Wie man aus nichts eine Meldung macht

Auch Herr Knüwer verzweifelt an der schlechten Arbeit der Nachrichtenagenturen und der vielfachen Verbreitung ihrer Fehler. Sein Aufhänger ist die Meldung, die man zum Beispiel bei „Spiegel Online“ unter der Überschrift „Rowling schürt Hoffnung auf achten Band“ lesen kann. Es ist eine Überschrift, die am Montag sicher häufig geklickt wurde, und sie ist falsch.

Man kann sich nämlich ansehen, was Joanne K. Rowling am Freitag in der BBC zu Jonathan Ross über die Zukunft von Harry Potter gesagt hat, und es war wörtlich:

I think that Harrys story comes to quite a clear end in book seven. But I’ve always said that I wouldn’t say never. I can’t say I’ll never write another book about that world, just because I think: What do I know, in ten years‘ time I might want to return to it. But I think it’s unlikely.

(Ich finde, Harrys Geschichte findet im siebten Band ein klares Ende. Aber ich habe immer gesagt, dass ich nie nie sagen würde. Ich kann nicht sagen, dass ich nie wieder ein Buch über jene Welt schreiben werde, einfach weil ich denke: Ich weiß ja nicht, ob ich nicht in zehn Jahren vielleicht dazu zurückkehren will. Aber ich glaube, das ist unwahrscheinlich.)

Sie spricht nicht von einem Harry-Potter-Buch, sondern von einem Buch, das in dessen Welt spielt, und sie macht selbst darauf wenig Hoffnung. Und doch steht das Gegenteil überall, nicht nur online. Quelle ist die Nachrichtenagentur AFP, die seit Montagnachmittag mehrere entsprechende Meldungen sowohl international als auch auf deutsch verbreitet. Herr Knüwer fragt sich, warum überhaupt erst jetzt, wenn doch das BBC-Interview am Freitag war. Die Antwort ist einigermaßen erschütternd: Weil AFP das Zitat umdatiert und in einen anderen, spannenderen Kontext gerückt hat:

Fans der Romanserie „Harry Potter“ können möglicherweise aufatmen: Die Schriftstellerin Joanne K. Rowling ist am Montag von ihren vorherigen Äußerungen abgerückt, sie wolle die erfolgreiche Reihe nicht fortsetzen. „Man soll nie nie sagen“, erklärte Rowling nach Angaben ihres Verlags Bloomsbury. (…)

Mit ihrer Erklärung reagierte Rowling auf eine am Montag im Internet gestartete Initiative zur Fortsetzung der Romanserie. (…)

Aber hat sie das nicht schon am Freitag gesagt, also vor dem Start der Unterschriftenaktion im Internet? Ja, hat sie. Und auf Nachfrage am Montag hat ein Sprecher offenbar auch nur bestätigt: „As she said on Friday night in her BBC interview with Jonathan Ross — never say never.“

Wenn Rowling also von früheren Erklärungen abgerückt ist, dann nicht als Reaktion auf die neuen Protestinitiativen. Im BBC-Interview sagt sie aber ausdrücklich, sie sei von gar nichts abgerückt („I’ve always said…“). Und tatsächlich findet sich zum Beispiel eine Meldung der Nachrichtenagentur AP vom 4. März 2004, in der sie die Frage, ob sie nach dem siebten Band weitere Harry-Potter-Bücher schreibe wolle, so beantwortet:

„Probably not. But I’ll never say never because every time I do, I immediately break the vow.“

Auch am Wortlaut von Rowlings Sätzen in der BBC hat AFP ein bisschen geschraubt. In der deutschen Meldung wird sie mit den Worten zitiert, Harrys Geschichte nehme „traurigerweise“ im siebten Roman einen ziemlich deutlichen Ausgang. In der englischen AFP-Meldung ist der ganze Satz zitiert: „I think that Harry’s story comes to quite a clear end, sadly.“ Aber das „sadly“, das so gut zur Mär von der Autorin passt, die nicht mehr aufhören kann, über ihren Helden zu schreiben, hat sie im Original nicht gesagt.

