetse says:

    @ 41: „Ich frage mich immer, wer sich diese exzessive Bericherstattung als Konsument antut.“

    wer hat denn noch lust auf alltag; ist ihr regelleben so interessant?
    meines nicht, da kommt doch der sehr reale thrill so richtig geil, gell?
    Schade das die killer noch nicht darauf gekommen sind, sich helmkameras aufzutun und die rechte daran vorher bereits meistbietend zu verkaufen, oder?

    man kann doch beim konsumieren auch ganz prima versteckte aggressionen „ausleben“, da sind viele im „mitfühlen“ sicher groß; ich übrigens auch!

    ich kann die „faszination“ sehr gut nachvollziehen!

  41. 43
    Tonius says:

    Heil: „werben & verkaufen!
    Ihr könnt es zwar nicht überbsetzen, aber nachgoogeln:

    „Naturam expelles furca….!“

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