Schwarzer-Humor

Alice Schwarzer wirbt für „Bild“.

Die Frau, die vor knapp 30 Jahren den „Stern“ wegen sexistischer Titelbilder verklagt und vor knapp 15 Jahren Aktfotos von Helmut Newton „sexistisch“, „faschistisch“ und „rassistisch“ genannt hat, wirbt für das Blatt, das vielleicht mehr als jedes andere gegen die Gleichstellung der Frau getan hat, in dem irgendwelche Studentinnen zu sexsüchtigen „Nymphomaninnen“ werden und jeden Tag Hupen-Alarm ist und das über eine Mittvierzigerin, die gerade erfahren hat, dass ihr Mann als Mörder gesucht wird, schreibt, es sei für sie „wie ein Hauptgewinn im Lotto“ gewesen, dass sie „noch mal einen zehn Jahre jüngeren Mann abgreifen“ konnte.

Erster Gedanke: Die haben sie nicht gefragt. Die nehmen sie einfach als Werbefigur, ohne eine Genehmigung einzuholen.

Falsch. Die haben sie gefragt. Sie haben bei Frau Schwarzer angefragt, ob sie gegen ein Honorar für „Bild“ werben will, und sie hat Ja gesagt.

Zweiter Gedanke: Sie muss einen guten Grund haben. Als „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann eine Werbeaktion mit willigen, sexgeilen jungen Frauen erfand, diagnostizierte Schwarzers Zeitschrift „Emma“ bei ihm noch einen „sehr persönlichen Trend zur Pornografie“ und urteilte über die Kampagne, sie ziele „auf eine Verhurung aller Frauen“. Als Sibel Kekilli „Bild“ öffentlich wegen der „dreckigen Hetzkampagne“ gegen sie angriff, lobte „Emma“ sie noch für ihren „Löwinnenmut“. Als die „Bild“-Zeitung vor zweieinhalb Jahren eine Papstaudienz bekam, schrieb „Emma“ noch über die „bigotte Mischung von Frömmelei und Obszönität“ der „Bild“-Zeitung und kennzeichnete das tägliche Seite-1-Mädchen als „die übliche heiße Hündin mit verblödetem Blick und gespitzten Ficklippen“.

Aber vielleicht findet Alice Schwarzer ja, dass „Bild“ sich gebessert hat. Vielleicht hat sie kein so kritisches Verhältnis mehr zu „Bild“ und zweifelt nicht mehr so sehr an dem Wahrheitgehalt dessen, was „Bild“ schreibt. Vielleicht hat sie irgendeinen Grund gefunden, der dafür spricht, für diese Zeitung jetzt doch und trotz allem zu werben.

Falsch. Auf ihrer Homepage beantwortet Alice Schwarzer die Frage, warum sie an dieser Werbeaktion teilnimmt, so:

Ganz einfach, weil ich finde, dass es nicht schaden kann, wenn in so einer Runde — von Gandhi bis Willy Brandt — auch mal eine Frau auftaucht. Und eine sehr lebendige noch dazu.

Sie selbst.

Womöglich hat sie nicht gemerkt, dass die anderen in dieser Runde — von Gandhi bis Willy Brandt — sich nicht mehr dagegen wehren konnten, von „Bild“ zu „Bild“-Werbefiguren gemacht zu werden. Womöglich glaubt sie sogar, dass „Bild“ mit dieser Kampagne für sie wirbt und nicht sie für „Bild“.

Jedenfalls findet Alice Schwarzer es gut, dass Alice Schwarzer ihren verdienten Platz bekommen hat. Als Alice Schwarzer findet sie es gut. Und als Frau. Denn sie macht das ja nicht nur für sich. Sie macht das als Kämpferin für die Gleichberechtigung: Wo kämen wir denn da hin, wenn nur Männer für dieses bigotte, frauenverachtende Blatt würben?