Wie man es dreht: Die Nachricht ist keine Nachricht. Es ist nur genau die Geschichte, die die Journalisten schreiben und die Leute lesen wollen, und deshalb steht sie überall.

35 Replies to “Wie man aus nichts eine Meldung macht”

  1. Anstatt über die wesentlichen Dinge, die derzeit tatsächlich passieren, zu schreiben, schreibt man über unwesentliche Dinge, die gar nicht passiert sind.

    Verrückte Welt.

  2. Ein früherer Chef von mir sagte häufigt: „Aus gequirlter Scheiße kann man keine Sahne machen.“ Man kann es offensichtlich doch.

  3. Das zeigt mal wieder, dass man kritisch mit „Nachrichten“ umgehen sollte. Hierzu fällt mir noch ein schönes Sprichwort von Erich Kästner ein:

    „Man darf bloß nicht den Fehler machen und auch noch von dem Kakao trinken, durch den man gezogen wird“

    in diesem Sinne.

  4. cui bono?
    Start des neuen Harry Potter Films ist wann…?
    Läuft also doch eher unter PR, denn Journalismus..

    Ist aber schlechte PR, wenn die verfälschte Quelle sooo öffentlich zugänglich ist..-

  5. Die Nachricht ist keine Nachricht. Es ist nur genau die Geschichte, die die Journalisten schreiben und die Leute lesen wollen, und deshalb steht sie überall

    Ist das eine Überraschung? War das schon jemals anders?

    Ich gehe bei so etwas immer zu meinem Bücherschrank und hole „Die volle Wahrheit“ von Terry Pratchett.

  6. harry potter ist eine stetig milchspendende kuh. und da muss natürlich jetzt, wo es auf’s ende zu geht, mit einer möglichen fortsetzung gewunken werden, sonst versiegt der strom des schönen mammon! nachrichten werden halt gemacht und was nicht passt … naja, ihr wisst schon :)

  7. Das Problem ist doch gerade im Online-Journalismus, dass zumindest das werbeaffine Publikum, das die Arbeitsplätze finanziert, offenbar Qualität nicht zu schätzen weiß; dass mit zu wenig Personal zu viel Zeug zu schnell berichtet werden muss. Ich frage mich (und das ist nicht rhetorisch gemeint), ob es langfristig hilfreich ist, einzelne Symptome dieses Zustands aufzuzeigen, wenn die Krankheit so offensichtlich ist – oder ob man sich da nicht wie beim Privatfernsehmüll nur an der scheinbaren Dummheit und Schlamperei anderer hochzieht.

  8. So langsam frage ich mich, ob das ein neues Phänomen ist, oder wie viele Meldungen in der Vergangenheit einfach so geschluckt wurden, weil man sie nicht auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen konnte.

    Nachher lebt Elvis tatsächlich noch und es war damals nur ein Übermittlungsfehler …

  9. @ 7.:

    „Was auch immer geschieht, nie dürft ihr so tief sinken, von dem Kakao, durch den man euch zieht, auch noch zu trinken.“

    So viel zum korrekten Zitieren.

  10. Vollkommen off-topic, bitte gerne löschen, aber ich bin gerade zu faul um an Bildblog eine Email zu schreiben:

    Ich habe herzlich gelacht über die Zeilen Diekmannens in der Chrismon, allerdings auch geweint, dass Christen immernoch nichts dazu gelernt haben was den richtigen Umgang mit Bild angeht. Danke, Stefan :)

  11. Wo steht eigentlich, daß Journalisten die Wahrheit recherchieren und schreiben müssen? –
    Was ist ein Journalist? Jemand, der Journale füllt, also (ursprünglich) täglich oder zumindest in einem regelmäßigen Rhythmus erscheinende Zeitungen, Zeitschriften, Publikationen, im erweiterten Sinne also Medien aller Art. Womit er diese Formate füllt und vor allem über die Qualität dessen, geht doch aus der Bezeichnung „Journalist“ gar nicht hervor… –
    Ich möchte mal wissen, wer einst auf die aberwitzige Idee verfallen ist, ausgerechnet von Journalisten zu erwarten, daß sie über die Wahrheit informieren wollen. Und weshalb.

