Die Demagogie der Deutschen Kinderhilfe

Der Verein „Deutsche Kinderhilfe“ hat sich die perfekte PR-Strategie ausgedacht. Er meldet sich bei ungefähr jedem spektakulären und schlagzeilenträchtigen Fall, in dem ein Kind umgebracht, misshandelt oder vernachlässigt wird, zu Wort.

  • Als die Eltern, die ihre Tochter Lea-Sophie verhungern ließen, verurteilt werden, erklärt der Verein, das sei eine „angemessene Bestrafung“ und die „richtige Antwort auf eine unfassbare Tat“.
  • Als ein Vater verhaftet wird, der sein Baby zu Tode geschüttelt haben soll, erklärt der Verein, es handele sich um einen „berlintypischen Fall“.
  • Als die Angeklagten im Berliner Pascal-Prozess freigesprochen werden, erklärt der Verein, es sei ein „schwarzer Tag für kindliche Opfer in deutschen Strafverfahren“.
  • Als eine Mutter, die ihre Kinder monatelang vernachlässigte, zu einer Bewährungsstrafe verurteilt wird, erklärt der Verein, das Urteil sei zu mild und könne eine „falsche Signalwirkung“ haben.
  • Als ein als gefährlich eingestufter Sexualtäter freigelassen wird, erklärt der Verein, das sei „skandalös und symptomatisch für unser Justizsystem“.
  • Als ein pädophiler Sextourist zu mehreren Jahren Haft mit anschließender Sicherheitsverwahrung verurteilt wird, erklärt der Verein, er begrüße das Urteil.
  • Als herauskommt, dass ein verurteilter Sexualstraftäter als Schwimmlehrer für Jugendliche gearbeitet hat, erklärt der Verein, das sei ein Beispiel dafür, wie groß der Spielraum für solche Täter in Deutschland sei.
  • Als die Eltern, die ihren Jungen verhungern und verdursten ließen, zu sieben und zehn Jahren Haft verurteilt werden, erklärt der Verein, das Urteil sei zu milde.
  • Als das Bundesverfassungsgericht die nachträgliche Sicherheitsverwahrung eines Sexualstraftäters vorübergehend aufhebt, erklärt der Verein, dass „Kinder in unserem Justizsystem einen äußerst geringen Stellenwert haben“ und wirft dem Gericht „Zynismus, Abgehobenheit und furchtbarste juristische Rhetorik“ vor.

Hundertfach finden sich diese Zitate in den Medien. Nachrichtenagenturen ist schon eine Wortmeldung des Vereins allein eine Meldung wert. Einerseits scheint er so seriös und unparteiisch zu sein. Und andererseits sagt er immer so schöne knackige Sachen.

Was die „Deutsche Kinderhilfe“ ist, wer dahinter steckt, was sie will, wird von den Nachrichtenagenturen und Medien, die ihre Presseerklärungen als kurze Zitate verbreiten, fast nie erklärt. Der Name scheint für sich selbst zu sprechen. Und wer will schon etwas gegen jemanden sagen, der Kindern hilft?

Alarmismus ist der Normalzustand bei der „Deutschen Kinderhilfe“. Es müssen immer sofort die drastischsten Maßnahmen ergriffen werden, sonst ist alles verloren. Alles scheint immer schlimmer zu werden. Dass die Debatte über Jugendkriminalität in Deutschland „überfällig“ ist, macht der Verein zum Beispiel daran fest, dass 2006 mehr als 100.000 Unter-14-Jährige straffällig wurden. Dass das einen Rückgang seit 1999 um rund ein Drittel bedeutet [pdf], erwähnt der Verein nicht.

Selbstverständlich gehörte die „Deutsche Kinderhilfe“ auch zu denen, die in den Drogen- und Suchtbericht 2009 einen „alarmierenden Anstieg von exzessivem Rauschtrinken unter Jugendlichen“ hineininterpretierten, obwohl die Zahl, auf die sich der Verein bezieht, deutlich zurückgegangen ist.

Die politischen Ziele, die der Verein vertritt, sind immer populistisch und oft extrem — nur dass Radikalität hier, anders als auf den meisten anderen Politgebieten, nicht negativ besetzt ist. So forderte Georg Ehrmann, der Vorstandsvorsitzende, im März dieses Jahres in unmissverständlicher Schlichtheit, „dass deutsche Gerichte das Verhungernlassen eines Kindes stets mit der Höchststrafe versehen“.

In diesen Tagen sammelt die „Deutsche Kinderhilfe“ u.a. am Rande von Fußball-Bundesligaspielen Unterschriften für das umstrittene Gesetz für Kinderporno-Sperren im Internet. Es ist die Reaktion darauf, dass in kürzester Zeit über 70.000 Menschen (auch ich) eine Online-Petition gegen diesen Gesetzentwurf mitgezeichnet haben, weil die Sperren wirkungslos und leicht zu missbrauchen seien ((Ziele und Probleme das geplanten Gesetzes stellt Oliver Jungen in der „FAZ“ [für die ich auch schreibe] ausführlich und übersichtlich dar — übrigens ein Artikel, der meiner Meinung nach vorbildlich zeigt, wie guter Zeitungsjournalismus solche Diskussionen, die im Netz toben, aufgreifen, einordnen und versachlichen kann.)).

„Ja, ich stimme für das Gesetz gegen Kinder’pornographie‘ im Internet“ steht auf den Unterschriftenlisten der „Kinderhilfe“ [pdf] — und das klingt, als könne man als anständiger Mensch gar nicht dagegen sein. Im Aufruf schreibt der Verein: „Es darf kein Grundrecht auf Verbreitung kinderpornographischer Seiten geben“ und erweckt damit den Eindruck, die Gegner des Gesetzes seien da anderer Meinung.

Lorenz Maroldt findet im „Tagesspiegel“ klare Sätze für diese Art der Agitation:

Das ist pure Demagogie. Nicht verboten — aber verachtenswert.

Jens Berger hat in seinem Blog viele lnformationen über den zweifelhaften geschäftlichen und politischen Hintergrund der „Deutschen Kinderhilfe“ zusammen getragen: