Ich glaube, ich habe am Samstagmittag zum ersten Mal davon gehört, dass NPD und DVU einen eigenen Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten aufgestellt hatten: den rechtsradikalen Liedermacher Frank Rennicke. Natürlich hätte ich es wissen können. Die „Welt“ hatte den Mann vor zehn Tagen ein größeres Stück gewidmet, der „Tagesspiegel“ hat über einen Streit um Rennickes (Selbst-)Darstellung auf der Homepage des Bundestages berichtet, in der „Süddeutsche Zeitung“ gestern stand ein kleinerer Artikel, und in einzelnen Artikeln über die Wahl wurde Rennickes Name erwähnt. Aber alles in allem scheint es einen Konsens in den Medien gegeben zu haben, den Mann totzuschweigen (und „Spiegel Online“ entfernte ihn mitsamt seinen Wahlmännern gleich ganz aus der Infografik).

Ist das legitim? Und ist das klug?

Dass sie in der Bundesversammlung vertreten sind und es ihnen — mit einiger Mühe — sogar gelungen ist, einen Kandidaten zu finden, ist natürlich ein kleiner Triumph für die Rechtsextremen. Das ist ärgerlich, aber sie repräsentieren das Votum der Wähler in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen. Man muss sie dafür nicht noch zusätzlich belohnen, in dem man ihnen eine große Bühne gibt — Rennicke repräsentiert gerade einmal 0,3 Prozent der Mitglieder der Bundesversammlung und der Neonazi ist ganz sicher kein Kandidat wie jeder andere. Aber er ist ein Kandidat.

Und ihn totzuschweigen, ist aus zwei Gründen problematisch: Erstens erweckt man damit den Eindruck, dass die Ideologie der NPD so unwiderstehlich, so toxisch ist, dass die Leser, die Wähler gar nicht erst mit ihr in Kontakt kommen dürfen. Natürlich versucht die NPD, die Wähler mit gefährlicher Propaganda zu verführen. Aber wenn wir glauben, dagegen machtlos zu sein und keine überzeugenden Argumente zu haben, scheint das Vertrauen in unsere Demokratie nicht sehr ausgeprägt zu sein. Zweitens erlaubt man es ihnen dadurch, eine Opferrolle einzunehmen. Man gibt ihnen Argumente gegen das „System“, liefert ihnen Belege für ihre Behauptung, dass es darin nicht mit rechten Dingen zugeht.

Beides lässt sie für ihre (potentiellen) Anhänger eher attraktiver wirken und ihren Kampf legitimer erscheinen.

Vielleicht irre ich mich, aber nach meinem Eindruck hätten die Medien der NPD umso mehr geschadet, je ausführlicher sie den NPD-Kandidaten vorgestellt hätten. Mag sein, dass dieser Herr Rennicke mit seinen Liedern und Sprüchen beim harten Kern der Neonazis ankommt. Jeder Protestwähler, der glaubt, die NPD sei eine gute Wahl, um den etablierten Politikern mal Beine zu machen, dürfte durch diese Figur, ihre Radikalität und Lächerlichkeit, ihre Sprache und Lieder eher abgeschreckt werden — und vielleicht eine Ahnung davon bekommen, was für ein Geist wirklich in dieser Partei steckt. (Das NDR-Satiremagazin „extra 3“ immerhin hat den Mann vorgestellt.)

PS: So stimmten die Teilnehmer der TED-Frage im Teletext von ProSieben am Samstag ab:

In einem größeren Neonazi-Forum wurde das schon mit dem Hinweis gefeiert, deshalb dürften in Deutschland Staatsobehäupter „nicht mehr“ vom Volk gewählt werden, weil sich der Souverän sonst so entscheiden könnte, aber vermutlich glauben sie das selber nicht. In Wahrheit zeigt die Abstimmung wohl eher, was für Leute eigentlich doof genug sind, Geld dafür auszugeben, an diesem Umfragequatsch teilzunehmen.

[Screenshot via radioforen​.de]