  12. Hier gibt es zwei Dinge zu unterscheiden: Der erste Journalist, der in seinen Bericht seine Interpretation der Rowling-Sätze hineingeschrieben hat, hat genau seine Arbeit gemacht. Er hat interpretiert, das ist das gute Recht (vielleicht sogar die Pflicht) des Journalisten.

    Dass die weiteren dann nur noch abschreiben, weiter verkürzen, die Interpretation nochmal interpretieren und ausschmücken, ist eine ganz andere Sache.

    Aber dieses Verfahren wendet der Journalismus schon so lange an, wie ich ihn beobachte. Warum regt uns das bei einer Schriftstellerin auf, bei einem Politiker aber nicht?
    Meine Überlegungen dazu:
    http://duberichtest.de/einzelgeschichte.php?id=76&art=geschichte

  13. Harry Potter Bd. 8 oder nicht,
    Wird der neue Tanz-Superstar auf der Alm hilfeschreiend rausgeholt,
    Paris Hilton fährt wieder mit Auto oder nicht,
    letzte Stones Tournee oder nicht,
    Prince verschenkt seine neue Cd in reaktionärer Sonntagszeitung, kauf ich die nun oder nicht,
    Schäuble völlig von Sinnen oder nur das Beste wollend….

    Here I am now – please entertain me. Ist doch alles nicht soooo wichtig.

  14. @Jörg Friedrich: Wenn du mit dem „ersten Journalist“ AFP meinst, stimmt das nicht. AFP hat nicht interpretiert, sondern falsch berichtet, manipuliert und Zusammenhänge hergestellt, die schon rein zeitlich nicht existieren können.

  15. […] und lauter ist, DAS macht mir Angst. (Andererseits ist man in den deutschen Redaktionen ja mit anderen Sachen recht beschäftigt. Vielleicht fehlt die Zeit für […]

  16. 1. Muss ich einen eigenen Blog betreiben, wenn ich hier kommntieren möchte?
    2. Kann ich unter Webseite auch eine andere nennen?
    3. Gibt es hier Regeln für Kommentatoren, die ich beachten muss?

  17. @Stefan: Der „erste Journalist“ ist in diesem Falle für mich „Spiegel Online“

    Wenn ich den Artikel dort richtig verstehe, gibt es zwei Quellen: Das Interview von freitag, in dem Rowling laut „Spiegel Online“ „zaghaft eine Fortsetzung der Abenteuer des Zauberlehrlings angedeutet“ hat. Und dann gibt es da noch eine von AFP verbreitete Meldung des Verlages von Montag. Kann man „Spiegel Online“ vielleicht noch vorwerfen, das Interview nicht exakt übersetzt zu haben (Welt->Universum, traurigerweise), wird die AFP-Meldung genau wiedergegeben.

    AFP berichtet, um das deutlich zu sagen, nicht über das Interview am Freitag, sondern über eine Erklärung des Verlages von Montag.

  18. Man könnte / sollte den Spruch „Aus gequirlter Scheiße kann man keine Sahne machen” ergänzen durch: „, aber sie als solche verkaufen.“

    Nur wie erkenne ich, wenn die Nachrichtenagenturen gerade dieses Zeug verkaufen wollen. Es übernimmt doch fast jeder. Und wenn es auch noch eine „deutsche“ Meldung ist, kann ich kaum gegen ausländische Agenturen oder Nachrichten-Dingsbums prüfen.

  19. In der ersten, von Dir oben zitierten Meldung, berichtete AFP nur über die Mitteilung des Verlages von Montag. In der anderen werden Freitag-Interview und Montag-Verlagsmitteilung erwähnt, und darauf stützt sich Spiegel Online.

    Wo ist das Problem?

    In dem ebenfalls von Dir zitierten Telegraph-Artikel von gestern Mittag steht auch der Satz: „The author issued a statement yesterday saying „never say never“ in response to the launch of a global „Save Harry“ campaign.“

  20. @Jörg Friedrich: Ich nehme an, dass der „Daily Telegraph“ den Satz ebenfalls aus der grenzwertigen AFP-Meldung übernommen hat, wo er fast wörtlich auftaucht. Weiter hinten im „Telegraph“-Artikel kann man aber auch das ganze Statement von Rowlings Sprecher lesen, und dann wird klar: Er wiederholt nur, was sie am Freitag gesagt hat.

    Wo das Problem ist? Die Nachricht stimmt einfach nicht. Rowling hat keine Hoffnung auf einen achten Harry-Potter-Band geschürt. Und sie hat auch nicht auf die Kampagnen für einen achten Band reagiert, weil sie ihr Statement schon vor dem Start dieser Kampagnen abgegeben hat. (Und schon 2004, mindestens.)

  21. Es ist schon erstaunlich, was „die Presse“ so alles erwähnenswert findet. Blättert man tagtäglich durch den Blätterwald, dann findet man derart viel Müll, dass man die Kapazitäten aller Müllverbrennungsanlagen unserer Republik überlasten könnte ;-).
    Aber Spass beiseite: Was soll’s, wenn die Presse Stories wie über Paris Hilton u.dgl. für darstellenswert hält, warum nicht auch eine über Joanne K. Rowling? Nur eines sollte berücksichtigt werden: Interpretationen sollten auch deutlich als Meinungen gekennzeichnet werden!

  22. Nein, Hajo, es geht hier nicht um „Stories“, die „die Presse“ für darstellenswert hält. Natürlich darf „die Presse“ schreiben: „Paris Hilton hat schon wieder geatmet“, „Joanne K. Rowling hat ein Buch geschrieben“ oder „In China ist ein Sack Reis umgefallen“. Wenn es denn passiert ist.

    Hier geht es um nichts.

    Frau Rowling hat am letzten Freitag das gleiche gesagt wie immer. Der Rowling-Sprecher hat am Montag auf Nachfrage nochmals bestätigt, dass alles so wie immer ist. Und daraus wird dann getitel, dass Frau Rowling Ihre Meinung geändert habe.

    Verstehen Sie den Unterschied? Ist doch nicht so schwer, oder?

  23. Wie man aus nichts ein Blog macht und dafür den Grimme Online Award erhält, wüsste ich gerne.

  24. @29: aus nichts ein Blog zu machen, halte ich auch für schwierig, aber aus ganz wenig kann sich jeder ein Blog machen. Einfach auf eine der vielen Nichtsbezahlenseiten gehen und ein Blog einrichten. Das dauert ne Viertelstunde, höchstens. Für nen Grimmepreis müssen Sie jetzt nur noch interessante, bestenfalls kritische, gut aufbereitete Artikel schreiben, was zugegebenermaßen nicht ganz einfach ist, und genügend Leser gewinnen. Zumindest hat Stefan das so gemacht.
    Gern geschehen :)

  25. @28 SvenR
    Schade, ich hatte die Illusion, dass der Satz „Nur eines sollte berücksichtigt werden: Interpretationen sollten auch deutlich als Meinungen gekennzeichnet werden!“ deutlich genug war, aber „es ist doch wohl so schwer“, oder? ;-)

  26. @ 33 Hajo: Tatsächlich, es scheint sogar noch komplizierter zu sein, als ich dachte: Wenn ein Journalist eine Lüge verbreitet, dann ist das nicht die Unwahrheit, sondern seine Interpretation eines Sachverhalts. Das wusste ich noch nicht.
    Ich freue mich auf die Kennzeichnung:
    Die Schriftstellerin Joanne K. Rowling ist am Montag von ihren vorherigen Äußerungen abgerückt, sie wolle die erfolgreiche Reihe nicht fortsetzen (Angaben frei erfunden, Anm.d.Red.).

  27. Danke Ommelbommel. Ich dachte ja, dass mein Sack-Reis-fällt-um-Beispiel selbst von Hajo verstanden werden könnte.

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